Die Voßstraße liegt im Zentrum von Berlin. Sie verläuft in östlich-westlicher Richtung von der Wilhelmstraße zur Ebertstraße im Ortsteil Mitte des gleichnamigen Bezirks und ist nach General Ferdinand August Hans Friedrich Graf von Voß (1788–1871) benannt. Im Kaiserreich wurde sie Teil des Regierungsviertels. International bekannt ist sie als früherer Standort von Hitlers Neuer Reichskanzlei, deren Ruine Anfang der 1950er Jahre abgerissen wurde.

Beinahe jedes Grundstück hat Geschichte – Hausnummern: 1 · 2 · 3 · 4–5 · 10 · 11 · 16 · 18 · 19 · 20 · 21 · 22 · 23 · 24 · 25–30 · 33 · 34–35 und steht damit unter Denkmalschutz.

Palais Marschall Im Zusammenhang mit der Erweiterung der Friedrichstadt und der Anlage der Wilhelmstraße entstand um 1735 dieses Grundstück von mehr als 400 Meter Tiefe. Es reichte von der Wilhelmstraße bis zur Akzisemauer (heutige Ebertstraße). Der Minister Samuel von Marschall ließ sich 1737 das Palais Marschall bauen. Seit 1800 war es im Besitz der Familie von Voß und wurde Vossisches Palais genannt.

Nachdem 1864 der letzte ständige Bewohner Carl Otto Friedrich von Voß verstorben war, kam es über das Grundstück Wilhelmstraße 78 zu Erbauseinandersetzungen. Eine Linie der Familie Voß starb 1871 mit General Ferdinand August Hans Friedrich Graf von Voß (* 17. Oktober 1788; † 1. Juli 1871), 1833–1840 Kommandeur des Kaiser-Alexander-Grenadier-Regiments aus und damit ließ sich der bis dahin andauernde Konflikt um das Erbe lösen, indem die restliche Erbengemeinschaft das Objekt zum 1. November 1871 an den Berliner Bankenverein verkaufte.

Reichskanzler Otto von Bismarck, unmittelbarer Nachbar in der Hausnummer 77, war strikt gegen eine private Nutzung durch Mietwohnungen in der Wilhelmstraße und versuchte in seiner Eigenschaft als preußischer Ministerpräsident die Liegenschaft zu erwerben, um Palais und Grundstück für Einrichtungen der preußischen Regierung oder sonst für eine Behörde des Deutschen Reiches zu nutzen, konnte jedoch den geforderten Kaufpreis nicht verantworten.

Aufteilung des Grundstücks Der Berliner Bankenverein beauftragte nach dem Erwerb eine Immobiliengesellschaft, die das geschichtsträchtige Palais abreißen und das Grundstück neu aufteilten ließ. Von der Wilhelmstraße bis zur früheren Stadtmauer (nunmehr Königgrätzer Straße) wurde durch das langgestreckte Grundstück eine private Erschließungsstraße angelegt. Zu Ehren des 1871 verstorbenen Generals Graf von Voß erhielt sie am 2. Mai 1874 den Namen Voßstraße. Die Fläche des ehemaligen Gebäudes wurde in zwei Parzellen geteilt. Zusammen mit dem bisherigen Park entstanden auf der Nordseite die Baugrundstücke 1–19. Auf der südlichen Straßenseite erhielten die ursprünglich vom Leipziger Platz aus zugänglichen Grundstücke eine zusätzliche Erschließung als Voßstraße 20–26.

Südlicher Nachbar des Palais Marschall war in der Wilhelmstraße 79 das gleichzeitig von Philipp Gerlach errichtete Gebäude der Gold- und Silbermanufaktur zum Potsdamer Militärwaisenhaus, die später von Johann Andreas Kraut betrieben wurde. 1848 wurde hier das neu begründete preußische Wirtschaftsministerium (Ministerium für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten) untergebracht und 1854/1855 das Gebäude durch Friedrich August Stüler umgebaut und aufgestockt. Sein Hof und Hintergebäude wurden zu den Baugrundstücken Voßstraße 33 bis 35. Der preußische Staat behielt Nr. 35 für einen schon länger geplanten Erweiterungsbau und verkaufte die Parzellen 33 und 34 an private Bauherren; im Lauf der Jahrzehnte wurden sie aber wieder erworben und erneut an das Eckgrundstück angeschlossen.

Kaiserzeit mini|Palais Borsig an der Ecke Voßstraße (links) und Wilhelmstraße, um 1881 mini|Fassade des Palais Borsig

Voßstraße 1 war das nördliche Eckgrundstück zur Wilhelmstraße. An dieser prominenten Stelle entstand das Palais Borsig für den Geschäftsmann und Fabrikanten Albert Borsig. Es wurde 1875–1877 gebaut unter dem Architekten und Direktor der Berliner Bauakademie Richard Lucae im Stil der damals sehr beliebten Neorenaissance.

