mini|Schwere Panzer-Abteilung 503 mit Tiger Ausf. B (Königstiger)
Die schwere Panzer-Abteilung war in der Zeit des Zweiten Weltkrieges ein deutscher Panzer-Kampfverband in Bataillonsstärke, der als Teil der Panzertruppe typischerweise an den Schwerpunkten von Offensiven und Abwehrkämpfen zum Einsatz kam. Es handelte sich um selbstständige Einheiten mit eigener Organisation von Instandsetzung, Munitions- und Kraftstoffversorgung, die mit schweren Kampfpanzern der Typen Tiger und Tiger II ausgestattet waren.
Geschichte Entwicklung Schwere Panzer Die geheimen Entwicklungsprojekte der Reichswehr begannen Mitte der 1920er Jahre mit einem leichteren und einem schweren Panzertypen. Wobei schwere Panzertypen dieser Zeit dem Gedanken des Kriegsschiff zu Lande folgten, welches mit mehreren Türmen seine Umgebung kontrolliert. Die im Auftrag des Reichswehrministeriums gefertigten Prototypen waren unter anderem Mehrturmpanzer von Krupp, Rheinmetall-Borsig und Daimler-Benz. Diese wurden zur Tarnung als Großtraktoren bezeichnet und vermittelten durch die Erprobung in der Sowjetunion und bei späteren Manövern in Deutschland der militärischen Führung erste Erkenntnisse im Hinblick auf die Problemstellungen und technischen Möglichkeiten, welche der Einsatz schwerer Panzerfahrzeuge mit sich brachte. Die Erkenntnisse zu Laufwerk, Kette, Antriebsarten, Lenkung und Motorleistung je Tonne Gewicht konnten nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Wiederaufrüstungsprozess genutzt wurden.Spielberger: Fzge der Reichswehr – Panzer. 2016, S. 51.
Mit etwa 23 Tonnen Gewicht war das Neubaufahrzeug, welches als erster Panzer die Bezeichnung Panzerkampfwagen VI erhielt, bei Beginn des Zweiten Weltkrieges der schwerste deutsche Panzerkampfwagen. Doch galt dieser verhältnismäßig leicht gepanzerte Mehrturmpanzer, von dem nur drei Fahrzeuge mit Panzerstahl gefertigt worden waren, bereits vor Kriegsbeginn in der Mitte der 1930er Jahre konzeptionell als veraltet. Auf der deutschen Seite folgte man bezüglich der schweren Panzerkampfwagen ab Mitte der 1930er Jahre sehr dem Gedanken, dass dies stark gepanzerte Fahrzeuge sein sollten, so dass 1937 die Firma Henschel in Kassel den Auftrag erhielt einen „Durchbruchswagen“ (DW) zu entwickeln, der 30 Tonnen wiegen dürfte. Am 1. September 1939 folgte ein Auftrag zur Entwicklung eines 65 Tonnen-Panzer, der intern bei Henschel als Sturmwagen (SW) bezeichnet wurde.Kleine, Kühne: Tiger. 1976, S. 12–13. Diese Projekte für schwere Panzer lieferten die Grundlage für jenen schweren Panzer, der zur Erstausstattung der schweren Panzer-Abteilungen werden sollte.
Hintergrund Erste Gedanken zur Aufstellung schwerer Panzereinheiten stellte der Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst Walther von Brauchitsch, in einem Memorandum im November 1938 vor, in welchem er jeder Panzerbrigade eine schwere Panzerkompanie zuweisen wollte. Diese Pläne wurden verworfen, als zum Kriegsbeginn die Organisation der Panzer-Divisionen geändert worden war und jede Panzerabteilung aus zwei leichten und einer mittleren Kompanie bestand.
Die Erfahrungen der deutschen Panzertruppe während des Angriffs auf Polen und des Westfeldzuges hatten die Schwachpunkte der eingesetzten deutschen Panzerkampfwagen gut erkennbar aufgezeigt. Angesichts der Erfolge der Panzertruppe in beiden Feldzügen, besaß jedoch die Entwicklung eines neuen schweren Panzerkampfwagen keine Priorität. Denn die neue Blitzkrieg-Taktik, mit dem Gefecht der verbundenen Waffen, hatte einen Erfolg über einen in Zahl und Panzerung überlegenen Gegner, in Frankreich, ermöglicht. Auch auf dem Balkan konnte 1941 die 2. Panzer-Division mit einem weitreichenden Vorstoß die Kapitulation einer griechischen Armee in Mazedonien erzwingen.Kleine, Kühne: Tiger. 1976, S. 10. In Nordafrika behaupteten sich die deutschen Panzer ab 1941 gegen britische und die ersten amerikanischen Modelle (M3 Stuart).
