mini|Blau-grau gestreifte Häftlingsmäntel für weibliche Inhaftierte aus dem KZ Auschwitz I (Stammlager) Die gestreifte KZ-Häftlingskleidung (Lagerjargon: Zebra-Kleidung) wurde durch die Inspektion der Konzentrationslager unter Theodor Eicke ab 1938 bis 1939 als Einheitsbekleidung für die Häftlinge in nationalsozialistischen Konzentrationslagern eingeführt, nach Angaben von Zeitzeugen vermutlich beginnend mit dem KZ Dachau. Zuvor war die Kleidung der Insassen uneinheitlich und zumeist unifarben, ab 1937 waren jedoch bereits einheitliche Markierungen für unterschiedliche Häftlingskategorien eingeführt worden. Bei männlichen Insassen gehörten Holzschuhe mit Socken zur Häftlingskleidung, während weibliche Inhaftierte üblicherweise barfuß gehen mussten, wenn sie keine Vorrechte hatten. Mit besonderen Privilegien ausgestattete Funktionshäftlinge beider Geschlechter trugen zur Unterscheidung von untergebenen Insassen sichtbar bessere Ausführungen, wobei weibliche Kapos zudem stets Schuhe trugen, um sie äußerlich klar herauszuheben."Geschichte und Symbolik der gestreiften KZ-Häftlingskleidung": Promotion Bärbel Schmidt 1999, gefördert von der Ernst-Strassmann-Stiftung, Bonn und den Deutschen Historischen Institut, Warschau/Polen: , S. 40f., 66f., 7. August 2021"Weibliche Angelegenheiten": Handlungsräume von KZ-Aufseherinnen in Ravensbrück und Neubrandenburg, Rn. 286 19. Juli 2021
Gestaltung mini|Häftlingskleidung, KZ Buchenwald mini|hochkant|Jacke eines norwegischen politischen Schutzhäftlings, KZ Sachsenhausen Bei der Gestaltung der Häftlingskleidung wurde sich bewusst des zeitgenössischen Erscheinungsbildes eines verurteilten Verbrechers bedient, der sich als gestreift gekleideter Sträfling in Gefangenschaft befindet. Dieses bereits seit dem 18. Jahrhundert existierende Gestaltungsmerkmal speziell für Gefangenenkleidung war im allgemeinen Bildgedächtnis der 1930er Jahre fest verankert und ließ sich auf diese Weise zielgerichtet zur Stigmatisierung der KZ-Häftlinge verwenden, wodurch bewusst ein augenfälliger Kontrast zu freien Bürgern aufgebaut wurde."Geschichte und Symbolik der gestreiften KZ-Häftlingskleidung": Promotion Bärbel Schmidt 1999, gefördert von der Ernst-Strassmann-Stiftung, Bonn und den Deutschen Historischen Institut, Warschau/Polen: , S. 82, 4. August 2021 Dabei wurde sich gezielt der zuvor getroffenen Feststellung bedient, dass gerade Streifenkleidung von Gefangenen als besonders entwürdigend empfunden wird."Geschichte und Symbolik der gestreiften KZ-Häftlingskleidung": Promotion Bärbel Schmidt 1999, gefördert von der Ernst-Strassmann-Stiftung, Bonn und den Deutschen Historischen Institut, Warschau/Polen: , S. 84, 7. August 2021 Mit dem Tragen von symbolisch vorbelasteter Gefangenenkleidung wurden die Lagerhäftlinge somit bereits äußerlich von der bürgerlichen Bevölkerung in diffamierender Weise abgesondert."Geschichte und Symbolik der gestreiften KZ-Häftlingskleidung": Promotion Bärbel Schmidt 1999, gefördert von der Ernst-Strassmann-Stiftung, Bonn und den Deutschen Historischen Institut, Warschau/Polen: , S. 40f., 92f., 128, 146, 151 4. August 2021
