Nigeria war 2022 mit umgerechnet 441 Milliarden USD vor der Republik Südafrika und Ägypten die größte Volkswirtschaft Afrikas, ist jedoch durch die neoliberale Wirtschaftspolitik des Präsidenten Tinubu, der bei seinem Amtsantritt 2023 die Landeswährung Naira freigab und die Subvention für Benzin strich, auf den vierten Platz zurückgefallen.
Da durch die Freigabe der Landeswährung durch Präsident Tinubu der Naira 2023/2024 innerhalb kurzer Zeit auf ein Fünftel seines vorherigen Wertes fiel, sind statistische Angaben zum Pro-Kopf-BIP (KKP) für die nächsten Jahre wenig aussagekräftig. In der Liste der Länder nach Bruttoinlandsprodukt pro Kopf sank 2024 der dort angegebene Wert für Nigeria um 49 % auf 1.084 USD (2022 lag er noch bei 9.148 USD). Statistisch gehört Nigeria damit trotz seiner Öleinnahmen zu den ärmsten Ländern der Welt.
Geschichtliches Vorkoloniale Zeiten, transatlantischer Sklavenhandel Um 1800 waren die 14 Hausa-Staaten im Norden Nigerias zivilisatorisch führend, so gab es zu diesem Zeitpunkt bereits eine Hausa-Literatur einschließlich geschichtlicher Werke (die Kano-Chronik) und anthropologischer Studien (über die Yoruba). Die Yoruba ihrerseits bildeten mit dem Oyo-Reich ein zweites Machtzentrum im vorkolonialen Nigeria, das eine überlegene Wirtschaftskraft mit militärischer Dominanz kombinierte. (Die Regionen der Hausa und nördlichen Yoruba sind eher von offener Vegetation geprägt; die Tsetsefliege spielt hier keine große Rolle – darum ließen sich hier Rinder und Pferde halten und eine Kavallerie aufbauen, mit der man umliegenden Reichen militärisch überlegen war. In beiden Kulturen spielen Pferde weiterhin eine wichtige traditionelle Rolle.) Sklaverei gab es seit Langem in weiten Teilen Nigerias, dies wurde aber seit 1700 zunehmend durch die europäische (zahlungskräftige) Nachfrage nach Sklaven für Plantagen in Nord- und Südamerika verschlimmert. mini|1790 veröffentlichte Zeichnung zusammengepferchter Afrikaner auf einem Sklavenschiff Europäische Handelsschiffe – Briten, Franzosen, Holländer, Dänen – ankerten vor der Küste (wo das Risiko auf durch Mückenstiche übertragene Tropenkrankheiten geringer war als an Land), lokale Händler fuhren auf Barkassen heran und boten ihre Waren feil. Dies waren neben Elfenbein und Gold auch Sklaven, entsprechend nannte man die westafrikanischen Küstenabschnitte Elfenbeinküste, Goldküste (Ghana) und Sklavenküste (Nigeria). Laut Historiker Toyin Falola wandelte sich nach 1700 durch die europäische Nachfrage das zuvor gemischte Wirtschaften in Südnigeria in eine regelrechte Sklavenökonomie. Weitere Nachfrager nach Sklaven waren die Fulani-Herrscher in Nordnigeria, die um 1805 die 14 Hausa-Staaten unterworfen und einen islamischen Gottesstaat errichtet hatten, womit ein zivilisatorischer, technologischer und wirtschaftlicher Abstieg Nordnigerias eingeläutet wurde.