Dies alles änderte sich umgehend und grundlegend nach Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion im Juni 1941, als die deutsche Panzertruppe unvorbereitet auf die neuen und der deutschen Führung bis dahin unbekannten sowjetischen T-34 und KW-Panzertypen trafen. Obwohl nur sehr unkoordiniert eingesetzt, bereiteten diese Typen den vorstoßenden Verbänden große Probleme und verursachten Verzögerung im Angriffsplan, da diese von den deutschen Panzern kaum noch ausgeschaltet werden konnten. Ähnlich wie in Frankreich kamen nun dort die mit 8,8-cm-Flak ausgerüsteten Luftwaffen-Verbände gegen die schweren gegnerischen Panzertypen zum Einsatz. Nachdem die deutsche 4. Panzer-Division im Panzergefecht bei Mzensk auf eine besser geführte sowjetische Panzerbrigade mit T-34 und KW-Panzern traf, musste die deutsche Führung einräumen, wie überlegen diese Fahrzeuge den deutschen Panzern waren.Kleine, Kühne: Tiger. 1976, S. 11.
Gleichzeitig mit der Bereitstellung des daraufhin beschleunigt entwickelten schweren Panzerkampfwagens Tiger entstand im Frühjahr 1942 der Plan, jedem Panzer-Regiment eine schwere Kompanie mit insgesamt neun Panzern zuzuordnen.
Seine stark eingeschränkte Mobilität im Vergleich zu den anderen Panzertypen und der große Wartungsbedarf sprachen dagegen, diesen Panzer in reguläre Panzer-Divisionen einzugliedern. Es wurden die „schweren Panzer-Abteilungen“ geschaffen.
Gliederung Organisation D (Kriegsstärkenachweis 1176d vom 15. August 1942 / 15. Dezember 1942) mini|hochkant=0.8|Gliederung der Organisation D
Die anfänglich gewählte Gliederungsstruktur bestand aus einem Mix von Tigern und dem Panzerkampfwagen III Ausf. N gemäß dem Kriegsstärkenachweis 1176d vom 15. August 1942. Diese noch als experimentell geltende Formation wurde als „Organisation D“ bezeichnet. Jede Abteilung besaß drei Kompanien mit jeweils neun Tigern und zehn Panzern III. Zusammen mit den zwei Tigern des Bataillons-Führungsstabes und den fünf Panzern III des leichten Zuges bestand eine schwere Panzer-Abteilung gemäß Kriegsstärkenachweis sollmäßig aus 29 Tigern und 35 Panzern III. Da es jedoch aufgrund der schleppend anlaufenden Panzerproduktion nicht gelang, bei der Organisation D die dritte Kompanie aufzustellen, bestanden die ersten Einheiten aus 20 Tigern und 25 Panzern III. Der Tiger hatte die Aufgabe, gegnerische Panzer auszuschalten, während der Panzer III mit seiner kurzen 7,5-cm-Kanone weiche Ziele wie Infanterie oder Panzerabwehrwaffen bekämpfen sollte.
Organisation E (Kriegsstärkenachweis 1150e vom 5. März 1943) mini|hochkant=0.8|Gliederung der Organisation E
Die ersten Gefechtserfahrungen zeigten, dass durch die Kombination von Tigern und Panzern III ein hohes Maß an Flexibilität gegeben war. Demgegenüber zeigte sich jedoch sehr deutlich, dass der Panzer III nur unzureichend gepanzert war und im Gegensatz zum Tiger überdurchschnittlich hohe Verluste zu verzeichnen hatte. Aufgrund dessen und der Tatsache, dass durch die Serienproduktion jetzt mehr Tiger zur Verfügung standen, befahl im März 1943 der Generalinspekteur der Panzertruppe, Generaloberst Heinz Guderian, die schweren Panzer-Abteilungen als reine Tiger-Einheiten zu gliedern. Diese bestanden nun aus drei Kompanien mit jeweils 14 Tigern, was zusammen mit den drei Stabs-Panzern einen Sollbestand von 45 Tigern ergab. Der Sollbestand wurde fast immer nur nach einer Auffrischung erreicht, so dass normalerweise die Einheiten weniger Panzer aufwiesen. Diese als „Organisation E“ bezeichnete Gliederung, die letztlich für Durchbrüche besser geeignet war und zugleich weniger Logistikaufwand bedeutete, wurde bis Kriegsende nicht mehr verändert.Gliederung → Wilbeck: Sledgehammers. S. 19–21.
