Eine Intervention in der Bildenden Kunst ist ein kommentierender Eingriff in ein bestehendes Kunstwerk, eine Sammlung oder in den öffentlichen Raum.

Definition und Geschichte Zu unterscheiden sind Interventionen in den Außenraum und in den Raum öffentlicher Institutionen wie Museen. Sie können, ähnlich wie die Performance, von temporärer Dauer sein. Doch gibt es auch dauerhaft zurückbleibende Eingriffe, etwa in Dauerausstellungen oder Architekturen. Interventionen gehören zur ortsspezifischen Kunst.Uwe Lewitzky: Kunst für alle? Kunst im öffentlichen Raum zwischen Partizipation, Intervention und Neuer Urbanität. transcript, Bielefeld 2005.

Interventionen kamen in den 1960er-Jahren auf und bezogen sich auf das veränderte Rollenverständnis der Künstlerin und des Künstlers als gesellschaftliche Reformer. Sie gehören in den Bereich der aktivistischen Kunst.Stephan Geene: Interventionismus und Aktivismus. In: Hubertus Butin (Hrsg.): DuMonts Begriffslexikon zur zeitgenössischen Kunst. DuMont, Köln 2006, S. 138–141. In Anlehnung an die Intervention in der Politik zeigen interventionistische Praktiken „gesellschaftskritische Handlungsoptionen“ auf.Friedrich von Borries et al.: Glossar der Interventionen. Annäherung an einen überverwendeten, aber unterbestimmten Begriff. Merve, Berlin 2012, S. 100. Kritisiert wird die Vereinnahmung des Begriffs in Guerilla Marketing und seine Institutionalisierung in der Kunstförderung, wodurch er sein subversives Potential zu verlieren drohe.Friedrich von Borries et al.: Glossar der Interventionen. Annäherung an einen überverwendeten, aber unterbestimmten Begriff. Merve, Berlin 2012, S. 102.

Die Intervention taucht in musealen Kontexten auf oder als Kunst im öffentlichen Raum. Bedeutende Vertreter sind Daniel Buren, Guerrilla Girls, Christian Hasucha, Gordon Matta-Clark, Pussy Riot, Fred Wilson, WochenKlausur.

Museumsintervention Eine Unterform ist die künstlerische Intervention in Museen. Hierunter wird die Einladung an Künstler verstanden, mit spezifischen Beständen einer Museumssammlung zu arbeiten. Aus der Zusammenarbeit von Museum mit Künstlern entstehen temporäre, manchmal dauerhafte Neuinszenierungen der Schauräume. Mit diesem Neuarrangement oder der Neugestaltung von Sammlungsräumen geht der Typus des Künstler-Kurators einher.Natalie Musteata: The "I" of the Artist-Curator. Diss., City University of New York, 2018, veröffentlicht in CUNY Academic Works 2019. Die Museumsintervention ist im Zuge der künstlerischen Kritik an den Institutionen seit den 1970er-Jahren sowie einer einsetzenden Selbstreflexion der Institutionen zu verorten.Claire Robins: Curious Lessons in the Museum. The Pedagogic Potential of Artist's Interventions. Routledge, New York 2013.

Kunstmuseen 1970 lud das Rhode Island School of Design Museum den Künstler Andy Warhol zu einer Beschäftigung mit dessen Beständen ein. Ergebnis war "Raid the Icebox 1". Statt Hauptwerke auszuwählen und hervorgehoben zu präsentieren, präsentierte Warhol eine eklektische Ansammlung ganzer Sammlungsbereiche des Museums. Dabei vermied er jegliche museale Konventionen und traditionelle Hängung nach Themen, Schulen oder Gattung. Gemälde hingen neben Objekten der sogenannten angewandten Künste, Originale neben Reproduktionen, Hochkunst und Pop vermengten sich. Das Display orientierte sich an den Depots von Kunstmuseen. Es folgten unter anderem die Ausstellungsreihe "The Artist's Eye" der National Gallery London (1989-heute) und "Artist's Choice" des Museum of Modern Art in New York.

Kunstgewerbemuseen In Europa experimentierte das Wiener Museum für angewandte Kunst (MAK) als eines der ersten Häuser mit dem Format einer dauerhaften künstlerischen Intervention in die Schausammlung. Zur Neueröffnung des MAK nach umfassender Generalsanierung im Jahr 1993 gestalteten zeitgenössische Künstler die Säle der Sammlungsbereiche neu. Die Objekte des Museums wurden von den beauftragten zeitgenössischen Künstlern in Absprache mit den Kustoden ausgewählt.Peter Noever (Hrsg.), MAK & Wien: Prestel Museumsführer, München 2002. Die neuen Präsentationsformen entfachten einen Dialog zwischen Gegenwartskunst und den Künsten aus früheren Epochen. Durch die Displays griffen sie Wertzuschreibungen zwischen angewandter und bildender Kunst kommentierend auf, kritisierten Geschlechterstereotype oder Fortschrittsnarrative.

