mini|hochkant|Hermann Kriebel

Hermann Karl Theodor Kriebel (* 20. Januar 1876 in Germersheim; † 16. Februar 1941 in MünchenHermann Kriebel † (Nachruf). In: Ostasiatische Rundschau. 2/1941 (online: Seite 25, 26, 27, 28).Als Todesdatum wird irrtümlich auch vereinzelt der 17. Februar angegeben.) war ein deutscher Offizier, Freikorpsführer, SA-Obergruppenführer, Diplomat und NSDAP-Politiker.

Leben Hermann Kriebel war der Sohn des bayerischen Generalmajors Karl Kriebel (1834–1895). Der spätere Generalmajor Friedrich von Kriebel (1879–1964) und der spätere General der Infanterie Karl Kriebel (1888–1961) waren seine Brüder.

Er besuchte die Volksschule in Neu-Ulm und München, das Königliche Maximiliansgymnasium in München, das Lyzeum in Metz und schließlich ab 1888 das Bayerische Kadettenkorps.

Militärischer Werdegang Nach dem Beginn eines Studiums der Geschichte an der Universität München entschied er sich, eine militärische Laufbahn in der Bayerischen Armee einzuschlagen. Er trat 1894 als Fähnrich in das 1. Infanterie-Regiment „König“ ein, besuchte die Kriegsschule und wurde im Anschluss 1896 zum Leutnant befördert.Militärische Karriere im Wesentlichen dargestellt nach Kriebels Einträgen im Reichstagshandbuch 1924 und im Reichstagshandbuch 1938.

1900 wurde Kriebel nach seinem Übertritt zur Kaiserlichen MarineBewilligt wurde „das erbetene Ausscheiden aus dem Heere zum 23. v. Mts behufs Übertritts in die Kaiserliche Marine-Infanterie“, s. Verordnungsblatt des Königlich bayerischen Kriegsministeriums 1900, S. 107. dem II. Seebataillon zugeteilt und war mit dem deutschen Expeditionskorps zur Niederschlagung des Boxeraufstands bis 1901 in China. 1901 wurde er in das 1. Infanterie-Regiment „König“ zurückversetzt. Von 1904 bis 1907 absolvierte Kriebel die Kriegsakademie, die ihm die Qualifikation für den Generalstab, die Höhere Adjutantur und das Lehrfach aussprach.Othmar Hackl: Die Bayerische Kriegsakademie (1867–1914). C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München 1989, ISBN 3-406-10490-8, S. 504.. Dort verfasste er 1906 eine allgemein gelobte Studie zum Einsatz von militärischen Verbänden in Bürgerkriegssituationen: Über die Bezwingung innerer Unruhen, nach den Erfahrungen der Geschichte in der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts.Der Aufsatz wurde 1929 in Innsbruck von Franz Prinz zu Windisch-Graetz als Teil 1 der Schriftenreihe „Zu Beiträgen für die Geschichte der Jahre 1848–1849“ herausgegeben; als Teil 2 folgte im selben Jahr Kriebels ebenfalls 1906 an der Kriegsakademie gehaltener Vortrag über Feldmarschall Fürst Windisch-Grätz 1787–1862. Von 1908 bis 1910 war Kriebel Stabsoffizier im Bayerischen Generalstab und von 1910 bis 1912 im Großen Generalstab in Berlin unter Generalstabschef Helmuth von Moltke.

Ab 1912 war Kriebel Kompaniechef im 22. Infanterie-Regiment in Zweibrücken. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs kämpfte er mit seiner Kompanie ab August 1914 an der Westfront. Von 1915 bis 1916 war er 1. Generalstabsoffizier bei der 8. Reserve-Division, anschließend wurde er 1916/17 beim Stab des XV. Reserve-Korps unter Generalstabschef Julius Ritter von Reichert eingesetzt. Danach war er im Stab Erich Ludendorffs, des Generalquartiermeisters der Obersten Heeresleitung (OHL), im Großen Hauptquartier in Bad Kreuznach (später nach Spa verlegt) tätig, u. a. von November 1917 bis Februar 1918 als Chef der militärischen Abteilung. Dort erlebte er mit, wie Ludendorff durch seine militärische Stellung und Verbindungen zu rechtskonservativen Kreisen politischen Einfluss auf die deutsche Regierungspolitik ausübte.Vgl. Bruno Thoß: Nationale Rechte, militärische Führung und Diktaturfrage in Deutschland 1913–1923. In: MGM. 38 (2), 1987, S. 27–76.

