mini|Richard Harder: Eigenart der Griechen (1949) und Einführung in die griechische Kultur Richard Harder (* 19. Januar 1896 in Tetenbüll; † 4. September 1957 in Zürich) war ein deutscher Altphilologe (Gräzist). Er übersetzte Plotin, war ein Spezialist der griechischen Epigraphik (Inschriftenkunde) und arbeitete an einer Interpretation der griechischen Kultur. Er spielte eine bedeutende Rolle in der Wissenschaftspolitik des Nationalsozialismus im Bereich der Altertumswissenschaften.
Leben Der Sohn eines Pastors besuchte die Kieler Gelehrtenschule und studierte nach dem Abitur 1914 zunächst Theologie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er (wegen eines Herzfehlers) zeitweilig als Sanitäter an der Front diente, wandte er sich jedoch der Klassischen Philologie zu. An der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel schloss er sich eng an den nur wenig älteren Werner Jaeger an und folgte ihm 1921 nach Berlin, wo Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff auch noch nach seiner Emeritierung die führende Stellung behauptete. Nach der Promotion bei Jaeger 1924 mit der kommentierten Ausgabe des pseudepigraphischen „pythagoreischen“ Textes Ocellus Lucanus, für die er 1921/1922 in italienischen Bibliotheken gearbeitet hatte, wurde ihm im folgenden Jahr die Redaktion der neuen – maßgeblich von Jaeger inaugurierten – Rezensionszeitschrift Gnomon übertragen, eine Funktion, die er bis 1944 ausübte, neben der Mitherausgeberschaft seit 1930. Zu seinem Lehrer ergab sich bald ein freundschaftliches Verhältnis, das auch nach dem Krieg wieder aufgenommen wurde.
Harder habilitierte sich 1927 in Heidelberg bei Otto Regenbogen mit einer Studie über Ciceros Somnium Scipionis und ging noch im selben Jahr als Professor an die Albertus-Universität Königsberg. Hier machte er sich um die Reform der Ausbildung an Schule und Universität verdient; in privater Nebentätigkeit unterrichtete er überdies die jugendliche Hannah Arendt im Griechischen. Zum Sommersemester 1930 nahm er einen Ruf nach Kiel an, wo er vor allem mit Felix Jacoby, Willy Theiler und Erich Burck freundschaftlich zusammenarbeitete. In den Kieler Jahren entstand seine Plotin-Übersetzung, die herausragende wissenschaftliche Leistung seines Lebens.
Im Sommer 1939 war Harder für einige Monate zu epigraphischen Studien in Griechenland beurlaubt (finanziert von der Vorläuferorganisation der DFG), als Vorarbeit zu seinen Untersuchungen zur griechischen Kulturgeschichte, aber auch schon im Zusammenhang mit dem von Alfred Rosenberg geplanten Institut für Indogermanische Geistesgeschichte. Gleichfalls 1939 wurde er zum Korrespondierenden Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften gewählt.Im Zuge der Neuberufungen nach der Entfernung unliebsamer Mitglieder. Bei der Zuwahl wurden aber die wissenschaftlichen Qualitätskriterien uneingeschränkt gewahrt; vgl. Stefan Rebenich: Zwischen Anpassung und Widerstand? Die Berliner Akademie der Wissenschaften von 1933 bis 1945. In: Beat Näf (Hrsg.): Antike und Altertumswissenschaft in der Zeit von Faschismus und Nationalsozialismus. Ed. Cicero, Mandelbachtal 2001, ISBN 3-934285-45-7, S. 203–244, speziell S. 213, 231 (online). Gleich zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde Harder zum Heer (Wehrmacht) eingezogen (Westfeldzug), aber bereits im Oktober 1940 zum Aufbau des geplanten Instituts freigestellt.