Durch die Kontinentalsperre Napoleons verlagerte sich der transatlantische Sklavenhandel auf portugiesische, kubanische und brasilianische Schiffe. Die Anzahl der Verschiffungen und Versklavten vervielfachte sich (der transatlantische Sklaventransport erreichte um 1840 seinen schrecklichen Höhepunkt). Gleichzeitig griff die Presse mancher Länder die furchtbaren Bedingungen auf, unter denen afrikanische Menschen zusammengepfercht über den Atlantik transportiert wurden. England (1772), Schottland (1778) und Dänemark (1792) hatten die Sklaverei darum bereits verboten, Großbritannien erließ 1807 zudem den Slave Trade Act und machte seitdem auf dem Atlantik Jagd auf Sklavenschiffe (ein Großteil des Haushalts der Royal Navy wurde hierfür verwendet, die befreiten Sklaven ließ man in Freetown in Sierra Leone an Land). Die Royal Navy übte auch auf die lokalen Herrscher Druck aus, den Sklavenhandel zu unterbinden. Sie stieß dabei auf Widerstand, weil sich viele lokale Könige dadurch finanzierten, dass sie ihre Untertanen in die Sklaverei verkauften (wie z. B. die Könige von Benin oder König Pebble von Bonny). In Lagos lag der Sklavenhandel in der Hand der Schwester des Königs, Efunroye Tinubu. Der örtliche Adel hatte darum wenig Interesse, dem etwas plötzlichen britischen Wandel von Sklavenhändlern zu Sklavereigegnern zu folgen. Zur gleichen Zeit begannen pietistische Missionare aus Großbritannien, Deutschland und der Schweiz, in Badagry, Abeokuta und Calabar Posten zu errichten. Hier errichteten sie Kirchen, Spitäler und Missionsschulen, aber auch zu ihrer Finanzierung Handelshäuser (der größte Kakaohändler Nigerias hieß darum auch „Basler Mission“). Die Tätigkeit der Missionare erregte ebenfalls den Unmut der lokalen Herrscher, worauf die Missionare in der Heimat um Schutz baten. Durch die Verbreitung von Chinin als Prophylaxe gegen Malaria war es seit 1855 möglich, europäische Truppen dauerhaft auf dem afrikanischen Festland zu stationieren. In London, Paris, Brüssel usw. hielt man es darum für notwendig und machbar, punktuell eigene Machtbereiche entlang der westafrikanischen Küste zu errichten; das für Europäer beschämende Kapitel „Transatlantischer Sklavenhandel“ wurde dadurch beendet, dass man ein anderes beschämendes Kapitel aufschlug: das der Kolonialherrschaft.
mini|James Davies, einer der wenigen dunkelhäutigen Offiziere in der Royal Navy vor 1900 und Brecher des brasilianischen Kakaomonopols
Nachdem Lagos 1851 zum „Konsulat“, 1855 Marinestützpunkt und 1861 zu einer britischen Kolonie (und zum Kern der zukünftigen Kolonie Nigeria) geworden war, war der transatlantische Sklavenhandel von der nigerianischen Küste nach Amerika Geschichte. Die Lagunenstadt begann 1861 stattdessen einen rasanten Aufstieg zum regional dominanten Handelszentrum. Die lokalen Handelsfürsten und Geldverleiher (überwiegend „Saro“, also aus Sierra Leone zurückgekehrte Sklaven, und „Aguda“, aus Brasilien und Kuba rückmigrierte Ex-Sklaven) verwandelten in einem 30-jährigen Wirtschaftsboom die sumpfige Insel Lagos in ein „Venedig Westafrikas“ und legten den Grundstein für die heutige Finanz-, Handels-, Technologie- und Medienmetropole.
Die Jahre nach dem Wiener Aktiencrash wurden von einer lange anhaltenden Weltwirtschaftskrise geprägt (1873 bis 1888), während in Brasilien die dortigen Kautschuk- und Kakaobarone mit ihrem Reichtum protzten (diese ließen sich sogar Opernhäuser und Theater aus importierten Baumaterialien in den Dschungel stellen). 1879 brach der zu nigerianischen Eltern geborene Kapitän James Davies auf abenteuerliche Weise das brasilianische Kakaomonopol und machte die hauptsächlich von Yoruba bewohnte Gegend rund um Lagos durch die Produktion des Schokoladenrohstoffes recht wohlhabend (bis sie um 1930 von der Elfenbeinküste überflügelt wurde). Ereignisse wie diese lösten in Europa den „Wettlauf um Afrika“ aus – die völkerrechtswidrige Ausweitung der zuvor punktartigen Kolonien in die Fläche, um dort die kälteempfindlichen, aber hochprofitablen Kakao- und Kautschukpflanzen kultivieren zu können. Wenig später, von 1893 bis 1903, breitete Großbritannien seine kolonialen Besitzungen im heutigen Nigeria aus, zuerst ins Land der Yoruba, am Ende auf Kosten des Fulani-Reiches im Norden. Dabei setzte man eine neuartige Waffe ein: das Maschinengewehr, die „Maxim“. Im Januar 1914 konsolidierte die Kolonialmacht das eroberte Territorium unter dem Kunstnamen „Nigeria“, um ein Gegengewicht zur 1911 beinahe an Fläche verdoppelten deutschen Kolonie Kamerun zu bilden (siehe Zweite Marokkokrise).
