Neuhausen an der Erms ist seit 1971 ein Ortsteil der baden-württembergischen Mittelstadt Metzingen im Landkreis Reutlingen.
Geschichte Im 7. oder 8. Jahrhundert nach Christus entstand an der Erms am Fuß eines Berges eine Siedlung, von der man annimmt, dass sie vom benachbarten Metzingen aus gegründet wurde.Neuhausen an der Erms. In: LEO-BW. Im Lauf des Mittelalters gelangte diese Siedlung an die Grafen von Achalm. Sie ließen an den Hängen des Berges einen Weinberg anlegen.
Im Jahr 1089 brachten die beiden Brüder Liutold von Achalm und Kuno von Wülflingen den Ort Niuwinhusin in das Stiftungsgut des Klosters Zwiefalten ein. Auch ihre Ministerialen schenkten dem Kloster Bauernhöfe und Grundstücke. Für das Kloster war dieser Besitz nicht zuletzt aufgrund des günstigen Klimas im Ermstal tatsächlich äußerst wertvoll. Niuwinhusin bestand noch nicht als Dorf. Im Wesentlichen waren es Bauerngüter (Huben), welche sich um zwei Fronhöfe gruppierten, von denen einer nicht weit vom Ufer der Erms entfernt lag, der andere befand sich an der Westseite des Kolbergs. Das Kloster errichtete auf dem Fronhof am Kolberg eine Propstei und schickte zwölf Laienbrüder dorthin. Rasch blühten Landwirtschaft und Weinbau unter der kundigen Hand der Brüder auf. Wiederholte Zerstörungen und Beeinträchtigungen durch kriegerische Ereignisse konnten diesen Aufschwung nicht bremsen.
Infolge der Pestepidemien des 14. Jahrhunderts kam es dann wie im gesamten südwestdeutschen Raum zur Ausbildung eines Dorfes an den Ufern der Erms. Zwiefalten gab im Lauf des 15. Jahrhunderts nach und nach die Eigenbewirtschaftung seiner Neuhäuser Güter auf und verlieh diese an die Bauern als Lehen. Der Fronhof am Kolberg und der Weiler Steuchen wurden ebenfalls aufgegeben. In Neuhausen besaß Zwiefalten eine Mühle und eine Badstube. Unter ungeklärten Umständen ging jedoch die kirchliche Aufsicht noch während des Mittelalters auf die Herrschaft Württemberg über. Im Jahr 1431 erfolgte die Stiftung einer Kaplaneipfründe, für die jahrelang Güter und Zinse gesammelt worden waren. Kapläne aus Dettingen an der Erms feierten die Gottesdienste in Neuhausen. Noch während des 16. Jahrhunderts residierte ein ständiger Kaplan in Neuhausen.
Noch aus einem anderen Grund wurde das Jahr 1431 für Neuhausen bedeutsam: Zwiefalten kaufte dem Truchsessen Heinrich von Neuhausen die Ortsherrschaft ab. Nun war der Abt Herr über die Neuhäuser Untertanen. Schon wenige Jahre später jedoch kaufte auch der Graf von Württemberg drei Höfe und stärkte damit seine Position im Dorf.
Die unruhige Stimmung des frühen 16. Jahrhunderts erfasste auch die Neuhäuser. Wegen des starken Bevölkerungsanstiegs war eine Teilung der Lehen unumgänglich geworden; wie viele andere Herrschaften nahm auch Zwiefalten seine obrigkeitlichen Rechte stärker wahr. Darüber beschwerten sich die Neuhäuser beim württembergischen Hofgericht, weil sie die Ansicht vertraten, das Kloster erhebe zu hohe Abgaben. Mit Sicherheit gingen die Ereignisse des Bauernkriegs, in dessen Verlauf das Kloster geplündert wurde, auch an Neuhausen nicht spurlos vorüber.
Weitere Erschütterungen brachte die Einführung der Reformation im Herzogtum Württemberg mit sich. Unter Berufung auf seine kirchlichen Rechte setzte Herzog Ulrich 1535 den evangelischen Pfarrer Jakob Schaller ein. Gleichzeitig wurde Neuhausen zur Pfarrei erhoben und das Nachbardorf Glems als Filial zugeteilt. Der Widerstand Zwiefaltens gegen diese Maßnahme blieb ohne Erfolg. Schon nach kurzer Zeit jedoch sah es so aus, als sollte die Einführung des evangelischen Gottesdienstes Episode bleiben. Als Kaiser Karl V. im Jahr 1548 das Interim in Württemberg einführte, nutzte das Kloster die Gelegenheit und ordnete wieder einen katholischen Pfarrer nach Neuhausen ab. Indessen gelang es Herzog Christoph von Württemberg, nach vier Jahren die Aufhebung des Interims zu erreichen, so dass das Dorf endgültig evangelisch wurde.
