Wissenschaft und Technik in der DDR unterlagen den ideologischen Vorgaben des Staates und damit der SED, die sich selbst einem wissenschaftlichen Sozialismus verpflichtete. Dies betraf die Schwerpunkte der Forschung und den Umgang mit den Ergebnissen in den Hochschulen und in der Industrie.
Ideologisch-gesellschaftliche Bedingungen Der marxistische Fortschrittsglaube gab der Entwicklung von Wissenschaft und Technik vor, die Produktivkräfte zu steigern und die erforderlichen Ressourcen für den Sozialismus zu liefern.Jessen: Akademische Elite. S. 148f. Walter Ulbrichts Parole „Chemie bringt Brot – Wohlstand – Schönheit“Hans-Hermann Hertle, Stefan Wolle: Damals in der DDR. Der Alltag im Arbeiter- und Bauernstaat. München 2004, S. 120. Ulbrichts Aussage auf der Chemiekonferenz 1958 in Leuna lautete genau: „Chemie bringt Brot, wissenschaftlich-technischen Fortschritt, hohe Arbeitsproduktivität und Wohlstand für das ganze Volk.“ drückte das Vertrauen in die „Chemisierung“ von Produktion und Landwirtschaft 1958 einprägsam aus. Eine weitere Aufgabe war das Hervorbringen einer „technischen Intelligenz aus den Reihen der Arbeiterklasse und der mit ihr verbündeten Schichten“ (II. Parteikonferenz der SED 1952). Entsprechend stiegen die allgemeinen Studenten- (von 31.000 auf etwa 100.000) und Dozentenzahlen bis 1960 stark an, besonders im naturwissenschaftlich-technischen Bereich.Jessen: Akademische Elite. S. 43. 1964 erhob die SED die Wissenschaft neben Kapital, Arbeit und Boden zur „vierten Produktivkraft“ der „wissenschaftlich-technischen Revolution“ (WTR). Die Ideologie beinhaltete die Vorstellung, dass die Schaffenskraft der Werktätigen zusammen mit dem kreativen Einsatz von Wissenschaft und Technik durch die Intelligenzler das Leben bis zum Kommunismus verbessern werde (Technikoptimismus). Der Forschungsrat der DDR übte die politische Aufsicht aus. Im Zentralkomitee der SED war unter dem für Kultur und Bildung zuständigen Sekretär Kurt Hager der Abteilungsleiter Johannes Hörnig von 1955 bis 1989 für den Bereich Wissenschaft zuständig.
Dieser Vorstellung standen ungünstige Arbeitsbedingungen für Wissenschaftler und Ingenieure entgegen: eine im Vergleich immer schlechtere wirtschaftliche Situation als in der Bundesrepublik, schlechte Bezahlung, ein Akademikermangel und die Ost-West-Konkurrenz. Die Gesellschaftswissenschaften unterlagen in der DDR dem ideologischen Diktat des herrschenden Marxismus-Leninismus, dessen Inhalte auch in den Naturwissenschaften bestätigt werden sollten. Jürgen KockaWissenschaft und Politik in der DDR. In: Jürgen Kocka, Renate Mayntz (Hrsg.): Wissenschaft und Wiedervereinigung. Disziplinen im Umbruch. Berlin 1998. und Detlef PollackDetlef Pollack: Modernization and Modernization Blockages in GDR Society. In: Konrad Jarausch (Hrsg.): Dictatorship as Experience: Towards a Socio-Cultural History of the GDR. New York / Oxford 1999, S. 27–45 betonen, der Anspruch der DDR-Obrigkeit auf allumfassende politische Steuerung sei gerade im Bereich der Forschung nicht durchzusetzen gewesen. So ermöglichten wirtschaftliche Vorgaben und persönliche Zugänge auch unkonventionellen Wissenschaftlern wie Werner Hartmann und Manfred von Ardenne zeitweise größere Freiräume. Manfred von Ardenne hat in Dresden das mit knapp 500 Mitarbeitern bedeutendste private Forschungsinstitut im gesamten Ostblock aufgebaut. Den ideologischen Vorgaben stand auch eine hohe Praxis- und Anwendungsorientierung der Forschung entgegen.
mini|Halbleiterproduktion im VEB Kombinat Mikroelektronik Erfurt
Die Finanzierung der Hochschulen und Forschungsinstitute erfolgte durch den Staat. Um jedoch die praktische Anwendung zu verbessern, wurden Forschungsprojekte auch in hohem Maße durch die staatlichen Industriekombinate gefördert, die mit Instituten der Akademie der Wissenschaften der DDR kooperierten. 1976 entstanden Akademie-Industrie-Komplexe, beispielsweise für Arzneimittelforschung zwischen dem Institut für Wirkstofforschung und dem VEB Berlin-Chemie. Auch Hochschulen sollten mit der Industrie kooperieren und durch sie finanziert werden, was die Entstehung von „Haushochschulen“ großer Kombinate begünstigte.Ralf Rytlewski: Wissenschaft, Forschung und Technologie. In Ploetz: Die DDR. Daten, Fakten, Analysen. Herausgegeben von A. Fischer, aktualisiert von F. Bedürftig. Köln 2004, S. 217, 220.