In der nach dem Waffenstillstandsabkommen von Compiègne-Rethondes vom 11. November 1918 eingesetzten deutschen Waffenstillstandskommission in Spa (Wako-Spa) war der seit 1915 im Rang eines Majors stehende Kriebel Vertreter des Generalquartiermeisters und Bayerns und arbeitete dort bis zur nach dem Friedensvertrag von Versailles erfolgenden Abwicklung der Wako-Spa im Juli 1919. 1920 wurde Kriebel auf eigenen Wunsch aus der Armee entlassen; 1921 erhielt er den Dienstrang eines Oberstleutnants a. D.

Einwohnerwehrführer und Putschist mini|Kriebel (4. von links) und Mitangeklagte am Ende des Hitler-Prozesses 1924, Aufnahme aus dem Bundesarchiv

Ab 1919 engagierte sich Kriebel beim Aufbau der nach der Münchner Räterepublik entstehenden bayerischen EinwohnerwehrenBruno Thoß: Einwohnerwehren, 1919–1921. In: Historisches Lexikon Bayerns (2008). und anderer aus diesen hervorgegangener paramilitärischer Organisationen mit „antibolschewistischer“ Ausrichtung. Zunächst war er ab 1. Oktober 1919 Stabschef des Landesverbands der Einwohnerwehren BayernsChristoph Hübner: Landesverband der Einwohnerwehren Bayerns, 1920/21. In: Historisches Lexikon Bayerns (2008). und in dieser Funktion am Rücktritt der Regierung Hoffmann im März 1920 beteiligt.Astrid Freyeisen: Shanghai und die Politik des Dritten Reiches. Würzburg 2000, S. 72. Anschließend Stabsleiter der im Mai 1920 gegründeten Organisation Escherich (Orgesch), kam Kriebel 1922 nach einem Zerwürfnis mit Georg Escherich über den bayerischen Wehrverbandführer Otto Pittinger (1878–1926) in Kontakt zu Adolf Hitler.Othmar Hackl: Die bayerische Kriegsakademie (1867–1914). Beck, München 1989, ISBN 3-406-10490-8, S. 296. Hackl folgt in seiner Darstellung einem von Kriebels Sohn Rainer Kriebel verfassten Lebensbild von Hermann Kriebel (1876–1941). Seit der auf Initiative von Hitlers Verbindungsmann zu den Wehrverbänden, Ernst Röhm, am 4. Februar 1923 erfolgten Gründung der Arbeitsgemeinschaft der Vaterländischen Kampfverbände (einer Dachorganisation verschiedener Wehrverbände, u. a. des von Friedrich Weber geführten Bundes Oberland, des Bundes Reichsflagge unter Adolf Heiß und der von Emil Maurice gegründeten SA unter Hermann Göring) war Kriebel militärischer Führer dieser Organisation.Hans Fenske: Arbeitsgemeinschaft der Vaterländischen Kampfverbände, 1923. In: Historisches Lexikon Bayerns (2008).

In den nächsten Monaten hatte Hitler erhebliche Probleme mit „dem schwerfälligen Soldatenverstand“Joachim C. Fest: Hitler. Frankfurt am Main/Berlin 1991, S. 244. der militärischen Führung unter Kriebel. Es gelang ihm nicht, die Organisation politisch zu dominieren, und er musste überdies befürchten, den Einfluss über die SA an Röhm, Kriebel und die Reichswehr zu verlieren. Auch für die bayerische Regierung war die Gruppierung ein Problem. „Der Feind“ stand für den bayerischen Ministerpräsidenten Eugen von Knilling im April 1923 zwar links, aber „die Gefahr rechts“. Für am „unbelehrbarsten“ hielt er dabei „die ehemaligen Offiziere wie Oberst Kriebel“. Der hatte zuvor Knillings Entschluss, das Republikschutzgesetz von 1922 auch in Bayern umzusetzen, als „Kriegserklärung der Regierung an die Arbeitsgemeinschaft“ gewertet.Zitate aus: Der Vertreter der Reichsregierung München an die Reichskanzlei. München, 17. April 1923. In: „Akten der Reichskanzlei. Weimarer Republik“ online. Das Kabinett Cuno. Band 1. Dokumente Nr. 126.

