mini|300px|Gebietsansprüche in Kaschmir:

Der Kaschmir-Konflikt ist ein Territorialkonflikt um die im Himalaya gelegene Region Kaschmir zwischen Indien, Pakistan und der Volksrepublik China. Aufgrund des Kaschmir-Konfliktes kam es bisher zu fünf Kriegen, den drei indisch-pakistanischen Kriegen von 1947 bis 1949, 1965 und 1971, dem Kargil-Krieg im Jahr 1999 und dem indisch-chinesischen Grenzkrieg im Jahr 1962. Die Vereinten Nationen unterhalten seit 1949 in Folge des ersten indisch-pakistanischen Krieges eine Beobachtermission (UNMOGIP) im Grenzgebiet.

Der Konflikt ist neben den Auseinandersetzungen zwischen den beteiligten Staaten von politischer Instabilität und internen Spannungen im indisch-kontrollierten Teil Kashmirs geprägt. Teile der mehrheitlich muslimischen Bevölkerung leisteten mit Unterstützung von Terrororganisationen (auch) militanten Widerstand gegen die Bemühungen der Zentralregierung Indiens, das Gebiet stärker in den indischen Gesamtstaat zu integrieren. Die indische Regierung wirft Pakistan fortgesetzt vor, den Widerstand gegen diese Bemühungen zu unterstützen.

Geographie Die Region Kaschmir teilt sich aktuell auf in die unter indischer Kontrolle stehenden Gebieten Jammu und Kashmir sowie Ladakh mit insgesamt 101.000 km² und 12,5 Millionen Einwohnern, die unter pakistanischer Kontrolle stehenden Regionen Gilgit-Baltistan und Asad Kaschmir (letztere teilautonom) mit insgesamt 84.000 km² und ca. 5 Millionen Einwohnern, chinesische Gebiete (u. a. Aksai Chin mit 38.000 km² und einigen Tausend Bewohnern), sowie den Siachengletscher, der seit 1984 überwiegend von Indien und zu einem kleineren Teil von Pakistan kontrolliert wird. Während Indien Anspruch auf die gesamte Region erhebt, beanspruchen Pakistan und China lediglich Teile der Region (siehe Karte Gebietsansprüche in Kaschmir).

2019 hob die indische Regierung einen seit 1947 geltenden und seit 1950 in Artikel 370 der indischen Verfassung verankerten (Teil-)Autonomiestatus des Bundesstaats Jammu und Kashmir auf und überführte den vormalig (teil-)autonomen Bundesstaat in die Unionsterritorien Jammu und Kashmir und Ladakh als Teil des indischen Gesamtstaates.

Historische Hintergründe

Vorgeschichte und britische Kolonialherrschaft (900–1946) Seit dem 10. Jahrhundert drang der Islam allmählich in Indien ein. Nach und nach gerieten zunächst der Punjab und später Kaschmir unter islamische Herrschaft und ein wesentlicher Teil der Bevölkerung nahm die islamische Religion an. Nach der Schlacht bei Panipat 1526 wurde das Mogulreich von islamischen Eroberern in Nordindien begründet, das zum Zeitpunkt seiner größten Ausdehnung um 1700 herum große Teile des indischen Subkontinents umfasste. Auch Kaschmir gehörte zum Mogulreich. Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurde das Mogulreich zunehmend geschwächt, was Invasionen von außerhalb ermöglichte. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts etablierte sich im Osten des Iran, in Afghanistan und Pakistan das Durrani-Reich, das auch die Kontrolle über Kaschmir gewann. Von Bengalen aus drang die Britische Ostindien-Kompanie vor. In der Schlacht bei Plassey 1757 besiegte ein britisches Kontingent unter Robert Clive eine weit größere Armee des Mogulherrschers, der anschließend ganz Bengalen an die Britische Ostindien-Kompanie abtreten musste. Das Mogulreich verfiel in den folgenden Jahrzehnten weiter und wurde nach dem Indischen Aufstand von 1857 ganz von den Briten annektiert.

Auch das Durrani-Reich erwies sich als nicht sehr langlebig. 1819 wurde Kaschmir durch das Reich der Sikh im benachbarten Punjab erobert. Das Reich der Sikh geriet jedoch auch mit der Britischen Ostindien-Kompanie in Konflikt und wurde von dieser im Ersten Sikh-Krieg militärisch besiegt. Der Sieg der Briten wurde wesentlich durch den Verrat einzelner Heerführer in der Sikh-Armee begünstigt. Gewissermaßen als Belohnung für seinen Verrat erhielt der Heerführer Gulab Singh 1846 den Titel eines Maharadschas und das Herrschaftsgebiet über Jammu und Kashmir. Kurz danach brach ein Aufstand im Punjab aus, der dazu führte, dass der gesamte ehemalige Sikh-Staat nach dem Zweiten Sikh-Krieg von der Britischen Ostindien-Kompanie annektiert wurde. Jammu und Kashmir wurde ein Fürstenstaat innerhalb Britisch-Indiens unter der durch Gulab Singh begründeten hinduistischen Dynastie.

