Der Stadtteil Fischereihafen gehört zum Stadtbezirk Süd der Stadtgemeinde Bremerhaven im Land Bremen.
Geographie Lage Der Stadtteil Fischereihafen besteht aus den Ortsteilen Fischereihafen im Osten und Luneplate im Westen. Er liegt zwischen den Mündungen der Flüsse Geeste und Lune in die Weser. Der Stadtteil grenzt östlich an die Stadtteile Geestemünde und Wulsdorf und südlich an die Gemeinde Loxstedt im Landkreis Cuxhaven. Der Ortsteil Fischereihafen ist geprägt durch die Gewerbeflächen seines Hafengeländes, die fast den gesamten Ortsteil einnehmen. Der Ortsteil Luneplate gehört seit 2010 zu Bremerhaven und somit zum Land Bremen.
Gliederung Ortsteile km² Einwohner Fischereihafen 12,10 233 Luneplate 12,84 – (Stand: 31. Dezember 2018; Quelle:)
Geschichte mini|Fischereihafen (2012) Das Gebiet des heutigen Stadtteils Fischereihafen lag in Geestemünde und Wulsdorf. Wulsdorf kam 1920 zu Geestemünde, welches 1924 ein Stadtteil von Wesermünde und 1947 von Bremerhaven wurde. „Fischereihafen“ ist seit 1971 ein Stadtteil von Bremerhaven.
Das Zentrum der deutschen Hochseefischerei in der Region Bremerhaven entwickelte sich ab 1885 mit dem Dampfantrieb von Schiff und Netzwinde. Mit der Tradition von Seefahrt und Schiffbau von Weltgeltung bot sich der wachsende Industriestandort an der Deutschen Bucht an. mini|Auktion in Halle XV (1964) In den Anfängen des Fischereihafens wurde der Fisch direkt von Bord der Fischereischiffe an die Händler verkauft – oft waren die Reeder der Fischereischiffe auch Händler. Die erste Fischauktion fand am 13. Juni 1888 statt zur Verhinderung von Preisabsprachen. Die Auktionatoren waren wegen ihrer zwar kaum verständlichen, aber rasanten Sprechweise Besuchermagnet in den frühesten Morgenstunden. Den Fischmarkt der Stadt beschickten einheimische, niederländische, englische und dänische Fischer. Auf ihren schwerfälligen Segelkuttern mussten die Schiffsbesatzungen gegen Gezeiten, ungünstige Winde, Stürme, Nebel, Treibeis und hohen Seegang bestehen. Klimatische Widrigkeiten, das Fanggeschick des Kapitäns und wechselnde Erlöse machten die Fischerei sowohl für die Seeleute als auch für das fischereinahe Gewerbe zu einem so risikoreichen wie lohnenden Unternehmen. Mit den Dampfmaschinen änderte sich das grundlegend.
Der Fischgroßhändler und Reeder Friedrich Busse schickte 1885 den Fischdampfer Sagitta auf Fangreise, weitere Schiffe folgten. Busse markierte damit einen industriellen Strukturwandel, von dem (anders als heute) alle Beteiligten profitierten. Der reichlich verfügbare Dampf bescherte beheizte Mannschaftsräume, warme Kojen und trockene Arbeitskleidung – einen auf Segelschiffen nie gekannten Komfort; mit den traditionellen Fangnetzen konnte der Ertrag aber nicht gesteigert werden. Deshalb wurde die englische Schleppnetzfischerei eingeführt. Sie erwies sich als sehr erfolgreich und hatte viele Nachbauten der Sagitta zur Folge. Wachsende Anlandungen verlangten Erweiterungen von Häfen, Werften und Eiswerken. Die Eisenbahn schaffte riesige Kohleberge an die Kajen.
Der Erste Weltkrieg beschränkte den Zugang zu den Fanggründen. Viele Fischdampfer wurden in dieser Zeit seitens der Kaiserlichen Marine als Vorpostenboote oder Hilfsminensucher eingesetzt, wobei ein Teil verloren ging. Nach dem Kriegsende führte der Nahrungsmangel zu einer erneuten Konzentration auf die Seefischerei; denn anders als die Landwirtschaft konnte sie sofort „Ernten“ einfahren. Die „Währung Fisch“ bewährte sich auch in der jüngeren Geschichte: Als die Fischereination Island 2008/09 im Sog der Weltwirtschaftskrise über Nacht zahlungsunfähig wurde, bot die Hochseefischerei mit der Nahrung aus dem Meer wiederum die Sofortlösung: Islands Fischer landeten gezielt gegen Barzahlung in internationalen Häfen an. Noch im Jahr zuvor hatten sie ihr Land auf Platz 1 des Index der menschlichen Entwicklung gebracht. In Bremerhaven wurde zu jener Zeit der letzte deutsche Hochseetrawler verkauft. Während sich Island dank seiner Fischerei und Geothermie erholt und in eine sichere Zukunft sieht, ist der Zugang zu den Meeresschätzen für die deutschen Fischer zu einem Parcours geworden. In den 1950er Jahren deckte die deutsche Hochseefischerei gut 90 % des Bedarfs in (West-)Deutschland; heute sind es nur noch 15 %.
