mini|Markierender Rothirsch Das Revier eines Tieres wird oft auch Territorium genannt und bezeichnet ein Habitat, das ein Tier oder eine Gruppe von Tieren durch Territorialverhalten oder Revierverhalten gegen Artgenossen oder andere Angreifer, die Nahrungs- und/oder Sexualkonkurrenten darstellen, verteidigen. So werden diese gehindert, einzudringen oder gar auf Dauer ansässig zu werden.Klaus Immelmann (Hrsg.): Verhaltensforschung. Ergänzungsband zu Grzimeks Tierleben, Kindler Verlag, Zürich 1974, S. 635.
Durch das Setzen von Reviermarken – beispielsweise durch Duftstoffe, Lautäußerungen (zum Beispiel Vogelgesang), das Drohverhalten und das agonistische Verhalten Eintrag Revierverhalten in Klaus Immelmann: Grzimeks Tierleben, Sonderband Verhaltensforschung. Kindler Verlag, Zürich 1974, S. 635. – können Reviere markiert werden; Hunde und Katzen urinieren beispielsweise auf Pflanzen oder große Steine und setzen so Duftmarken.
Vom Revier zu unterscheiden sind die meist größeren Streifgebiete, die von mehreren Individuen regelmäßig aufgesucht werden. Im Gegensatz zum Revier werden sie nicht aktiv verteidigt, so dass sich die Streifgebiete rivalisierender Tiergruppen überlappen können, nicht aber deren Reviere. Man kann das Territorium daher auch als jenen Teil des Streifgebiets definieren, der gegen Artgenossen verteidigt wird.Jürg Lamprecht: Aufgaben, Einteilung und Methoden der Verhaltensforschung. Kapitel 2 in: Klaus Immelmann: Grzimeks Tierleben, Sonderband Verhaltensforschung, S. 34. Zum Beispiel durch Revierkämpfe oder nach dem Tod eines Revierinhabers können sich die Grenzen von Revier und Streifgebiet verändern. Weiter zu unterscheiden ist der Aktionsraum.
Bedeutung und Vorteile Ein Revier stellt für das Tier eine Ansammlung von Ressourcen dar. Es bietet ihm Nahrung, Platz (evtl. auch Unterschlupf, Nistgelegenheit) und potenzielle Partner. Dies erklärt auch die oft hartnäckige Verteidigung gegen mögliche Konkurrenten.
Man unterscheidet zwischen sechs verschiedenen Revierformen: dem Einzelrevier, dem Gruppenrevier, dem Brutrevier, dem Jagdrevier, dem Fortpflanzungsrevier und dem Schlafrevier.
Laut Grzimeks Tierleben, Sonderband Verhaltensforschung hat „das Revierverhalten nicht nur für das Einzeltier, sondern auch für die Gesamtpopulation Vorteile“ wie folgt:Heinz-Ulrich Reyer: Formen, Ursachen und biologische Bedeutung innerartlicher Aggression bei Tieren. Kapitel 25 in: Klaus Immelmann: Grzimeks Tierleben, Sonderband Verhaltensforschung, S. 365–366. Durch das Abgrenzen von Revieren werden Artgenossen auf Distanz gehalten, so dass die Art sich über ein größeres Gebiet ausbreitet. Bei revierbildenden Arten pflanzen sich in der Regel nur jene Individuen fort, die ein Revier erfolgreich besetzen und verteidigen können. Revierverhalten ist daher ein Mechanismus der Nachwuchskontrolle. Individuen, die kein Revier besetzen konnten, bilden eine innerartliche „Reserve“ und können Revierbesitzer ersetzen, die Feinden, Unfällen oder Krankheiten zum Opfer fallen. Der durch Reviere bedingte relativ große Abstand der Aufenthaltsorte von Jungtieren erschwert es potenziellen Räubern, Jungtiere zu erbeuten, da sie jeden einzelnen Ort gesondert suchen und finden müssen.
Territorialverhalten bei Wirbeltieren Säugetiere mini|Männchen des Südchinesischen Tigers hinterlässt Duftmarkierungen. mini|Zwei Hauskatzen zeigen Drohstellungen im Kampf um ein Revier.
Viele fleischfressende Säugetiere wie die meisten Raubtiere verhalten sich territorial, aber auch einige Pflanzenfresser besetzen und verteidigen ein Revier, so etwa der Gabelbock.