Günther Förg, Romanik-Gotik-Renaissance, 1993: farbige Fassung der Wände, Neugestaltung der Vitrinen Donald Judd, Barock-Rokoko-Klassizismus, 1993: Raum-in-Raum-Lösung für das Dubsky-Porzellankabinett und Vitrine für den Zwettler Tafelaufsatz Franz Graf: Renaissance-Barock-Rokoko, 1993 Jenny Holzer: Empire-Biedermeier, 1993: Aluminiumsofa nach dem Original von Josef Danhauser, Neon-Schriftbänder unterhalb der Decke. In einem zur Eröffnung veröffentlichten Text beschreibt sie ihre Tätigkeit ironisch: „Ausserdem arrangierte ich die Möbel, das Silber, Glas und Porzellan, wie jede gute Hausfrau es tut.“Peter Noever (Hrsg.), MAK & Wien: Prestel Museumsführer, München 2002, S. 50. (Jenny Holzer, 1993) Barbara Bloom: Historismus-Jugendstil, 1993: Schattenprojektion und Neu-Präsentation der Thonet-Stühle, aufgereiht wie in einem Warenhaus. Heimo Zobernig: Wiener Werkstätte, 1993: Wandgalerie für das Archiv der Wiener Werkstätte, farbige Fassung der Wände Gangart: Orient, 1993: Hängung und Legung der Teppiche auf senk- und waagrechten Präsentationsfläche

Zu einem späteren Zeitpunkt hinzu kam: Tadashi Kawamata, Asien, 2014.Asien, auf mak.at Nicht alle Raumkonzeptionen haben sich bis heute erhalten.

Ethnologische Museen Seit den 2000er-Jahren wird eine umfassende Erneuerung der ethnologischen Museen angestoßen, dabei die Forderungen und Debatten der postkolonialen Theorie aufgreifend. Eine beliebte kuratorische Strategie ist es, Künstler für diese institutionelle Neuausrichtung zu gewinnen und sie mit dem Problematisieren institutioneller Ausschlussmechanismen zu beauftragen.Bärbel Küster: Aspekte der Positioniertheit, Interventionen zeitgenössischer Künstler*innen in ethnologischen Sammlungen aus kunstwissenschaftlicher Sicht, in: 21 Inquires into Art, History, and the Visual, 1.2022, S. 127–156, https://doi.org/10.11588/xxi.2022.1.85729. In temporären Interventionen erhalten Künstler Gastaufenthalte, um an den Beständen die rassistische Sammlungs- und Repräsentationspolitik der Institution aufzuzeigen,Ausstellung „Ware und Wissen“, Interventionen von Peggy Buth, Minerva Cuevas, Luke Willis Thompson, David Weber-Krebs, kuratiert von Clémentine Deliss und Yvette Mutumba, 16. Januar 2014 -4. Januar 2015, „Ware und Wissen“, auf weltkulturenmuseum.de problematische Provenienz- und Erwerbungsgeschichten ans Licht zu bringen oder die Rückführung von menschlichen Körpern aus Kolonialzusammenhängen zu fordern. Die Entscheidung der ethnologischen Museen für das Format der Museumsintervention wird debattiert: Auf diese Weise würden institutionelle Verantwortlichkeiten outgesourct, mit denen die Häuser selbst umzugehen hätten.Die Kritik und Debatte fasst zusammen Bärbel Küster: Aspekte der Positioniertheit, Interventionen zeitgenössischer Künstler*innen in ethnologischen Sammlungen aus kunstwissenschaftlicher Sicht, in: 21 Inquires into Art, History, and the Visual, auf journals.ub.uni-heidelberg.de

Siehe auch Kunst im öffentlichen Raum Environment Land Art Installationskunst Institutionskritik Konzeptkunst

Literatur

Claire Bishop: Seizing the Moment. Interventions. In: Claire Bishop: Disordered Attention. How We Look at Art and Performance Today. Versoo, London / New York 2024, ISBN 978-1-80429-288-4, S. 123–154. Bärbel Küster: Aspekte der Positioniertheit. Interventionen zeitgenössischer Künstler*innen in ethnologischen Sammlungen aus kunstwissenschaftlicher Sicht. In: 21 Inquiries into Art, History, and the Visual, 1.2022, S. 127.156, https://doi.org/10.11588/xxi.2022.1.85729. Uwe Lewitzky: Kunst für alle? Kunst im öffentlichen Raum zwischen Partizipation, Intervention und Neuer Urbanität. Bielefeld: transcript, 2005.

Claire Robins: Curious Lessons in the Museum. The Pedagogic Potential of Artist's Interventions. Routledge, New York 2013, ISBN 978-1-4094-3617-1. Friedrich von Borries et al.: Glossar der Interventionen. Annäherung an einen überverwendeten, aber unterbestimmten Begriff. Merve, Berlin 2012, S. 102.

Weblinks

Einzelnachweise

Kategorie:Bildende Kunst Kategorie:Kunst im öffentlichen Raum