Kolonialwirtschaft Die nigerianische Volkswirtschaft war zu kolonialen Zeiten unter den Briten vor allem vom Export von Kakao, Palmöl sowie Erdnüssen und damit von den Schwankungen des jeweiligen Weltmarktpreises abhängig. Importiert wurden vor allem Spirituosen (Rum, Schnaps, Gin/Genever) sowie in sehr viel geringerem Maße englisches Tuch, Baumaterialien und an vierter Stelle Maschinen/Werkzeuge (dies widerlegt Thesen von z. B. Werner Sombart, der die Kolonialherrschaft entwickelter, aber gesättigter Ökonomien – „schrumpfende Märkte“ – über unterentwickelte Länder als Absatzmärkte ihrer technologischen Produkte für zwingend notwendig erachtete). Die nigerianische Handelsbilanz war zu kolonialen Zeiten weitgehend ausgeglichen. Der Staatshaushalt des Gouverneurs finanzierte sich zu über 95 % über Ein- und Ausfuhrzölle; die Südhälfte der Kolonie gehörte dank ihrer Seehäfen wie Lagos, Badagry, Warri, Port Harcourt, Bonny und Calabar zu den wenigen „profitablen“ Kolonialverwaltungen in Afrika, der ärmliche und feudale Norden musste dagegen von der britischen Krone finanziert werden.
Als britische Kolonie genoss Nigeria die „Imperial Preference“ (Reichsbevorzugung) – eine Zollermäßigung des Vereinigten Königreiches für seine Kolonien und Dominien auf ein Viertel dessen, was auf Importe aus anderen Ländern erhoben wurde. (Damit sollten – verstärkt nach der Wirtschaftskonferenz des Empires in Ottawa 1932 – die britisch beherrschten Territorien zu einer gemeinsamen Wirtschaftszone zusammengebracht werden. Großbritannien regierte damals über ein Viertel der Menschheit, die „Imperial Preference“ bedeutete also eine sehr große Wirtschaftsunion.) Abgerechnet wurde mit dem Westafrikanischen Pfund, das 1:1 mit dem Britischen Pfund verbunden war. Dies brachte Nigeria finanzpolitische Stabilität, lähmte aber auch z. B. seit 1925 nach der Rückkehr Großbritanniens zum Goldstandard die Wirtschaft sowohl im Mutterland als auch in Kolonien wie Nigeria. Nigeria litt damit bereits als Kolonie an einer überbewerteten Landeswährung (siehe „Politik des starken Naira“ in den späteren Kapiteln) und den daraus folgenden wirtschaftlichen Folgen. Dazu gehörte auch, dass die Elfenbeinküste als französische Kolonie Nigeria als weltweit führenden Kakaoproduzenten überholte und die Kakaobäume in Agege 1930 abgeholzt wurden.
mini|Jacob K. Coker, Begründer der ersten landwirtschaftlichen Genossenschaft in Afrika, Vater des Kakaoanbaus rund um Lagos sowie der African Church
Die Kolonialwirtschaft Nigerias unterschied sich in mehreren Punkten von anderen afrikanischen Kolonien dieser Zeit. Nigeria war bezüglich Einwohnerzahl nach Indien die zweitgrößte Kolonie der Briten (Kanada, Australien, Neuseeland und Südafrika waren Dominien, Ägypten war formell ein eigenständiges Königreich) und die Kolonialmacht versuchte, das Land mit möglichst geringem eigenen Personalaufwand zu beherrschen. Gegen diesen Hintergrund nutzte man intensiv das einheimische Humanpotenzial und gewährte dafür bürgerliche und wirtschaftliche Freiheiten, die in anderen afrikanischen Kolonien unbekannt waren.