Der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen war eine 1968 in West-Berlin entstandene feministische Gruppe innerhalb der Außerparlamentarischen Opposition. Mit dem Engagement dieser Gruppe wird der Beginn der Frauenbewegung in der Bundesrepublik Deutschland datiert.

Bekannt wurde die Gruppe vor allem durch den Tomatenwurf auf Hans-Jürgen Krahl, der eine bekannte Persönlichkeit aus dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) war, und durch das Gründen von Kinderläden.

Als Ort für die wöchentlichen Treffen des Aktionsrats fanden sich die Räume des Republikanischen Clubs.Helke Sander in: Ute Kätzel (Hrsg.): Die 68erinnen. Porträt einer rebellischen Frauengeneration. Ulrike Helmer Verlag, Königstein/Taunus 2008, ISBN 978-3-89741-274-3, S. 166.

Gründung von Kinderläden Die Entstehung des Aktionsrats hängt eng mit der Gründung von Kinderläden zusammen. Der erste Kinderladen entstand auf Initiative von Monika Seifert im Umfeld des SDS im September 1967 in Frankfurt am Main. Monika Seifert war durch die Schriften Wilhelm Reichs zur Selbstregulierung von Kindern auf die Idee gekommen, einen Kinderladen zu gründen.Kinderläden Zeitgleich gab es in einer anderen Universitätsstadt, in Berlin, ähnliche Bestrebungen, Kinderläden zu gründen. Die Initiative ging hier von Helke Sander aus, die von Alexander Neills Konzept der freien Summerhill-Schule beeinflusst gewesen ist und in den Zwiespalt geriet, ihre politische Tätigkeit mit der Betreuung ihres Kindes zeitlich zusammenzubringen. Sie verfasste mit anderen Frauen ein Flugblatt, welches im Januar 1968 an der Freien Universität Berlin verteilt wurde. Hierauf kam es zu einer Versammlung von 80 bis 100 Frauen und einigen wenigen Männern, die sich weiterhin regelmäßig treffen wollten. Aus diesen Treffen ging der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen hervor. Während der Versammlung wurde zudem der Grundstock für die Schaffung von fünf Berliner Kinderläden gelegt.

Helke Sanders Rede und der Tomatenwurf Helke Sanders Rede Während einer Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS am 13. September 1968 stellte Sander das Konzept des Aktionsrats dar. Der Aktionsrat sah sich einerseits dem SDS verbunden, da nur dieser progressiv genug sei, eine Zusammenarbeit mit dem Aktionsrat zu gewährleisten, andererseits kritisierte der Aktionsrat auch die beiden Strömungen im SDS:

In der Rede kritisierte sie die auch im SDS vorherrschende Trennung zwischen dem Politischen und dem Privaten, welche die Ausbeutung der Frauen verschleiere. Sander kritisierte,

Kritisiert wurde, dass in dem Engagement für Kinderläden einige der wenigen Männer sich Führungspositionen sicherten und die Kinderläden in Arbeitervierteln etablieren wollten:

Die von Sander vorgestellte Arbeit des Aktionsrates umfasste unter anderem fünf Punkte:

Zum Schluss folgte eine Kampfansage an die Männer im SDS:

Der Tomatenwurf Bereits im Vorfeld hatte es Widerstände dagegen gegeben, dass Helke Sander für den Aktionsrat zur Befreiung der Frauen einen Delegiertenplatz beim SDS erhielt. Sigrid Damm-Rüger zur Stimmung während der Rede:

Als das ausschließlich von Männern besetzte Gremium ohne eine Diskussion des Vortrags von Sander zu anderen Themen übergehen wollte, schmiss die Romanistikstudentin Sigrid Rüger – angeblich mit den Worten: „Genosse Krahl! Du bist objektiv ein Konterrevolutionär und ein Agent des Klassenfeindes dazu!“ – die berühmte Tomate auf den SDS-Theoretiker Hans-Jürgen Krahl.Gabriela Hauch: (PDF; 536 kB) Es ist umstritten, ob der Angriff geplant gewesen ist.