Der ausgeprägte Geruchssinn der meisten Säugetiere erlaubt es ihnen, ihr Revier fast ausschließlich durch Duftmarkierungen wie Urin, Kot oder Hautfetzen zu kennzeichnen. Duftmarkierungen können verschiedene Zwecke erfüllen: Sie können der Kennzeichnung von Wegen, für Alarmsignale, der Erkennung von Artgenossen und anderer Arten und der sexuellen Anwerbung dienen. Hauptsächlich jedoch markieren sie das Revier einzelner Individuen.Katherine Ralls: Mammalian scent marking. In: Science 171.3970, 1971. S. 443–449 (PDF).
Die Größe von Raubtier-Revieren ist stark variabel. Territorien von Tüpfelhyänen beispielsweise sind zwischen weniger als 40 km² im Ngorongoro und mehr als 1000 km² in der Kalahari groß.Hans Kruuk: The Spotted Hyena: A Study of Predation and Social Behaviour. University of California Press, 1972, ISBN 0-226-45508-4. Beim Tiger verhalten sich sowohl Männchen als auch Weibchen territorial, wobei das Revier des Männchens mit 50 bis 300 km² meist größer als das des Weibchens ist, und treffen sich nur zur Paarungszeit.
In Zoos werden territoriale Raubtiere oft auf kleinem Raum gehalten. Eine Auswertung von über 1200 Studien, durchgeführt im Jahr 2000 durch Ros Clubb und Georgia Mason von der University of Oxford, ergab, dass unter 35 Arten der Eisbär am meisten unter der Zoohaltung litt. In Zoos lebt er teilweise auf nur einem Millionstel des mehr als 1000 km² großen Reviers in freier Wildbahn. Das hat zur Folge, dass Individuen in Tiergärten ein Viertel des Tages mit der stereotypen Störung des ständigen Hin- und Herlaufens verbringen und die Geburtensterblichkeitsrate bei 65 % liegt. Der Braunbär mit einem deutlich kleineren Territorium in freier Wildbahn dagegen trottet nur ein Zehntel des Tages hin und her und hat eine geringe Geburtensterblichkeitsrate.Spektrum.de: Raubtiere mit großen Revieren vertragen Zoohaltung besonders schlecht. 2. Oktober 2003, abgerufen am 9. Oktober 2021.
Auch Haushunde und -katzen haben Reviere. Dies sind dann meistens Häuserblocks oder Straßenzüge in der näheren Umgebung der Wohnung. Kater markieren beispielsweise manchmal eine Wohnung, indem sie Urin auf der Wohnungseinrichtung verspritzen oder ihre Krallen an Türrahmen wetzen, wodurch Pheromone aus den Fußballen abgegeben werden.
Vögel mini|Zwei Küstenreiher beim Revierkampf Die meisten Vögel zeigen Revierverhalten, selbst wenn es nur darum geht, während der Brutzeit das eigene Nest zu verteidigen. Es werden sechs Arten von Revieren unterschieden:Gary Ritchison (Department of Biological Sciences, Eastern Kentucky University): Avian Biology – Territorial Behavior, abgerufen am 9. Oktober 2021 (englisch). Typ A: Ein „Allzweckrevier“, in dem etwa Balz, Paarung, Brut und Nahrungssuche stattfinden. Viele Singvögel verteidigen ein Typ-A-Territorium. Typ B: Ein Revier, das primär Fortpflanzungszwecken wie Paarung und Brut dient; die Nahrungssuche erfolgt außerhalb des Gebiets. Solche Territorien werden etwa von männlichen Rotflügelstärlingen besetzt. Typ C: Ein sehr kleines Revier, das nur das Nest und einen kleinen umgebenden Bereich umfasst. In Kolonien brütende Wasservögel wie Basstölpel nutzen Typ-C-Reviere. Typ D: Ein Revier, das allein der Balz und Paarung dient. Solche Territorien sind typisch für Männchen der Arten, die im Lek balzen. Typ E: Ein Revier, das während der Rast auf einer Wanderung kurzfristig besetzt wird. Typ F: Ein Überwinterungsrevier, was Nahrungsangebote und Schlafplätze bietet. Es wird nur außerhalb der Brutzeit besetzt, bei ziehenden Arten auch im Winterquartier. Zum Beispiel die nordamerikanische Einsiedlerdrossel verteidigt Reviere in Mittelamerika, in denen sie sich im Winter aufhält.
Das Territorialverhalten bei Vögeln besteht hauptsächlich aus Gesang und Fluganzeigen; kommt ein Angreifer zu nahe, wird dieser verfolgt und gegebenenfalls auch angegriffen. Viele Bodenbrüter wie der Sandregenpfeifer verhalten sich in der Brutzeit ausgesprochen territorial und versuchen Angreifer durch sogenanntes Verleiten von ihrem Nest wegzulocken. Dabei stellen sie sich schwer verletzt und können den Feind so in vielen Fällen von ihren Eiern oder Küken ablenken. Einige Raubvögel wie der Seeadler hingegen verteidigen ihr Revier so vehement vor allem gegen Artgenossen, dass es häufig zu tödlichen Kämpfen um ein Territorium kommt.
