mini|hochkant=1.3|Das Eldorado in der Motz- Ecke Kalckreuthstraße, 1932
Eldorado (: ‚Das Goldene‘) war der Name mehrerer beliebter Berliner Lokale in denen Homosexuelle verkehrten. Das bekannteste Lokal war das Eldorado in der Schöneberger Motzstraße. Es hatte in den 1920er Jahren durch die offen ausgelebte Freizügigkeit seiner homo- und heterosexuellen Gäste, insbesondere aber Transvestiten (Männer und auch Frauen), eine so besondere Atmosphäre, das es damit zu internationalem Ruf gelangte. Die vielen berühmten Gäste des Eldorados haben die außergewöhnlichen Eindrücke ihres Besuches in Briefen, künstlerischen oder wissenschaftlichen Aufzeichnungen festgehalten. Weil zum ersten Mal in der Geschichte der Homosexualität ganz offen und vielfältig über ein Szenelokal berichtet werden konnte, entwickelte sich das Eldorado bereits in seiner Zeit zu einem Mythos. Über kein anderes homosexuelles Lokal gab es bis zu diesem Zeitpunkt so viele Schilderungen und literarische Quellen wie über das Eldorado.Michael Bollé: Eldorado: Homosexuelle Frauen und Männer in Berlin 1850–1950. Geschichte, Alltag und Kultur. Berlin Museum, Frölich & Kaufmann, 1984, ISBN 3-88725-068-0, S. 71.
Die Eldorados Das Original: Am Oranienburger Tor in der Torstraße (Elsässer Straße 43, seit 1994 Torstrasse 228) befand sich am Anfang des 19. Jahrhunderts innerhalb der Stadtmauer das beliebte Amüsement-Lokal Eldorado. 1848 finden im Eldorado regelmäßig Konzerte, Bälle und Theateraufführungen statt. Das an der Ecke zur Friedrichstraße gelegene Lokal, war von vielen Kaserernen und Fabriken umgebenen und wurde daher, wie auch die Gegend der Kasernen am Halleschen Tor und die Kreuzung Unter den Linden, besonders zahlreich von jungen Männern frequentiert. In den umliegenden Wirtschaften und Tanzsäalen des ursprünglichen Schwulen-Viertels von Berlin herrschte trotz der damaligen Bürgerlichkeit bereits ein höchst reger Verkehr. Die Dorfgemeinde Schöneberg, zu diesem Zeitpunkt weit vor den Toren Berlins gelegen, wird erst mit der Eingemeindung 1920 Teil des Berliner Großstadtgebietes. 1890 wird auf dem Grundstück am Oranienburger Tor ein gründerzeitliches Theatergebäude mit großem Hauptsaal errichtet. 1892 eröffnet das Varieté unter dem Namen Scala-Theater, wird jedoch wieder geschlossen und 1894 erneut als Eldorado Varieté Theater und Ball Etablissement eröffnet. Bis zum Krieg wird es unter verschiedenen Namen und Besitzer fortgeführt und schließlich von Bomben zerstört. Das Kleine: „Ein gemütliches Heim für ältere Herren“ war die Eldorado-Diele um 1910 in der Alten Jakobstraße, in der damaligen Luisenstadt. Als Diele bezeichnete man private Wirtschaften, die oftmals in den beengten Räumen im Keller oder Erdgeschoß eines Mietshauses untergebracht waren. Das Charlottenburger: In der Kantstraße 24 Ecke Bleibtreustraße in Charlottenburg machte der Gastwirt Ludwig Konjetschni im März 1924 aus seinem bereits 1920 eröffneten Café Alkazar sein erstes Eldorado mit Tanzdarbietungen im Obergeschoss.Bauakte Kantstraße 24, Landesarchiv Berlin Im Jahr 1926 erfolgte der Umzug zur Lutherstraße. Das Schöneberger: Das in der Lutherstrasse 31/32Ralf Jörg Raber: „Wir sind, wie wir sind!“ Homosexualität auf Schallplatte 1900–1936. Bear Family Records, 2002, ISBN 3-89795-887-2, S. 23–27 Mit einer abgebildeten Werbetafel am Stiel und der Aufschrift: „Eldorado / vis-á-vis Skala / Lutherstrasse 31/32 / Internationaler Betrieb! Interessante Nächte!“ (seit 1963: Martin-Luther-Straße„Die Heinrich-Kiepert-Straße wurde mit ihrer Verlängerung bis zur Hauptstraße am 28. Dezember 1899 in Martin-Luther-Straße umbenannt. Am 1. März 1963 wurde die Straße in nördlicher Richtung verlängert, indem die Anschlussstraße, die 1885 benannte Lutherstraße, in die Martin-Luther-Straße mit einbezogen wurde. Diese Einbeziehung war schon seit den zwanziger Jahren mehrfach vorgesehen worden, aber nicht verwirklicht worden.“ Außerdem wurde von umlaufender Nummerierung auf wechselseitige Nummerierung umgestellt. 