Der Freund meiner Freundin ist ein Spielfilm des französischen Filmemachers Éric Rohmer aus dem Jahr 1987. Die Filmkomödie ist der sechste und abschließende Teil des Zyklus Komödien und Sprichwörter. Sie kreist um fünf junge Menschen, die sich am Ende in veränderter Konstellation zu Paaren zusammenfinden. Das vorangestellte Motto ist die Redewendung „Die Freunde meiner Freunde sind meine Freunde“ („Les amis de mes amis sont mes amis“). Eine besondere Rolle spielt der Handlungsort, die moderne Pariser Vorstadt Cergy-Pontoise.
Handlung Die junge, schüchterne Verwaltungsangestellte Blanche lebt in Cergy-Pontoise, einer auf dem Reißbrett entworfenen modernen Trabantenstadt von Paris. Sie lernt die lebenslustige Studentin Léa und ihren stillen Freund Fabien kennen, ein Paar, das kaum gemeinsame Interessen hat, was Léa zur unbekümmerten Feststellung veranlasst, beide würden besser ohneeinander auskommen.
Das Quartett komplettiert Alexandre, ein charismatischer Beau, der lose mit der Kunststudentin Adrienne liiert ist und Blanche auf den ersten Blick in seinen Bann zieht. Doch als Léa die beiden einander bekannt macht, ist Blanche zu befangen, um Alexandres Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und dieser hat bloß Augen für ihre Freundin.
Während Léa übers Wochenende verreist, um ihre Gefühle für Fabien auf die Probe zu stellen, versucht Blanche Alexandre näher zu kommen. Doch sie trifft fortwährend nur auf Léas alleine gelassenen Freund Fabien, bis sich die beiden zum Windsurfen verabreden. Blanche und Fabien kommen einander näher, und mit widerstrebenden Gefühlen kommt es auf einer Waldlichtung zum Kuss und schließlich zu einer gemeinsam verbrachten Nacht.
Beide sind sich einig, dass die Nacht keine Fortsetzung finden darf, sind doch die „Freunde ihrer Freunde“ füreinander tabu. Nach Léas Rückkehr scheint deren Beziehung zu Fabien wieder aufzublühen. Erneut nimmt sie ihren Freundschaftsdienst auf, Alexandre für Blanche zu interessieren. Doch Alexandres Interesse gilt nicht Blanche, sondern Léa, bei der sein Charme allmählich verfängt. Blanche hat ihrerseits das Interesse an Alexandre verloren und fühlt sich zu Fabien hingezogen, den sie das erste Mal seit der gemeinsamen Nacht wiedertrifft. Die Paare haben sich aufgelöst und finden verändert zusammen.
Das Bemühen, den alten Partnern aus dem Wege zu gehen, führt das Quartett zielsicher in dasselbe abgelegene See-Restaurant. Noch einmal kommt es zu einem Missverständnis zwischen Blanche und Léa, das ihre frischen Gefühle für den jeweils neuen Freund auf die Probe stellt. Doch am Ende stehen einander zwei neu gebildete Paare gegenüber. Nur die Farbe ihrer Kleidung verrät noch die ursprünglichen Formationen.
Hintergrund
Stellung in Rohmers Œuvre
mini|Éric Rohmer (2004) Der Freund meiner Freundin ist der sechste und letzte Film des Zyklus Komödien und Sprichwörter, des zweiten Zyklus des französischen Filmemachers Éric Rohmer nach den Sechs moralischen Erzählungen von 1962 bis 1972. Der Zyklus begann 1981 mit Die Frau des Fliegers oder Man kann nicht an nichts denken und enthält weiterhin die Filme Die schöne Hochzeit (1982), Pauline am Strand (1982), Vollmondnächte (1984) und Das grüne Leuchten (1986). Anders als die sechs moralischen Geschichten, die alle von einem Mann handeln, der sich in eine Frau verliebt, haben die Filme des zweiten Zyklus keine thematische Einheit und hängen nur lose zusammen. Rohmer kommentierte, dass er etwa Das grüne Leuchten nur mühsam in den Zyklus integrieren konnte. Dennoch habe er festgestellt, „daß die Idee der Zyklen meiner Inspiration zuträglich ist und mein Verhältnis zur Presse und zum Publikum erleichtert.“Zitate aus Interviews in: Filmprogramm 181: Der Freund meiner Freundin.
Mit Das grüne Leuchten und den anschließenden in keinen Zyklus integrierten Vier Abenteuern von Reinette und Mirabelle (1986) hatte sich Rohmer zuvor stärker in Richtung Improvisation entwickelt. Möglicherweise war es der geringe Erfolg des zweiten Films, nachdem Das grüne Leuchten noch den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen von Venedig gewonnen hatte, oder sein Sinn für Symmetrie, dass er mit Der Freund meiner Freundin auch dem Zyklus Komödien und Sprichwörter noch einen sechsten Film anschloss, der wieder zu einem festen Drehbuch mit vorgezeichnetem Handlungsgerüst zurückkehrte.Derek Schilling: Eric Rohmer. Manchester University Press, Manchester 2007, ISBN 978-0-7190-7235-2, S. 35. Rohmer beschrieb: „jede Dialogzeile in L’ami de mon amie war vorgegeben. Für Improvisation gab es in diesem Film keinen Platz.“
Dass Der Freund meiner Freundin den Abschluss der Komödien und Sprichwörter bilden sollte, war Rohmer nach der Veröffentlichung noch nicht bewusst, und er spekulierte in der Presse, „ob ich diesen Zyklus nun fortsetze, oder ob ich einen neuen beginne.“ Tatsächlich eröffnete sein nächster Film Frühlingserzählung im Jahr 1990 Rohmers dritten und letzten Filmzyklus Erzählungen der vier Jahreszeiten, während sich die Filme des Spätwerks unter keine thematische Klammer mehr zusammenfassen lassen.
Einflüsse
„Die vier Ecken“ zu Beginn des Films
Die Entwicklung von Der Freund meiner Freundin geht zurück in die Zeit der ersten Filme des Zyklus Komödien und Sprichwörter. Laut Rohmers eigener Darstellung war der Film die erste echte Komödie, die er konzipierte, allerdings wie immer in seinem Werk mit autobiografischen oder zumindest sehr persönlichen Elementen vermischt. Eine romantische junge Frau, verwandt der Marquise von O., steht wie so häufig bei Rohmer zwischen zwei Liebesobjekten, wobei eine davon eine Don-Juan-Figur ist, die an Rohmers früheren Co-Drehbuchschreiber Paul Gégauff angelehnt ist. Sie hat zwei weibliche Vertraute, die ähnlich manipulativ agieren wie die Erzählerin von Claires Knie.Antoine de Baecque, Noël Herpe: Éric Rohmer: A biography. Columbia University Press, New York 2016, ISBN 978-0-231-54157-2, Kapitel Goethe in Cergy-Pontoise.
Doch auch einige Klassiker beeinflussten den Film: Goethes Wahlverwandtschaften, die Rohmer schon seit seiner Jugend verfilmen wollte, sowie die Komödien von Corneille. Tatsächlich machte sich Rohmer sogar den Spaß, Teile des Drehbuchs in Alexandrinern zu schreiben. Laut Rohmers Biografen Antoine de Baecque und Noël Herpe ist auch der Einfluss eines moderneren französischen Dramatikers, Sacha Guitry, im Film spürbar, dessen Arbeitstitel Les quatres coins (Die vier Ecken) bereits auf Guitrys Stück Quadrille verweist. Rohmer erklärte zu dem Titel: „Ich dachte dabei an dieses Spiel mit vier Personen plus einer fünften, die den Platz einer der anderen einnehmen muß. Im ersten Stadium des Schreibens habe ich die Figuren dann auch ganz einfach mit Buchstaben bezeichnet: A, B, C, D …“ Das ursprünglich Setting in einem Einkaufszentrum, in dem sich alle Personen trafen, verwarf er allerdings als zu theatralisch.
Darsteller
Die Darsteller des Films wählte Rohmer bewusst nach äußerlichen Klischees aus, die die Wesenszüge der Figuren unterstreichen sollten. So besetzte er die Rolle der Léa mit einer „südländischen Schönheit“, nämlich Sophie Renoir, einer Urenkelin des Malers Auguste Renoir. Rohmer hatte mit ihr bereits 1982 den Film Die schöne Hochzeit gedreht und verlieh ihr den Spitznamen „die unverschämte Romantikerin“, auch wenn ihre Impulsivität in der Rolle der Léa gezügelt bleiben musste. Ihr Gegenüber, die unscheinbare romantisch-naive Blanche, entdeckte er in der jungen Schauspielschülerin Emmanuelle Chaulet, die noch keine Filmerfahrung hatte. Über Monate hinweg führte er mit ihr lange Interviews, um ihre Rolle an ihrer Persönlichkeit und ihren emotionalen Erfahrungen auszurichten. Die dritte weibliche Rolle der extravaganten Adrienne übernahm mit Anne-Laure Meury eine weitere Schauspielerin, mit der Rohmer bereits in Perceval le gallois und Die Frau des Fliegers zusammengearbeitet hatte.
Die beiden männlichen Darsteller gingen auf Vorschläge Renoirs zurück. François-Eric Gendron verkörperte den gutaussehenden Dandy im Stil seiner Rollenfigur Alexandre bereits in einigen leichten Komödien. Eric Viellard überzeugte Rohmer für die zurückhaltendere Rolle des Fabien nicht zuletzt durch seine Teilnahme an einer Fernsehserie namens Jeu Set et Match über einen aufstrebenden Tennisspieler. Der Regisseur besuchte regelmäßig Tennisturniere und plante eine Szene in den Zuschauerrängen der French Open anzusiedeln. Tatsächlich montierte Rohmer am Ende eine Spielszene von Ivan Lendl, der das Turnier 1986 und 1987 gewonnen hatte, in den Film.Marco Settimini: Quando Ivan Lendl finì in un film di Eric Rohmer. In: pangea-news. 12. Juli 2019.
Schauplatz
Der Film handelt vollständig in der Pariser Trabantenstadt Cergy-Pontoise mit ihren im neoklassizistischen Stil gehaltenen Wahrzeichen von Ricardo Bofill und Dani Karavan, die in den 1980er Jahren von Jack Lang durch eine breite Achse, die Axe Majeur, verbunden wurden. Rohmer hatte die moderne Vorstadt bereits in ihrer frühen Entstehungsphase 1975 kennengelernt, als er dort L’enfance d’une ville, den ersten Teil einer vierteiligen Dokumentarserie unter dem Titel Ville nouvelle, für das französische Fernsehen produziert hatte. Schon in der Einleitung von Der Freund meiner Freundin werden zentrale Gebäude der Stadt gezeigt und dem Arbeits- oder Lebensraum der Figuren zugeordnet.Antoine de Baecque, Noël Herpe: Éric Rohmer: A biography. Columbia University Press, New York 2016, ISBN 978-0-231-54157-2, Kapitel Rohmer the Architect und The Drab Happiness of the New Town’s Development Office.
Die Wahl des Schauplatzes begründete Rohmer: „Die Figuren in Der Freund meiner Freundin sind im Leben verankert; die Stadtplanung gibt ihren Hoffnungen, Idealen und Enttäuschungen eine architektonische Form. Dadurch dient Cergy als ein Laboratorium für Experimente, ein Ort, der utopisch und konkret zur selben Zeit ist, […] das Viertel Saint-Christophe schien geradezu aus dem Nichts entstanden zu sein.“ Mit der Wahl eines isolierten, friedvollen Handlungsraums wollte er an Komödien aus dem 17. Jahrhundert anschließen, in denen sich junge Menschen in der Natur begegnen.Antoine de Baecque, Noël Herpe: Éric Rohmer: A biography. Columbia University Press, New York 2016, ISBN 978-0-231-54157-2, Kapitel The Drab Happiness of the New Town’s Development Office. So betonte Rohmer auch in einem Interview, dass er sich mehr auf die Grünflächen statt auf die Innenräume konzentriert habe, die meisten Szenen unter freiem Himmel oder zumindest vor einem Fensterblick gedreht habe.
Die Stadtverwaltung von Cergy-Pontoise zeigte sich sehr erfreut von dem positiven Bild, in dem sie ihre Stadt porträtiert sah, doch Rohmer schränkte im Rückblick ein, dass der Film hinter die Fassaden der schnell hochgezogenen Stadt blicke. „Die Materialien sind künstlich, und die Bäume sind nicht groß genug oder voll genug. Genau das gleiche gilt für die Charaktere: es sind junge Frauen, die lernen miteinander zu rivalisieren. Sie haben kaum irgendwelche Tiefe.“ Insofern entsprachen Handlungsort und Figuren einander: „Ich habe dabei zwar nicht die Akteure dem Dekor geopfert, doch ich denke, daß es da zu einer recht fruchtbaren Osmose kam und sich beide Seiten gegenseitig geholfen und gestärkt haben.“
Farben und Musik
Für die visuelle Umsetzung legte Rohmer in vielen seiner Filme eine Grundfarbe fest, die als eine Art visuelles Leitmotiv dienen sollte. Bei Der Freund meiner Freundin hatte er eigentlich das Ziegelrosa der Plätze und Gebäude im Kopf, änderte seine Meinung aber später und ging zu Blau- und Grüntönen über, die sich als Symbol für die Oise und den umgebenden Wald auch im Stadtwappen von Cergy-Pontoise wiederfinden. Rohmer kommentierte rückblickend: „Hier bin ich also ein wenig auf geheimnisvoll übersinnliche Weise gelenkt worden von den dieser Stadt innewohnenden Kräften.“Eric Rohmer: Malerei und Film. In: Viennale (Hrsg.): Retrospektive Eric Rohmer. Schüren Verlag, Marburg 2010, ISBN 978-3-89472-699-7, S. 84.