mini|St. Augustinus, Ansicht von der Flussseite St. Augustinus ist die katholische Hauptkirche von Nordhorn, die neben der reformierten Marktkirche die Silhouette der Stadt prägt.
Das Bauwerk wurde von 1911 bis 1913 nach den Plänen des Hamburger Regierungsbaumeisters Josef Keith als achteckiger Zentralbau mit Kuppel, Umgang und Laterne errichtet. Der 45 Meter hohe Glockenturm im Stil eines romanischen Campanile steht gesondert und ist durch eine zweistöckige Arkade mit dem Zentralbau verbunden.
Die Kirche trägt den Namen des heiligen Augustinus. Am 11. September 1913 wurde sie vom Osnabrücker Bischof Hubertus Voß geweiht.
Das Kirchengebäude steht unter Denkmalschutz.
Lage und Vorgeschichte mini|Burg (rechts) und Residenzhaus (um 1700) mini|links|Residenzhaus (rechts) und „Kirchlein“ (1893) miniatur|Stadtplan-Ausschnitt 1911 mit den ehemaligen Gebäuden und der Kirchenplanung Im 12. Jahrhundert erwarben die Grafen von Bentheim das Gogericht der Siedlung Northornon und errichteten auf der Vechte-Insel gegenüber der Siedlung eine Burg. Mit Hilfe eines künstlich angelegten Mühlendamms und zweier Mühlen gelang es, den Wasserstand der Vechte zu regulieren und die Insel zu besiedeln. Die Siedlung auf der Insel erhielt 1379 die Stadtrechte und trug fortan allein den Namen Nordhorn, während die alte Siedlung um die heutige Marktkirche den Namen Oude Dorp (Altes Dorf) erhielt, woraus sich Altendorf entwickelte. Die Burg wurde zum Jagdhaus der Grafen von Bentheim.Heinrich Specht: Nordhorn – Geschichte einer Grenzstadt. (Hrsg.: Heimatverein der Grafschaft Bentheim), Nordhorn 1941, Bad Bentheim 1979.
Nachdem die 1445 errichtete Marktkirche St. Ludgeri zwischen 1540 und 1550 im Zuge der Reformation zunächst lutherisch, dann reformiert wurde, verloren die katholischen Christen von Nordhorn ihr Gotteshaus. Die Augustiner-Chorherren des Klosters Frenswegen erwarben am 14. Oktober 1578 die Burg und erbauten 1579 ein Residenzhaus sowie eine Kapelle, wo sie die Seelsorge für die Katholiken der Stadt ausübten und mit der Gemeinde Sonntagsgottesdienste feierten.100 Jahre St. Augustinus Nordhorn, 1913–2013. S. 22
Nachdem die Schweden die Burganlage einschließlich Kapelle im Dreißigjährigen Krieg zweimal, 1632 und 1633, gestürmt, geplündert und teilweise zerstört hatten, wurde 1712 auf dem Burgplatz ein neues „Kirchlein“ errichtet und dem heiligen Augustinus geweiht. In dem Dachreiter erklang eine kleine Glocke namens Hieronymus.
Anfang des 19. Jahrhunderts verloren die katholischen Christen durch die Säkularisation das Kloster Frenswegen und ihr Kirchlein auf der Burg. Über die französische Regierung gelangte die Burg in den Besitz dreier Nordhorner Kaufleute. Durch die Bemühungen des ersten Pfarrers von Nordhorn, Johann Bernard Cordes, gelangte sie wieder in kirchlichen Besitz. Für 6.200 holländische Gulden kaufte die Gemeinde die Gebäude zurück.Grafschafter Nachrichten vom 8. September 2003: Ein Hauch von Rom in Nordhorn.
1824 wurde die St.-Augustinus-Gemeinde, die bislang zum Bistum Münster gehörte, der Diözese Osnabrück zugeordnet und zur Pfarrei erhoben. 1826 wurde das Residenzgebäude umgebaut und bis 1908 als Kirche genutzt.
Mitte des 19. Jahrhunderts bemühten sich Mitglieder der Gemeinde um den Neubau einer Kirche. Vom Bau eines Turms riet der Bischof ab, aber dem Neubau einer Kirche stimmte er zu. Die Gemeinde gründete unter Leitung von Pfarrer Hanewinkel einen „Pfennigverein“ und man zog zum Sammeln durch die Diözese. Der ursprüngliche Eifer erlahmte aber bald, da nur wenig Geldspenden zusammenkamen. Die widrigen Verhältnisse der Kriegsjahre 1870/71 und der folgende Kulturkampf in Preußen ließen das geplante Bauvorhaben ruhen. miniatur|links|Blick in die Burgstraße mit Notkirche (rechts) kurz nach Fertigstellung von St. Augustinus (ganz rechts) (1913) Als die Kirchengemeinde um die Jahrhundertwende weiter wuchs und bald kein geordneter Ablauf der Sonntagsgottesdienste gewährleistet werden konnte, bemühte sich der damalige Pfarrer Lammers erneut um den Neubau einer Kirche. Die Baupflicht des Staates wurde eingefordert, aber ohne Erfolg. Ein neu gegründeter „Pfennigverein“ sammelte 15.000 Mark. Doch ein neuer Kirchbau überstieg weiterhin die Möglichkeiten der Gemeinde. Eine Volkszählung von 1905 ergab 1617 Seelen. Die Verhältnisse in der alten Kirche wurden immer unzulänglicher.
