Der englische Begriff Safer Sex (deutsch: „Sichererer Sex“) kam im Zuge der Verbreitung von HIV bzw. AIDS auf und beschreibt ein Bündel von Vorsichtsmaßnahmen, die einzeln oder in ihrer Gesamtheit dazu beitragen, das Risiko einer Ansteckung mit sexuell übertragbaren Krankheiten deutlich zu reduzieren. Der Komparativ safer verweist darauf, dass Safer Sex nicht absolut vor einer Infektion schützt, sondern das Risiko nur deutlich reduziert. Das Kondom ist sowohl Mittel für Safer Sex als auch zur Empfängnisverhütung.
Entwicklung und Geschichte Die Verwendung von Kondomen aus tierischen Membranen ist schon über 3000 Jahre alt, diente aber primär der Empfängnisverhütung, da insbesondere das Konzept des Krankheitserregers lange Zeit unbekannt war.
In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Kulturrevolution der 1968er Jahre wurden das Penicillin und die Antibabypille entdeckt. Das Penicillin war unter anderem wirksam gegen die Syphilis, eine der bis dahin gefürchtetsten sexuell übertragbaren Krankheiten. Die Antibabypille versprach wirksamen Schutz vor ungewollten Schwangerschaften. Diese Entwicklungen ermöglichten jungen Menschen der 1968er Jahre (siehe auch 68er-Bewegung), eine Zeit der sexuellen Freizügigkeit einzuläuten, die unter anderem von einem erhöhten Grad an Promiskuität („Freie Liebe“) geprägt war.
Der Begriff und das Konzept Safer Sex wurden erstmals im Mai 1983 von den AIDS-Aktivisten Richard Berkowitz und Michael Callen gemeinsam mit einem der ersten Ärzte und Forscher, die zu AIDS forschten, Joseph Sonnabend, geschaffen, als sie die Broschüre How to Have Sex in an Epidemic: One Approach veröffentlichten. Die Broschüre richtete sich, so das Vorwort, an denjenigen Teil schwuler Männer, die sich trotz der AIDS-Krise gegen sexuelle Enthaltsamkeit entschieden hatten. Sie behandelte sexuelle Spielarten schwuler Männer, und wie dabei der Kontakt zu Sperma und Zytomegalievirus (CMV) vermieden werden konnte. Neben den Sexualakten an sich wurde auch der Kontext des Kontakts, etwa geschlossene Gruppen von Sexualpartnern, Cruising in Saunen und Prostitution bezüglich der Gesundheitsrisiken bewertet. Die Broschüre befasste sich zudem mit ethischen Fragen, etwa ob AIDS-Patienten Sex haben sollten und ob sie moralisch verpflichtet seien, ihren Status ihren potentiellen Sexualpartnern zu offenbaren. Auch wurde bereits in dieser Broschüre vorgeschlagen, sich selbst (auf CMV) testen zu lassen, um Sexualpartner zu schützen.
Die AIDS-Krise seit 1981 bedeutete auch für die Homosexuellenbewegung einen Umbruch. Die Autoren beschrieben Safer Sex dabei nicht als Gegensatz zur sexuellen Befreiung, sondern als Teil davon.
Das Zytomegalievirus (CMV) ist ein Virus, das bei AIDS die CMV-Retinitis verursachen kann und eine häufige AIDS-definierende Krankheit darstellte. Das HI-Virus, der tatsächliche Auslöser von AIDS, wurde erst im selben Monat (Mai 1983) entdeckt.
1985 ließ das Ministerium für Jugend, Familie und Gesundheit unter Rita Süßmuth (CDU) die Broschüre „Was Sie über AIDS wissen sollten“ an alle deutschen Haushalte verteilen, die erste deutsche Aufklärungskampagne zum Thema. Sie klärte auf über den Verlauf von AIDS, die Ansteckungsmöglichkeiten, Schutzmöglichkeiten, Diagnosemöglichkeiten, die Forschung an Behandlungsmethoden und gab Ratschläge für den Fall einer Ansteckung. Dieser Weg der Aufklärung war politisch insofern besonders, dass zeitgleich auch deutlich autoritärere Maßnahmen wie die Internierung von Erkrankten und erzwungene Tests von „Ansteckungsverdächtigen“ diskutiert wurden. Der Gebrauch des Worts „Kondom“ hingegen war in dieser Zeit für eine Amtsträgerin, so Süßmuth später, skandalös. Fünf Jahre später fand der TV-Spot „Supermarkt“, Teil der Kampagne „Gib Aids keine Chance“ der BzgA zur Verwendung von Kondomen, große öffentliche Beachtung.
