mini|180px|rechts|Ludwig Tieck, nach einem Gemälde von Joseph Karl Stieler aus dem Jahr 1838

Der junge Tischlermeister. Novelle in sieben Abschnitten sind Titel und Untertitel eines 1836 bei Reimer in Berlin publizierten ZeitromansJoachim Worthmann (siehe Schwarz S. 304), zitiert in Schwarz, S. 170, 1. Z.v.o. von Ludwig Tieck. Erzählt wird die Geschichte des jungen Tischlermeisters Leonhard, der von seinem Freund Baron Elsheim zum Bühnenbau und Theaterspielen auf sein abgelegenes Schloss eingeladen wird, sich dort in der vom Alltag abgehobenen Kunstwelt in eine der adligen Amateurschauspielerinnen verliebt und in Gefühlsverwirrungen und Beziehungskonflikte mit dem Freund gerät. In die Handlung einbezogen sind zahlreiche Gespräche über Literatur und Kunst, Theatergesellschaft und bürgerliches Leben, die Doppelnatur des Menschen mit irrational-emotionalen, rational schwer kontrollierbaren Phasen, Kunsthandwerk und Maschinenfabrikation und die gesellschaftlichen Prozesse der Zeit.

Inhalt Überblick Der erste Abschnitt der Novelle spielt 1802Quelle S. 487, 4. Z.v.o. beim Tischlermeister Wilhelm Leonhard und seiner Familie in einer nicht benannten Stadt mit Handwerksbetrieben, „mechanischen Anstalten“ und „Fabriken“.Quelle S. 568, 11. Zeile von unten Leonhard wird von seinem Freund Baron Friedrich Elsheim zum Bühnenbau und Theaterspiel auf sein Schloss nahe der Grenze zu Franken eingeladen. An diesem Haupthandlungsort übt eine kleine, meist adlige Amateurtheater-Gesellschaft einige Wochen lang ihre Stücke ein, führt sie auf und trägt dazwischen ihre Beziehungskonflikte aus, in die der Tischlermeister hineingezogen wird (3. bis 5. Abschnitt). Zu Romanende reist Leonhard durch Franken, wo er seiner Jugendliebe begegnet, und kehrt dann zu seiner Familie zurück.

Leonhards Handwerkerfamilie Die Romanhandlung spielt im Jahr 1802Hinweis auf den kürzlich veröffentlichten Roman Heinrich von Ofterdingen. Ludwig Tieck: Der junge Tischlermeister. In: Ludwig Tieck, Werke in vier Bänden. Band 4: Romane. Herausgegeben und mit Nachwort und Anmerkungen versehen von Marianne Thalmann. Winkler-Verlag, München 1966, S. 335 und Angabe S. 478. in Wilhelm Leonhards Heimat und auf Baron Friedrich Elsheims Gut im Mittelgebirge.vermutlich in Thüringen an der Grenze zu Franken Der Tischlermeister Leonhard hat in einer Stadt mit Manufakturen und Fabriken ein ansehnliches Handwerkergeschäft mit vier Gesellen und fünf Lehrburschen und ist seit anderthalb Jahren mit seiner Kinderliebe Friederike verheiratet. Die beiden haben das Waisenkind Franz bei sich als Pflegesohn aufgenommen. Ihre Beziehung scheint glücklich, aber ohne Leidenschaft, nach der Meinung Freund Elsheims die Voraussetzung für eine stabile Ehe.1. Teil, 1. Abschnitt, 1. Absatz: I, 1, 1: Ludwig Tieck: Der junge Tischlermeister. In: Ludwig Tieck, Werke in vier Bänden. Band 4: Romane. Herausgegeben und mit Nachwort und Anmerkungen versehen von Marianne Thalmann. Winkler-Verlag, München 1966, S. 209 ff.

Einerseits ist die bürgerliche Lebensweise Leonhards Grundlage, andererseits empfindet er sich als Künstler und denkt mit Sehnsucht an die unbeschwerte Wanderschaft vor ca. 10 Jahren als Tischlergeselle mit einer Jugendliebe in Franken. Wenn er den Ablauf des Jahres verfolgt, wird ihm „so kläglich zu Sinne, dass [er] aus Wehmut auf das Zwitschern der Schwalben hört[-] und fast weinen muss[-], als das Abendlied der alten Wollspinnerin von drüben herübertönt[-]. So ist es, aber was es ist, kann [er] selbst nicht sagen.“Ludwig Tieck: Der junge Tischlermeister. In: Ludwig Tieck, Werke in vier Bänden. Band 4: Romane. Herausgegeben und mit Nachwort und Anmerkungen versehen von Marianne Thalmann. Winkler-Verlag, München 1966, S. 209 ff. Beim Abendessen erzählt er seinen Angestellten von seiner Wanderschaft und das Thema Reisen dominiert auch die Unterhaltung mit seinem Handwerkerfreund Krummschuh: Sie unterhalten sich über spukhafte Erscheinungen am Ochsenkopf im Fichtelgebirge und er berichtet über seine Kindheit, die Lateinschule, dann die Ausbildung zum Tischler, die er einem trockenen Faktenwissen-Studium vorgezogen hat. Eine Gegenfigur zu ihm scheint der pedantische Magister Fülletreu zu sein, der Franz unterrichtet. Dessen unglückliche Liebesgeschichten und Misserfolge bei Anstellungen als Pfarrer kontrastieren mit Leonhards Biographie, aber im letzten Abschnitt kommt seine verdrängte Innenwelt, seine lange verheimlichte Liebe zu Friederike, zum Ausbruch.