Das verbleibende Grundstück Wilhelmstraße 78 umschloss die neue Parzelle Voßstraße 1 L-förmig und hatte einen zweiten Zugang als Voßstraße 2. Der Fürst von Pleß, Hans Heinrich XI. von Hochberg, ließ sich 1873–1875 von einem französischen Architekten eine kleine Palastanlage im französischen Stil bauen, also etwa dem Louvre und den Loire-Schlössern (wie Amboise) erkennbar nachempfunden. Dies erregte in Berlin so kurz nach dem Deutsch-Französischen Krieg großes Aufsehen und Unverständnis. Wegen der unzähligen Kamine auf dem Dach nannten die Berliner es die „Schornsteinfegerakademie“. 1913/1914 wurde es für einen zu 1915 geplanten Erweiterungsbau der Reichskanzlei abgerissen; wegen des Ersten Weltkriegs realisierte man diese Idee aber erst ab 1928. In der Voßstraße 2 baute man zwischenzeitlich eine Attrappe als Fassade auf.

mini|hochkant|links|Bayerische Gesandtschaft, Voßstraße 3

Im Jahr 1892 wurde das vom Architekten Walter Kyllmann gebaute Palais für die Königlich Bayerische Gesandtschaft in der Voßstraße 3 eröffnet. Bayerischer Gesandter in Berlin war Graf von Lerchenfeld-Köfering. Mit den württembergischen und sächsischen Pendants in den Nummern 10 und 19 war dies ein früher Vorläufer der heute in diesem Bereich gebauten Landesvertretungen der Bundesländer.

mini|hochkant|Reichsjustizamt Voßstraße 4

In dem von 1877 bis 1880 errichteten Gebäude in der Voßstraße 4 und 5 atelier-neubauer.de waren von 1880 bis 1935 über die wechselnden politischen Systeme des Deutschen Reichs, der Weimarer Republik und des Dritten Reichs hinweg wiederholt justizministerielle Abteilungen untergebracht; das Reichsjustizamt und dann das Reichsministerium der Justiz. Wie am Palais Borsig in der Nummer 1 war hier der Bildhauer des Historismus Otto Lessing von 1878 bis 1880 mit der Ausführung der Bauplastiken beauftragt.

Das Königreich Württemberg richtete seine Gesandtschaft in der Voßstraße 10 ein. atelier-neubauer.de

Das Stadtpalais in der Voßstraße 16 wurde von 1872 bis 1875 nach Plänen von Heinrich Joseph Kayser und Karl von Großheim für die Bankiersfamilie Friedrich Meyer im Neorenaissance-Stil errichtet. Die Fassade war mit Säulen, Balkons und Fensterkapitellen gegliedert. Zur Straße befand sich im Erdgeschoss das Comptoir der 1816 von Elias Joachim Meyer gegründeten Bankhaus E. J. Meyer – Gründungsmitglied der Deutschen Bank – und die Niederländische Gesandtschaft, später betrieb der Germanist Richard Moritz Meyer hier einen literarischen Salon. Auf dem Grundstück befindet sich heute das Gebäude der Geschäftsstelle des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, der eine von Myriam Richter verfasste Geschichte des Grundstückes veröffentlicht hat.Voßstraße 16: Im Zentrum der (Ohn-) Macht

mini|hochkant|links|Sächsische Gesandtschaft, Voßstraße 19

Die Voßstraße 19 war das Eckgrundstück am westlichen Ende der Nordseite zur Königgrätzer Straße hin (später: Hermann-Göring-Straße, heute: Ebertstraße). Dort wurde Ende des 19. Jahrhunderts das Gebäude der Sächsischen Gesandtschaft von den Architekten Friedrich Hitzig und Rötger errichtet. bei albert-atelier-neubauer.de

Gegenüber der Sächsischen Gesandtschaft entstand auf der südlichen Seite das Haus Voßstraße 20 – ein normales Wohn- und Bürogebäude. Die Flottenrüstung des Admirals Tirpitz erforderte auch mehr Platz für die Marineführung in Berlin; so waren hier in Erweiterung des Ministeriums in der Nr. 24 ungefähr zwischen 1905 und 1914 Marinedienststellen untergebracht.

Der Architekt des Historismus Julius Hennicke baute 1872–1873 das Wohnhaus Köhne in der Voßstraße 21 auf der südlichen Straßenseite.

mini|Ehrenhof des Mosse-Palais’ in der Voßstraße 22

Mit seinem Ehrenhof war das Mosse-Palais in der Voßstraße 22 das wohl beeindruckendste Gebäude. Das Corps de Logis hatte als bestehendes Haus Leipziger Platz 15 bereits eine repräsentative Seite. 1880 nutzte man die Gelegenheit, die die neu angelegte Voßstraße bot, baute die beiden Seitenflügel an und öffnete das Haus auch nach Norden. atelier-neubauer.de Die Botschaft des Osmanischen Reichs befand sich hier bis 1897, zog dann in die Alsenstraße um. Später sollte das Haus noch glanzvolle Zeiten erleben.