13), gelegene Lokal Eldorado wurde 1926 von Ludwig Konjetschni eröffnet. Er hatte die Restaurationsräume im Erdgeschoss des Luther-Casinos gepachtet. Die hier erst 1920 eröffnete Varieté Bühne Scala befand sich nun auf der gegenüberliegenden Straßenseite und direkt daneben auch das berühmte Restaurant Horcher. Wegen Unstimmigkeiten mit der Inhaberin muss er aber auch diesen Standort 1930 wieder aufgeben und weiterziehen. Sein neues Tanzlokal eröffnet in einem Gebäude in der direkten Nachbarschaft. Das Ultima: "Hier ist's richtig." An der KalckreuthstraßeGünter Grau: Homosexualität in der NS-Zeit. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-596-11254-0 Bild auf der 1. Umschlagseite: Eldorado mit Nazi-Wahlplakaten, wo auf einer Straßentafel geschrieben steht: „Kalckreuth Str.“ und darunter „15–11“, wobei die „11“ näher zur Motzstraße steht. 11 Ecke Motzstraße15Staci / Lana: eldorado, 16. November 2007, Werbe-Postkarte mit einer/em Tänzer(in) und der Aufschrift: „Eldorado – Motz 15 – Berlin / Male or Female?“ (heute: Motzstraße 24) findet das Eldorado schließlich seinen finalen Standort. Konjetschni mietet die neuen Räumlichkeiten an und wagt sich erneut an die Umsetzung des Eldorado unter seinem alten Namen.
Eldorado Lutherstraße Schon in den Jahren 1900–1907 befanden sich in der Lutherstraße 31/32 die Auguste Victoria-Säale, ein Lokal mit einem Restaurant im Erdgeschoß und zwei Säalen im Obergeschoss.Berlin, Charlottenburg, Berlin: Lutherstraße 31/32, Restaurant Auguste Victoria-Säle Im „großen Theatersaal“ fanden damals Vorstellungen statt.Internetversteigerung einer Karte aus dem Jahre 1907.
Der Gastwirt Ludwig Konjetschni führte seit etwa 1924 das erste Tanzlokal Eldorado in der Kantstraße 24 in Charlottenburg, muss diesen Standort jedoch aufgeben. Neue Räumlichkeiten für das Etablissement findet Konjetschni 1926 in dem zu diesem Zeitpunkt Luther-Casino genannten Lokal. Er pachtet die gesamte Restaurationsräumlichkeiten im Erdgeschoß und benennt das Lokal wieder mit "Eldorado."
Schon bald nach der Eröffnung ist das Eldorado, auch weit über die Stadtgrenzen hinaus, ja sogar weltweit, bekannt. Dort vermischte sich die Hetero- mit der Homowelt und einen Abend im Eldorado zu verbringen, das war große Mode in der Berliner Gesellschaft. So kehrten konservative Bankdirektoren ebenso hier ein, wie internationale Künstler und Schauspieler vom Film oder Theater.Peter Sachse im Berliner Journal, 1927. Stars wie Marlene Dietrich,Annelie Lütgens: Nur ein Paar Augen sein. Jeanne Mammen – eine Künstlerin in ihrer Zeit. Berlin 1991, S. 67. mit ihrem Ehemann Rudolf Sieber, Claire WaldoffDavid Bret: Marlene My Friend: An Intimate Biography. Robson, 1996, ISBN 0-86051-844-2, S. 21., Wolfgang CordanWolfgang Cordan: Die Matte. Autobiografische Aufzeichnungen. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Manfred Herzer. MännerschwarmSkript Verlag, Hamburg 2003. oder Anita Berber. sind unter den Gästen. Eines Abends wird Josef Hora mit Marka Majerova von Egon Erwin Kisch in das Lokal geführt, dieser berichtete später seiner eigenen Freundin Jarmila darüber.Egon Erwin Kisch: Briefe an Jarmila. Das Neue Berlin, 1998, ISBN 3-360-00856-1, S. 63. Auch Magnus Hirschfeld war in dem Lokal öfter zugegen, teils aus beruflichem Interesse. Er wurde liebevoll Tante Magnesia genannt.E. J. Haeberle: Einführung in den Jubiläums-Nachdruck von Magnus Hirschfeld, „Die Homosexualität des Mannes und des Weibes“, 1914. Walter de Gruyter, Berlin / New York 1984, S. V–XXXI
Ruth Margarete Roellig berichtete 1928 von einem dichten Unterhaltungsprogramm, vom „Tanzknaben Carlo“, von Transvestiten, die ihren Fummel zur Schau tragen und anschließend Autogrammkarten verkaufen, und von den obligatorischen „Girl’s“, jenen jungen Berufstänzerinnen, die damals weder auf den großen Revuebühnen noch im kleinen Tingeltangel fehlen durften.Ruth Margarethe Roellig: Berlins lesbische Frauen. Bruno Gebauer Verlag, Leipzig 1928, S. 52 f.