1891 fischten die ersten Fischdampfer vor Island. 1894 gingen sechs Fischdampfer mit 61 Seemännern im Sturm verloren, die Sagitta versank 1901 mit allen Seeleuten vor Island und 1903 versanken sieben Dampfer mit 65 Mann Besatzung.
Das Fischereikennzeichen der Seitenfänger war bis 1948 P.G. = Preußen Geestemünde. Über die Gründe für das seither geführte BX wird gestritten.
Fischereihafen I mini|Fischereihafen, im Vordergrund die Slipanlage von Tecklenborg (1904)
Der erste deutsche Fischdampfer war P.G. 21–Delphin. Ein Schiffsmodell steht im Deutschen Schifffahrtsmuseum. Das Schiff war 25 Meter lang, hatte eine offene Brücke und fischte mit Baumkurren. Der Schiffsmotor leistete 275 PS. Bekannt wurde Friedrich Busses Sagitta, die 1885 zum Fischfang auslief. Das Schiff wurde noch an der Westseite des Alten Hafens – in Bremerhaven – gelöscht. Dort entwickelte sich ein erster Fischmarkt; die erste Auktion fand 1888 in Geestemünde am Geesteufer statt. 1892 ging eine Fischauktionshalle am Alten Hafen in Betrieb.
Eröffnung mini|Hotel Hannover In Konkurrenz zu Bremerhaven wurde ab 1891 von Theodor Hoebel der Fischereihafen I in Geestemünde gebaut und am 1. November 1896 eröffnet. Die preußische Staatsregierung war vertreten durch Staatssekretär Karl Heinrich von Boetticher, Minister Karl von Thielen, die Exzellenzen Otto Baensch und Alfred Schultz und die Geh. Oberregierungsräte v. Friedberg, Carl Schweckendieck, Löhning und Hauß. Ein Schiffskorso fuhr von der Geeste in die Weser und nach einer Wende in den Fischereihafen. Geführt vom Regierungsdampfer Ajax, dem Schlepper Assecuradeur und der Sagitta, bestand der Korso aus den – zum Teil von See kommenden – Fischdampfern Georg, Grete, Minna, Betty, Georg Siebs, Wangeroog und Butjadingen sowie den Fährbooten der Union. Am offiziellen Essen im „Hotel Hannover“ nahmen 120 Personen teil.Die Tafel-Musik bestand aus 12 Nummern. Einem Festmarsch von Adolf Schreiner und der Ouvertüre zur Entführung aus dem Serail folgte das Dankgebet von Adriaen Valéry. Danach kamen Lohengrin, die schöne blaue Donau, Carmen, ein Potpourri von Volksliedern, der Fehrbelliner Reitermarsch, Gasparone, Procida Bucalossi, Der Vogelhändler und Des Großen Kurfürsten Reitermarsch.Das „Hotel Hannover“ befand sich in Geestemünde an der Ecke Am Deich (heute Bussestraße) und Bülowstraße, in unmittelbarer Nähe zur Weserfähre. Als Hotel wurde das Gebäude bis Anfang der 1920er Jahre genutzt. Das Gebäude wurde 1944 bei einem der Luftangriffe auf Wesermünde zu 80 % zerstört. Heute steht dort ein vierstöckiges Wohngebäude. (Auskunft U. Jürgensen, Stadtarchiv Bremerhaven)
Infrastruktur Zeitgleich entstand in Geestemünde auch ein Seemannsheim. Vor ihm endeten die Gleise des 1896 fertiggestellten Fischversandbahnhofs. Die Tecklenborgwerft nahm am Südende des Fischereihafens eine Slipanlage für Fischereifahrzeuge in Betrieb. In der Königlich Preußischen Seemaschinistenschule in Geestemünde in der Bülowstraße wurden ab 1899 auch die Maschinisten der Fischdampfer ausgebildet. 1903 wurde zusätzlich die Seemaschinistenschule in Geestemünde gegründet. 1904 wurde die Klippfischherstellung eingeführt. 1905 löschte ein Fischdampfer den ersten Fang von der Barentssee im Nordpolarmeer. 1908 übernahm die Fischereihafen-Betriebsgenossenschaft (FBG) die Löscharbeiten, die bis dahin von den Besatzungen selbst vorgenommen werden mussten.
Bedeutung 1913 waren in Geestemünde 93 Fischdampfer zu Hause und 1924 waren es 155. 1916 bestanden 60 Fischgroßhandlungen, zwölf Marinierbetriebe, vier Fischmehlfabriken, drei Eisfabriken und eine Räucherei. Der Betrieb im Fischereihafen entwickelte sich sehr schnell. Der Flecken Geestemünde erfuhr einen rasanten Aufstieg und wurde 1913 Stadt.