Es folgte eine Phase des relativen Wohlstandes und verhältnismäßig ruhiger Zeiten. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts setzte eine starke Bautätigkeit ein, die bis zum Beginn des Dreißigjährigen Krieges anhielt. Es entstanden der Bindhof neben der Kirche (um 1540, inzwischen saniert und als Dorfgemeinschaftshaus genutzt), eine neue Kirche (1570, nicht mehr erhalten), das stattliche Anwesen in der oberen Klosterstraße (1581), der spätere Gasthof zum „Ochsen“ (um 1590, nicht mehr erhalten), ein schönes Fachwerkhaus in der Uracher Straße (zuletzt im Besitz von Sattler Reusch, 1593), der große Zwiefalter Hof in der Klosterstraße (1601/02, rechtes Gebäude und Scheune nicht mehr erhalten), die „Stabhalterei“ (1604, nicht mehr erhalten) sowie ein neues Pfarrhaus (1606, nicht mehr erhalten). mini|Georg Loesti: Neuhausen. Zwiefalter Klosterhof (um 1897)
Für jene Zeit lassen sich erstmals genaue Angaben über den Weinbau erheben. Über 80 Hektar Weinberge, gut viermal so viel wie heute, standen im Anbau. In drei klostereigenen Keltern wurden im Herbst die Trauben gepresst. Tagelang liefen dann die schweren Kelternbäume, von denen es sieben gab; einer davon ist in funktionstüchtigem Zustand noch heute in der Mittleren Kelter erhalten. Wie wertvoll der Weinbau für das Kloster war, zeigt sich daran, dass die Weingärtner von der Herrschaft Dungfuhren und einen Beitrag zu den Kosten der Weinbergmauern erhielten. Überdies mussten sie nicht nur Abgaben an Zwiefalten liefen, sondern bekamen dagegen Erbsen oder Bohnen. Allerdings waren die Weinberge sehr hoch belastet; aus den besten Lagen musste der vierte Teil des Ertrags an Zwiefalten abgeführt werden. Dazu ging der zehnte Teil an die Kirche, so dass den Inhabern der Weinberge nur etwas über die Hälfte von ihrem Ertrag verblieb.
mini|Neuhausen an der Erms gesehen aus den Metzinger Weinbergen
Der Dreißigjährige Krieg machte dem Wohlstand ein Ende. Schon die Kipper- und Wipperzeit der zwanziger Jahre beeinträchtigte das wirtschaftliche Leben erheblich. Die evangelische Konfession geriet in Gefahr, als Kaiser Ferdinand II. im März 1629 das Restitutionsedikt erließ und damit die Wiedereinführung der Messe in Neuhausen gebot. Verzweifelt wandten sich die Neuhäuser an die württembergische Herrschaft, aber alle Versuche, die Durchführung des Edikts zu verhindern, scheiterten. Im Oktober 1630 wurde der evangelische Pfarrer abgesetzt. Nun aber hatte sich die evangelische Konfession so gefestigt, dass der Versuch einer Rekatholisierung nur kurze Zeit Erfolg hatte. Die Erleichterung darüber hielt nur kurz an, da nach der Schlacht bei Nördlingen im August 1634 eine Katastrophe über das Dorf hereinbrach. Hunger und Seuchen rafften viele Menschen hinweg, dazu kamen Plünderungen und Erpressungen. Die Verwaltung brach zusammen. Überdies gelang es der Erzherzogin Claudia von Tirol (Claudia de’ Medici) im Juli 1637, große Teile des Amtes Urach als kaiserliche Beute in Besitz zu nehmen. Besonders in Metzingen versuchten die erzherzoglichen Beamten, ihre Ansprüche mit Gewalt durchzusetzen. In Neuhausen zog die österreichische Regierung den Vogtwein ein, den die Herrschaft Württemberg jährlich an das Kloster Zwiefalten zu liefern hatte.