Teilung des Indischen Subkontinents und Sonderstatus des Bundesstaats Jammu und Kashmir (1947)

Bei der Teilung Indiens im Jahr 1947 erhielten die Fürstenstaaten die Möglichkeit, sich einem der beiden Nachfolgestaaten, die aus den britischen Provinzen gebildet worden waren – Indien und Pakistan – anzuschließen. Die Jammu & Kashmir National Conference (JKNC), eine mehrheitlich aus Muslimen bestehende Partei in Jammu und Kashmir, die sich aber im Gegensatz zur Muslimliga Muhammad Ali Jinnahs nicht als Muslimpartei verstand, sprach sich gegen einen Anschluss an Pakistan aus. Der Maharaja von Jammu und Kashmir zögerte zunächst mit einer Entscheidung. Nachdem muslimische Freischärler in das Land eingedrungen waren, um so den Anschluss an Pakistan zu erzwingen, erklärte er jedoch am 26. Oktober 1947 den Anschluss seines Landes an Indien, was am Folgetag durch den Generalgouverneur von Indien Louis Mountbatten anerkannt wurde.

Im Rahmen des Anschlusses wurde dem (damals noch) Bundesstaat Jammu und Kashmir durch die indische Regierung 1947 ein Sonderstatutsrecht eingeräumt, das seit 1950 auch in Artikel 370 der indischen Verfassung verankert ist. Der Sonderstatus gewährte der Region das Recht auf eine eigene Verfassung, eine eigene Flagge, eine interne, von der Zentralregierung Indiens unabhängige (teilweise Selbst-)Verwaltung und beinhaltete diverse Sonderregelung zugunsten der Region, beispielsweise ein Ansiedlungs- bzw. Grunderwerbverbots für nicht in der Region lebende Bürger Indiens.

Kriegerische Auseinandersetzungen von 1947–1971

Erster Indisch-Pakistanischer Krieg und Folgen (1947–1949) Am 27. Oktober 1947 begannen bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen indischen und pakistanischen Einheiten im Konfliktgebiet, die in den Ersten Indisch-Pakistanischen Krieg mündeten. Indien rief am 1. Januar 1948 die Vereinten Nationen um Vermittlung an. Der UN-Sicherheitsrat verabschiedete daraufhin am 21. April 1948 die UN-Resolution 47, in der beide Konfliktparteien zur Verhandlung eines Waffenstillstands und zur anschließenden Durchführung einer Volksabstimmung in Jammu und Kashmir aufgefordert wurden. Letztlich wurde erst am 27. Juli 1949 ein Waffenstillstandsabkommen (Karachi Agreement) geschlossen, welches sich in der Folge als problematisch erwies, da die Waffenstillstandslinie nicht exakt festgelegt wurde. Nur in den Gebieten, die umkämpft waren, existierte die Waffenstillstandslinie, nicht jedoch im nördlich gelegenen Hochland. Die Vereinten Nationen unterhalten seit 1949 in Folge des ersten indisch-pakistanischen Krieges eine Beobachtermission (UNMOGIP) im Grenzgebiet.

In der Folge bemühte sich Indien zunehmend um eine Eingliederung des (damals noch) Bundesstaates Jammu und Kashmir in den Gesamtstaat Indiens, was mit Widerstand des Regierungschefs Sheikh Abdullah beantwortet wurde. Da dieser sich den Eingliederungsbestrebungen fortlaufend widersetzte, setzte die indische Regierung ab 1953 eine Verbannung durch, um ihn dann bis zum 8. April 1964 aufgrund des Vorwurfs der Verschwörung gegen den indischen Staat für zehn Jahre zu inhaftieren. Ab diesem Zeitpunkt sah sich die indische Regierung wiederholt dem Vorwurf ausgesetzt, die Autonomie der Region zu missachten und unliebsame politische Akteure trotz des Sonderstatus der Region zu beseitigen. Pakistan orientierte sich seit 1954 in Richtung Westen. Indien orientierte sich in Richtung Sowjetunion, blieb aber bündnisfrei.