Leonhards pragmatische Frau ahnt nichts von diesen dämonischen Gefährdungen. Sie hat Verständnis für den Wandertrieb ihres Mannes und akzeptiert, wenn auch etwas enttäuscht, seinen Wunsch, das Angebot seines abenteuerlustigen Jugendfreundes, des Barons Friedrich Elsheim, anzunehmen, ihn für einige Wochen auf das von ihm übernommene Landgut seiner Familie zu begleiten, um dort in den Rittersaal des Schlosses eine Bühne für Theateraufführungen einzubauen. Als erstes Stück ist Goethes „Götz von Berlichingen“ geplant, in dem er eine Rolle übernehmen könnte. Das ist für Leonhard, der einmal Schauspieler werden wollte, eine große große Verlockung.1. Teil, 1. Abschnitt, 2. Absatz: I, 1, 2: Ludwig Tieck: Der junge Tischlermeister. In: Ludwig Tieck, Werke in vier Bänden. Band 4: Romane. Herausgegeben und mit Nachwort und Anmerkungen versehen von Marianne Thalmann. Winkler-Verlag, München 1966, S. 225 ff.

Reise zu Elsheims Gut Auf dem Weg zum Gut freuen sich beide an der nach drei Tagen erreichten Mittelgebirgslandschaft und erinnern sich an ihre früheren Reisen, Leonhard durch Franken und das Rheinland, Elsheim durchs Neckartal nach Heidelberg.1. Teil, 2. Abschnitt, 2. Absatz: I, 2, 2: Ludwig Tieck: Der junge Tischlermeister. In: Ludwig Tieck, Werke in vier Bänden. Band 4: Romane. Herausgegeben und mit Nachwort und Anmerkungen versehen von Marianne Thalmann. Winkler-Verlag, München 1966, S. 268 ff. Ein gemeinsamer Bezugspunkt sind die historischen Burgen Götz von Berlichingens. V. a. sprechen sie über ihre Lebenseinstellungen, ihre Pläne, den gesellschaftlichen Wandel und die Kunst1. Teil, 2. Abschnitt, 1. Absatz: I, 2, 1: Ludwig Tieck: Der junge Tischlermeister. In: Ludwig Tieck, Werke in vier Bänden. Band 4: Romane. Herausgegeben und mit Nachwort und Anmerkungen versehen von Marianne Thalmann. Winkler-Verlag, München 1966, S. 242 ff. und merken dabei, dass sie sich seit ihrer Jugendfreundschaft unterschiedlich entwickelt haben und zu Kontrastfiguren geworden sind. Leonhard ist ernsthaft und verantwortungsbewusst, während Friedrich sich die Abenteuerlust und Leichtlebigkeit erhalten hat. Er will die Fülle des Menschseins aus der Jugendzeit und auch in Liebesangelegenheiten bei rauschhaften Festen mit gutem Essen und Trinken weiter genießen und versucht den Freund, während ihres Urlaubs zu mehr Freizügigkeit ermuntern. Während ihrer Fahrt mit der Kutsche erinnern sie sich an frühere Erlebnisse und Leonhard erzählt von seiner Bekanntschaft mit dem katholischen Mädchen Kunigunde vor ca. 10 Jahren in der Nähe von Bamberg.I, 2, 2: Ludwig Tieck: Der junge Tischlermeister. In: Ludwig Tieck, Werke in vier Bänden. Band 4: Romane. Herausgegeben und mit Nachwort und Anmerkungen versehen von Marianne Thalmann. Winkler-Verlag, München 1966, S. 268 ff. Er war ihr Beschützer vor einem wilden Burschen namens Wassermann, aber wegen ihrer unterschiedlichen Konfessionen und regionalen-familiären Bindungen schien ihre Liebe keine Zukunft zu haben und sie trennten sich. Dass Leonhard die sexuelle Bereitschaft Kunigundes nicht genutzt hat, kann Elsheim nicht verstehen.

