mini|Der Unterkiefer von Mauer (Original).Die beiden linken Prämolaren gingen durch unsachgemäße Verwahrung im Zweiten Weltkrieg verloren.Beschreibung des Unterkiefers auf der Webseite des Vereins Homo heidelbergensis von Mauer e. V. Der Unterkiefer von Mauer ist das bislang älteste Fossil der Gattung Homo, das in Deutschland geborgen wurde. Es wurde 1907 in der Sandgrube am Grafenrain der Gemeinde Mauer, rund zehn Kilometer südöstlich von Heidelberg, entdeckt. Der Unterkiefer von Mauer ist das Typusexemplar der Art Homo heidelbergensis.Otto Schoetensack: Der Unterkiefer des Homo Heidelbergensis aus den Sanden von Mauer bei Heidelberg. Ein Beitrag zur Paläontologie des Menschen. Leipzig, 1908, Verlag von Wilhelm Engelmann Von europäischen Forschern wird der Fund auch als Homo erectus heidelbergensis bezeichnet und somit als Unterart zu Homo erectus gestellt. Das Alter des Unterkiefers konnte im Jahr 2010 erstmals absolut datiert werden und soll demnach 609.000 ± 40.000 Jahre betragen.Günther A. Wagner, Matthias Krbetschek, Detlev Degering […] und G. Philip Rightmire: Radiometric dating of the type-site for Homo heidelbergensis at Mauer, Germany. In: PNAS. Band 107, Nr. 46, 2010, S. 19726–19730, doi:10.1073/pnas.1012722107. Zuvor war in der wissenschaftlichen Literatur anhand relativer Datierungsmethoden ein Alter von entweder rund 600.000 oder von rund 500.000 Jahren als wahrscheinlich bezeichnet worden.H. Dieter Schreiber u. a.: Die Tierwelt der Mauerer Waldzeit. In: Günther A. Wagner u. a. (Hrsg.): Homo heidelbergensis. Schlüsselfund der Menschheitsgeschichte. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2007, S. 146.

Fundgeschichte

Am 21. Oktober 1907 legte der Sandgräber Daniel Hartmann (1854–1952) in der Bausandgrube im Gewann Grafenrain der Gemeinde Mauer 24,63 Meter unter der damaligen Geländeoberfläche mit seiner Schaufel einen Unterkiefer frei, in dem er den Überrest eines Menschen erkannte.Schoetensack, S. 23. Dies war ihm möglich, da der Heidelberger Privatgelehrte Otto Schoetensack (1850–1912) die Arbeiter der Sandgrube seit 20 Jahren dazu angehalten hatte, auf Fossilien zu achten, nachdem 1887 in dieser Sandgrube der gut erhaltene Schädel eines Waldelefanten zutage gekommen war. Schoetensack hatte die Arbeiter zudem anhand von rezenten Beispielen das Aussehen von Menschenknochen gelehrt und die Sandgrube häufig „auf Spuren des Menschen“ kontrolliert.

Der Unterkiefer wurde beim Sandschippen durch die Luft geschleudert und erst entdeckt, nachdem er bereits in der Mitte – an der Symphyse – in zwei Teile zerbrochen war. An der linken Seite platzte zugleich ein Stück ab, das auch später nicht mehr gefunden wurde. Es hafteten zudem „neben und an den Eck- und Backenzähnen des Unterkiefers dicke verfestigte Krusten von ziemlich grobem Sand, ein Charakteristikum der aus den Mauerer Sanden stammenden Fossilien. Die Verkittung ist durch kohlensauren Kalk erfolgt. An der linken Kieferhälfte lag außerdem auf den Prämolaren und beiden ersten Molaren, fest verbunden mit dem Sande, ein sechs Zentimeter langes und etwa vier Zentimeter breites Geröll von Kalkstein, vermutlich Muschelkalk.“Schoetensack, S. 23. Die Entfernung der Kalkkrusten führte später zu weiteren Beschädigungen, u. a. platzten bei einigen Zähnen winzige Splitter des Zahnschmelzes ab. Als Folge einer unsachgemäßen Auslagerung gingen im Zweiten Weltkrieg zudem die zwei linken Prämolaren verloren (laut Dietrich Wegner: Der Fund. In: Günther A. Wagner u. a., S. 42).