Fischereihafen II, 1919–1945 mini|Entladener Fischdampfer vor Halle VII (1925) 1919 gründete sich das Institut für Seefischerei in Geestemünde als Vorläufer des heutigen Alfred-Wegener-Instituts. 1920 wurde Wulsdorf nach Geestemünde eingemeindet, um den Fischereihafen vergrößern zu können. 1920 entstand der Fischversandbahnhof. Von 1921 bis 1925 erfolgte der Bau des Fischereihafens II. Dazu wurde der Weserarm Alte Weser vom Hauptstrom abgeschnitten und somit die ehemalige Weserinsel Luneplate zum Festland. Zunächst wurde ab 1921 die neue Doppelschleuse (Bremerhaven) zum Fischereihafen gebaut. Es folgten dann der Bau der Hafenbecken, weitgehend im Bereich des alten Weserarms. Außerdem wurden zu dieser Zeit auch Flächen auf der Luneplate vorgehalten. Am Neuen Lunesiel entstand zugleich 1924 ein Naturfreibad. 1925 konnte die Erweiterung des Fischhafens mit dem neuen Seedeich abgeschlossen werden.
1922 fand die erste deutsche Fischereimesse statt. 1923 streikten die Fischarbeiter und erneut 1932. Zudem erhielt als erster Trawler die Wilhelm Reinhold eine Radioempfangsanlage.
1924 wurde Geestemünde mit dem Fischereihafen und Lehe Teil der neuen Stadt Wesermünde. Im Fischhafen waren 155 Fischdampfer beheimatet. 1930 entstand ein Verbindungskanal von Fischerei- und Handelshafen. Um den steigenden Wasserbedarf des Fischereihafens zu decken, wurde 1927 der Wohnwasserturm Wulsdorf gebaut. In den 1920er und 1930er Jahren versorgten Fischsonderzüge das Reich, in Spitzenwochen bis zu 45 Züge pro Woche. Die Hochseefischerei erlebte einen wachsenden Aufschwung. Preußen und Bremen beschlossen 1930 die Gründung der Fischereihafen-Wesermünde-Bremerhaven-GmbH in der die bisherige Fischereihafen-Betriebsgenossenschaft aufging. Preußen hält 50 % der Anteile an der AG. 1935 wurde der noch verbliebene Fischereihafen an der Westseite vom Alten Hafen aufgegeben. Der Abriss des Kühlhauses von 1927 erfolgte erst 1975.
Ab 1935 nahm auch der Walfang zu. 1936 gründete sich deshalb die Erste Deutsche Walfang-Aktiengesellschaft. Bis 1939 wurden sieben Walfangflotten mit je einem Mutterschiff und 56 Fangdampfern gebaut und eingesetzt; das war international die drittgrößte Flotte. Bekannt wurde das Walfang-Fabrikschiff Jan Wellem. 1937 wurde die Auktionshalle XI fertiggestellt.
1938 kam auch die bremische Stadt Bremerhaven (heute Mitte) zu Wesermünde in der preußischen Provinz Hannover.
Die Unterweser AG baute Fischdampfer und lieferte 1926 die Gylli mit 650 PS Maschinenleistung an eine isländische Reederei. Der Wohnwasserturm Wulsdorf von 1927 diente der Wasserversorgung des Fischereihafens.
Geestemünde und Bremerhaven verständigten sich 1930 in einem Preußisch-Bremischen-Staatsvertrag auf die gemeinsame Verwaltung der Fischereihäfen, was dazu führte, dass im Alten Hafen von Bremerhaven die Fischwirtschaft aufgegeben wurde und die letzte Auktion 1935 stattfand. Gegründet wurde die Fischereihafen-Wesermünde-Bremerhaven-GmbH.
1932 streikten die Besatzungen der Fischdampfer und die Fischarbeiterinnen an Land. 1933 stellte die Fähre Kanalbrücke-Fischereihafen den Betrieb ein. Die „Nordsee“ Deutsche Hochseefischerei AG von 1894 siedelte nach Nordenham um und sie kam nach 1950 zur Unilever. 1937 wurde die Auktionshalle XI fertiggestellt.
Der Fischereihafen war 1938 der bedeutendste des europäischen Kontinents. 21 Reedereien betrieben hier insgesamt 193 Fischdampfer. 194 Fischgroßhändler und 56 Betriebe der Fischindustrie verarbeiten 280.000 Tonnen Fisch.
Im Zweiten Weltkrieg verringerte sich kriegsbedingt der Fischfang erheblich. Viele Fischdampfer waren Vorpostenboote. Am 24. Juni 1944 wurde der Fischereihafen und die Seebeckwerft durch einen der Luftangriffe auf Wesermünde schwer getroffen.
Auktionsumsatz und Zahl der Firmen Der Fischereihafen Geestemünde bzw. ab 1924 Wesermünde hatte von 1913 bis 1933 folgende Entwicklung: