mini|Cornelia Sollfrank (2004) Cornelia Sollfrank (* 1960 in Feilershammer) ist Künstlerin, Forscherin und Autorin. In den 1990er Jahren gehörte sie zu den Pionierinnen der Netzkunst und war eine wichtige Vertreterin des Cyberfeminismus und publiziert heute zu Technofeminismus; ihre Themenschwerpunkte sind Gender im Kontext von Technologie sowie Urheberrecht, digitale Commons und die Performativität von Daten. Sie lebt in Berlin. Ihr Werk wurde 2025 mit dem HAP-Grieshaber-Preis ausgezeichnet.

Leben und Wirken Ausbildung/Studium Von 1987 bis 1994 studierte Sollfrank Malerei an der Kunstakademie in München (bei Helmut Sturm) und Freie Kunst an der Hochschule für bildende Künste Hamburg (bei Bernhard Johannes Blume). Sie schloss ihr Studium mit Auszeichnung ab. 2011 beendete Sollfrank ihre praxisgeleitete Forschung an der University of Dundee und mit ihrer Dissertation Performing the Paradoxes of Intellectual Property. Sie ist Alumni des Hanuman Institut Berlin, wo von 2015 bis 2018 als N-Prozess®-Moderatorin für prozess-orientiertes Coaching ausgebildet wurde.

Lehre Sollfrank hatte im SS 2004 eine Gastprofessur an der Bauhaus-Universität Weimar inne (zusammen mit Laurence Rassel), und im WS 2013/14 eine Vertretungsprofessur an der Zürcher Hochschule der Künste. Nach ihrem PhD unterrichtete sie von 2012 bis 2014 an der Duncan of Jordanschool for Art and Design an der University of Dundee. Darüber hinaus hatte sie Lehraufträge an der Universität der Künste in Hamburg (1998), der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg (2001 und 2002), der Leuphana Universität Lüneburg (2003), der Universität der Künste Berlin (2019) sowie der Hochschule Luzern (2023–2025). 2013 erwarb Sollfrank das Postgraduate Certificate for Teaching, Learning and Assessment in Higher Education, University of Dundee, UK, und veröffentlichte ihr Teaching Statement, in dem sie die Rolle von Critical Thinking in der Lehre hervorhebt.

Stipendien, Fellowships und Auszeichnungen

1991: Zweiter Deutscher Photo-Preis 1996-1997: Auslandsstipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), New York 1997: Fellowship am Medienkunstlabor des Künstlerhauses Bethanien, Berlin 1998: Arbeitsstipendium für bildende Kunst des Landes Berlin 1999: Arbeitsstipendium für bildende Kunst der Freien und Hansestadt Hamburg 1999-2000: European Media Artists in Residence Exchange (EMARE), Duncan of Jordanstone College of Art, Dundee, Schottland 2001: Residency der Künstlerinnenkolonie Die Höge, Högenhausen 2008: Medienkunststipendium der Stiftung Niedersachsen am Edith-Russ-Haus für Medienkunst, Oldenburg 2025: HAP Grieshaber-Preis der Stiftung Kunstfonds und der VG Bild-Kunst

frauen-und-technik und -Innen

Bereits während ihres Studiums ist sie Gründerin und Mitglied zweier Künstlerinnengruppen: 1990 entsteht in Hamburg mit neun anderen Künstlerinnen die Gruppe frauen·und·technik. frauen·und·technik beschäftigte sich weniger mit der Geschlechterfrage – wie der Titel vermuten lässt – als vielmehr mit Strategien von Marketing und Werbung. Die Entwicklung eindeutiger Zeichen (Logos) oder Erscheinungsbilder (Corporate Identity) Ende der 1980er Jahre, die die Philosophie eines Unternehmens repräsentieren, wurde nun nicht mehr nur für das Produkt eines Wirtschaftsunternehmens, sondern mit der zeitgleichen Entwicklung des Kultursponsoring auch für die Kunst nutzbar gemacht. Daraus resultierten Werbeeffekte, die frauen·und·technik zugleich nutzten und aufdeckten. Sollfrank nahm mit frauen·und·technik u. a. 1992 an dem Fernsehprojekt Piazza Virtuale während der documenta IX teil. 1993 ging aus frauen·und·technik eine neue Gruppe hervor. –Innen experimentierte weiterhin mit interaktiven Fernsehformaten und entwickelte unter Einbezug von Psychoanalyse, Medientheorie und Populärkultur performative Gameshows für den offenen Kanal Hamburg sowie Performances und Interventionen.

OBN (Old Boys Network)

Sollfrank war eine der Gründerinnen des Netzwerks OBN (Old Boys Network) 1997 in Berlin, gemeinsam mit einigen ehemaligen Mitgliedern von –Innen (Ellen Nonnenmacher und Susanne Ackers) sowie Mitgliedern der australischen Künstlerinnengruppe VNS Matrix (Julianne Pierce und Josephine Starrs). Diese Allianz aus Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen und Aktivistinnen praktizierte von 1997 bis 2001 einen experimentellen Umgang mit Netzwerkstrukturen. Unter dem Motto „The Mode is the Message – The Code is the Collective“ verfolgte das Netzwerk das Ziel Cyberfeminismus nicht nur zu thematisieren oder theoretisieren, sondern strukturbildend zu verwirklichen.

Ebenfalls 1997 organisierte Sollfrank mit den Kolleginnen des Old Boys Network die erste internationale Cyberfeminismus-Konferenz, first Cyberfeminist International, im Rahmen des Medienlabors HybridWorkspace auf der documenta X in Kassel. Fokus der Veranstaltungen war das Thema Frauen in der Netzkunst bzw. Netzkultur. Die Konferenz stellte hundert Anti-Thesen zur Frage, was Cyberfeminismus sei, auf. 1999 und 2001 folgten zwei weitere Konferenzen.1999 fand die Konferenz next Cyberfeminist International in Rotterdam statt. 2001 wurde die Konferenz

Die Website obn.org dokumentierte die Aktivitäten des Netzwerks. Die Website ist seit 2001 im Archiv-Modus.

Außerdem wurde im Rahmen der documenta studien an der Kunsthochschule Kassel von August 2020 bis April 2022 sowie in enger Kooperation mit dem documenta archiv das obn_archive, ein situiertes Archiv des Old Boys Network, entwickelt und umgesetzt. Dabei standen die Sichtung, Erschließung und Digitalisierung der Materialien sowie deren Reflexion und Aktualisierung durch kollektive Mehrstimmigkeit im Zentrum.

Forschung und weitere Tätigkeiten Sollfrank arbeitet als freischaffende Künstlerin, Autorin und Forscherin im Bereich Netzkultur und Netzkunst.

Cornelia Sollfrank war Mitglied im Deutschen Künstlerbund, in dessen Monatszeitschrift Kunstreport sie 2001 den selbstironischen Beitrag Erfolgsstrategie und Selbstboykott. Wie entkomme ich dem Kunstmarkt und werde gleichzeitig eine erfolgreiche Künstlerin? schrieb.kuenstlerbund.de: kuenstlerbund.de:

2004 wurde Sollfrank als aussichtsreiche Kandidatin der künstlerischen Geschäftsführerin der Linzer Ars Electronica in Nachfolge Gerfried Stockers gehandelt, verblieb nach den Hearings als einzige Alternative Stockers und wurde dann doch nicht bestellt. In der Zeitschrift Kulturrisse konstatierte sie einen Wunsch „nach einem Kurswechsel, nach einer Erneuerung“.

Von 2006 bis 2011 arbeitete Sollfrank als künstlerische Forscherin an Dundee University in Schottland und promovierte 2012 mit der Arbeit "Performing the Paradoxes of Intellectual Property. A practice-led Investigation into the Conflicting Relationship between Copyright and Art."

Von 2009 bis 2012 war Sollfrank Mitarbeiterin von Creating Worlds, einem Forschungsprojekt des eipcp (european institute for progressive cultural policies), das die Beziehung zwischen Kunstproduktion und Wissensproduktion im Kontext der Transformation und der Krise des gegenwärtigen Kapitalismus erforschte.

Von 2012 bis 2015 kehrte sie an die Dundee University zurück und war „Lecturer for Contemporary Art Practices, Art & Theory, and Artistic Research in the Context of New Media“ am Duncan of Jordanstone College of Art and Design.

Im August 2018 hat Sollfrank das Buch Die schönen Kriegerinnen. Technofeministische Praxis im 21. Jahrhundert bei transversal texts Wien publiziert.Die schönen Kriegerinnen. Technofeministische Praxis im 21. Jahrhundert

Von 2017 bis 2020 arbeitete sie als Research Associate an der Zürcher Hochschule der Künste für das Projekt Creating Commons.Creating Commons

2021 war sie Mitglied des Networks of Care des ngbk Berlin, einer Plattform zum Austausch über den Umgang mit künstlerischen Vor- und Nachlässen, privaten und öffentlichen Archiven und brachliegenden Dokumentationskonvoluten.

Sollfrank ist Betreiberin der Webpräsenz artwarez.org.Webseite der artwarez.org Hier informiert sie über ihre eigene Arbeit, publiziert Interviews und eigene Texte und betreut einen Blog.

