James Patrick Bulger (* 16. März 1990 in Liverpool; † 12. Februar 1993 in Walton, Liverpool) war ein Kleinkind, das von zwei zehnjährigen Jungen ermordet wurde, nachdem sie es in Bootle entführt hatten. Das Verbrechen löste im Vereinigten Königreich Wut und großes Entsetzen aus und fand weltweit Aufmerksamkeit.
Tathergang Jon Venables und Robert Thompson schwänzten am 12. Februar 1993 die Schule. Im Bootle-Strand-Einkaufszentrum versuchten sie zunächst, ein anderes Kleinkind zu entführen: Sie konnten einen kleinen Jungen von seiner Mutter weglocken und waren gerade dabei, ihn aus dem Einkaufszentrum zu führen, als seine Mutter dessen Abwesenheit bemerkte, hinausrannte und es zurückrief. Dafür wurden die Jungen später wegen versuchter Entführung angeklagt. Die Klage wurde fallengelassen, da man sich nicht auf ein Urteil einigen konnte.
Am selben Nachmittag befand sich auch James Bulger aus dem nahen Ort Kirkby mit seiner Mutter im Einkaufszentrum. Sie war gerade durch ihren Einkauf an der Fleischtheke abgelenkt, als die zwei Jungen James binnen weniger Minuten an der Hand aus dem Fußgängerbereich hinausführten. Dieser Vorgang wurde um 15:42 Uhr von einer Überwachungskamera aufgenommen.
Die beiden entfernten sich mit James Bulger einen Kilometer vom Einkaufszentrum. Sie führten ihn u. a. an einen Kanal. Das ursprüngliche Vorhaben war, das Kleinkind ins Wasser zu werfen und somit ertrinken zu lassen. Dazu sollte James im Wasser sein eigenes Spiegelbild sehen, doch er hatte Angst und weigerte sich, sich nach vorne übers Wasser zu lehnen. Er wurde daraufhin auf den Boden geworfen, wodurch bei ihm Verletzungen an Kopf und Gesicht entstanden. Später, so konnte ein Zeuge beobachten, wurde James von einem der beiden Täter in die Rippen getreten, um ihn zum Weitergehen zu zwingen.
Während ihres „Spazierganges“ (James schrie immer wieder nach seiner Mutter) wurden die beiden Jungen und James von 38 Menschen gesehen, von denen sich manche an die Verletzungen am Kopf des Kleinkindes erinnerten und auch daran, dass der Kleine sehr verzweifelt dreinblickte. Andere wiederum berichteten, dass James glücklich aussah und lachte. Wahrscheinlich wechselten die Entführer zwischen Ablenkung und Gewaltanwendung hin und her. Einige Passanten stellten die beiden Älteren zur Rede. Diese jedoch behaupteten, dass sie nur auf ihren jüngeren Bruder aufpassten, und konnten ihren Weg fortsetzen. Sie gingen mit ihrem Opfer zu einer Bahnstrecke in der Nähe von Walton.
Dort warf einer der Jungen blaue Modellfarbe in James’ Gesicht. Sie traten ihm gegen den Kopf, bewarfen ihn mit Ziegelsteinen und schlugen ihn mehrfach mit einer zehn Kilogramm schweren Eisenstange. Um es wie einen Unfall aussehen zu lassen, legten sie James quer über die Bahngleise und bedeckten seinen Kopf mit Steinen. Zwei Tage später, am Valentinstag, wurde die Leiche entdeckt. Der pathologische Befund zeigte, dass der Junge bereits tot war, bevor sein Körper von einem Güterzug zerteilt wurde. Der von Jon und Robert völlig entkleidete Unterkörper des Kindes wurde einige Meter weit von dem Güterzug mitgeschleift. James erlitt bei dem Angriff 42 Verletzungen an Kopf und Körper, darunter zehn Schädelfrakturen. Die Kopfverletzungen waren so stark, dass der Pathologe nicht sagen konnte, welche die tödliche war. Alle Verletzungen wurden ihm zugefügt, als er noch lebte. Später konnte ermittelt werden, dass der Angriff von 17:30 Uhr bis 18:45 Uhr dauerte. Nur wenige Tage später wurden Thompson und Venables gefasst.
Untersuchungen bestätigten, dass dieselbe blaue Farbe an ihrer Kleidung auch an James’ Leiche gefunden worden war. Beide hatten Blut an ihren Schuhen; das an Jon Venables’ Schuh konnte durch DNS-Tests als das von James identifiziert werden.