Auch bei anderen Themen sind sie unterschiedlicher Auffassung. Friedrich bemerkt die Melancholie seines Freundes und fragt ihn, warum er nicht bei seinem Können seinen Betrieb ausbaue, als Designer Pläne entwerfe und die Arbeiten von seinen Angestellten ausführen lasse. Wilhelm lehnt dies ab. Er habe auf ein akademisches Studium verzichtet, weil er den direkten Kontakt mit den verschiedenen Holzmaterialien haben möchte. Er kritisiert auch die neue Möbelfabrikation und bevorzugt die alte handwerkliche Zunfttradition mit der Handwerkerfamilie. In der industriellen Entwicklung sieht er die Gefahr „einer allgemeinen Knechtschaft entgegenzugehen, und dass man uns vorpredigt, nur Geld zu erwerben zu suchen, um Luxus, Ausschweifungen und Sklavenhochmut Ketten wie Freiheit verlachen zu können.“Ludwig Tieck: Der junge Tischlermeister. In: Ludwig Tieck, Werke in vier Bänden. Band 4: Romane. Herausgegeben und mit Nachwort und Anmerkungen versehen von Marianne Thalmann. Winkler-Verlag, München 1966, S. 261. Er warnt vor dem neuen Geist des Nützlichkeits- und Erwerbsprinzips, bei dem die Lebensfreude und das Spiel als Ausgleich der Triebe zu kurz komme und der Vernunftbegriff einseitig definiert werde: Die Vernunft könne nur das Gleichgewicht sein. „Denn nicht will der Mensch bloß Mensch sein, er will auch nicht bloß nützlich und erwerbend und Bürger sein, sondern zuzeiten etwas anders außer sich vorstellen. Dieser Trieb, uns außer uns zu versetzen, ist einer der gewaltigsten und unbezwinglichsten, weil er gerade die tiefste Eigentümlichkeit in uns entbindet.“Ludwig Tieck: Der junge Tischlermeister. In: Ludwig Tieck, Werke in vier Bänden. Band 4: Romane. Herausgegeben und mit Nachwort und Anmerkungen versehen von Marianne Thalmann. Winkler-Verlag, München 1966, S. 263. Als Beispiele nennt Leonhard Aufzüge, Spiele, Repräsentationen aller Art, allegorisch oder komisch, in Scherz und Ernst.

In diese Zeitkritik bezieht Leonhard auch die Kunst mit ein. Er liebt die Verzierungen und Farbgestaltungen der Vergangenheit gegenüber der nüchternen Formgestaltung der Aufklärungszeit, aber die Rokoko-Überladung lehnt er ab: „Gewaltsame Leidenschaften, erschreckendes Unglück, tolle Ausschweifungen sind wohl sehr oft Mangel an Geschick und Kunstsinn zu nennen“. Dies sei das Leben. Jeder Mensch sei eben „aus Widersprüchen zusammengesetzt“ und deren Lösung wolle er probieren. Sein Ideal ist die Verbindung der Widersprüche zwischen der „geraden und krummen Linie, der notwendige Zierrat, der dem nackten Leben zur schmückenden Umkleidung gegeben wird. […] Was sich zu widersprechen scheint, vereinigt sich gelinde und schön, gerade das, was überflüssig und unvernünftig aussieht, ist es, was dem Wahren, Festem und Richtigem Gehalt und Schönheit gibt“.Ludwig Tieck: Der junge Tischlermeister. In: Ludwig Tieck, Werke in vier Bänden. Band 4: Romane. Herausgegeben und mit Nachwort und Anmerkungen versehen von Marianne Thalmann. Winkler-Verlag, München 1966, S. 249. Leonhard sucht den Ausgleich.I, 2, 4: Ludwig Tieck: Der junge Tischlermeister. In: Ludwig Tieck, Werke in vier Bänden. Band 4: Romane. Herausgegeben und mit Nachwort und Anmerkungen versehen von Marianne Thalmann. Winkler-Verlag, München 1966, S. 298 ff. Deshalb warnt er auch vor einem ekstatisch-rauschhaften Künstlertum, einer Vereinigung des Bewusstseins mit dem „Nichtbewusstsein“, wie es die zwei Musiker nach ihrer Verulkung des bürgerlichen Publikums einer kleinen StadtI, 2, 3: Ludwig Tieck: Der junge Tischlermeister. In: Ludwig Tieck, Werke in vier Bänden. Band 4: Romane. Herausgegeben und mit Nachwort und Anmerkungen versehen von Marianne Thalmann. Winkler-Verlag, München 1966, S. 283 ff. im Wirtshausgespräch mit den beiden Freunden mit Zustimmung Elsheims proklamieren. Alles sei nur bis zu einer Grenze reizvoll und fördernd. Bei deren Überschreitung werde „das Beste nur Torheit und die höchstem Weisheit Wahnsinn“. Es bedürfe auch in der Kunst der Schranken der „Ordnung, Ruhe, Selbstbeobachtung und nüchterner Zweifel“, in der Mäßigkeit und Notwendigkeit.Ludwig Tieck: Der junge Tischlermeister. In: Ludwig Tieck, Werke in vier Bänden. Band 4: Romane. Herausgegeben und mit Nachwort und Anmerkungen versehen von Marianne Thalmann. Winkler-Verlag, München 1966, S. 300.

Amateurtheater im Schloss