Schoetensack wurde vom Pächter der Sandgrube umgehend über den Fund informiert. Er untersuchte Fundstelle und Unterkiefer und legte die Ergebnisse seiner Studien im Herbst des folgenden Jahres in einer Monografie vor, der er den Titel gab: „Der Unterkiefer des Homo Heidelbergensis aus den Sanden von Mauer bei Heidelberg“. Am 19. November 1907 hatte Schoetensack in einer notariell beglaubigten Urkunde bereits vermerkt, dass der Grubenpächter Josef Rösch (1838–1925) den Fund als Schenkung der Universität Heidelberg überlasse;Schoetensack, S. 24. in deren Geologisch-Paläontologischem Institut wird der Unterkiefer noch immer verwahrt. Er ist heute „der wertvollste Gegenstand in den naturwissenschaftlichen Sammlungen der Universität Heidelberg“.Dietrich Wegner: Der Fund. In: Günther A. Wagner u. a., S. 19. Auf der rechten Innenseite des Unterkiefers ist im Bereich des Gelenks mit schwarzer Schrift in Kapitälchen die Sammlungsnummer des Fossils vermerkt: „GPIH 1“GPIH steht für Geologisch-Paläontologisches Institut Heidelberg. und darunter „MAUER 1“.

Weitere Funde in der Sandgrube von Mauer sind die ab 1924 von Karl Friedrich Hormuth (1904–1992) aufgefundenen Hornstein-Artefakte, die als Werkzeuge des Homo heidelbergensis interpretiert werden, sowie das 1933 von Wilhelm Freudenberg (1881–1960) entdeckte Stirnbein-Fragment, das möglicherweise auch Homo heidelbergensis zugerechnet werden kann.

Zur jüngeren Fundgeschichte gehört schließlich auch eine Episode in der ersten Hälfte der 2000er-Jahre im Zusammenhang mit dem Wissenschaftsskandal um den Frankfurter Anthropologen Reiner Protsch, die bezüglich des Unterkiefers von Mauer „mehrfach zu Streitigkeiten bis hin zu diplomatischen Interventionen“ führte.Zusammenfassung des Berichts der Kommission zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten. Anhang zur Pressemitteilung der Universität Frankfurt Nr. 038 vom 17. Februar 2005. Nachdem es wiederholt Vorwürfe gegen Protsch wegen wissenschaftlichen Fehlverhaltens gegeben hatte (u. a. gefälschte Datierungen von Fossilien, Plagiate in Fachzeitschriften, Fälschungen von Inventarnummern zwecks Aneignung und Verkauf von Universitätseigentum), setzte die Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main im August 2004 eine Kommission zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten ein. Im Februar 2005 legte diese Kommission ihren Abschlussbericht vor, in dessen Zusammenfassung auch „die fehlende Bereitschaft zur Rückgabe von ihm überlassenen Fundstücken“ kritisiert wurde. Zudem habe „Prof. Protsch nach Überzeugung der Kommission mehrfach von den Fundstücken, die ihm von anderen Institutionen überlassen worden waren, mehr Abgüsse machen lassen als verabredet waren, diese Abgüsse verkauft oder verschenkt, so etwa von dem berühmten Homo heidelbergensis.“ Um den Unterkiefer von Mauer wieder an seinen rechtmäßigen Eigentümer, die Universität Heidelberg, zurückzugeben, hatten Fachkollegen in Frankfurt eigens eine internationale Konferenz zu Homo heidelbergensis veranstaltet, in der Erwartung, dass der Unterkiefer von Protsch im Original vorgelegt werden müsse und so unter den Augen der Fachkollegen wieder in die Hände der Heidelberger Forscher geraten werde.

Fundbeschreibung mini|Titelseite der Erstbeschreibung Die 1908 in der Erstbeschreibung des Unterkiefers von Mauer durch Otto Schoetensack vorgelegte anatomische Analyse beruhte wesentlich auf der Expertise des Breslauer Hochschullehrers Hermann Klaatsch; dies wurde aber nur in einer knappen Danksagung in deren Vorwort angedeutet.Dietrich Wegner: Der Fund. In: Günther A. Wagner u. a., S. 38. – Worauf Hermann Klaatsch in einem Nachruf auf Schoetensack hinweist: „Wie in Fachkreisen fast allgemein bekannt, ist die anatomische Bearbeitung des Heidelberger Unterkiefers sachlich und textlich in der Hauptsache mein Werk. (…) Die einzige kleine Trübung unseres sonst idealen Freundschaftsbundes war es, daß Schoetensack sich nicht dazu verstehen wollte, auf dem Titel seiner Monographie die Mitarbeiterschaft bekannt zu geben.“ Klaatsch erwähnt an gleicher Stelle, dass die genaue Beschreibung der Zähne ebenfalls nicht von Schoetensack, sondern von Gottlieb Port erarbeitet worden sei.