Künstlerische Strategien Sollfrank dekonstruiert seit Mitte der neunziger Jahre tradierte Begriffe und Konzepte wie etwa das Werk, die Originalität, die Genialität oder die Autorschaft, die noch heute den Kunstbetrieb oder das gültige Urheberrecht bestimmen. Mittels künstlerisch-subversiver, zum Teil auch gender-spezifischer Strategien erprobt sie im digitalen Medium neue Formen von performativer, kollaborativer und vernetzter Autorschaft. Bezeichnend für Sollfranks Arbeiten ist der spielerische Charakter ihrer Interventionen in sozialen Systemen und ihr Changieren zwischen Zweckfreiheit und politischer Intention.

Ausgehend von Social Engineering und Social Hacking definiert Florian Cramer die Kunst Sollfranks als einen Hack des Sozialen mit digitalen und nicht-digitalen Mitteln. Hierbei konzentriere sich die Künstlerin mit dem Kunstbetrieb und der Computerkultur auf zwei Subsysteme, die sich mit der spielerischen Manipulation von Systemen im Allgemeinen und ihrer selbst im Speziellen befassen.Florian Cramer: (englisch).

Sollfrank selbst bezeichnet ihre Arbeit als situativ, d. h. sie macht Einschnitte in soziale Systeme, deren Teil sie selbst ist. Sie will hierdurch nicht sichtbare, aber durchaus einflussreiche Beziehungen und Machtverhältnisse aufdecken, die sonst im Verborgenen bleiben würden.artnet.de So kritisiert Sollfrank beispielsweise den Umgang mit Netzkunst im musealen Bereich (Femal Extension). Sie stört und unterwandert das System Museum und macht sich die Strukturen dieser Institution zunutze, um die Probleme, die durch diese Strukturen vor allem für die Netzkunst auftreten, aufzuzeigen: „Netzkunst hatte für mich nichts mit Galerien und Museumsbetrieb zu tun, mit Jurierung und Preisen, weil das der ‚Natur’ des Netzes widerspricht. Netzkunst ist einfach im Netz, und dazu ist kein Museum erforderlich und kein Juror, der entscheidet, was die beste Netzkunst ist.“Sollfrank in einem Interview mit Tilla Telemann zur Hack-Aktion Female Extension.

Ausgewählte Werke Female Extension Bei der Arbeit Female Extension handelt es sich um einen Hack, dessen Ziel es war, die Ausschreibung der Hamburger Kunsthalle zum Thema „Extension. Das Internet als Material und Gegenstand“ im Jahr 1997 zu stören. Sollfrank sah den Mangel an Autoren, die sich an diesem Wettbewerb beteiligten, speziell den Mangel an Autorinnen voraus und kreierte 289 fiktive Künstlerinnen mit internationalen Identitäten, vollständigen Adressen, Telefonnummern und Mailadressen. Als Nächstes schuf sie mit Hilfe eines net.art generators scheinbar individuelle Werke, die sie ihren Künstlerinnen zuordnete. Sollfrank bekam für jede einzelne Netzkünstlerin ein Passwort, d. h. alle Künstlerinnen wurden von der Kunsthalle für den Wettbewerb zugelassen. Anschließend übertrug sie 127 Arbeiten der Künstlerinnen auf den Museumsserver. Innerhalb des Kunstkontext, also der Ausschreibung des Museums, wurden die Netzkünstlerinnen kritiklos als Künstlerinnen anerkannt.

Die Unterwanderung des Wettbewerbs wurde auch nach Einsendeschluss nicht bemerkt. Erst mit der Bekanntgabe der Sieger, zwei Tage vor der Preisverleihung, gab Sollfrank eine Presseerklärung ab, in der sie ihre Intervention aufdeckte. Die Kunsthalle hätte den Hack wahrscheinlich nie bemerkt. Während der laufenden Ausschreibung schmückte sich die Galerie der Gegenwart insbesondere mit der hohen weiblichen Beteiligung von zwei Dritteln der 280 Teilnehmer. Einen Preis sollte zwar keine der Frauen erhalten, aber die Juroren (Uwe M. Schneede, Rainer Wörtmann, Dellbrügge&deMoll, Valie Export und Dieter Daniels) nutzen die fingierte Beteiligung, um in der Öffentlichkeit hervorzuheben, wie aktuell und nah die neue Ausstellungshalle doch am gegenwärtigen Kunstgeschehen sei. Die schlechte Qualität des „HTML-Schrotts“ wurde wohl wahrgenommen, aber nicht weiter hinterfragt.

Net.art generator