Die Häftlingskleidung sollte insgesamt den Zweck erfüllen, die Insassen der Konzentrationslager äußerlich als Sträflinge zu kennzeichnen, gleichsam als Verbrecher („Volksfeinde“) zu stigmatisieren und zudem das Entkommen aus der Gefangenschaft weitestgehend zu erschweren. Daher war der verwendete Stoff teilweise auch auf der Innenseite mit Streifen bedruckt, so dass im Fall einer Flucht aus dem Lager auch ein Wenden der Kleidung keine Möglichkeit der Tarnung versprach und ein unerkanntes Vermischen mit der Zivilbevölkerung verhindert wurde. Die bei Einlieferung getragene Zivilkleidung wurde den Gefangenen während der Aufnahmeprozedur einschließlich sämtlicher Unterbekleidung, Schuhen und Strümpfen vollständig abgenommen und eingezogen. Eine spätere Rückgabe beschlagnahmter Kleidung, wie im regulären Strafvollzug üblich, war in den Konzentrationslagern nicht vorgesehen. Sämtliche eingezogenen Gegenstände wurden meist unmittelbar der weiteren Verwertung zugeführt oder auch von den SS-Aufsehern für sich behalten."Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung": Helga Schwarz u. Gerda Szepansky: ... und dennoch blühten Blumen (S. 25; S. 41): 4. August 2021 Für das Leben im Lager verblieb den Gefangenen somit nur die ausgegebene Häftlingskleidung, die von vornherein jegliche Individualität beseitigte und von einem bürgerlichen Erscheinungsbild deutlich sichtbar abgesetzt war."Geschichte und Symbolik der gestreiften KZ-Häftlingskleidung": Promotion Bärbel Schmidt 1999, gefördert von der Ernst-Strassmann-Stiftung, Bonn und den Deutschen Historischen Institut, Warschau/Polen: , S. 129, 4. August 2021
Das bei der Einkleidung an männliche Häftlinge ausgegebene Schuhwerk war ähnlich der Oberbekleidung gesellschaftlich unüblich und unterschied sich sichtbar von der zeitgenössischen bürgerlichen Beschuhung. Zudem war dies regelmäßig so gestaltet, dass ein schnelles Fortbewegen erschwert wurde (z. B. Holzschuhe, sog. „Pantinen“). Erschwerend mussten inhaftierte Frauen nach der herrschenden Kleiderordnung von vornherein barfuß bleiben und waren vom Erhalt jeglicher Fußbekleidung ausgeschlossen. Bei den weiblichen Häftlingen sollte hiermit eine Wahrnehmung von Hilf- und Schutzlosigkeit hervorgerufen werden, um sie auf diese Weise einzuschüchtern und zu demoralisieren. Auch mittels des ungewohnten und daher besonders auffälligen Erscheinungsbilds nackter Füße sollten sich die Insassinnen in der Folge klar ersichtlich von der freien Zivilbevölkerung abgrenzen."Weibliche Angelegenheiten": Handlungsräume von KZ-Aufseherinnen in Ravensbrück und Neubrandenburg: 4. Juli 2021"Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung": Helga Schwarz u. Gerda Szepansky: ... und dennoch blühten Blumen (S. 26): 17. Juli 2021
Durch die zwangsweise entblößten Füße wurden für die inhaftierten Frauen nicht nur etwaige Fluchtvorhaben, sondern regelmäßig bereits alltägliche Situationen im Lager gezielt erschwert. Besonders gravierend war dies während des oft stundenlangen Antretens bei Zählappellen, beim Exerzieren („Frühsport“ bzw. „Strafsport“) oder auch während der zu leistenden Zwangsarbeit insbesondere bei winterlicher Kälte.KZ-Gedenkstätte Dachau: , 3. August 2021"Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung": Helga Schwarz u. Gerda Szepansky: ... und dennoch blühten Blumen (S. 41): 4. August 2021"Gedenkort KZ Uckermark": Jugendkonzentrationslager für Mädchen und junge Frauen und späteres Vernichtungslager Uckermark (S. 10; S. 12): 4. August 2021 In der gesamten Erscheinung wurde hiermit die äußerliche Distanz zwischen Häftlingen und SS-Aufseherinnen weiter ausgebaut und das bestehende Hierarchiegefüge betont. Das Vorenthalten von funktionellen Kleidungsstücken, die üblicherweise zum Schutz vor widrigen Umwelteinflüssen getragen wurden, wirkte so auf zweierlei Weise. Auf der einen Seite versah dies die Betroffenen mit einem äußerlichen Stigma, auf der anderen Seite wurden sie auch durch das Verspüren von weitgehend unüblichem und teils erheblichem körperlichem Unbehagen von der normal gekleideten Zivilbevölkerung außerhalb der Lager ausgegrenzt.
Abhängig von der Jahreszeit gab es jeweils zwei vom Material her unterschiedliche Ausführungen der Häftlingskleidung. Während der Sommerzeit musste blau-weiß gestreifte Häftlingskleidung aus dünnem Halbleinen getragen werden, zur Winterzeit wurde eine blau-grau gestreifte Version aus dickerer Zellwolle ausgegeben, die von den Insassen oft jedoch nicht getragen werden durfte."Geschichte und Symbolik der gestreiften KZ-Häftlingskleidung": Promotion Bärbel Schmidt 1999, gefördert von der Ernst-Strassmann-Stiftung, Bonn und den Deutschen Historischen Institut, Warschau/Polen: , S. 154, 8. August 2021 Für weibliche Häftlinge gab es dabei jeweils von der männlichen Bekleidung sichtbar zu unterscheidende Ausführungen. Allerdings wurde oft nur unvollständige, unpassende oder zerschlissene Häftlingskleidung ausgegeben, die weder vor Kälte noch vor Nässe hinreichend schützte. Die Frauenbekleidung musste von nicht privilegierten Insassinnen grundsätzlich mit bloßen Füßen getragen werden. Nicht zuletzt durch die erzwungene Barfüßigkeit waren sie von privilegierten Insassinnen, üblicherweise Funktionshäftlingen wie z. B. weiblichen Kapos, innerhalb der Lager bereits auf den ersten Blick eindeutig unterscheidbar, da diese stets mit gepflegter Kleidung nebst festem Schuhwerk ausgestattet waren."Geschichte und Symbolik der gestreiften KZ-Häftlingskleidung": Promotion Bärbel Schmidt 1999, gefördert von der Ernst-Strassmann-Stiftung, Bonn und den Deutschen Historischen Institut, Warschau/Polen: , S. 146, 4. August 2021
Auch von den Insassinnen konnten beschuhte Häftlinge damit sofort als übergeordnet ausgemacht werden. Neben anderen äußerlichen Kennzeichnungen, die oft erst aus der Nähe hinreichend erkennbar waren, stellte festes Schuhwerk ein weithin sichtbares und unverwechselbares Erkennungsmerkmal insbesondere für die mit besonderen Befugnissen ausgestatteten Kapos dar, welches als Zeichen der Autorität dabei auch eine einschüchternde Wirkung auf die ihnen untergebenen Häftlinge hatte. Für die weiblichen Inhaftierten galt der strenge Barfußzwang daher als fester Bestandteil der einheitlichen Gefangenenkleidung in den Frauenlagern. Dieser wurde von den SS-Aufseherinnen gewaltsam durchgesetzt und Zuwiderhandlungen mit einem hohen Maß an Brutalität entgegengewirkt. Bei Versuchen, sich notdürftigen Schutz vor besonders widrigen Witterungs- und Umgebungsbedingungen aus Materialabfällen (z. B. Pappstücken oder Stofflumpen) zu erschaffen, wurden die Frauen üblicherweise mittels heftiger Schläge bestraft.Mit diesem klar untereinander abgegrenzten Erscheinungsbild waren die Häftlinge in der grundsätzlichen Lagerhierarchie leicht unterscheidbar und konnten mittels zusätzlicher Markierungen eindeutig weiter kategorisiert und identifiziert werden."Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes": Katarina Milavec: Menschen brennen (Abs. 8, Auschwitz): 1. Juli 2021"Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung": Helga Schwarz u. Gerda Szepansky: ... und dennoch blühten Blumen (S. 25f.): 1. Juli 2021
Herstellung mini|Gestreifte KZ-Häftlingsbekleidung aus dem KZ Sachsenhausen
Für die Herstellung der Häftlingskleidung zeichnete das „SS-Wirtschaftverwaltungsamt“ insgesamt verantwortlich. Ab dem 1. Juli 1940 übernahm die Textilgesellschaft im Frauen-KZ Ravensbrück offiziell die Schneiderei, ab 1943 in Bandarbeit. Als Material kam zum Teil Beuteware aus besetzten Gebieten zum Einsatz, Maschinen wurden unter anderem von Subunternehmern wie Pfaff und Duerkopp geliefert. Später wurde die Produktion in Ravensbrück überwiegend auf SS-Kleidung umgestellt, was hiernach zur Verknappung der Häftlingsuniformen führte."Geschichte und Symbolik der gestreiften KZ-Häftlingskleidung": Promotion Bärbel Schmidt 1999, gefördert von der Ernst-Strassmann-Stiftung, Bonn und den Deutschen Historischen Institut, Warschau/Polen: , S. 105f., 128, 151, 4. August 2021