mini|hochkant=1.5|Mondbarke

Die Schifffahrt im Alten Ägypten war geprägt durch die Geographie des Landes. Der Nil, das unmittelbar angrenzende fruchtbare Land unterschiedlicher Breite und die Wüste haben den Charakter einer Stromoase, aus der sich zwangsläufig eine Flussgesellschaft entwickelte. Der Fluss wurde zur Handelsstraße Ägyptens. Er stellt das Band dar, das das Land vereinigte und zusammenhielt. Ägypten ist, wie Herodot sagte, ein Geschenk des Nils. Es war daher nur konsequent, das Medium Wasser zu nutzen, und sehr früh schwimmende Untersätze und später Boote zu bauen. Der Besitz und Gebrauch von Booten war auch während der jährlichen Nilschwemme zur Fortbewegung erforderlich, da das Land überflutet und von zahlreichen Kanälen und Wasserrückhaltebecken durchzogen war. Zahlreiche Dörfer lagen während der Jahreszeit Achet auf Warften.

Zeitzeugen für die Schifffahrt und den Bootsbau im Alten Ägypten sind Bootsdarstellungen als Felszeichnungen, auf Papyrus, Reste von bemalten Feuersteinen, Graffiti-ähnliche Darstellungen auf Gebäudewänden, Grabzeichnungen, Skizzen auf Wüstenfelsen sowie Felsbrocken. Schriftliche Unterlagen sind erhalten als Werftprotokolle, Schiffstagebücher, Geschäftsberichte, Import- und Exportlisten und juristische Dokumente. Darüber hinaus gibt es Tempelzeichnungen und Reliefs von Booten und deren Einsatz bei Kämpfen auf dem Nil sowie bei kultischen Zeremonien. Gefunden wurden auch Bootsmodelle aus Terrakotta, Metall, Knochen und Elfenbein sowie lebensgroße Boote als Grabbeigaben.

Aus der frühdynastischen Periode sind Bootsmodelle und schiffbauliche Fragmente, die Sonnenbarke des Cheops aus dem Alten Reich sowie Modelle von Begräbnisbooten aus dem Mittleren Reich erhalten. Aus dem Neuen Reich sind reichlich Konstruktionshinweise und schiffbauliche Details bekannt, jedoch keine archäologischen Überreste von Booten. Informationen und Quellen mit Aussagen über Schifffahrt und Bootsbau werden mit dem Ende des Neuen Reiches immer spärlicher, bis sie in der griechisch-römischen Zeit wieder aufleben. Die Schilderung der Schifffahrt und des Bootsbaues des Alten Ägyptens beschränkt sich daher auf die Zeit bis zum Ende des Neuen Reiches.

Schifffahrt auf dem Nil Der Nil bildete die Hauptschlagader bei der Durchsetzung wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Interessen in Ägypten und Nubien. Boote dienten dem Handel, dem Transport von Lebensmitteln aller Art, sie transportierten Beamte für die Landvermessung nach jeder Nilschwemme, Zoll- und Steuereinnahmen, Baumaterialien für den Pyramiden- und Tempelbau sowie dem Transport von Soldaten. Sie waren unerlässlich für die Durchführung staatlicher Feste und erfreuten sich hoher kultischer Bedeutung. Bootsbesitz war ein erstrebenswertes Ziel für jedermann in Ägypten, soweit er es sich leisten konnte. Es gab wohl keine Zivilisation, die mehr auf den Transport über das Wasser angewiesen war.

Schifffahrt auf der Hohen See Zur Durchsetzung der ökonomischen Interessen Ägyptens und deren Nutzbarmachung für die eigene Wirtschaft gab es seit der frühdynastischen Zeit Handelskontakte als auch kriegerische Auseinandersetzungen mit den Nachbarländern in Syrien/Palästina über See. Die ersten Handelskontakte mit Punt und Lieferungen von Weihrauch von dort sind nachweisbar. Das politische Interesse im Mittleren Reich war insbesondere auf die Aufrechterhaltung der Handelsbeziehungen mit Syrien/Palästina gerichtet. Der Handel mit Punt wurde, nachdem er in der Ersten Zwischenzeit ausgesetzt war, wieder aufgenommen. Im Neuen Reich wurde Ägypten Großmacht. Es beherrschte Syrien-Palästina, forderte die Hethiter heraus und trieb Handel mit dem Festland Griechenlands und den ägäischen Inseln und dem Horn von Afrika. Für den Handel außer Landes waren Boote unerlässlich. Boote bildeten die Grundlage für den Wohlstand und Machtausübung Ägyptens.