Sonstige Ausrüstung Zusätzlich bestand eine schwere Panzer-Abteilung sollmäßig aus folgenden Unterstützungsfahrzeugen:Wolfgang Schneider: Tigers in Combat I. Stackpole Books, 2004, ISBN 978-0-8117-3171-3, S. 2 (englisch). Militärisches Gerät 1943 1945Flakpanzer IV -8Sd.Kfz. 7/1 (mit 2-cm-Flak-Vierling 38)63Schützenpanzerwagen Sd.Kfz. 251 1011 Bergepanther -5 Sd.Kfz. 9 (18-Tonnen-Zugkraftwagen)87 Sd.Kfz. 10 (1-Tonnen-Zugkraftwagen)813 Sd.Kfz. 2 (Kettenkrad)-14 Motorräder (Wehrmachtsgespann und Solokräder) 426 Kübelwagen 6438 Lastkraftwagen (u. a. Opel Blitz)135118 Halbketten-Lkw (z. B. Opel Maultier)-6 Kranfahrzeug 33 Gesamt276232
Einsatz Einsatzdoktrin Die schweren Panzer-Abteilungen waren selbstständige Verbände, welche der Schwerpunktbildung dienten. Der Tiger galt dabei als Durchbruchswaffe. Die schweren Panzer sollten die Verteidigung des Gegners durchstoßen und so den nachrückenden Verbänden das Weiterkommen ermöglichen. Dafür wurden die Abteilungen temporär Großverbänden − meistens einem Armeekorps − zugewiesen und einer Division unterstellt. Nachteilig an dieser nur kurzzeitigen Unterstellung war, dass die übergeordneten Verbände kaum Verständnis für den hohen Instandsetzungsbedarf der defektanfälligen Tiger aufbrachten und die Abteilungen logistisch nur nachgeordnet unterstützten, da man sie nicht als divisionseigene Einheiten betrachtete.Jentz: Tiger I & II: Kampf und Technik. S. 143, 150, 166 u. 168.
Der erste Großeinsatz fand in der Schlacht im Kursker Bogen statt, wo die zwei teilnehmenden schweren Panzer-Abteilungen taktisch ungünstig eingesetzt wurden, da die sPzAbt. 503 ihre drei Kompanien an drei verschiedene Panzerdivisionen abgeben musste und die sPzAbt. 505 nicht einer Panzerdivision, sondern einer Infanteriedivision unterstellt war. Auch im weiteren Verlauf des Krieges konnten die Verbände kaum konzentriert eingesetzt werden, sondern fast ausschließlich einzeln. Es zeigte sich, dass die eingeschränkte Mobilität des Tigers infolge seiner mechanischen Unzuverlässigkeit und seiner geringen Reichweite der Funktion als Durchbruchswaffe entgegenstand. Durch die veränderten Kriegsverhältnisse mussten die schweren Panzer-Abteilungen immer mehr in der Verteidigung eingesetzt werden. Dabei wurde sie oft in der stationären Verteidigung verwendet, wofür die Tiger aber nicht geeignet waren. Bessere Ergebnisse erzielten sie, wenn sie als mobile Reserve zurückgehalten und bei gegnerischen Durchbrüchen zum Gegenangriff gebracht wurden.Wilbeck: Sledgehammers. S. 36 u. 183–184.
Die schweren Panzer-Abteilungen wurden so gut wie nie gemäß ihrer Doktrin als Schwerpunktwaffe eingesetzt. Ein erster konzentrierter Einsatz als Teil einer gepanzerten Streitmacht mit Unterstützungstruppen bestehend aus Artillerie und mechanisierter Infanterie fand erst im Februar 1945 statt im Rahmen des Unternehmens Südwind, das auch gleich erfolgreich abgeschlossen werden konnte. Einen strategischen Durchbruch gab es aber zu keinem Zeitpunkt des Krieges. Die Einsatzdoktrin als Schwerpunkt- und Durchbruchswaffe wurde trotz der stark veränderten strategischen Situation nicht verändert, obwohl die Kriegslage eine Überarbeitung dieser Doktrin notwendig erscheinen ließ.Wilbeck: Sledgehammers. S. 182–191.
Einsatzstatistik Wie die Einsatzstatistik zeigt, verzeichneten die Tiger-Panzer mehr Verluste durch Selbstzerstörung und sonstige Gründe als durch direkte Feindeinwirkung, was auf die technische Unzuverlässigkeit, die eingeschränkte Mobilität und fehlende geeignete Bergemittel der Verbände für diese schweren Fahrzeuge zurückzuführen ist.Wolfgang Fleischer: Der Panzerkampfwagen VI „Tiger“ bei der Truppe. Podzun-Pallas, ISBN 3-7909-0637-9, S. 96.