Eigenständige Industrieforschung wurde mit erheblichem Personaleinsatz in den großen Kombinaten betrieben. Zentren moderner Hochtechnologie waren zum Beispiel das Kombinat Mikroelektronik Erfurt, das Kombinat Carl Zeiss Jena und das Kombinat Robotron mit Schwerpunkt Dresden, die sich aber immer an der staatlichen Planung orientieren mussten.
Ergebnisse der Wissenschaftspolitik
Ein zwiespältiges Bild bot das Niveau der Forschung. Zwar konnte die DDR auf einem stark mathematisch-naturwissenschaftlich orientierten Schulsystem aufbauen und hochqualifizierte Studenten und Nachwuchswissenschaftler ausbilden, doch für die Spitzenforschung im Weltmaßstab fehlten die Mittel und der ungehinderte Zugang zu den Publikationen und Fachkongressen der internationalen Wissenschaftsgemeinschaft. Die Zusammenarbeit innerhalb des Ostblocks konnte dies kaum ersetzen. Kein Forscher der DDR erhielt einen Nobelpreis.
Nur teilweise konnte die systematisch betriebene Wirtschaftsspionage durch die Hauptverwaltung A des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) Ersatz beschaffen, wo es einen eigenen „Sektor Wissenschaft und Technik“ gab. Einen Einblick in den Umfang der Aktivitäten gewann der Westen bereits durch den Überläufer Werner Stiller 1979. Der Technologiediebstahl betraf besonders militärisch relevante Bereiche, in denen westlichen Firmen eine Ausfuhr in die DDR verboten war (CoCom). Langjährige Erfolge hatte das MfS bei den Firmen Standard Elektrik Lorenz, IBM und Siemens. Die jährliche Ersparnis wird auf bis zu 300 Millionen DM geschätzt.Hubertus Knabe: Die unterwanderte Republik. Stasi im Westen. München 2001, S. 438. Siehe auch den Podcast: Spionage auf Bestellung.
Zum Symbol der gescheiterten Wissenschaftspolitik der SED wurde die Computerentwicklung, die Planungschef Gerhard Schürer als Schlüsselbranche in den 1980er-Jahren stark vorantrieb. Die äußerst kostenintensive Entwicklung leistungsfähiger Chips blieb hinter den westlichen Konkurrenten weit zurück,Mit den Krümeln vom Kuchen. In: Handelsblatt, 15. September 2006; zur Chipproduktion in der DDR. noch mehr die praxisrelevante Massenproduktion bei Robotron. Schürer musste sich heftiger Kritik von Günter Mittag wegen Vernachlässigung aller anderen Bereiche erwehren, obwohl strittige Themen im Politbüro der SED nicht diskutiert wurden.C. S. Maier: Das Verschwinden der DDR und der Untergang des Kommunismus. Frankfurt am Main 1999, S. 138 ff.
Organisation
Die Akademie der Wissenschaften der DDR organisierte etwa ein Drittel der technischen Forschung und war die führende Institution. Mehrere (Zentral-)Institute forschten auf verschiedenen Feldern, so das Zentralinstitut für Kernforschung seit 1956 in Dresden-Rossendorf oder das Zentralinstitut für Schweißtechnik unter dem erfolgreichen Erfinder Werner Gilde in Halle (Saale) seit 1952. 1955 existierten sieben Technische Hochschulen, von denen drei später zur Technischen Universität erhoben wurden, zwei Landwirtschaftliche Hochschulen, eine Hochschule für Ökonomie in Berlin und seit 1969 zehn Ingenieurhochschulen, die aus älteren Ingenieurschulen hervorgingen. In ihnen lehrten 6100 Dozenten. Dazu kamen noch die mathematischen, naturwissenschaftlichen, medizinischen und technischen Fakultäten der sechs Universitäten (Berlin, Greifswald, Halle-Wittenberg, Jena, Leipzig und Rostock).Ploetz: Die DDR. Daten, Fakten, Analysen. Herausgegeben von A. Fischer und anderen. Köln 2004, S. 215 ff.