Boote und Bootsbau Das Alte Ägypten hatte eine lange Tradition im Bootsbau, die den Zeitraum von der Prädynastik bis zum Neuen Reich umfasste. Allgemein angenommen, jedoch nicht unumstritten, ist ein aus dem östlichen Mittelmeerraum zunehmender schiffbaulicher Einfluss beginnend mit der Regierungszeit Echnatons. Dies wird unter anderem mit den in Tempelreliefs Ramses III. in Medinet Habu dargestellten Booten (angeblich nicht ägyptischen Ursprungs) des Kampfes auf dem Nil gegen die Seevölker begründet. Boote wurden sowohl aus heimischem Akazien- und Sykomorenholz als auch aus importierten Kiefern, Zypressen und Zedern gebaut. Das Tauwerk wurde aus Palmfasern, Papyrus oder verschiedenen Grasfasern hergestellt.

Prädynastische Zeit Aus der Badari-Kultur sind die ersten, wahrscheinlich aus besenförmig gebundenen Papyrusbündeln oder Schilfrohr hergestellten, schwimmenden Untersätze und Flöße bekannt. (Binsenboot) Die Naqada I Periode (Naqada-Kultur) lässt ähnliche aus Papyrus hergestellte Untersätze erkennen. In der Naqada II Periode sind bootsähnliche aus Papyrusbündeln modellierte Konstruktionen nachweisbar. In diesen Zeitraum fällt auch der Beginn des Baus der ersten Holzboote mit Planken. Zum ersten Mal erscheint die für Ägypten typische Bauweise sichelförmig geformter Boote mit hochgezogenen Bootsenden. Bei dieser Bauweise blieben Teile des Rumpfes oberhalb der Wasseroberfläche. Diese Boote konnten bereits eine Länge von ca. 17 m erreichen.

Der Bau des Bootes erfolgte zunächst über die Konstruktion der Rumpfverschalung aus Planken, mit andern Worten, die Außenhaut eines Bootes wurde zuerst zusammengefügt, bevor sie durch ein inneres Skelett und Spanten versteift und stabilisiert wurde. Die Boote hatten wahrscheinlich keinen Kiel. Die aus Akazien- oder Sykomorenholz bestehenden Planken und Verschalungsstücke wurden mit Grasseilen verlascht. Diese Zurrungen dehnten sich im Wasser aus und dichteten den Schiffskörper ab. Bereits zum Ende der prädynastischen Zeit tauchte das Segel zum ersten Mal auf.

Frühdynastische Zeit einschließlich 1.–2. Dynastie Seit der 1. Dynastie wurden Boote in Ägypten nachweislich ohne Kiel gebaut. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass in Ägypten jemals Boote mit einem Kiel gebaut wurden. Die Planken der Außenhaut wurden mit Loch und Zapfen miteinander verbunden beziehungsweise verklammert. Dies blieb die Bauweise sichelförmiger Boote vom Alten bis zum Neuen Reich. Zur Festigung des Bootskörpers wurden longitudinale Stabilisierungsbalken in der Bilge eingebaut. Aus Tarchan stammen zahlreiche Bootsplanken, die sich wiederverbaut in Grabanlagen fanden. In dieser Zeit gibt es auch Bootsbestattungen, die als lebensgroße Grabbeigaben neben den Mastabas hoher Beamter gefunden wurden.

Altes Reich mini|Sonnenbarke

Aus dem Alten Reich sind eine Reihe von Abbildungen in Grabanlagen, Bootsmodellen und nicht zuletzt die Sonnenbarke des Cheops bekannt. Es gab Boote für unterschiedlich Zwecke, neben dem auch weiterhin lokal genutzten Papyrus-Boot. Die Maße dieser Boote reichten von etwa 50 m Länge seegehender Boote, über die 43 m Länge des Flussbootes des Cheops bis zu den etwa 20–30 m messenden Lastbooten.

Flussboote für den Personenverkehr Das äußere Erscheinungsbild der sichelförmigen Boote war geprägt durch kantig ausgeformte Bug- und Heckenden oder aber durch einen Tierkopf am Bug. Die Boote hatten einen Flachboden mit winkelförmigen Bilgen. Das Heck war höher als der Bug. Teilweise waren die Decksplanken abnehmbar. Die Boote trugen Schutzdächer für die Besatzung und/oder Hütten aus Schilfmatten für Passagiere.

mini|Kraweel-Beplankung der Sonnenbarke

Die Bootsbauer benutzten eine aus mehreren Planken zusammengesetzte Mittelachse statt eines Kiels, an der kurze Planken versetzt wie beim Mauerbau verbunden durch Loch und Zapfen angesetzt wurden.(Schiffsrumpf) Wenn die gewünschte Bordwand-Höhe erreicht war, wurde es durch ein Dollbord abgeschlossen. Querbalken auf Höhe des Dollbords trugen die Decksbeplankung, sorgten für seitliche Versteifung und verhinderten ein Auseinanderbrechen des Bootskörpers. Longitudinale Stabilisierungsbalken wurden in der Bilge und an Oberdeck eingebaut. Die Planken wurden Kraweel verbaut, wie in der gesamten Antike im Mittelmeerraum.