Im Gegensatz zu den ersten HIV-Medikamenten sind die heutigen antiretroviralen Therapien relativ gut verträglich, können den Ausbruch von AIDS dauerhaft unterdrücken und eine normale Lebenserwartung ermöglichen. Bei erfolgreicher Therapie sinkt die Viruslast im Blut unter die sogenannte Nachweisgrenze, wodurch eine Ansteckung bei dieser Person praktisch nicht mehr möglich ist. Das Konzept „Schutz durch Therapie“ wird auch als TasP, „Treatment as Prevention“, bezeichnet. 2016 wurde in der Europäischen Union die medikamentöse Präexpositionsprophylaxe (HIV-PrEP) mit Truvada (Tenofovir und Emtricitabin) zugelassen. Die drei Möglichkeiten Kondome, Erfolgreiche medikamentöse Therapie und Präexpositionsprophylaxe werden (seit 2018 von der DAH und seit 2020 vom Land Brandenburg) unter dem Namen Safer Sex 3.0 kommuniziert.
Die Entwicklung lebensverlängernder Medikamente für HIV-Positive und die Agitation politisch oder religiös motivierter Kreise, die meist Enthaltsamkeit als Alternative propagieren (siehe z. B. True Love Waits), haben die Aufklärung über Safer Sex seit dem Jahr 2000 ins Stocken gebracht. Insbesondere die römisch-katholische Kirche untersagte ihren Mitgliedern, bis auf wenige Ausnahmen, explizit den Gebrauch von Kondomen.Papst lockert das strikte Kondom-Verbot. spiegel.de, 20. November 2011.In Afrika regt sich Widerstand gegen Benedikt XVI. (spiegel.de).
Übertragbarkeit Sexuell Übertragbarer Infektionen Je stärker Gewebe beansprucht wird („harter Sex“), desto leichter können Krankheitserreger in dieses eindringen. Ausreichende Befeuchtung (Gleitgel) kann die Beanspruchung des Gewebes verringern, somit Mikroverletzungen vermeiden und Infektionsrisiken reduzieren.
Bakterielle Infektionen Zu den bakteriellen Infektionen gehören Chlamydien, Gonorrhoe (Tripper) und Syphilis sowie die nur selten pathogenen Mykoplasmen und Ureaplasmen.
Chlamydien, Syphilis und Gonorrhoe werden klassischerweise durch engen Schleimhaut-Schleimhaut-Kontakt übertragen, Syphilis ist jedoch auch bei Haut-Haut- oder Haut-Schleimhaut-Kontakt übertragbar, das insbesondere bei nässenden Hautstellen, auch bei scheinbar intakter Haut. Zudem ist bei allen eine Schmierinfektion möglich, etwa durch gemeinsam genutztes Spielzeug oder per Hand. Die wichtigsten Übertragungsmöglichkeiten sind somit daher Vaginal-, Oral- und Analsex, aber auch Petting, oral-anale Kontakte, Fingerspiele und Fisten können eine Übertragung ermöglichen. Syphilis und womöglich Gonorrhoe sind zudem beim Küssen übertragbar. Mit der Ausnahme von Syphilis sind die bakteriellen Infektionen lokal begrenzt, breiten sich also nicht von selbst im Körper aus, etwa von der Harnröhrenschleimhaut zur Schleimhaut des Afters.
Kondome und Femidome reduzieren das Übertragungsrisiko der bakteriellen Infektionen erheblich, beim Fisten die Verwendung eines Handschuhs. Die Deutsche Aidshilfe empfiehlt, Sexspielzeug nicht mit mehreren Partnern zu verwenden oder für jede Person mit einem neuen Kondom zu versehen oder gründlich zu reinigen, nicht in denselben Gleitmitteltopf zu greifen, sich bei Fingerspielen zwischen Personen die Hände zu waschen, und, insbesondere jüngeren Erwachsenen, Schwangeren, schwulen Männern und anderen Männern, die Sex mit Männern haben (MSM) sowie Menschen mit häufig wechselnden Sexualpartnern, sich regelmäßig testen und gegebenenfalls behandeln zu lassen.
HIV mini|hochkant|HI-Virus, das sich aus einer Immunzelle herauslöst
Das Humane Immunodefizienzvirus, HIV, ist schwer übertragbar. Es wird beim Austausch von Körperflüssigkeiten übertragen (etwa bei Ejakulation in Rektum, Vagina oder Mund), bei intensivem Schleimhautkontakt mit einer infektiösen genitalen oder rektalen Schleimhaut (Analsex und Vaginalsex, auch ohne Ejakulation) und abseits von Sex unter anderem bei intravenösem Drogenkonsum bei gemeinsam genutzten Spritzen. Tränen, Speichel und Urin enthalten HIV in deutlich niedrigeren Konzentrationen, Infektionen auf diesem Weg sind nicht bekannt. Bestehende Infektionen mit anderen STI erhöhen das HIV-Infektionsrisiko, da in entzündete Schleimhäute das HI-Virus leichter eindringen kann.