Stellung zum Nationalsozialismus Nach der „Machtergreifung“ war er führend daran beteiligt, Juden aus der Herausgebergruppe des Gnomon herauszudrängen.Markus Hafner: Die deutsche Altertumswissenschaft in der NS-Zeit. Der Gnomon von seiner Gründung 1925 bis 1949. C. H. Beck, München 2025, ISBN 978-3-406-82901-7, S. 15. Im Januar 1934 trat er der SA bei, die er 1936 verließ, als er zum NSKK wechselte. Dort war er als Rottenführer bis 1940 aktiv, schied dann aber wegen Zeitmangels aus. Zum 1. Mai 1937 trat er der NSDAP und 1938 dem NS-Dozentenbund bei.Zusammenfassend zu den Parteiämtern Gerhard Schott, S. 460 f., nach dem Fragebogen der Entnazifizierung. 1941 trat er aus der Kirche aus, ließ seine Töchter aber weiterhin christlich erziehen.
Die Freiburger Rektoratsrede Martin Heideggers rezensierte er positiv. Wie viele seiner Kollegen beteiligte Harder sich an den beiden Veranstaltungen der „Lagerarbeit“ des NS-Dozentenbundes, Fachkreis Altertumswissenschaft, Würzburg Januar 1941 und Augsburg Juni 1942.
Das „Institut für Indogermanische Geistesgeschichte“ Die engste Beziehung zum Regime ergab sich dadurch, dass Harder die Leitung des „Instituts für Indogermanische Geistesgeschichte“ übertragen wurde, einer Außenstelle der von Rosenberg geplanten Parteiuniversität („Hohe Schule“).
Vorgesehen war von Anfang an, die Stelle des Leiters an die Philosophische Fakultät der Universität München anzugliedern. Dagegen wehrten sich Universität und Fakultät, vor allem wegen der ungesicherten Finanzierung. Sie sollte zwar aus den Mitteln der aufgelösten Katholisch-Theologischen Fakultät erfolgen, musste aber natürlich auch die Fakultät tangieren, die selber Vorstellungen zur Verwendung hatte. Außerdem konnte man zu Recht Überschneidungen in der Forschung zwischen dem Institut und der Universität befürchten.
Während die Personalvorstellungen des Amts Rosenberg im Übrigen eher mittelmäßige Personen betrafen, gab es an der Reputation des vorgesehenen Leiters keinen Zweifel. Widerstände in München gegen Richard Harder als Person oder Wissenschaftler gab es denn auch kaum. Eine Stellungnahme betonte die wissenschaftliche Leistung (Plotin-Übersetzung), wandte aber ein, dass seine Forschung zu eng und zu spezialisiert angelegt sei, so dass man auf sie verzichten könne. Von Seiten der Partei trat die NS-Dozentenschaft gegen Harder auf, die an Auseinandersetzungen mit ihm in Kiel zur Zeit der Machtergreifung erinnerte und ihm andererseits vorhielt, er habe die Unverfrorenheit besessen, sofort nach der Machtergreifung in die Partei eintreten zu wollen; davon ist sonst nichts bekannt. Alle Einwände konnten nicht verhindern, dass Rosenberg sich durchsetzte und Harder am 14. Mai 1941 durch das Reichswissenschaftsministerium ernannt wurde. Der Minister Bernhard Rust berief ihn an die Philosophische Fakultät der Universität München, nur zusätzlich wurde die Genehmigung „zur Mitarbeit am Institut für Indogermanische Geistesgeschichte in München, Außenstelle der Hohen Schule“ ausgesprochen.Gerhard Schott, S. 438 mit Anm. 109.
Harder war bereits im März 1941 nach München umgezogen. Im Sommer arbeitete er erneut in Griechenland, wo er, finanziert durch den Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg, topographische, archäologische und epigraphische Arbeiten in Chalkis und Sparta durchführte. Zielkonflikte mit anderen Stellen, vor allem dem Deutschen Archäologischen Institut, waren unvermeidbar. Diese Probleme und weiterhin fehlende Stellen und Mittel führten dazu, dass Harder seine Arbeit stärker auf die Universität verlagerte.
Seit dem Wintersemester 1941/1942 sind im Vorlesungsverzeichnis Vorlesungen und Übungen aufgeführt, die ihn als vielseitig erweisen. So hat er auch seinen latinistischen Kollegen Rudolf Till vertreten und zu dieser Zeit einige Arbeiten auf diesem Gebiet verfasst. Er hielt Verbindung zu seinem angestammten Fach.