Im Rückblick bemerkte Sigrid Damm-Rüger zu dem weiteren Verlauf:

In der Zeitschrift Konkret (Nr. 12, 1968) kritisierte Ulrike Meinhof die Reaktionen von männlichen Berichterstattern auf den Eklat:

Im Zuge des Eklats kam es in verschiedenen Universitätsstädten zu studentisch-feministischen Weiberräten, die ausschließlich aus Frauen bestanden. Während der 24. Delegiertensitzung des SDS vom 17. bis 19. November 1968 in Hannover verschärfte sich der Ton. Ein Flugblatt („Rechenschaftsbericht“) kursierte mit der Forderung: „Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen!“

Kindergärtnerinnenstreik

Für den 20. Juni 1969 wurde unter organisatorischer Führung des Aktionsrats der erste Kindergärtnerinnenstreik geplant. Einen Tag lang sollte ein großer Teil der Berliner Wirtschaft stillstehen, da die berufstätigen Mütter nicht hätten zur Arbeit gehen können.Ute Kätzel (Hrsg.): Die 68erinnen. Porträt einer rebellischen Frauengeneration. Ulrike Helmer Verlag, Königstein/Taunus 2008, ISBN 978-3-89741-274-3. S. 310/311 (Glossar). Damit sollte auf die vernachlässigte Situation in den Kindergärten aufmerksam gemacht werden, zudem aber auch wirkungsvoll die Macht und der wirtschaftliche Beitrag von Frauen demonstriert werden. Zunächst stimmten die zuständigen Gewerkschaften den Plänen des Aktionsrats zu, sie verhinderten später jedoch eine gemeinsame Aktion durch langwieriges Taktieren. In der Folge zerfiel die Aktion: während die Gewerkschaften zu einem Warnstreik am 13. Juni aufriefen, verschob der Aktionsrat seine Aktion auf den 13. September des Jahres.

Siehe auch Politik der ersten Person Frauenbewegung

Literatur Aktionsrat für die Befreiung der Frau: Flugblatt 1967/68. Hille Jan Breiteneicher, Rolf Mauff, Manfred Triebe und Autorenkollektiv Lankwitz: Kinderläden. Revolution der Erziehung oder Erziehung zur Revolution? Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg April 1971, ISBN 3-499-11340-6. Ulrike Meinhof 1968: Die Frauen im SDS oder In eigener Sache, in: Ulrike Meinhof: Die Würde des Menschen ist antastbar. Aufsätze und Polemiken. Mit einem Nachwort von Klaus Wagenbach. Klaus Wagenbach, Berlin März 2004, ISBN 3-8031-2491-3, S. 149–153. Kristina Schulz: Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968-1976 (= Geschichte und Geschlechter, Band 40). Campus, Frankfurt am Main / New York, NY 2002, ISBN 3-593-37110-3 (Dissertation Universität Bielefeld und Universität VII Paris 2002, 273 Seiten). Helke Sander (Aktionsrat zur Befreiung der Frauen) (13. September 1968). In: Ilse Lenz (Hrsg.): Die Neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied. Ausgewählte Quellen. 2., aktualisierte Auflage. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2010, ISBN 978-3-531-17436-5, S. 57–61. Selbstverständnis des Aktionsrats zur Befreiung der Frauen (1968). In: Ilse Lenz (Hrsg.): Die Neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied. Ausgewählte Quellen. 2., aktualisierte Auflage. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2010, ISBN 978-3-531-17436-5, S. 63/64. Ute Kätzel (Hrsg.): Die 68erinnen. Porträt einer rebellischen Frauengeneration. Ulrike Helmer Verlag, Königstein/Taunus 2008, ISBN 978-3-89741-274-3 (enthält u. a. auch Erinnerungen von Beteiligten an den Aktionsrat).

Weblinks Helke Sander: Rede des »Aktionsrates zur Befreiung der Frauen« auf der 23. Delegiertenkonferenz des »Sozialistischen Deutschen Studentenbundes« (SDS) im September 1968 in Frankfurt Jutta Roitsch: Das Geheimnis der Chiffre 68: zwischen Bildungsrat und Aktionsrat zur Befreiung der Frau

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