Alfred von Martin (* 24. Juli 1882 in Berlin; † 11. Juni 1979 in München) war ein deutscher Historiker und Soziologe und einer der letzten Fachvertreter aus den Gründungsjahren der deutschen Soziologie, der in der Bundesrepublik Deutschland lehrte und publizierte. Basis seiner Zeitdiagnosen sind die Historische Soziologie und die Kultursoziologie. Alfred von Martin veröffentlichte wissenschaftliche Texte während eines Zeitraums von siebzig Jahren.Seine juristische Dissertation stammt aus dem Jahre 1906, sein letztes Buch erschien 1976.

Leben Kaiserreich Alfred von Martin kam aus einer Unternehmerfamilie. Sein Vater, Friedrich Martin, war zusammen mit Hermann Fölsch Teilhaber der Firma „Fölsch & Martin“, die Salpeterwerke in Taltal (Chile) betrieb und ein Kontor in Hamburg hatte. Sein Großvater mütterlicherseits, der Gutsbesitzer Otto Roestel, war ebenfalls unternehmerisch in der Salpeterindustrie tätig. Kurz nach der Geburt des Sohnes erwarb Friedrich Martin ein Rittergut in Rothenburg an der Neiße und gründete nach den Angaben des Genealogischen Handbuch des Adels für die Besitzung um Schloss Rothenburg gleich einen Familienfideikommiss. 1907 wurde sein Vater und somit auch er in den erblichen Adelsstand erhoben.lt. Nachtrag auf seiner Berliner GeburtsurkundeQuelle, wie auch zu anderen biografischen Details: Aus zwei Briefen von Alfred von Martins Sohn Gregor an Richard Faber. In: Richard Faber, Perdita Ladwig (Hrsg.): Gesellschaft und Humanität. Der Kultursoziologie Alfred von Martin (1882–1979). Würzburg 2013, S. 29–37. Den genannten Gutsbesitz in der Oberlausitz übernahm später der jüngere Bruder Hans von Martin.

Erheblicher Immobilienbesitz sicherte Alfred von Martin über weite Strecken seines Lebens finanziell gut ab. Allerdings habe, wie Alfred von Martins Sohn Gregor in zwei Briefen an Richard Faber mitteilte, die Familie nach dem Kursverfall der chilenischen Salpeterwerke ihren Unterhalt „nur noch aus einem Elf-Prozemt-Anteil an vier Holzstoff- und Lederpappenfabriken links und rechts der Görlitzer Neisse“ bestritten, welche wiederum von einer in der Schweiz gelegenen Familienstiftung verwaltet wurde und so den Brüningschen Notmaßnahmen weitgehend entging, allerdings zeitweise wegen notwendiger Modernisierungsmaßnahmen nichts abwarf. Nach der »Industriereform« des Jahres 1948, die es in allen Besatzungszonen gegeben habe, „war auch dieser Rückhalt perdu, was meinen finanziell eher desinteressierten Vater aber nicht gerade existentiell erschütterte.“ (Auszugsweise abgedruckt in Richard Faber, Perdita Ladwig: Gesellschaft und Humanität. Der Kultursoziologe Alfred von Martin (1882–1979). Königshausen & Neumann, Würzburg 2013, ISBN 3-8260-5123-8, S. 29–37). Bis zum Eintritt ins Gymnasium wurde er von einem Privatlehrer auf dem Gut unterrichtet. Nach dem Abitur in Görlitz studierte er Rechts- und Staatswissenschaften an den Universitäten Breslau, Lausanne, Tübingen und München. 1906 schloss er sein erstes Studium mit der Promotion zum Dr. jur. ab. Danach studierte er Geschichte an den Universitäten Freiburg (dort insbesondere bei Friedrich Meinecke), Heidelberg, Leipzig, Berlin, Florenz und Rom. Mit der Promotion zum Dr. phil. beendete er 1913 diese Studien. Während des Ersten Weltkrieges, an dem er als Leutnant der Reserve teilnahm, habilitierte sich von Martin 1915 im Fach Mittlere und Neuere Geschichte an der Universität Frankfurt am Main.

Zu Alfred von Martins Hobbys gehörte das Bergsteigen. („Univ.-Prof. Dr. Alfred von Martin (Göttingen) und Dr. Bernhard Bauer (Graz) vervollständigen unser tatenfrohes Quintett.“) Er schrieb auch Artikel in Fachzeitschriften zu diesem Thema.

Weimarer Republik und Drittes Reich Nach Kriegsende ernannte die Universität Frankfurt am Main ihn zum außerordentlichen Professor. Seit 1924 lehrte er mit diesem Status an der Universität München Geschichte. 1931 wechselte er als Honorarprofessor an die Universität Göttingen und wurde dort Direktor des neuen „Soziologischen Seminars“.

Angesichts der politischen Verhältnisse ließ er sich schon 1932 dauerhaft von seinen universitären Aufgaben beurlauben (für die er als Honorarprofessor keine Vergütung erhalten hatte), zog sich nach München zurück und ging als Privatgelehrter in die sogenannte innere Emigration. Er war nach eigenen Worten nicht bereit gewesen „nach Aufhebung der Lehrfreiheit weiter zu dozieren, – umso weniger, als der Lehrauftrag ein solcher ohne materielle Entschädigung war. Zwar hätte ich auch im anderen Falle nie etwas gegen meine Überzeugung gelehrt, mir aber dann vielleicht möglichst 'ungefährliche' Themen gesucht; so aber hatte ich keinen Grund, mich auf solche Winkelzüge einzulassen.“Aus einem Schreiben von Martins an den Dekan der Philosophischen Fakultät Göttingen vom 15. November 1945, zitiert nach: Anikó Szabó: Vertreibung, Rückkehr, Wiedergutmachung. Göttinger Hochschullehrer im Schatten des Nationalsozialismus. Mit einer biographischen Dokumentation der entlassenen und verfolgten Hochschullehrer: Universität Göttingen – TH Braunschweig – TH Hannover – Tierärztliche Hochschule Hannover. Göttingen 2000, S. 120 f., bei Sönke Zankel heißt es dagegen, das stark in Mitleidenschaft gezogene Privatvermögen habe Alfred von Martin gezwungen, die unbezahlte Stelle in Göttingen aufzugeben. Vgl. Sönke Zankel: Mit Flugblättern gegen Hitler. Der Widerstandskreis um Hans Scholl und Alexander Schmorell. Köln 2008, S. 219.

Während der nächsten Jahre beschäftigte er sich mit der Renaissance und mit Jacob Burckhardt. Bereits vor 1933 charakterisierte er mit seiner Machiavelli-Rezeption den „Führerglauben“ als dekadent mit eindeutig aktuellem Bezug: „Machiavelli selbst glaubt gar nicht an den berufenen (aber nicht nur von ihm 'berufenen') Retter ... Er erwärmt sich (wie noch Hitler wieder) für den Typus der abenteuerlichen, verwegenen Landsknechte ... Die Diagnose, die dieser Arzt stellt, ist nicht falsch; doch seine Ätiologie ist einäugig. Selbst nicht mehr im Besitz gesunder Vorstellungen von dem, was zur Gesundheit gehört, verschreibt er der kranken Zeit als Heilmittel das faschistische Gift: den puren politischen Aktionismus – außerhalb einer echten Ordnung der Werte.“Alfred von Martin: Soziologie der Renaissance. 3. Auflage, München 1974, S. 128 und 131. Sein Buch Nietzsche und Burckhardt (München, 1. Auflage 1941, 2. vermehrte Auflage 1942) war eine eindeutige Stellungnahme gegen das NS-Regime, was heftige Angriffe gegen ihn in der NS-Presse auslöste.

Die erste Auflage seines Buches Die Religion in Jacob Burckhardts Leben und Denken (München 1942) wurde von der Gestapo beschlagnahmt, und er entging wohl nur durch Zufall der Verhaftung.Vgl. Alfred von Martin: Die Religion in Jacob Burckhardts Leben und Denken. 2. Auflage, München 1947, S. 8 und 35 f. Er hatte Kontakt zu Mitgliedern der Widerstandsgruppe Weiße Rose, im Frühjahr 1942 war Hans Scholl einige Male Gast im Haus von Alfred von Martin gewesen.Barbara Schüler: „Im Geiste der Gemordeten ...“ Die „Weiße Rose“ und ihre Wirkung in der Nachkriegszeit. Paderborn 2000, S. 193.