Uhus hinterlassen während der Brutzeit gut sichtbare weiße Kothaufen und Federn rund um ihr Nest. Es wird spekuliert, ob dies auch eine Art der Reviermarkierung ist.
Die Größe von Vogelrevieren variiert stark, selbst innerhalb einer Art. Sie hängt etwa vom Platz- und Nahrungsbedarf des Vogels, den örtlichen Gegebenheiten (z. B. Nahrungsangebot) und der Bevölkerungsdichte ab. Denn umso dichter ein Gebiet von einer Art besiedelt ist, desto weniger Platz bleibt für ein einzelnes Individuum übrig. Steinadler besetzen etwa ein Gebiet von bis zu 90 km², Koloniebrüter wie Möwen beschränken sich hingegen auf wenige Quadratmeter.Paul R. Ehrlich, David S. Dobkin & Darryl Wheye (1988): Territoriality auf der Website der Stanford University, abgerufen am 9. Oktober 2021 (englisch).
Interspezifisches (zwischenartliches) Revierverhalten tritt hauptsächlich zwischen zwei sehr ähnlichen und verwandten Vogelarten auf, wenn aufgrund von Ressourcenknappheit Vertreter mehrerer Arten dieselbe Nahrungsquelle beanspruchen, wie es etwa in kargen oder begrenzten Lebensräumen wie z. B. auf Inseln der Fall ist. Auf einer schottischen Insel verteidigen etwa Kohlmeisen und Buchfinken, die ähnliche Lebensräume bewohnen sowie die gleiche Nahrung fressen, ihr Territorium gegeneinander, während dies auf dem Festland nicht zu beobachten ist, was vermutlich daran liegt, dass die Insel nicht so viele Ressourcen wie das Festland bietet.Paul R. Ehrlich, David S. Dobkin & Darryl Wheye (1988): Interspecific Territoriality auf der Website der Stanford University, abgerufen am 30. November 2021 (englisch).
Außerdem verteidigen einige Vögel ihr Revier gegen Insekten. Bei manchen Kolibris wurde etwa beobachtet, dass sie Bienen und Schmetterlinge von Nektarquellen vertreiben.
Reptilien Viele Echsen zeigen Territorialverhalten. Die Reviere der meist einzelgängerisch lebenden Männchen dienen der Nahrungssuche, der Paarung, der Eiablage und der Aufzucht der Jungen und werden durch Drohstellungen und -bewegungen gegen andere Männchen, nicht gegen Weibchen und Jungtiere verteidigt. Fast alle kargen Reviere sind gleich groß, da meist kein Platzmangel besteht und zwei Reviere selten direkt aneinandergrenzen. Außerdem liegen sie nahezu immer in offenem Land wie Gras- oder Wüstenlandschaften, die ein recht knappes Nahrungsangebot bieten. Ist die Umgebung abwechslungs- und nahrungsreicher, variieren die Größen der Reviere und sind vom Durchsetzungsvermögen der einzelnen Männchen abhängig. Es wurde festgestellt, dass in freier Wildbahn territoriale Echsen in Gefangenschaft eine hierarchische Rangordnung aufbauen.Bayard H. Brattstrom: The Evolution of Reptilian Social Behavior. In: American Zoologist, Ausgabe 14, Teil 1. Februar 1974. S. 35–49. (PDF)
Andere nicht territorial lebende Echsen haben ein großes Streifgebiet, in dem sie außerhalb der Paarungszeit selten Artgenossen treffen. Nur Steine zum Sonnen werden tagsüber verteidigt.
Männliche Krokodile wie zum Beispiel Alligatoren verteidigen kleine Schlammplätze durch lautes Bellen, das zu den lautesten Geräuschen im Tierreich gehört. Weibliche Krokodile besetzen Reviere zur Verteidigung des Geleges und der Jungtiere, wobei sie diese mehr vor Prädatoren als vor Artgenossen schützen. In Stresssituationen reagieren Krokodile durchaus auch kannibalistisch auf konspezifische Angreifer.
Schildkröten wandern in großen Streifgebieten umher und verteidigen nur selten ein Revier. Markierungen erfolgen durch Urin und Kot, wie beispielsweise bei der Kalifornischen Gopherschildkröte beobachtet wurde. Selten werden Kämpfe um Rückzugsorte, Unterschlupfmöglichkeiten und Nahrung ausgefochten.