Leipziger Platz 14 bis Voßstraße 23 wurde um 1900 als Geschäftshaus für die Berliner Straßenbahngesellschaft errichtet. Bundesverwaltungsamt.

Das „Reichsmarineamt“, also das Kaiserliche Marineministerium, residierte an der vornehmeren Adresse Leipziger Platz 13 (das ist die nordöstliche Schrägseite des Platzes) gegenüber dem Herrenhaus. Als Voßstraße 24 hatte es einen Hintereingang, der auch vom Oberkommando der Marine genutzt wurde. Wegen Platzmangels nutzte man später auch Räume in der Voßstraße 20. Ab 1914 zog die Marine einen Kilometer nach Westen in den Bendlerblock.

Auf dem Nachbargrundstück am Leipziger Platz 12 wurde nach Plänen von Alfred Messel ab 1896 das Kaufhaus Wertheim Leipziger Straße gebaut und bis 1906 zur angrenzenden Voßstraße 25–30 hin erweitert. Gleichzeitig wurde von der Hochbahngesellschaft unter diesen Grundstücken und unterhalb der Voßstraße die „Spittelmarktlinie“ gebaut. Statische Probleme mit dieser frühen Tunnelkonstruktion beschäftigten nach der Wende die Baufachleute und erschweren bis heute die Wiederbebauung in diesem Bereich des Leipziger Platzes.Wassereinbruch: U2-Verkehr unterbrochen. In: Berliner Zeitung, 31. März 2012. Die Sperrung dauerte bis in den Mai. Bis zur Fertigstellung der nun „Centrumslinie“ genannten Strecke – das Kaufhaus erhielt einen eigenen Zugang vom Bahnhof aus – gehörte das Gelände weiterhin der Hochbahngesellschaft, die es 1910 an Wertheim verkaufte. Bundesverwaltungsamt.

Als Wohnhaus wurde 1884–1886 die Voßstraße 33 von den Architekten Ende & Böckmann gebaut. 1925 wird es mit den Reichsbahngebäuden Nummer 34–35 verbunden. Heute ist es das einzig verbliebene Gebäude an der ganzen Straßenfront.

Für das 1878 aus dem preußischen Wirtschaftsministerium (Ministerium für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten) ausgegliederte Infrastrukturministerium (Ministerium der öffentlichen Arbeiten), das sich zu dieser Zeit im Wesentlichen mit Eisenbahnen, Wasserstraßen und Bauwesen befasste, wurde der bereits eingeplante Erweiterungsbau in der Voßstraße 35 genutzt. Richard Lucae hatte dieses Gebäude entworfen wie auch das auf der anderen Straßenseite entstehende Palais Borsig in Nr. 1. Dem im Staatsdienst stehenden Baumeister Friedrich Schulze wurde 1875–1876 die Bauleitung übertragen. Die beiden benachbarten Ministerien wurden ohnehin bis 1879 in Personalunion geführt. Das Ministerium der öffentlichen Arbeiten wurde dann 1905–1908 um ein weiteres Gebäude in der angrenzenden Voßstraße 34 erweitert.

Ungefähr um 1915 gründete Georg Wertheim in der Voßstraße eine Patronentaschenfabrikation als Einstieg in die Rüstungsproduktion.

Weimarer Republik

Ab 1919 wurde der gesamte Komplex Wilhelmstraße 79/80 und Voßstraße 34/35 vom Reichsverkehrsministerium genutzt. Unter der Anschrift Voßstraße firmierte der Hauptsitz der Mitropa, die von 1916 bis 2002 als Bewirtungs- und Beherbergungsgesellschaft die Versorgung von Reisenden in Bahnhöfen, auf Autobahnraststätten sowie den Betrieb von Schlaf- und Speisewagen bereitstellte und durchführte. 1924 übernahm die privatisierte Reichsbahngesellschaft das Eckgebäude der ehemaligen Gold- und Silbermanufaktur und die in der Kaiserzeit einbezogenen Häuser in der Voßstraße. 1925 wurde das Haus Nr. 33 umgebaut, durch Staffelgeschosse unauffällig aufgestockt und an die Reichsbahnverwaltung angegliedert. atelier-neubauer.de

Hans Lachmann-Mosse, der Schwiegersohn des jüdisch-deutschen Verlegers Rudolf Mosse, nutzt die ehemalige türkische Botschaft in der Nummer 22. Die private Kunstgalerie der Verlegerfamilie Mosse konnte besichtigt werden. Literaten, Politiker und Künstler verkehrten hier und machten das bald Mosse-Palais genannte Haus zu einem Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens im Berlin der Goldenen Zwanziger Jahre – was 1932/1933 jäh abbrach.