Nach dem Zweiten Weltkrieg Ab 1945 nahm von Martin seine Publikationstätigkeit wieder auf und bemühte sich um eine Stellung als Hochschullehrer. Durch den Zweiten Weltkrieg hatte er seinen gesamten Immobilienbesitz verloren, der ihn vorher finanziell unabhängig gemacht hatte.Anikó Szabó: Vertreibung, Rückkehr, Wiedergutmachung. Göttinger Hochschullehrer im Schatten des Nationalsozialismus. Mit einer biographischen Dokumentation der entlassenen und verfolgten Hochschullehrer: Universität Göttingen – TH Braunschweig – TH Hannover – Tierärztliche Hochschule Hannover. Wallstein, Göttingen 2000, ISBN 3-89244-381-5, S. 119–122, hier S. 120. Das Landgut in Rothenburg/Oberlausitz wurde nicht von Alfred von Martin, sondern von seinem Bruder Hans übernommen. Es wurde 1945/46, wie es auf der Internetseite der Stadt Rothenburg heißt, „durch die Bodenreform aufgesiedelt“ und das Schloss wurde 1952 abgerissen. In der universitären Soziologie konnte er nicht mehr erfolgreich Fuß fassen – obwohl er Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Soziologie war.

Dirk Kaesler charakterisiert von Martin folgendermaßen: „Seiner skeptischen Grundhaltung entsprechend blieb er auch nach 1945 an der Universität eher ein Einzelgänger. Eine durchgängige Themenstellung seines Spätwerks war das Spannungsverhältnis von Gesellschaft und individueller Freiheit.“Dirk Käsler, zitiert nach: Anikó Szabó: Vertreibung, Rückkehr, Wiedergutmachung. Göttinger Hochschullehrer im Schatten des Nationalsozialismus. Mit einer biographischen Dokumentation der entlassenen und verfolgten Hochschullehrer: Universität Göttingen – TH Braunschweig – TH Hannover – Tierärztliche Hochschule Hannover. Wallstein, Göttingen 2000, ISBN 3-89244-381-5, S. 119–122, hier S. 122.

Eine Rückkehr an die Universität Göttingen wurde ihm verwehrt. Von dort hieß es, er sei ein unzuverlässiger Kollege gewesen, er habe die Fakultät mit seinem Rückzug „im Stich“ gelassen. Er lehrte jedoch als Außenseiter seiner Disziplin, zuerst als Lehrbeauftragter an der Technischen Hochschule München (1946–1948), dann als außerordentlicher Professor und schließlich als emeritierter kommissarischer ordentlicher Professor an der Universität München (1948–1959). Dort verwaltete er den neugeschaffenen Soziologie-Lehrstuhl, bis dieser nach langen bildungspolitischen Querelen in der bayerischen Landespolitik mit Emerich K. Francis besetzt wurde. In München trat von Martin dem Kuratorium der 1959 gegründeten Deutsch-Israelischen Studiengruppe München bei.Jonas Hahn: Die Deutsch-Israelischen Studiengruppen und die frühen studentischen Kontakte mit Israel 1948–1972, Göttingen 2025, S. 144.

Während dieser Zeit schrieb er die erste systematische Darstellung der Soziologie in der Bundesrepublik Deutschland (1956).Die laut M. Rainer Lepsius „in einer ganz unglücklichen Weise publiziert“ worden war. Lieblos hatte man drei Hefte einer Sozialkunde für Lehrer zusammengeheftet, ohne durchgehende Seitenzählung. Das Buch wurde kaum zur Kenntnis genommen. Vgl. Interview Richard Fabers und Perdita Ladwigs mit M. Rainer Lepsius im Juni 2009 über Alfred von Martin. In: Richard Faber, Perdita Ladwig (Hrsg.): Gesellschaft und Humanität. Der Kultursoziologie Alfred von Martin (1882–1979), Würzburg 2013, S. 11–28, hier S. 17. Nach seinem Ausscheiden aus der akademischen Lehre (im 78. Lebensjahr) legte er noch ein umfängliches Alterswerk vor. Sein bürgerlich-kritischer Denkstil blieb in der universitären Soziologie ohne Nachfolger.

In einem Nachruf schrieb Rainer Lepsius über Alfred von Martin: er stellte sich bewußt in den Dienst der von ihm bekannten Werte, skeptisch gegen alle Macht und die Techniken und Taktiken der Anpassung verachtend, persönliche Unabhängigkeit höher wertend als institutionellen Einfluß.Zitiert nach: Anikó Szabó: Vertreibung, Rückkehr, Wiedergutmachung. Göttinger Hochschullehrer im Schatten des Nationalsozialismus. Mit einer biographischen Dokumentation der entlassenen und verfolgten Hochschullehrer: Universität Göttingen – TH Braunschweig – TH Hannover – Tierärztliche Hochschule Hannover. Göttingen 2000.

Soziologisches Werk

Soziologie des Bürgertums (Unternehmer und Intellektuelle)