Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine Störung der neuronalen Entwicklung.
ADHS äußert sich durch Probleme mit Aufmerksamkeit, Impulsivität und Selbstregulation; manchmal kommt zusätzlich starke körperliche Unruhe (Hyperaktivität) hinzu.
Die Störung wurde früher als reines Verhaltensproblem gesehen, während sie heute zunehmend als komplexe Entwicklungsabweichung des Selbstmanagement-Systems im Gehirn verstanden wird. ADHS kann dabei auch als ein Extremverhalten aufgefasst werden, das fließend zur Normalität übergeht. Eine ADHS-Diagnose erfordert daher, dass die Auffälligkeiten sehr stark ausgeprägt und in den meisten Situationen beständig seit der Kindheit vorhanden sind. Symptome allein haben jedoch keinen Krankheitswert: Erst wenn diese zusätzlich stark die Lebensführung beeinträchtigen oder zu erkennbarem Leiden führen, ist eine ADHS-Diagnose gerechtfertigt.
Die weltweite Häufigkeit des ADHS unter Kindern und Jugendlichen wird mit etwa 5,3 % beziffert. Die Häufigkeit von ADHS in Deutschland liegt bei ca. 4,4 %. Sie gilt heute als häufigste psychiatrische Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen. Jungen werden merklich häufiger diagnostiziert als Mädchen. In Verlaufsstudien blieb bei 40 bis 80 % der diagnostizierten Kinder die Störung auch in der Adoleszenz bestehen. Im Erwachsenenalter schließlich ist mindestens in einem Drittel der Fälle noch eine beeinträchtigende ADHS-Symptomatik nachweisbar (siehe ADHS bei Erwachsenen).“. Langfassung (PDF; 1,0 MB). Bundesärztekammer, 2005, abgerufen am 3. Januar 2017. (S. 5: Jungen öfter als Mädchen betroffen; S. 36: Fortbestehen in Adoleszenz; S. 42: Fortbestehen im Erwachsenenalter.)
Für die Entstehung von ADHS werden mehrere miteinander wechselwirkende Faktoren verantwortlich gemacht, welche einen Einfluss auf die Hirnentwicklung haben. Dabei spielen vor allem genetische Veranlagungen, aber auch Umwelteinflüsse im Umfeld der Geburt (prä-, peri- und früh postnatal) eine entscheidende Rolle.
Je nach Person kann die Störung unterschiedliche Folgen haben. Meist stehen Betroffene und ihre Angehörigen unter erheblichem Druck: Misserfolge in Schule oder Beruf,. Medscape Deutschland (2012). Langzeitstudie von Klein et al. ungeplante frühe Schwangerschaften, Drogenkonsum und die Entwicklung psychischer Störungen wurden oft beobachtet. Dazu kommt ein deutlich erhöhtes Risiko für Suizide, Unfälle und unabsichtliche Verletzungen sowie versehentliche Vergiftungen.http://daebl.de/CH19ADHS-Therapie mit niedrigerem Sterberisiko assoziiert. In: Deutsches Ärzteblatt. Jahrgang 121, Heft 7, 5. April 2024, S. B 413. Diese allgemeinen Risiken müssen jedoch nicht in jedem Einzelfall relevant sein. Die Behandlung richtet sich daher nach dem Schweregrad, dem Leidensdruck, den jeweiligen Symptomen und Problemen sowie dem Alter der betroffenen Person.
Ursachenaufklärung und Therapieverbesserung werden seit Jahrzehnten erforscht. Heute (Stand 2022) sind die Vorteile einer individuell angepassten Behandlung geklärt; ebenso wie die Nachteile einer versäumten oder fehlerhaften Behandlung. Mit wenigen Ausnahmen deuten viele bildgebende Studien trotz Unterschieden in ihrem Untersuchungsvorgehen darauf hin, dass sich Gehirnareale bei pharmakologischer Behandlung in Aufbau und Funktion verbessern.
Bezeichnungen und Abkürzungen Neben ADHS existieren viele alternative Bezeichnungen und Abkürzungen. Einige davon beschreiben übereinstimmende Krankheitsbilder (z. B. Hyperkinetische Störung (HKS) oder Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom), während andere teilweise spezielle Ausprägungen bezeichnen. International wird von der attention deficit hyperactivity disorder (ADHD) oder attention deficit/hyperactivity disorder (AD/HD) gesprochen.