Mit dem Westfälischen Frieden fanden der Krieg und die österreichische Herrschaft ein Ende. Langsam stabilisierten sich die Verhältnisse, kam das Leben wieder in Gang. Für Zwiefalten galt es, seine Rechte in Neuhausen neu verzeichnen zu lassen. In einem Vogtbuch wurden die herrschaftlichen Vorschriften neu aufgeschrieben. Allerdings konnte nichts mehr darüber hinwegtäuschen, dass der Einfluss des Klosters im Ermstal mehr und mehr schwand. Zunehmend neigten die Neuhäuser der Herrschaft Württemberg zu, die sämtliche umliegenden Orte besaß. Besonders drückend müssen die Klosteruntertanen die Leibeigenschaft empfunden haben, welche ihnen häufig die Heirat eines württembergischen Leibeigenen unmöglich machte. Zwar bestraften die Klosterbeamten jede Äußerung zugunsten Württembergs, konnten damit aber die Hinwendung zu diesem großen Staat nicht mehr aufhalten. Auch als Zwiefalten 1729 in Neuhausen eine Oberpflege einrichtete und einen Mönch als Statthalter in den Klosterhof entsandte, half das nicht mehr viel.
So ist es kein Wunder, dass das Kloster bei der ersten Gelegenheit sein Dorf an Württemberg verkaufte. Diese Gelegenheit bot sich 1749, als der stets geldbedürftige Herzog Carl Eugen gegen horrende Summen die Loskaufung Zwiefaltens von allen Verpflichtungen gegenüber Württemberg anbot. Unter den ersten Objekten, die das Kloster an Württemberg abtrat, befand sich Neuhausen. Am 3. Mai 1750 ergriffen württembergische Beamte in einer feierlichen Zeremonie Besitz von diesem Dorf. Ihre Versprechung, die Untertanen würden jetzt unter eine gelinde und gnädige Herrschaft kommen, erwiesen sich schnell als trügerisch. Vielleicht waren die Neuhäuser auch in ihrer Annahme zu naiv gewesen, sie bekämen neben den Sonderrechten der Klosterzeit auch noch die württembergischen Vergünstigungen dazu.
Die enttäuschten Hoffnungen führten zu starken Spannungen im Dorf. Jahrzehntelang konnte die neue Herrschaft kein Vogtgericht halten, das eigentlich in regelmäßigen Abständen stattfinden sollte. Zu den alten Abgaben erhob Württemberg noch neue, beispielsweise die verhasste Akzise. Auch die Heirats- und Wegzugsbeschränkungen der Klosterzeit blieben bestehen, so dass selbst württembergische Beamte die außerordentlich hohen Belastungen der Einwohnerschaft bezeugten.
Auf kirchlichem Gebiet brachte der Herrschaftswechsel eindeutig eine Verbesserung, weil die lästige Konkurrenz zwischen den beiden Herrschaften unterschiedlicher Konfession entfiel. Gar nicht erfreut waren die Neuhäuser über die Einrichtung eines Kirchenkonvents; dieses Sittengericht verhandelte über alle Vergehen gegen die Zehn Gebote und verhängte Strafen darüber.
Erst am Ende des Jahrhunderts verringerte sich die Belastung, welche die Gemeinde zu ruinieren drohte. Herzog Friedrich von Württemberg erlaubte die Ablösung der Abgaben aus den am höchsten belasteten Weinbergen an der Südseite des Hofbühls. Allerdings herrschten fast zwanzig Jahre lang Kriegszeiten, die auch Württemberg in Mitleidenschaft zogen. Unter der Vorherrschaft des französischen Kaisers Napoleon wurde das Herzogtum zwar zum Kurfürstentum (1803) und schließlich zum Königreich (1806) erhoben, aber auch in den Strudel der napoleonischen Kriege gerissen. Kaum hatten diese ihr Ende gefunden, so brach im Jahr ohne Sommer 1816/17 eine schwere Hungersnot über das Land herein, die viele Menschen zur Auswanderung veranlasste.
Diese schlimme Zeit brachte eine längst überfällige Reform der gesamten Landwirtschaft in Gang, die mit der Befreiung von der Leibeigenschaft und der Ablösung der ersten Abgaben ihren Anfang nahm (Bauernbefreiung). Da nun eine lange Periode des Friedens folgte, konnte sich das Land wirtschaftlich erholen. Seit Anfang der dreißiger Jahre bestand eine Textilfabrik im Ort; damit begann die Industrialisierung, welche in unserem Jahrhundert endgültig die bäuerliche Struktur des Dorfes veränderte. Diese Fabrik wurde um die Mitte des Jahrhunderts von der Fabrikantenfamilie Braun übernommen. Unzählige Menschen fanden hier sowie in den Fabriken der Umgebung Arbeit und Brot.