Wichtige technische Hochschulen und Universitäten waren:
Bergakademie Freiberg, Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar, Hochschule für Landwirtschaft und Nahrungsgüterwirtschaft Bernburg, Hochschule für Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften Meißen, Hochschule für Seefahrt Warnemünde-Wustrow, Hochschule für Verkehrswesen Dresden, Technische Hochschule für Bauwesen Cottbus, Technische Hochschule Ilmenau, Technische Hochschule Köthen, Technische Hochschule Leipzig, Technische Hochschule Leuna-Merseburg, Technische Hochschule Wismar, Technische Hochschule Zittau, Technische Hochschule Zwickau, Technische Universität Dresden, Technische Universität Karl-Marx-Stadt, Technische Universität MagdeburgA. Herbst und andere: So funktionierte die DDR. Lexikon Organisationen und Institutionen. rororo, Reinbek 1994, Band 2, Artikel „Technische und landwirtschaftliche Hochschulen der DDR“.
Produkte und Entwicklungen mini|Sigmund Jähn Wichtige Produkte, Gebiete, Ereignisse, Entdeckungen, Entwicklungen, Ergebnisse im wissenschaftlich-technischen Bereich der DDR waren (einschließlich der Vorläufe in der sowjetischen Besatzungszone):
Weltraumtechnik und Forschung
Entwicklung der „Multispektralkamera MKF 6“ zur geologischen Erdbeobachtung und militärischen Fernerkundung, eingesetzt in sowjetischen Raumstationen ab den 1970er-Jahren Erster Kosmonaut der DDR: Sigmund Jähn am 26. August 1978 mit Sojus 31 im Interkosmos-Programm der sozialistischen Staatengemeinschaft zusammen mit dem UdSSR-Kosmonauten Waleri Fjodorowitsch Bykowski war der erste deutsche Kosmonaut im Weltall. Jähn wurde zusammen mit dem Reservekosmonauten Eberhard Köllner im Sternenstädtchen auf den Flug vorbereitet.
Elektrotechnik und Elektronik mini|P8000 mit WEGA 3.1 mini|Ein KC 85/1 mit Fernsehgerät Junost, Rekorder der Marke Geracord und Drucker K6313 mini|Stern-Recorder R160 vom VEB RFT Sternradio Berlin Entwicklung, Bau und Kopie von analogen und digitalen integrierten Schaltkreisen wie Mikroprozessoren, Speicherchips und CCD-Sensoren sowie fast sämtlicher aktiver und passiver elektronischer Bauteile. Viele dieser Produkte befanden sich wegen ihrer möglichen militärischen Verwendbarkeit auf der CoCom-Embargoliste von USA, Japan, EWG und anderer westlichen Staaten. Die Entwicklung einer eigenen Technologie zur Speicherchipherstellung führte zur Fertigung komplexer 1-MBit-Speicherschaltkreise mit 1,2 µm Strukturbreite.Seit den siebziger Jahren wurden einige Mikroprozessorsysteme entwickelt: 8-bit: U880 (Zilog Z80-Klon, Standardprozessor für alle 8-Bit-Mikrorechner), davor U808 (entspricht Intel 8008) 16-bit: U80600-System (Intel 80286-kompatibel), U8000 (entspricht Zilog Z8000) 32-bit: U80700-System (MicroVAX 78032-kompatibel) Großrechner: ESER (IBM S/360- und S/370-kompatibel, im Rahmen des RGW) Minicomputer: K 1600, DEC PDP-11-kompatibel; K1840, entspricht DEC VAX 11/780 Personal Computer: PC 1715, A 5120 (beide Büro-PCs), EC 1834 (XT-kompatibel), A 7150 sowie der Bildungscomputer robotron A 5105 (für Universitäten und zur Berufsausbildung) wurden von Robotron produziert. Den 8-Bit Mikrorechner P8000 als Desktop-Variante mit Betriebssystem OS/M (kompatibel mit CP/M) und als Tower-Variante als 16-Bit-Mikrorechner mit mehreren Monitorarbeitsplätzen für Multi-User- und Multi-Task-Anwendungen (Betriebssystem WEGA, kompatibel mit Unix) produziert von den EAW. Heimcomputer: Z1013 (Bausatz), Z 9001, KC 85/1, KC 87 und KC 85/2 bis KC 85/4. Industrie-PC: 8-Bit-Mikrorechner MC80 vom VEB Elektronik Gera. Entwicklung und Massenfertigung von Unterhaltungs- (Fernseher, Radios) und Industrieelektronik und -elektrotechnik, zum Beispiel bei RFT und Robotron Funktechnik und Funkanlagen: Transceiver SEG 15 D, SEG 100, Teltow, EKN, zum Beispiel im Funkwerk Köpenick Funkempfänger EKV 10–13, EKD 100, 300 und 500 Funkgeräte U 700, UFT 721, UFS Kurzwellensender KSG 1300, KN1E, KN5E, KN20 Elektromotoren, Turbinen und Generatoren
Maschinenbau und -technologie
Automatisierungstechnik (Roboter, Steuerungstechnik, Automaten und Halbautomaten) zahlreiche Maschinen, Geräte und Anlagen für die Industrie, Chemie- und Erdölindustrie und Landwirtschaft