In Teilen der Szene jedoch stießen solche Lokale auf heftigste Kritik. Gleich nach der Eröffnung des Eldorado um die Jahreswende 1926/27 kommentierte der Bund für Menschenrechte in seiner Zeitschrift:
Als der Autor Ferdinand Bruckner an seinem Stück Die Verbrecher (1928) arbeitete, das auch die Thematik des Paragraphen 175 behandelt, recherchierte er im Eldorado, um die Situation der Homosexuellen möglichst realistisch wiedergeben zu können.Bernhard Rosenkranz, Gottfried Lorenz: Hamburg auf anderen wegen: Die Geschichte des Schwulen Lebens in der Hansestadt. Lambda, 2005, ISBN 3-925495-30-4, S. 33. Der englische Journalist Sefton Delmer, der mit SA-Chef Ernst Röhm einen freundschaftlichen Umgang pflegte, berichtete in seinen 1962 erschienenen Memoiren über einen gemeinsamen Besuch des Eldorados im Jahr 1931.
Er bezeichnet es als öde und verrauchte Tanzbar. Dort kam ein Transvestit an den Tisch, den Delmer für einen Stricher hielt und Röhm für dessen Kunden. Der Transvestit plauderte mit Röhm über eine vergnügliche Party in den Tagen zuvor. Als dieser wieder gegangen war, meinte Delmer zu Röhm: „Da haben Sie es, Herr Stabschef. Keine weibliche Nutte würde so zu einem früheren Kunden kommen und sich in Gegenwart eines Fremden mit ihm über eine gemeinsam verbrachte Nacht unterhalten.“ Worauf dieser antwortete: „Ich bin nicht sein Kunde. Ich bin sein Kommandeur. Er ist einer von meinen SA-Männern.“
Auch der spätere Politiker und SA-Gruppenführer Karl Ernst schlug sich eine Zeit lang mit diversen Jobs durch und war dabei – je nach Darstellung – eine Zeit lang Kellner,Helmut Allardt: Politik vor und hinter den Kulissen. Erfahrungen eines Diplomaten zwischen Ost und West. Econ Verlag, Düsseldorf 1979, ISBN 3-430-11027-0, S. 24. AngestellterHans Bernd Gisevius: Bis zum Bittern Ende. Fretz & Wasmuth, 1946, S. 180. oder StricherAndreas Sternweiler (Hrsg.): Liebe, Forschung, Lehre: Der Kunsthistoriker Christian Adolf Isermeyer. In: Lebensgeschichten 4. Berlin 1998, ISBN 3-86149-082-X; (Zitat ab „Ein schwuler Emigrant […]“) im Eldorado in der Lutherstraße.
Trotz oder wegen des großen Erfolges geriet Ludwig Konjetschni mit der Verpächterin in einen unüberbrückbaren Streit, in dessen Folge er auch diesen Standort Anfang 1930 aufgab. Er war erneut auf der Suche nach Räumlichkeiten für ein Eldorado nach seinen Vorstellungen. Diese sollten sich schließlich noch im selben Jahr in der direkten Nachbarschaft finden.
Nachdem er das Haus verlassen hatte, zog im Dezember 1930 ein Kino in den großen Saal des Obergeschosses, während unten im Parterre weiterhin der Tanzbetrieb lief. Das Eldorado in der Lutherstraße existierte unter diesem Namen noch bis März 1931.Ralf Jörg Raber: „Wir … sind, wie wir sind!“ Homosexualität auf Schallplatte 1900–1936. In: Invertito – Jahrbuch für die Geschichte der Homosexualitäten. 5. Jg., 2003, ISBN 3-935596-25-1, S. 50–52 Mit einem (Tanz-)Jeton mit der Aufschrift: „Eldorado – Berlin – Motzstr. 15“ Dann verlor die Inhaberin des Lokals den Rechtsstreit um den Namen "Eldorado" gegen ihren ehemaligen Pächter Konjetschni.Tempo Nr. 56, vom 7. März 1931: Prozeß um "Eldorado" Nur noch wenige Jahre, bis Anfang Mai 1933, hat an diesem Ort ein Tanzlokal unter anderem Namen existiert.Bauakte Lutherstraße 31/32, Landesarchiv Berlin Als schließlich die Nationalsozialisten die deutsche Politik bestimmten, musste auch dieses Lokal schließen. Das Gebäude selbst erhielt 1943 Bombentreffer und auch der Betrieb des Kinos wurde eingestellt werden.Am 25. Dezember 1930 eröffnete in der Lutherstraße 31/32 die Hollywood Lichtspiel-Bühne, Inhaber: Theaterbetriebs-Ges. Hollywood GmbH Silbermann/Paul Becker
Eldorado Motzstraße hochkant|mini|alternativtext=Filiale einer großen Biosupermarktkette in der Motzstraße|Ehemaliges Eldorado in der Motzstraße, später Räume des Drugstore