mini|Charles Koch (2019)

Charles de Ganahl Koch [] (* 1. November 1935 in Wichita, Kansas) ist ein US-amerikanischer Manager, Unternehmer und libertärer Aktivist. Er leitet das Öl- und Chemiekonsortium Koch, Inc. (bis 2024: Koch Industries), das zweitgrößte Unternehmenskonglomerat in den USA in Privatbesitz. Sein geschätztes Vermögen betrug laut Forbes im November 2025 73,8 Milliarden US-Dollar. Damit steht Koch bei Forbes auf Platz 25 der reichsten Menschen der Welt.Forbes: #7 Charles Koch, abgerufen am 9. November 2025. Zusammen mit seinem 2019 verstorbenen Bruder David H. Koch gehört er über ein vielschichtiges Netzwerk an Think Tanks (dem sog. Kochtopus) zu den einflussreichsten und aktivsten Finanziers libertärer Politik sowie republikanischer Politiker in den USA und zu den bedeutendsten Unterstützern der Tea-Party-Bewegung.

Erziehung, Ausbildung und Familie Charles Kochs Eltern waren Fred C. Koch († 1967) und Mary Robinson Koch († 1990), die zusammen die vier Söhne Frederick („Freddie“, 1933–2020), Charles, David (1940–2019) und William („Bill“, * 1940) hatten. Charles wurde nach einem früheren Geschäftspartner des Vaters, Charles de Ganahl, benannt. Der Vater war sehr streng und verprügelte die Kinder häufig. In Charles’ ersten Lebensjahren (bis 1940) hatten sie außerdem eine strenge deutsche Erzieherin, die ihnen mit deutschen Kinderbüchern wie Struwwelpeter Angst machte und Adolf Hitler als Vorbild darstellte. Später erzählte Charles, der Vater habe ihm bereits im Alter von acht Jahren eine Arbeitsethik beigebracht. Während andere Kinder sich in ihrer Freizeit im benachbarten Country-Club vergnügen durften, musste er im Garten und auf der Ranch arbeiten. Diese Behandlung habe ihm im späteren Leben genutzt.Jane Mayer: Dark Money: The Hidden History of the Billionaires Behind the Rise of the Radical Right. Doubleday, New York 2016, ISBN 978-0-385-53559-5. S. 28 und 32–34.

Der Vater war viel auf Reisen, und die Mutter war sehr aktiv in gesellschaftlichen und kulturellen Belangen, sodass die Kinder überwiegend von Erzieherinnen und Haushälterinnen betreut wurden. Unter den Brüdern gab es oft Streit, woraus Charles meist als Sieger hervorging. Als er 11 Jahre alt war, wurden die Kinder auf Anraten einer Psychologin getrennt. Für Charles wählte man ein Internat, das für seine Strenge bekannt war. Wegen schlechter Leistungen und anderer Probleme musste er mehrfach die Schule wechseln, bis er schließlich auf eine Militärakademie kam, wo er seinen Abschluss machte.Jane Mayer: Dark Money: The Hidden History of the Billionaires Behind the Rise of the Radical Right. Doubleday, New York 2016. S. 32 und 34–36.

Danach studierte er am Massachusetts Institute of Technology, wo er einen Bachelor in den Ingenieurwissenschaften und anschließend Master-Grade in Kerntechnik und Chemietechnik erwarb. Nach dem Studium war er als Unternehmensberater in Boston tätig, bis sein Vater ihn 1961 überredete, in die Firma einzusteigen, weil er selbst gesundheitlich angeschlagen war. Charles ging nur widerwillig darauf ein, weil er befürchtete, dass der Vater anderenfalls das Unternehmen verkaufen würde.Jane Mayer: Dark Money: The Hidden History of the Billionaires Behind the Rise of the Radical Right. Doubleday, New York 2016. S. 41.

Mitte der 1960er Jahre versuchte Charles, unterstützt von David und Bill, den ältesten Bruder Freddie zu erpressen. Er verschaffte sich Zugang zu dessen Wohnhaus, um Beweise für seine Vermutung zu suchen, dass der alleinstehende Bruder schwul sei. Anschließend lud er die Brüder zu einem Treffen ein, bei dem es angeblich um Geschäftliches gehen sollte. Zu diesem Zeitpunkt besaßen die Brüder bereits die kleinere Firma Koch Engineering, die ihr Vater ihnen schon zu Lebzeiten vermacht hatte. Charles konfrontierte Freddie mit dem Vorwurf und machte klar, dass das für einen Mitinhaber der Firma nicht akzeptabel sei. Freddie solle seinen Anteil an seine Brüder verkaufen, oder Charles würde den Vater über den angeblichen Sachverhalt informieren. Dazu kam es jedoch nicht, und Fred Koch senior starb 1967.Jane Mayer: Dark Money: The Hidden History of the Billionaires Behind the Rise of the Radical Right. Doubleday, New York 2016. S. 47f. (Auszug aus dem Buch Sons of Wichita)

Charles Koch ist mit Liz Koch verheiratet, mit der er zwei Kinder hat.Biografie: Charles Koch, New Netherland Institute, abgerufen am 22. Juli 2013

Unternehmen Im Jahr 1967 erbten die vier Brüder das Unternehmen ihres verstorbenen Vaters. Charles übernahm die Führung und erlangte den Ruf eines ausgezeichneten Managers, der 60 Stunden in der Woche arbeitete und sich auch um Kleinigkeiten kümmerte.Jane Mayer: Dark Money: The Hidden History of the Billionaires Behind the Rise of the Radical Right. Doubleday, New York 2016. S. 51f.

1980 versuchten Frederick und Bill die Firma zu übernehmen, da Charles einen autokratischen Führungsstil entwickelt habe. Den Machtkampf entschied Charles für sich, indem er die Anteilseigner David Koch und J. Howard Marshall auf seine Seite ziehen konnte. Bill wurde aus der Firma entlassen. Daraufhin stritten sich die Brüder vor Gericht. 1983 kauften Charles und David die Unternehmensanteile von Frederick und Bill für eine Milliarde US-Dollar und führten die Firma ohne sie weiter.Jane Mayer: Covert Operations: The Billionaires Koch Brother's War Against Obama, The New Yorker Online vom 30. August 2010

Das Mischunternehmen, dessen Präsident Charles in den folgenden Jahrzehnten war, ist unter anderem in den Sektoren Pipelines, Raffinerien, Fasern, Dünger, Forsterzeugnisse, Verbrauchsgüter und Chemie tätig.

Fremdaktionäre, die Mitspracherechte und Einblicke in die Geschäftsaktivitäten haben, lehnt Koch ab; Koch Industries gehört zu den größten nicht-börsennotierten Unternehmen.Heike Buchter: Wahl in den USA: Big Brothers, Die Zeit Online vom 28. Oktober 2010

2008 überstieg der Umsatz die Grenze von 100 Milliarden US-Dollar. Im Jahr 2012 wurde das Unternehmen nach Schätzungen 20 Milliarden US-Dollar reicher.

Politik Charles Kochs Vater war ein vehementer Gegner von Steuern, die er als Anfänge des Sozialismus betrachtete, und versuchte diese auf vielfältige Weise zu vermeiden. Dazu gehörte die Schaffung eines Wohltätigkeitsfonds, über den er einen Teil seines Vermögens unter Umgehung der Erbschaftssteuer auf seine Söhne übertragen konnte. Dies war an die Bedingung geknüpft, dass 20 Jahre lang alle anfallenden Gewinne für wohltätige Zwecke gespendet wurden.Jane Mayer: Dark Money: The Hidden History of the Billionaires Behind the Rise of the Radical Right. Doubleday, New York 2016. S. 42.

Großen Einfluss auf Charles Kochs politische Ansichten hatte die Freedom School, in die er 1964 eingeladen wurde. Diese Einrichtung bot Kurse in einer „Philosophie der Freiheit und des freien Unternehmertums“ an. Ihr Leiter Robert LeFevre war ein entschiedener Gegner der US-Regierung, der Steuern als eine Art Diebstahl betrachtete und die Sozialgesetze der Präsidenten Franklin D. Roosevelt (New Deal) und Lyndon B. Johnson als ruinöse Schritte in Richtung Sozialismus verteufelte. Um die Schwachen und Armen solle sich die private Wohltätigkeit kümmern, nicht die Regierung, und Sklaverei solle erlaubt sein, da sie weniger schlimm sei als die Einberufung zum Militär. Koch wurde ein aktives Mitglied der Freedom School und einer der Hauptfinanzierer.Jane Mayer: Dark Money: The Hidden History of the Billionaires Behind the Rise of the Radical Right. Doubleday, New York 2016. S. 43–45.

In der Freedom School lernte Koch die Lehre des Wirtschaftswissenschaftlers Friedrich von Hayek kennen, dessen Buch Der Weg zur Knechtschaft (im englischen Original The Road to Serfdom) in den USA in einer gekürzten Fassung von Reader’s Digest sehr populär war. Hayek wendete sich gegen den nach der Weltwirtschaftskrise vorherrschend gewordenen Keynesianismus und argumentierte, dass zentralistische Eingriffe von Regierungen in das Wirtschaftsleben zwangsläufig zu Diktaturen führen. In seiner Darstellung war der freie Unternehmer der Inbegriff des freien Menschen, während er Regierungen mit Zwang identifizierte. Seine Konzessionen im Hinblick auf eine Mindestsicherung für Arme, Umweltschutz und Maßnahmen gegen Monopole waren in der amerikanischen Ausgabe weggelassen worden. So hatte Koch eine theoretische Fundierung seiner radikalen Ansichten gefunden.Jane Mayer: Dark Money: The Hidden History of the Billionaires Behind the Rise of the Radical Right. Doubleday, New York 2016. S. 45f.

Koch war Mitglied der John Birch Society, verließ sie wegen Meinungsverschiedenheiten zum Vietnamkrieg und begann, in Bildungseinrichtungen wie das Institute for Humane Studies und die Florida Atlantic University zu investieren. https://www.thenation.com/article/archive/how-charles-koch-is-helping-neo-confederates-teach-college-students/

1976 war Koch an der Gründung des Center for Libertarian Studies in New York beteiligt, das eine Konferenz mit führenden Vertretern des Libertarismus abhielt. In seinem Beitrag sprach er sich dafür aus, weitgehend im Verborgenen zu arbeiten und nach außen ein positives Image zu pflegen, ohne die wahren Ziele erkennen zu lassen. Um in großem Stil Gelder einzuwerben, schlug er vor, potentielle reiche Spender zu exklusiven Veranstaltungen einzuladen, die nur auf Einladung zugänglich sein sollten. Zur Verbreitung der eigenen Ansichten solle man vor allem junge Menschen ansprechen, weil nur diese für radikal neue Ideen offen seien.Jane Mayer: Dark Money: The Hidden History of the Billionaires Behind the Rise of the Radical Right. Doubleday, New York 2016. S. 54–56.

Für die Präsidentschaftswahl 1980 überredete er seinen Bruder David, sich für die Libertarian Party, deren Programm weitgehend seinen eigenen politischen Zielen entsprach, um die Vizepräsidentschaft zu bewerben, weil er dadurch von den strengen Einschränkungen bei der Wahlkampffinanzierung befreit war und als Kandidat beliebig viel Geld einbringen konnte. Doch trotz über 2 Millionen Dollar, die fast 60 % des Wahlkampf-Etats ausmachten, erlangte man nur ein Prozent der Wählerstimmen. Die Brüder zogen daraus die Konsequenz, nicht mehr auf Wahlen zu setzen, sondern sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen und mit großem finanziellen Einsatz an Universitäten und in Denkfabriken ihre Ansichten zu etablieren und zu verbreiten (siehe unten).Jane Mayer: Dark Money: The Hidden History of the Billionaires Behind the Rise of the Radical Right. Doubleday, New York 2016. S. 57f.

Die von Charles Koch 1984 gegründete Non-Profit-Organisation Citizens for a Sound Economy („Bürger für eine gesunde Wirtschaft“) griff 1993 aktiv in die Politik ein, als Bill Clinton eine Steuer für fossile Brennstoffe erheben und die Steuern für hohe Einkommen erhöhen wollte (siehe Americans for Prosperity#Hintergrund). Während der Amtszeit von George W. Bush hielten die von Koch finanzierten Organisationen („Kochtopus“) sich zurück. Nach dem Amtsantritt Barack Obamas wurden sie wieder aktiviert und produzierten teils zweifelhafte Studien und Verlautbarungen gegen Obamas Plan, die infolge der Weltfinanzkrise darniederliegende Wirtschaft durch staatliche Eingriffe anzukurbeln. Koch selbst schrieb einen Brief an die etwa 70.000 Mitarbeiter seines Unternehmens, in dem er behauptete, die Great Depression in den 1930er Jahren sei nicht an der Börse und durch Geschäftsleute ausgelöst worden, sondern durch die „gefährlichen“ liberalen Präsidenten Herbert Hoover und Franklin D. Roosevelt.Jane Mayer: Dark Money: The Hidden History of the Billionaires Behind the Rise of the Radical Right. Doubleday, New York 2016. S. 170f.