In den folgenden Monaten drängte Kriebel mehrfach darauf, zu putschen und den „Marsch auf Berlin“ zu beginnen. Als der Versuch Hitlers und der Arbeitsgemeinschaft, die Kundgebungen der Linksparteien zum 1. Mai zum Losschlagen zu nutzen, am Widerstand der Reichswehr scheiterte, war es Kriebel, der bis zuletzt gegen den zögernden Hitler die Durchführung der Aktion forderte. Und am 16. Oktober bereitete er durch einen Befehl zum Grenzschutz nach Norden erneut eine Mobilmachung zum Bürgerkrieg vor. Obwohl sich die Maßnahme offiziell gegen die neue thüringische SPD/KPD-Regierung unter August Frölich richtete, ließen Formulierungen wie „Eröffnung der Feindseligkeiten“ und „Vernichtung“ des Gegners an den wahren Beweggründen keinen Zweifel.Joachim C. Fest: Hitler. Frankfurt am Main/Berlin 1991, S. 244 ff., 255.

Aus der Arbeitsgemeinschaft ging Anfang September 1923 der Deutsche KampfbundSiegfried Zelnhefer: Deutscher Kampfbund, 1923. In: Historisches Lexikon Bayerns (2008). als neue Dachorganisation hervor, wiederum unter militärischer Führung Kriebels. Die politische Führung des Kampfbundes übernahm am 25. September 1923 Adolf Hitler selber. Gemeinsam mit Erich Ludendorff waren Hitler und Kriebel die treibende Kraft in den Planungen zum Hitlerputsch vom 8. November 1923 (die letzten geheimen Vorbereitungsgespräche fanden am Vortag in Kriebels Wohnung statt); gemeinsam führten sie am 9. November den Marsch auf die Feldherrnhalle an. Ludendorffs und Kriebels Ziel war dabei die Einrichtung einer vom Militär gesteuerten konservativen Regierung. „Oberstleutnant Kriebel hatte wohl eher an eine offene oder verdeckte Diktatur der Reichswehr mit national gesinnten Männern an der Spitze gedacht, wie ihn selbst zum Beispiel, die das Reich von Kommunisten, Sozis und anderen vaterlandslosen Gesellen bewahren sollte, als an eine Diktatur des politischen Fantasten [Hitler]“,Erwin Wickert: Mut und Übermut. München 1993, S. 232. so der spätere Diplomat Erwin Wickert, der Kriebel in den 1930er-Jahren kennenlernte. Für Kriebel war Hitler 1923 lediglich der Trommler: „Hitler komme für eine leitende Stelle selbstverständlich nicht in Frage, er habe ohnehin nur seine Propaganda im Kopf.“Joachim C. Fest: Hitler. Frankfurt am Main/Berlin 1991, S. 254 f. Den Putsch selbst erlebte Kriebel als rauschhaftes Erlebnis: „Wir zogen dann weiter durch die Stadt, überall begrüßt, mit Jubel begrüßt, durch den Rathausbogen, über den Marienplatz. Der ganze Marienplatz war schwarz von Menschen, die alle noch vaterländische Lieder sangen“.Aussage beim Prozeß, zitiert nach Lothar Gruchmann und Reinhard Weber (Hrsg.) unter Mitarbeit von Otto Gritschneder: Der Hitler-Prozess 1924: Wortlaut der Hauptverhandlung vor dem Volksgericht München. Teil 1: 1.–4. Verhandlungstag. Saur, München 1997, S. 230.