Gerichtsverhandlung Nach ihrer Festnahme wurden die beiden nur Kind A (Thompson) und Kind B (Venables) genannt. Der Bekanntheitsgrad dieses Mordfalles sorgte jedoch dafür, dass nach relativ kurzer Zeit auch ihre Namen bekannt wurden. Die Veröffentlichung der Verbrecherfotos, die während der ersten Befragung entstanden, schockte die Öffentlichkeit. Die Bilder zeigten zwei ängstliche Kinder. Vielen fiel es schwer zu glauben, dass ein solches Verbrechen von zwei so jungen Tätern verübt worden war.
500 verärgerte Demonstranten versammelten sich während der ersten Anhörung vor dem South Senfton Magistrates Court. Die Eltern der Angeklagten tauchten wegen Morddrohungen in verschiedenen Landesteilen unter und mussten neue Identitäten annehmen.
Die Hauptverhandlung fand im Preston Crown Court statt. Sie wurde wie eine Gerichtsverhandlung für Erwachsene geführt. Die Angeklagten saßen abseits von ihren Eltern auf der Anklagebank. Richter und Staatsbeamte erschienen im vollen Ornat. Beide Jungen saßen mit ihren Sozialarbeitern auf erhöhten Stühlen (damit sie über die für sie zu hohe Anklagebank sehen konnten) gut sichtbar vor dem Gericht. Die Nachrichten berichteten sehr oft über das Verhalten der beiden, da diese von der Presse sehr gut zu sehen waren. Dieser Aspekt wurde später vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte kritisiert, der diese Verhandlung als unangemessen verurteilte.
Die Jungen brachten keinerlei Beweise zu ihrer Entlastung bei und wurden schuldig gesprochen. Ihre Strafe, lebenslang, sollten sie in einer Jugendstrafanstalt absitzen. Richter Morland legte fest, dass sie mindestens acht Jahre hinter Gittern verbringen sollten.
Über 300.000 Menschen unterschrieben eine Petition, die von Innenminister Michael Howard forderte, die Strafe weiter zu erhöhen. Daraufhin erhöhte Howard die Strafe auf 15 Jahre Freiheitsentzug. Die stieß auf Kritik, weil Howard anscheinend Vorteile für seine Karriere aus diesem Fall ziehen wollte. 1997 wurde diese Entscheidung vom House of Lords als rechtswidrig aufgehoben.
Im Oktober 2000 wurde die Mindeststrafe wegen guter Führung beider Täter nochmals auf acht Jahre verkürzt, womit das ursprüngliche Strafmaß wiederhergestellt war.
Revision und Entlassung Im Jahr 1999 beantragten die Anwälte von Venables und Thompson vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte Revision: Die Gerichtsverhandlung sei nicht objektiv gewesen, da die beiden zu jung gewesen seien, um die Vorgänge in einer Gerichtsverhandlung für Erwachsene zu verstehen. Weiterhin behaupteten sie, dass die Intervention durch Howard die „Stimmung aufgeheizt“ habe und dadurch eine gerechte Verhandlung unmöglich gemacht worden sei. Das Gericht entschied zugunsten der beiden Jungen.
Diese Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes führte dazu, dass der neueingesetzte Lord Chief Justice, Lord Woolf, die Strafe der beiden erneut auf das Mindestmaß festsetzte. Im Oktober 2000 setzte er sich dafür ein, das Strafmaß von zehn auf acht Jahre zu reduzieren und fügte hinzu, dass Jugendstrafanstalten einen äußerst schlechten Einfluss auf die Jugendlichen hätten.
Im Juni 2001, nach einer sechsmonatigen Revisionsverhandlung, entschied der Bewährungsausschuss, dass beide keine Gefahr mehr für die Gesellschaft darstellten und jetzt, nach dem Verbüßen der Minimalstrafe, entlassen werden könnten. Diese Entscheidung wurde vom Innenminister David Blunkett bestätigt und die beiden kamen frei. Beide standen weiterhin unter der life license, die ihre sofortige Wiedereinweisung ins Gefängnis ermöglichen sollte, sobald sie als Gefahr für die Öffentlichkeit angesehen würden.
Die Manchester Evening News veröffentlichte die Namen der Strafanstalten, in denen beide inhaftiert waren, und löste damit heftige Diskussionen aus. Es handelte sich vielleicht auch um eine Verletzung der 2001 erneuerten einstweiligen Verfügung gegen Veröffentlichungen von Einzelheiten dieses Falles. Im Dezember wurde die Zeitung der „Missachtung des Gerichtes“ für schuldig befunden und zu einer Geldstrafe von 30.000 Pfund und zur Übernahme der Gerichtskosten in Höhe von 120.000 Pfund verurteilt.