Diese kiellosen Boote trugen einen im Vorschiffsbereich verankerten zweibeinigen Mast, da die Decks nicht genügend Festigkeit hatten, um das auf eine Stelle konzentrierte Gewicht eines Mastes zu tragen. Daher wurde ein oben zusammenlaufender Mast mit zwei Mastfüßen verwandt. Der Mast wurde durch Stags und Pardunen (Stehendes Gut) gehalten. (Schiffsmodelle im Laufe der Zeit 2) Ein Trimmen (Segeltrimm) des Segels, um einen anderen als achterlichen Wind zu nutzen, war nicht möglich. Der Mast war bei Bedarf umlegbar und wurde dann an Oberdeck gelagert.

Segel waren an der Rah befestigt, die durch Falle vorgeheißt und herabgelassen werden konnten. Die Rah wurde durch am Mast vertäute, befestigte Leinen gehalten. Das Segel wurde unten durch einen an Oberdeck liegenden Baum für den Windeinfall offen gehalten. Die Falle der Rah wurden am Heck befestigt. Die Stags und Pardunen erfüllten vermutlich die Doppelfunktion der Stabilisierung des Mastes und des frei über dem Wasser schwebenden Hecks. Obwohl ägyptische Schiffe weiterhin keinen Kiel hatten, wurde die Konstruktion des Doppelmastes nach der VI. Dynastie nicht mehr verwandt. Die Steuerung erfolgte durch ein oder bis zu sechs in Paaren eingebauten seitlichen Steuerrudern. Ab der 6. Dynastie waren nur noch einbeinige Masten in Gebrauch.

Seegehende Boote mini|Seegehendes Boot

Das Byblos-Boot ist wohl das bekannteste seegehende Boot aus dieser Zeit. Bekannt ist es durch eine Darstellung im Sonnentempel des Pharao Sahure. Dieser Name blieb der allgemein gebräuchliche Name für ein hochseefähiges Boot. Unklar ist, ob dies auf die besondere Bedeutung von Byblos in Syrien als Zentrum des Schiffbaus, als Herkunftsort von Zedernholz oder als ständiger Bestimmungs- und Ladehafen hinweist.

Die Bauweise seegehender Boote entsprach grundsätzlich den Konstruktionsmerkmalen der Flussboote. Für seegehende Boote gab es jedoch zwei Neuerungen. Damit der Bootskörper den Belastungen des Seegangs auf offener See widerstehen konnte, wurde eine mehradrige, verdrillte Trosse, die deutlich oberhalb des Oberdecks über Stützen geführt wurde, verwandt. Durch Drehen eines in die Kardeele der Trosse eingeführten Handhebels konnte die Spannung erhöht werden, um ein Absacken des aus dem Wasser ragenden Vorschiffs und Hecks zu verhindern. Zur weiteren Versteifung wurde ein das Oberdeck unterhalb des Dollbords umspannender netzartiger Gürtel aus Tauwerk verwandt. Damit wurden die Oberdecksplanken fixiert, um ein Auseinandergehen der Balken zu verhindern. Der Mast konnte auch hier, wenn nicht gebraucht, umgelegt werden. Ab der 5. Dynastie bewegte sich der vordere Einbauort des Mastes langsam in die Schiffsmitte, die es etwa um 1500 v. Chr. erreichte.

Lastboote auf dem Nil Lastboote hatten ein reduziertes Freibord und eine größere Breite. Konstruktionsmäßig grundsätzlich gleich, obwohl mehr prahmartig geformt, wurden diese Boote sehr oft auch mit einem netzartigen Gürtel um das Oberdeck gebaut. Mittschiffs wurde die Ladefläche an Oberdeck für Lasten frei gehalten. Der Mast konnte auch hier umgelegt werden und lagerte dann auf den Oberdeckslasten.

Papyrus-geformte Boote Dies waren aus Holz gebaute Kopien der ursprünglich aus Papyrus geformten Boote, die für zeremonielle und kultische Zwecke sowie für den Transport der Toten verwandt wurden.

Mittleres Reich mini|Modell des Bootes von Montuhotep