mini|Carson McCullers (1959) Das Herz ist ein einsamer Jäger (OT: The Heart Is a Lonely Hunter) ist der Titel des 1940 publizierten ersten Romans der US-amerikanischen Schriftstellerin Carson McCullers. Erzählt werden vor dem gesellschaftlichen Hintergrund einer US-Südstaatenstadt Ende der 1930er Jahre die Geschichten des gehörlosen John Singer und der mit ihm befreundeten Personen: des Teenagers Mick, des Restaurant-Besitzers Brannon, des Mechanikers Blount und des schwarzen Arztes Copeland. Die erste deutsche Übersetzung von Karl Heinrich erschien 1950 (s. Entstehungs- und Publikationsgeschichte).
Inhalt Überblick Die Haupthandlung spielt vom Mai 1938Hinweis auf Chamberlains Besuch in München und das Münchner Abkommen, September 1938: Carson Mc Cullers: Das Herz ist ein einsamer Jäger. Frankfurt/Main-Wien-Zürich, 1965, S. 137. bis zum 21. August 1939, als mit der Vorbereitung zur Besetzung Danzigs der Zweite Weltkrieg begann. In diesem Zusammenhang wird neben der sozialen Frage und der Rassen-Thematik auch der Faschismus in Deutschland angesprochen.
Im Romanaufbau wechseln die meist in personaler Form erzählten Geschichten der Protagonisten kapitelweise miteinander ab, bzw. überlagern einander. So ergibt sich, ergänzt durch die an die Hauptfiguren gebundenen Nebenhandlungen ein Bild der gesellschaftlichen Situation und der Schwarz-Weiß-Probleme der Südstaaten.
Die Haupthandlung beginnt mit dem 2. Kapitel in einer Frühsommernacht, Ende Mai, in Biff Brannons „New-York-Café“, wo Blount, Singer und Mick Kelly aufeinandertreffen. Im personalen Gefüge ist der Gehörlose die zentrale Figur, die hinter seiner Rolle als anscheinend verständnisvoller Zuhörer seine eigenen Sorgen verbirgt.
John Singer Im ersten Kapitel wird die zehnjährige enge Freundschaft und Wohngemeinschaft zweier gehörloser Männer beschrieben, die des Silbergraveurs John Singer und des Süßigkeitenbäckers Spiros Antonapoulos, der im Laden seines Vetters arbeitet.Zur Thematik der Homosexualität in Mc Cullers Romanen: Jan Whitt: The 'we of me': Carson McCullers as lesbian novelist. Journal of Homosexuality 1999. https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1300/J082v37n01_09. Nach einer Erkrankung verändert sich Antonapoulos zu einem verwirrten Unruhestifter. Er stiehlt Sachen aus Geschäften und wird von seinem Vetter Charles Parker, der befürchtet, für die Schäden aufkommen zu müssen, in eine Irrenanstalt eingeliefert.
Sein 32-jähriger Freund scheint nach einigen Monaten die Trennung überwunden zu haben. Er zieht aus der Wohnung in ein Zimmer der Pension Kelly und verpflegt sich im „New-York-Café“ Biff Branons. Dadurch lernt er die anderen Hauptfiguren des Romans kennen, trifft sich mit ihnen täglich im Café und sie besuchen ihn in seinem Pensionszimmer. Dort erzählen ihm ihre Lebensgeschichten und enttäuschten Träume und fühlen sich von ihm verstanden. Auch die Sorgen anderer Menschen hört er bei seinen Spaziergängen durch die Stadt geduldig an. Sie sind dadurch erleichtert und es entstehen die verschiedensten Gerüchte über Singers wundersame spirituelle Fähigkeiten. Aber im Kern seines Wesens ist er einsam und vermisst den Freund, den er in der Erinnerung (Teil II, Kapitel 7) zunehmend verklärt und dessen problematische Charakterzüge er vergisst. Wenn er Urlaub hat, fährt er mit Geschenken einige Stunden mit dem Zug zur Psychiatrie und besucht den Freund. Dabei verdrängt er in seiner Wiedersehensfreude, dass Antonapoulos in seiner eigenen Welt lebt und dass ihn seine Berichte über das Leben in der Stadt und seine Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit kaum interessieren.
Am 18. Juli, mehr als ein Jahr nach der Einlieferung Antonapoulos in die Anstalt, trifft Singer den Freund nicht mehr an und man teilt ihm im Büro den Tod seines Freundes mit. Er fährt sofort in seine Stadt zurück, holt aus dem Juwelierladen eine Pistole und schießt sich in seinem Zimmer „eine Kugel ins Herz“.Carson Mc Cullers: Das Herz ist ein einsamer Jäger. Frankfurt/Main-Wien-Zürich, 1965, S, 361.Bezug zum Titel, der an William Sharps Gedicht The Lonely Hunter (In: From the Hills of Dream, Threnodies Songs and Later Poems, 1901) mit dem Refrain „But my heart is a lonely hunter that hunts on a lonely hill.“ erinnert. Für die Bewohner der Stadt kommt dieser Suizid völlig überraschend und sie rätseln über Singers Motiv.
Mick Kelly Während die männlichen Protagonisten ihren nicht realisierten Träumen nachtrauern, ist die zu Beginn der Haupthandlung 12-jährige Mick Kelly noch in der Entwicklung ihrer Persönlichkeit (I, 3). Sie ist ein abenteuerlustiges jungenhaftes Mädchen, das sich einerseits um ihre jüngeren Geschwister George (Bubber) und Ralph kümmert und mit den Nachbarkindern raubeinig spielt, sich andererseits in ihre innere Welt der Träume und der Musik zurückzieht, von der ihre Familie nichts weiß: ihre Mutter organisiert die Pension, ihr gutmütiger invalider Vater repariert Uhren, ihre älteren Geschwistern Bill, Etta und Hazel führen ihr eigenes Leben und verdienen mit Jobs etwas Geld. Die finanzielle Situation der Familie ist angespannt, denn die Gäste können oft ihre Miete nicht pünktlich bezahlen, wodurch wiederum die Pension in Zahlungsschwierigkeiten gerät, z. B. bei der Entlohnung des schwarzen Dienstmädchens Portia.
Im 2. Teil (II, 1) hat sich Mick zum Teenager entwickelt. Die inzwischen 13-Jährige besucht die höhere Schule und lädt Schüler und Schülerinnen zu einem Promenadenfest ein, das sie in großer Erwartung sorgfältig vorbereitet. Zum ersten Mal in ihrem Leben schminkt sie sich und zieht ein feines Kleid ihrer Schwester an. In die steife Festgesellschaft mischen sich jedoch nicht eingeladene Nachbarskinder und die Party verliert ihr Niveau und artet in gewöhnliche Tobereien aus. Mick ist über den Verlauf enttäuscht, sie beendet das Fest und erholt sich von den Ausschweifungen bei Beethoven-Musik, die sie allein aus dem Radio im Garten eines Hauses anhört: „[N]ur die ersten Takte der Musik brannten in ihrem Herzen […] Diese Musik war sie […] Die Musik brodelte in ihr […] so dass ihr jede Note wie die harte, geballte Faust gegen das Herz schlug […] Eine so wunderbare Musik wie diese war der schlimmste Schmerz, den es geben konnte. Diese Sinfonie war die ganze Welt, und sie war viel zu klein, um sie richtig zu hören […] Es war aus, nur ihr Herz war noch da, wie ein Kaninchen, und dieser fürchterliche Schmerz.“Carson Mc Cullers: Das Herz ist ein einsamer Jäger. Frankfurt/Main-Wien-Zürich, 1965, S, 131, 132.Bezug zum Titel, der an William Sharps Gedicht The Lonely Hunter erinnert.
Im Dezember verändert ein tragisches Ereignis das Leben der Familie Kelly (II, 5). Micks 7-jähriger Bruder Bully spielt mit dem Gewehr eines Nachbarsjungen auf der Straße vor dem Haus. Er zielt auf vorbeilaufende Kinder, v. a. auf die herumstolzierende auffällig rosa gekleidete 4-jährige Baby, die Nichte des Cafébesitzers Brannon. Ob im Spiel oder aus Versehen, er drückt ab und trifft den Kopf des Kindes, aber es überlebt die schwere Verletzung. Bully wird sich erst nach den Folgen seiner Tat bewusst und läuft davon. Mick, die sich für ihn verantwortlich fühlt, sucht ihn und erzählt ihm als Strafe, Baby sei tot und er werde auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Er solle versteckt bleiben. Inzwischen verhandelt Babys Mutter mit den Eltern Kelly über den Schadensersatz. Wenn sie alle Kosten der Behandlung und Genesung, Einzelzimmer und Privatpflegerin, übernehmen, verzichtet sie auf eine Anzeige. Kellys stimmen zu, müssen aber ihr Haus verkaufen, es von den neuen Besitzern mieten, eine Hypothek aufnehmen und sich einschränken (II,9).