Diese einstweilige Verfügung galt allerdings nur in England und Wales. Zeitungen aus Schottland oder anderen Ländern konnten legal über den Verbleib der Jungen berichten. Es wurde erwartet, dass ihre Identitäten und Aufenthaltsorte bald durch das Internet bekannt werden würden. Im Juni 2001 wurde Venables’ Mutter mit den Worten zitiert, sie erwarte, dass ihr Sohn ein paar Wochen nach seiner Freilassung sterben werde. Ihre Anwälte behaupteten, dass Mrs. Venables nie eine solche Aussage gemacht habe, und reichten formelle Beschwerde bei der Pressebeschwerdestelle ein. Ihre angebliche Aussage hatte sich bis dahin aber in der Presse schon verbreitet. Mehrere Personen wurden in der Folgezeit tatsächlich verdächtigt, Jon Venables zu sein, und erhielten Morddrohungen.Andrew Hough: Jon Venables: man wrongly accused of being James Bulger killer ‘living in fear of vigilantes’ telegraph.co.uk, 10. März 2010 Im August 2012 erhängte sich ein 36-jähriger Brite, nachdem Gerüchte in Umlauf gelangt waren, er sei Robert Thompson.Larisa Brown: Grieving mother blames mob for suicide of her son after rumours he was one of James Bulger’s killers in hiding. Daily Mail, 26. August 2012, abgerufen am 16. September 2012
Verbleib Im Jahr 2006 wurde bekannt, dass Thompson eine Freundin hatte, die nichts von seiner Vorgeschichte wusste und von ihm ein Kind erwartete. Dies löste einen Skandal aus, da viele die Meinung vertraten, die junge Frau habe das Recht, über die Vergangenheit ihres Freundes informiert zu werden.Andrew Gardner: Devil Dad. Bulger Killer to be a father. Sunday Mirror. 1. Januar 2006
Im März 2010 wurde der 27-jährige Jon Venables erneut verhaftet und dessen lebenslange Bewährung widerrufen. Trotz der gegenteiligen Auffassung des Innenministers Alan Johnson verweigerte der damalige Justizminister Jack Straw Angaben über die Gründe für die erneute Verhaftung.Alan Travis: Pressure grows for answer to why Jon Venables is behind bars. Guardian, 3. März 2010 Am 22. Juni 2010, nun unter der Regierung von David Cameron, wurde bekannt, dass Venables wegen des Besitzes von kinderpornografischem Material verhaftet wurde. Er soll 57 einschlägige Bilder aus dem Internet heruntergeladen und über ein Filesharing-Netzwerk weiterverbreitet haben.Bulger killer Jon Venables faces child porn charges. BBC, 22. Juni 2010 Im Juli 2010 wurde er wegen Besitzes und Weiterverbreitens von Kinderpornografie zu zwei Jahren Haft verurteilt.Kindermörder wegen Kinderporno-Besitzes verurteilt. Die Welt vom 23. Juli 2010 Ein Bewährungsantrag wurde im Juni 2011 abgelehnt.Helen Carter: Bulger killer Jon Venables denied parole. guardian.co.uk, 27. Juni 2011, abgerufen am 30. Juni 2012 Im November 2011 wurde bekannt, dass Venables in Sicherungsverwahrung bleiben und keine zweite neue Identität erhalten werde. Laut Angaben der Daily Mail geschehe dies zu seinem eigenen Schutz, da man ihm nach den Erfahrungen der Vergangenheit nicht zutraue, seine Identität erneut geheim zu halten.Paul Sims: Jon Venables the big-mouth 'cannot be given another new identity'... because he can't be trusted to keep it a secret. Daily Mail, 9. November 2011, abgerufen am 16. September 2012
Im Juli 2013 wurde die Entscheidung bekanntgegeben, Jon Venables aus der Haft zu entlassen.Jüngster Mörder Europas wird aus Haft entlassen. Die Welt, 5. Juli 2013Roxanne Escobales: James Bulger killer Jon Venables granted parole. The Guardian, 5. Juli 2013 James Bulgers Eltern äußerten sich entsetzt darüber.Aufregung in Großbritannien. Kindesmörder verlässt Gefängnis. n-tv.de, 5. Juli 2013
Im Februar 2018 wurde Venables von einem britischen Gericht wegen des erneuten Besitzes und der Verbreitung von Kinderpornografie zu einer Haftstrafe von drei Jahren und vier Monaten verurteilt.James Bulger killer Jon Venables jailed over indecent images. In: BBC News, 7. Februar 2018. Er gab zu, mehr als 1.000 kinderpornografische Bilder und eine Anleitung zum Kindesmissbrauch besessen zu haben. Der Richter bezeichnete die Bilder, die den Missbrauch kleiner Jungen zeigen, als herzzerreißend für jeden gewöhnlichen Menschen.