In seiner Erstbeschreibung schrieb Schoetensack, die „Eigenart unseres Objektes“ dränge sich „auf den ersten Blick auf“, da „ein gewisses Mißverhältnis zwischen dem Kiefer und den Zähnen“ unverkennbar sei: „Die Zähne sind zu klein für den Knochen. Der vorhandene Raum würde ihnen eine ganz andere Entfaltung gestatten.“ Und weiter heißt es über das Fundstück:

„Es zeigt eine Kombination von Merkmalen, wie sie bisher weder an einer recenten noch fossilen menschlichen Mandibula angetroffen worden ist. Selbst dem Fachmann wäre es nicht zu verargen, wenn er sie nur zögernd als menschliche anerkennen würde: Fehlt ihr doch dasjenige Merkmal gänzlich, welches als specifisch menschlich gilt, nämlich ein äußerer Vorsprung der Kinnregion, und findet sich doch dieser Mangel vereinigt mit äußerst befremdlichen Dimensionen des Unterkieferkörpers (…). Der absolut sichere Beweis dafür, daß wir es mit einem menschlichen Teile zu tun haben, liegt lediglich in der Beschaffenheit des Gebisses. Die vollständig erhaltenen Zähne tragen den Stempel ‚Mensch‘ zur Evidenz: Die Canini zeigen keine Spur einer stärkeren Ausprägung den anderen Zahngruppen gegenüber. Diesen ist insgesamt die gemäßigte und harmonische Ausbildung eigen, wie sie die recente Menschheit besitzt.“Schoetensack, S. 25–26.

Charakteristisch für den Unterkiefer sind demnach zum einen das fehlende Kinn, zum anderen die erheblichen Ausmaße des Unterkieferknochens, auf dem hinter dem Weisheitszahn noch ein 4. Backenzahn hätte Platz finden können. Da auch der 3. Backenzahn (der sogenannte Weisheitszahn) vorhanden, das Dentin aber nur an wenigen Stellen freigelegt ist, wird das Lebensalter beim Eintritt des Todes auf ca. 20 bis 30 Jahre geschätzt.Johanna Kontny u. a.: Reisetagebuch eines Fossils. In: Günther A. Wagner u. a., S. 48. – Durch intensives Kauen wird der Zahnschmelz allmählich abgetragen und das Dentin freigelegt; daher kann das Ausmaß dieses Abriebs als Anhaltspunkt für die Abschätzung des Lebensalters genutzt werden.

Schoetensack schloss aus der Ähnlichkeit des Gebisses auf die Verwandtschaft zum Menschen der Gegenwart (Homo sapiens) und stellte den Unterkiefer daher zur Gattung Homo – eine Sichtweise, die auch heute noch einhellig von den Paläoanthropologen vertreten wird. Aus dem Umstand, dass dem Unterkiefer – im Unterschied zum modernen Menschen – unter anderem das Kinn fehlt, leitete Schoetensack die Berechtigung ab, eine neue Art mit dem Art-Epitheton heidelbergensis zu definieren. Durch den Untertitel seiner Erstbeschreibung – „Ein Beitrag zur Paläontologie des Menschen“ – bezog Schoetensack zugleich auf Seiten des Darwinismus „eindeutig Position in der großen Auseinandersetzung seiner Zeit über die Entstehung des Menschen: nämlich dass der Mensch sich aus dem Tierreich heraus entwickelt hat und nicht bereits als fertiges Wesen einem biblischen Schöpfungsakt zu verdanken sei.“Günther A. Wagner: 100 Jahre Homo heidelbergensis aus Mauer. In: Günther A. Wagner u. a., S. 15.

Über die genaue Position des Unterkiefers von Mauer in der Ahnenkette des modernen Menschen äußerte sich Schoetensack nur vorsichtig: Er schrieb in seiner Studie zurückhaltend, dass es „möglich erscheint, daß der Homo Heidelbergensis der Vorfahrenreihe des europäischen Menschen“ angehöreSchoetensack, S. 34. und – nach eingehenden Vergleichen mit anderen europäischen Fossilien – an anderer Stelle gleichermaßen vage: „Wir müssen daher die Mandibula des Homo Heidelbergensis als präneandertaloid bezeichnen.“Schoetensack, S. 40. Die Einordnung des Unterkiefers von Mauer in die Zeit vor den Neandertalern erwies sich als zutreffend.

Falsch lag Schoetensack – wie viele seiner Fachkollegen um die Wende zum 20. Jahrhundert – allerdings mit der Abschätzung der verwandtschaftlichen Nähe des Unterkiefers von Mauer mit den Menschenaffen (Hominiden): „Die Mandibula des Homo Heidelbergensis läßt den Urzustand erkennen, welcher dem gemeinsamen Vorfahren der Menschheit und der Menschenaffen zukam.“Schoetensack, S. 44. 1924 wurde im heutigen Südafrika das bis dahin älteste Fossil aus dem Formenkreis der Hominiden entdeckt – das Kind von Taung – das rund zwei Millionen Jahre älter ist als der Unterkiefer von Mauer und trotz seines hohen Alters nicht an der gemeinsamen Basis von Menschen und Menschenaffen steht.

Datierung mini|