Im September 1942 rief Rosenberg eine „Arbeitsgemeinschaft für griechisch-iranische Altertumsforschung in den besetzten Ostgebieten“ innerhalb des „Instituts“ ins Leben, Sitz ebenfalls in München. Harder war ihr Leiter, sein Vertreter war Hans Reinerth. Ihre Aufgabe war die Plünderung von Kunstschätzen aller Art, vor allem von Bibliotheken und Ausgrabungsfunden aus Museen.
Die Gutachten zu den Flugblättern der „Weißen Rose“ Vermutlich steht es im Zusammenhang mit Richard Harders Stellung am IIG, wodurch er der Gestapo München als Fachwissenschaftler bekannt war, dass man ihm im Februar 1943 die sechs Flugblätter der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ zu einer gutachterlichen Stellungnahme vorlegte.Die beiden Gutachten waren bis zur Deutschen Wiedervereinigung unbekannt gewesen, seitdem ist gelegentlich kurz auf sie hingewiesen worden. Jetzt sind sie von Gerhard Schott ediert und in den Zusammenhang von Harders Denken und Wirken eingeordnet worden; siehe Schott, S. 414–417; 450–459; Abdruck (aus der Sekundärüberlieferung bei den Gestapo-Stellen) mit Kommentar als Nr. 2 und 3, S. 485–489 und 489–492. Noch am 17. Februar erhielt er die beiden neuesten, am folgenden Tag, kurz bevor Hans und Sophie Scholl festgenommen wurden, zusätzlich die vier älteren.
In der Erörterung wendete Harder die üblichen philologischen Methoden bei der Interpretation unbekannter, anonymer Texte an. Es gelang ihm die Klärung der Chronologie, dagegen nahm er zu Unrecht an, dass es sich immer um denselben Verfasser handle; er glaubte sogar, bei diesem Phantom eine innere Entwicklung (politische Biographie) feststellen zu können. Den Autor, dem er ein hohes intellektuelles Niveau zuerkennt, siedelte er im Umkreis der Universität an. Er hielt ihn für einen Geisteswissenschaftler, am ehesten für einen protestantischen Theologen. Es schwebte ihm eine Gestalt wie der Publizist Wilhelm Stapel vor (christlich-protestantische Grundlagen, Nationalismus, modifizierter Antisemitismus), aber er versuchte nicht, eine konkrete Person namhaft zu machen – die Konsequenz einer Entlarvung muss ihm klar gewesen sein. Natürlich wandte er sich mehrfach gegen die politische Grundhaltung der Flugblätter.
Im Prozess gegen die Mitglieder der Verschwörung wurden die Gutachten nicht verwendet. Im Nachlass haben sie keine Spuren hinterlassen, obwohl die Diskussion über die Aktion schon zu Lebzeiten Harders rege war.
Harder und der Gnomon Es ist Harder vorgeworfen worden, den Gnomon an die nationalsozialistische Ideologie angepasst zu haben, wofür auch Alfred Rosenberg als Zeuge genannt wird; es ging dabei darum, Zweifel Martin Bormanns, des Leiters der NS-Parteikanzlei, an der politischen Zuverlässigkeit Harders zurückzuweisen. In Wirklichkeit konnte er die Zeitschrift weitgehend von NS-Einflüssen freihalten. Noch 1941, im Zusammenhang mit der Berufung nach München, wurde ihm vorgeworfen, er habe weiterhin Juden zu Wort kommen lassen, was jedenfalls bis 1939 zutrifft, auch für andere exilierte und emigrierte Wissenschaftler.Ursula Wolf: Rezensionen in der Historischen Zeitschrift, im Gnomon und in der American Historical Review von 1930 bis 1943/44. In: Beat Näf (Hrsg.): Antike und Altertumswissenschaft in der Zeit von Faschismus und Nationalsozialismus. Ed. Cicero, Mandelbachtal 2001, ISBN 3-934285-45-7, S. 419–438, speziell S. 428–432. Hier wird nur die Alte Geschichte betrachtet, während Gerhard Schott, S. 418 f.; 436 f. das gesamte Gebiet der Altertumswissenschaft heranzieht.
Einstellung zur Ideologie des Nationalsozialismus