Oralverkehr gilt in Bezug auf HIV als sicher, sowohl Fellatio als auch Cunnilingus. Es sind nur wenige Fälle von HIV-Infektionen durch Oralsex bekannt. Übertragungen bei Oralsex sind für den leckenden/blasenden Partner unwahrscheinlich, weil die Mundschleimhaut sehr robust ist, die Schleimhäute bei Oralsex vergleichsweise wenig beansprucht werden und Speichel die infektiöse Flüssigkeit verdünnt. Das gilt, auch weil nur wenig Blut in den Mund gelangt, selbst bei der Anwesenheit von Menstruationsblut.
Die Ansteckungsgefahr ist unmittelbar nach einer Infektion mit HIV am größten, weil dann die Viruslast im Blut am höchsten ist. Da der HIV-Antikörper-Test ein diagnostisches Fenster von sechs WochenDeutschen AIDS-Hilfe e. V.: (PDF; 2,4 MB) hat, liegt die Zeit mit dem größten Infektionsrisiko ausgerechnet in der Zeit, in der sich bei einem Test noch keine klaren Aussagen machen lassen. Trotz Vorliegens eines aktuellen negativen HIV-Tests kann aus diesem allein keine Aussage über den gegenwärtigen Infektionsstatus der betreffenden Person abgeleitet werden.
Vor HIV schützen bei Vaginal- und bei Analverkehr Kondome, Femidome sowie kein Blut oder Sperma auf Schleimhäute und offene Hautstellen gelangen zu lassen.
Hepatitis
Hepatitis A, B und C sind Viren, deren Hauptsymptom eine Leberentzündung (Hepatitis) ist. Hepatitisviren sind deutlich infektiöser als HIV. Hepatitis A wird im sexuellen Kontext insbesondere anal-oral, also beim Anilingus (Rimming), übertragen. Die infektiösen Körperflüssigkeiten des Hepatitis B schließen Samenflüssigkeit, Speichel, Tränenflüssigkeit, Urin, Vaginalsekret und insbesondere Blut ein. Risikobehaftet sind daher Anal-, Vaginal- und Oralsex sowie alle weiteren Spielarten, bei denen Kontakt mit diesen Körperflüssigkeiten besteht. Die Gefahr einer Infektion kann drastisch verringert werden durch Verwendung von Barrieremethoden (Kondom, Lecktuch), sowie durch eine Impfung, die in vielen Fällen von den Krankenkassen übernommen wird. Auch gemeinsame Benutzung zum Beispiel von Sexspielzeug oder Zahnbürsten kann das Virus übertragen. Hepatitis C wird über Blut übertragen, selten auch sexuell, wenn es dabei zu Kontakt zu Blut gibt.
Gegen Hepatitis A und Hepatitis B sind Impfungen möglich und empfohlen. Gegen Hepatitis C ist gegenwärtig kein Impfstoff in Sicht, es ist aber in 95 % der Fälle heilbar, meist in höchstens 3 Monaten.Impfung gegen Hepatitis A/B- Gelbsuchtformen A/B/C. Auf: praxis-wiesbaden.de vom 5. März 2016.
HPV Humane Papillomviren (HPV) gehören zu den häufigsten sexuell übertragbaren Infektionen. Die meisten dieser Infektionen verlaufen ohne Symptome. Die von HPV verursachten Feigwarzen kommen nicht nur auf Schleimhäuten, sondern im Genital- und Analbereich auch auf der Haut vor. Daher ist eine Übertragung auch durch engen Körperkontakt möglich.
Durch Verwendung von Kondomen kann eine HPV-Infektion nicht sicher verhindert werden. Infektiöse Stellen treten auch außerhalb der üblicherweise von Kondomen abgedeckten Hautbereiche auf, Schmierinfektionen sind möglich und die verantwortlichen Viren können außerhalb selbiger Bereiche eindringen (insbesondere durch Mikroverletzungen wie Rasurwunden).
Eine präventive Impfung gegen HPV ist möglich und für beide Geschlechter (seit 2018 für Jungen) von 9 bis 14 Jahren insbesondere vor dem ersten sexuellen Kontakt durch die Ständige Impfkommission (STIKO) empfohlen. Das Nachholen der Impfung empfiehlt sie ungeimpften Jugendlichen bis zu ihrem 18. Geburtstag. Je nach Lebensführung können auch Personen ab 18 von der Impfung profitieren.
Schutzmaßnahmen Umgang mit Kondomen, Handschuhen und Gleitmittel