Indisch-Chinesischer Grenzkrieg und Siachengletscher (1962) Nachdem Indien 1962 im Grenzkrieg mit China eine Niederlage erlitten hatte, schloss Pakistan ein Bündnis und einen Grenzvertrag mit China ab. Aufgrund der Niederlage Indiens erlangte China einen Teil des (damals noch) Bundesstaates Jammu und Kashmir, was sich auf die Relevanz des Siachengletschers auswirkte: Um den südlichen Karakorum-Pass von Indien aus zu erreichen, ist das Betreten des Gletschers notwendig. Durch den Verlust von Teilen von Jammu und Kashmir wurde der Karakorum-Pass vorübergehend zur wichtigsten Landhandelsverbindung von Kashmir zu China, weshalb Indien nachfolgend ein verstärktes Interesse an der Kontrolle hatte (siehe auch: Siachenkonflikt). Seit 1984 steht der Gletscher überwiegend unter indischer Kontrolle. Diverse Versuche Pakistans, den Gletscher unter seine Kontrolle zu bringen, waren nicht von Erfolg gekrönt. Seit 2003 besteht ein Waffenstillstandsabkommen; dennoch kam es auch nach dessen Abschluss vielfach zu Schusswechseln.

Zweiter Indisch-Pakistanischer Krieg (1965) und Dritter Indisch-Pakistanischer Krieg (1971) Ab 1962 begann Indien aufzurüsten, weswegen Pakistan Indien den Krieg erklärte (Zweiter Indisch-Pakistanischer Krieg). Muhammed Ayub Khan griff am 1. September 1965 die einzige Verbindung nach Kaschmir an. Am 26. September 1965 wurde ein Waffenstillstand ausgerufen.

Der Krieg 1971 (Dritter Indisch-Pakistanischer Krieg, auch Bangladesch-Krieg), der mit einer Kapitulation Pakistans endete, hat Kaschmir zuerst nicht betroffen. Im Shimla-Abkommen von 1972 wurde die Waffenstillstandslinie in Line of Control umbenannt.

Periode relativer Stabilität von 1972–1982 und Entwicklung von Atomwaffen

Innere Stabilität (1972–1982) Infolge des Shimla-Abkommen kam es zu einer relativen Stabilität zwischen den Konfliktparteien. Indien und Pakistan konzentrierten sich zunächst auf innere Konflikte. Zwischen Indien und der Bevölkerung des indisch-kontrollierten Teil Kaschmirs kam es auf Basis eines Abkommens im Jahr 1975 zwischen der Regierungschefin Indiens, Indira Gandhi und dem zurückgekehrten Sheikh Abdullah ebenfalls zu einer Phase der Entspannung. Nach einer Wahlniederlage von Indira Gandhi in Gesamtindien im Jahr 1977 kam es auch in Kaschmir und Jammu zu Neuwahlen, aus welchen Sheikh Abdullah erneut als Sieger hervorging und die Regierungsgeschäfte noch bis zu seinem Tod im Jahr 1982 führte.

Entwicklung von Atomwaffen durch Indien und Pakistan (ab 1972) Indien verfolgte bis zu einem ersten offiziellen Atomwaffentest am 18. Mai 1974 unter dem Codenamen Operation Smiling Buddha eine Politik der nuklearen Ambiguität, sodass bis zu diesem Zeitpunkt Unklarheit darüber bestand, ob Indien im Besitz von Atomwaffen war. Tatsächlich hatte die indische Premierministerin Indira Gandhi in den 70er-Jahren ein bereits 1961 angelegtes Atomprogramm vorangetrieben, da einerseits US-Präsident Richard Nixon 1971 im Kontext des Bangladesch-Kriegs den Einsatz von Atomwaffen in Indien erwog und andererseits China als unmittelbarer Nachbar Indiens bereits 1964 einen ersten Atomwaffentest durchgeführt hatte. Auch Pakistan arbeitete mit chinesischer Unterstützung seit einem Geheimtreffen des Premierministers Bhutto mit diversen Wissenschaftlern am 20. oder 24. Januar 1972 an der Entwicklung von Atomwaffen und führte erstmals 1998 mit der Operation Chagai-I einen Atomwaffentest durch.

Indien und Pakistan unterzeichneten in der Folge weder den Atomwaffensperrvertrag, der die Verbreitung von Atomwaffen untersagt und die unterzeichnenden Staaten zur Abrüstung verpflichtet, noch den Kernwaffenteststopp-Vertrag, der die unterzeichnenden Staaten zum Unterlassen jeglicher Kernwaffentests verpflichtet hätte. Beide Staaten betrachten die Abschreckung mittels Atomprogramm als notwendiges Mittel zur Abwehr eines möglichen Nuklearangriffs und einer militärischen Eskalation des Konflikts in der Region. Im Hinblick auf die möglichen Auswirkungen einer mit Atomwaffen geführten Auseinandersetzung für den gesamten asiatischen Kontinent zeigt sich die internationale Gemeinschaft fortlaufend besorgt über die anhaltenden Differenzen zwischen den Parteien.