Als Mick ihren Bruder aus dem Versteck holen und ihm die Wahrheit sagen will, ist er verschwunden. Sie vermutet ihn auf dem Weg nach Atlanta. Dort findet man ihn und bringt ihn zurück. Seit diesem Tag ist er in seinem Wesen verändert, nicht mehr kindlich, und wird jetzt George genannt. Er zieht sich von den Freunden zurück und die Nachbarkinder taufen ihn „Baby-Killer-Kelly“. Singer ist in dieser Zeit neben Mick seine einzige Bezugsperson. Das Weihnachtsfest der Kellys ist durch die Ereignisse getrübt. Mick kümmert sich liebevoll um den Bruder und zieht sich immer mehr in ihre „innere Welt“, in ihre Gedanken, Bücher, Musik, zurück. Seit Singer ein Radiogerät für die Besuche seiner Freunde angeschafft hat, besucht sie ihn häufiger und darf auch während seiner Arbeitszeit in seinem Zimmer Musik hören.
Mick ist im Zwiespalt ihrer Gefühle. Sie denkt sich Melodien aus und träumt davon, eine berühmte Musikerin und Komponistin zu werden. Von Singer fühlt sie sich ohne Worte verstanden, Biff Brannons Blicke kann sie nicht deuten und sie machen ihr Angst. Sie befreundet sich mit dem 15-jährigen Nachbarsjungen Harry Minowitz, mit dem sie sich in ihrer Kinderzeit oft gebalgt hat und der dieselbe Schule besucht. Er hat jüdische Vorfahren, spricht mit ihr über Pantheismus oder die Weltpolitik und wirbt sie als Kämpferin gegen den Faschismus und Hitler an (II, 9). Bei einer Fahrradtour im März zu einem 25 Kilometer außerhalb der Stadt gelegenen Fluss haben beide das erste Mal miteinander Sex und Harry fragt anschließend ernüchtert, ob dies Unzucht mit einem Kind war, und will die Verantwortung übernehmen. Sie widerspricht und lehnt eine Heirat ab. Er macht sich Gedanken über die Folgen, verlässt noch in derselben Nacht die Stadt und sucht in einer anderen Stadt eine Stelle als Mechaniker. Nach einiger Zeit schreibt er ihr, dass er in Birmingham in einer Garage arbeitet und sie teilt ihm, wie vereinbart, mit, dass sie nicht schwanger ist. Dann beschließt sie ihn zu vergessen (II, 14).
Anfang Juni ändert sich ihr Leben. Die finanzielle Situation der Familie wird immer angespannter. Da erfährt sie von einer freien Stelle als Verkäuferin bei Woolworth. Ihre Eltern raten ihr zwar, erst die Schule abzuschließen und mit der Arbeit noch ein-, zwei Jahre zu warten, aber ihre Geschwister finden den Wochenlohn von 10 Dollar verlockend. Hätte man sie gedrängt, hätte sie widersprochen. Sie will selbst über ihre Zukunft entscheiden, doch sie fragt Singer nach seiner Meinung. Er stimmt zu, obwohl er die Einzelheiten nicht versteht. Sie bewirbt sich, von den Schwestern zur 16-Jährigen aufgestylt und wird eingestellt. Der Arbeitsalltag lässt ihr keine Zeit mehr für ihre innere Welt und die Musik. Aber sie hält an ihrem Traum von einem eigenen Klavier fest (III, 3): „Denn sonst – wozu, zum Teufel, sollte das alles gewesen sein? […] Das alles musste doch für irgend etwas dagewesen sein, wenn es einen Sinn haben sollte. Und den musste und musste und musste es haben. Ja es hatte einen Sinn.“Carson Mc Cullers: Das Herz ist ein einsamer Jäger. Frankfurt/Main-Wien-Zürich, 1965, S, 393.
Benedict Copeland Der schwarze Arzt Benedict Mady Copeland, der trotz einer Lungentuberkuloseerkrankung sich bis an seiner Kraftgrenze um seine schwarzen Patienten in der Stadt kümmert, wird durch seine Tochter Portia, die in der Pension Kelly arbeitet, mit Singer bekannt gemacht und in die Handlung einbezogen (I, 6).
Abgesehen von Portia haben Copelands Kinder seit der Trennung der Eltern keinen Kontakt mehr zu ihrem von seinen Vorstellungen besessenen Vater. Dieser kritisiert das seiner Meinung nach mangelnde Engagement der Schwarzen (I, 5). Er hatte mit seinen Kindern große Karrierepläne, Hamilton solle ein Gelehrter, Karl Marx Lehrer für Schwarze, William Rechtsanwalt und Portia Ärztin werden, doch seine religiöse Frau Daisy unterstützte seine Bildungspläne nicht und erzog die Kinder traditionell, trennte sich von ihm und zog in die Farm ihres Vaters. Zu seinem Leidwesen arbeiten Karl Marx (Buddy), Willie und Portia als Dienstpersonal.