Umgangssprachlich noch weit verbreitet – wenn auch in der jüngeren Fachliteratur nicht mehr gebräuchlich – ist die Bezeichnung Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom oder -störung (ADS). Besonders Betroffene mit vorwiegender Aufmerksamkeitsstörung ohne ausgeprägte Hyperaktivität verwenden die Abkürzungen ADS und ADD (englisch). Durch sie soll zum Ausdruck kommen, dass Hyperaktivität nicht immer zwingend als Symptom vorhanden ist. Veraltet sind die Bezeichnung Minimale Cerebrale Dysfunktion (MCD) oder Hyperkinetische Reaktion des Kindesalters; die Diagnose Psychoorganisches Syndrom (POS) wird nur noch in der Schweiz verwendet.
Diagnostik und Klassifizierung Wie bei allen psychischen Störungsbildern sind die in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD) der Weltgesundheitsorganisation und dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) der American Psychiatric Association enthaltenen Beschreibungen und festgelegten Kriterien zur Diagnose von ADHS international anerkannt. In Deutschland ist die darauf aufbauende S3-Leitlinie von DGKJP, DGPPN und DGSPJ maßgeblich (siehe unter Literatur).
Die ADHS-Symptome und -Eigenschaften sind dimensional in der Bevölkerung verteilt. Sie stellen für sich genommen noch keine Krankheitsanzeichen dar. Um ADHS eindeutig und kategorial zu diagnostizieren, sind diese verbreiteten Symptome daher weniger hilfreich als ihre Auswirkungen auf die Lebensführung. Für die Diagnostik ist somit entscheidend, ob es auch zu einer eingeschränkten Funktionsfähigkeit, Lebensqualität oder Teilhabe im Alltag kommt. Falls nur ein Lebensbereich betroffen ist, kann dies ein Hinweis auf eine andere psychische Störung sein.
Maßgeblich für die Diagnose von ADHS ist das klinische Bild. Zur Diagnose geeignete Biomarker sind nicht bekannt.“. Langfassung (PDF; 1,0 MB). Bundesärztekammer, 2005. Kapitel 3: Diagnostik und Differenzialdiagnostik der ADHS
Klassifizierung nach ICD Nach ICD-10 In der ICD-10 wird das Krankheitsbild unter der Oberkategorie Hyperkinetische Störungen (F90) aufgeführt, die der Gruppe der Verhaltens- und emotionalen Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend zugeordnet ist. Folgende Formen werden dabei unterschieden:
Einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (F90.0) – Kriterien für Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität sind erfüllt. Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens (F90.1) – Kriterien von F90.0 und einer Störung des Sozialverhaltens (F91) sind gleichzeitig erfüllt. Sonstige hyperkinetische Störungen (F90.8) – müssen nicht alle Kriterien nach F90.0 erfüllen. Hyperkinetische Störung, nicht näher bezeichnet (F90.9) – soll nur bei Unklarheit zwischen F90.0 und F90.1 verwendet werden. Für die Diagnose des ADHS als Hyperkinetische Störung nach F90.0, F90.1 oder F90.9 sind „beeinträchtigte Aufmerksamkeit, Überaktivität und Impulsivität notwendig“.
Eine Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität (entsprechend dem vorwiegend unaufmerksamen Subtyp im DSM) kann in der Kategorie Hyperkinetische Störungen (F90) nicht verschlüsselt werden. Dafür muss die Restkategorie Sonstige näher bezeichnete Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend – Inkl.: Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität (F98.8) benutzt werden.
Kodierung des vorwiegend hyperaktiv-impulsiven Typus im Schema der ICD-10
Eine Hyperkinetische Störung, bei der die Kriterien für Unaufmerksamkeit nicht voll erfüllt sind, kann unter F90.1 oder F90.8 kodiert werden.
Sonstige Varianten
Viele Experten beschreiben auch subklinische Varianten, andere spezielle Ausprägungen oder Störungsbilder, die etwa nicht zu Hause, aber in der Schule vorkommen. Diese wurden jedoch, wie der vorwiegend unaufmerksame Typus, 1992 nicht unter der Hauptklassifikation F90.– der ICD-10 aufgenommen, „da die empirische prädikative Validierung noch unzureichend ist“.Helmut Remschmidt u. a. (Hrsg.): Multiaxiales Klassifikationsschema für psychische Störungen des Kindes- und Jugendalters nach ICD-10 der WHO. 5. Auflage. Huber 2006, ISBN 3-456-84284-8, S. 33 ff. Diese können ebenfalls unter der ICD-Ziffer F98.8Helmut Remschmidt: Kinder- und Jugendpsychiatrie. Eine praktische Einführung. 6. Auflage. Thieme 2011, S. 157. oder unter F90.8 klassifiziert werden.
Nach ICD-11 Die seit 2022 gültige ICD-11 führt ADHS unter dem Schlüssel 6A05 als „Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung“ in der Unterkategorie „Neuromentale Entwicklungsstörungen“ auf. Dabei wird zwischen den Subtypen „vorwiegend unkonzentriert“ (6A05.0), „vorwiegend hyperaktiv-impulsiv“ (6A05.1) und „kombiniert“ (6A05.2) unterschieden. Die Kategorie „Hyperkinetische Störungen“ ist entfallen.
Nach DSM-5 Im DSM-5 (2013, revidiert 2022) ist ADHS im Kapitel der neuronalen Entwicklungsstörungen (Neurodevelopmental disorders) eingeordnet. Für eine Diagnose müssen Betroffene mindestens eins der folgenden zwei Verhaltensmuster zeigen:
Unaufmerksamkeit (inattention) Hyperaktivität-Impulsivität (hyperactivity-impulsivity)
Für beide Verhaltensmuster werden jeweils neun mögliche Symptome angegeben:
Unaufmerksamkeit
schafft es oft nicht, genau auf Einzelheiten zu achten oder macht Flüchtigkeitsfehler bei Schularbeiten, der Arbeit oder anderen Tätigkeiten, hat oft Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit längere Zeit bei Aufgaben oder beim Spielen aufrechtzuerhalten, scheint oft nicht zuzuhören, wenn direkt angesprochen, folgt Anweisungen oft nicht vollständig und schafft es oft nicht, Schularbeiten, lästige Arbeiten oder Pflichten am Arbeitsplatz zu vollenden (Verlust von Konzentration; Ablenkung), hat oft Schwierigkeiten, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren (z. B. unordentliches, planlos-desorganisiertes Arbeiten; hält Termine und Fristen nicht ein), vermeidet oft, mag nicht oder ist widerwillig bei Aufgaben, die längere geistige Anstrengung erfordern (z. B. Mitarbeit im Unterricht; Ausfüllen von Formularen), verliert oft Gegenstände, die für Aufgaben oder Aktivitäten nötig sind (z. B. Schulmaterial, Stifte, Bücher, Werkzeug, Portemonnaie, Schlüssel, Schreibarbeiten, Brille, Mobiltelefon), ist oft leicht von äußeren Reizen oder irrelevanten Gedanken abgelenkt (Reizoffenheit), ist oft vergesslich bei täglichen Aktivitäten (z. B. bei Besorgungen, Bezahlen von Rechnungen, Einhalten von Verabredungen).
Hyperaktivität-Impulsivität
hampelt oft mit Händen oder Füßen, schlägt mit ihnen Takt oder windet sich auf dem Sitz, verlässt oft den Sitzplatz in Situationen, in denen Sitzenbleiben erwartet wird, läuft oft herum oder klettert in unpassenden Situationen (bei Jugendlichen oder Erwachsenen reicht hier ein subjektives Gefühl der Unruhe), ist oft nicht in der Lage, ruhig zu spielen oder an Freizeitaktivitäten ruhig teilzunehmen, ist oft „auf dem Sprung“ oder handelt „wie getrieben“ (z. B.: kann nicht länger ruhig an einem Platz bleiben bzw. fühlt sich dabei sehr unwohl, z. B. in Restaurants), redet oft übermäßig viel, platzt oft mit einer Antwort heraus, bevor die Frage fertig gestellt ist oder beendet die Sätze anderer, kann nur schwer warten, bis er/sie an der Reihe ist (z. B. beim Warten in einer Warteschlange), unterbricht oder stört andere häufig (z. B. platzt in Gespräche, Spiele oder andere Aktivitäten hinein; benutzt die Dinge anderer Personen ohne vorher zu fragen; bei Erwachsenen: unterbricht oder übernimmt Aktivitäten anderer).
Weitere Bedingungen
Eine ADHS-Diagnose ist nur dann möglich, wenn sowohl ausreichend viele spezielle als auch alle allgemeinen Bedingungen vorliegen (siehe Tabelle).
Notwendige spezielle BedingungenNotwendige allgemeine Bedingungen Für jedes der beiden Verhaltensmuster muss eine Mindestanzahl an Symptomen aus obiger Liste vorliegen: für Kinder und Jugendliche (bis 16 Jahren): sechs von neun Symptomen für Jugendliche (ab 17 Jahre) und Erwachsene: fünf von neun Symptomen Diese Symptome sind während der letzten 6 Monate beständig in einem mit dem Entwicklungsstand nicht zu vereinbarenden Ausmaß aufgetreten. Sie wirken sich direkt negativ auf soziale und schulische oder berufliche Aktivitäten aus.