1907 wurde in unmittelbarer Nähe, in der Burgstraße, eine größere Notkirche errichtet, die für die nächsten 15 bis 20 Jahre ausreichen sollte. Die bisherige Kirche wurde zur Schule mit Lehrerwohnung. Doch durch das rasche Anwachsen der Gemeinde, insbesondere durch die Entwicklung der Nordhorner Textilindustrie, reichte der Platz auch in diesem Gebäude bald nicht mehr aus. Selbst die Einrichtung einer dritten sonntäglichen Heiligen Messe brachte zu wenig Entlastung. 1910 wurden bereits 2.300 Katholiken gezählt.
Im selben Jahr beschloss der Kirchenvorstand, die Fischereigerechtigkeit der Vechte, die sie mit dem Kauf der Burg 1578 erworben hatte, an die Stadt Nordhorn abzutreten. Die Stadt überließ ihr im Gegenzug das Besitzrecht an dem Platz vor der Notkirche. Große Spenden der damals führenden Familien der Nordhorner Textilindustrie Povel, Niehues, Dütting und Kistemaker ermöglichten dem Kirchenvorstand am 25. Februar 1910 eine Ausschreibung für den Neubau einer Pfarrkirche mit 1.000 bis 1.100 Sitzplätzen vorzunehmen. Dazu sollte die teilweise noch vorhandene Burg abgerissen werden. Zur Verfügung stand ein Platz von etwa 40 mal 40 Metern.100 Jahre St. Augustinus Nordhorn, 1913–2013. S. 23
Baugeschichte mini|Grundriss und Querschnitt der Augustinuskirche, Deutsche Bauzeitung, März 1913 mini|links|Bauarbeiten 1912/1913 mini|links|Innenbereich um 1913, noch vor seiner Ausmalung An der Ausschreibung zur Errichtung der neuen Pfarrkirche nahmen die Architekten Mündelein aus Paderborn, Plassmann aus Münster, Feltwisch aus Osnabrück und Keith aus Hamburg teil. Kirchenvorstand, Gemeindevertretung und Pfarrer entschieden sich einstimmig für den Entwurf von Josef Keith, der angelehnt an frühromanische italienische Vorbilder, wie zum Beispiel die Basilika San Giorgio in Venedig, einen mächtigen achteckigen Zentralbau mit Kuppel, Umgang und Laterne sowie einen 45 Meter hohen Glockenturm im Stil eines romanischen Campanile vorsah.100 Jahre St. Augustinus Nordhorn, 1913–2013. S. 23/24
Das Generalvikariat und Bischof Voß lehnten diesen an frühchristliche Kirchen Italiens erinnernden Entwurf jedoch ab und favorisierten gotische oder barocke Bauformen in einer deutlich zurückhaltenderen Ausführung. Nach langwierigen Verhandlungen und einer Reihe von architektonischen Änderungen erteilte Bischof Voß nach über einem Jahr sein Einverständnis.
Der am 11. September 1911 begonnene Abriss der beiden alten Kirchengebäude wurde zügig ausgeführt, doch bei den Erdarbeiten zur Vorbereitung des Fundaments traten Probleme auf: Die Baugrube förderte in weiten Bereichen mit zwei bis drei Meter tiefem Morast einen sehr schlechten Baugrund zutage, mit dem man erstaunlicherweise trotz der Lage und Vorgeschichte des Baugrundstücks auf der Vechteinsel nicht gerechnet hatte. Während eines Baustopps wurde entschieden, den Baugrund mit Eisenbetonpfählen zu stabilisieren. Im Februar 1912 wurden mit einer Dampframme 254 Pfähle in einer Länge von jeweils zwischen 5,50 und 7,50 Metern in die Erde getrieben, bevor die Betonierungsarbeiten der Fundamente erfolgten. Durch diese zusätzlichen Gründungsarbeiten erhöhten sich die Baukosten erheblich.100 Jahre St. Augustinus Nordhorn, 1913–2013. S. 25
Am 28. Juli 1912 legte Pfarrer Hanewinkel im Auftrag des Bischofs von Osnabrück den Grundstein. Er befindet sich im letzten Eckpfeiler an der Sakristei. In ihm ist ein Glasbehälter mit einer Urkunde versenkt, in der unter anderem zeitgenössische Ereignisse genannt werden. Weiterhin sind dem Behälter diverse Tageszeitungen und ein von Papst Pius X. geweihter Stein aus den Domitilla-Katakomben beigefügt.
Vor Wintereinbruch wurde die 21 Meter hohe, im unteren Durchmesser 22 Meter breite und von acht Eckpfeilern getragene innere Kuppel aus Stahlbeton gefertigt – ein für die damalige Zeit sehr moderner Baustoff. Darüber wurde eine Holzkuppel gelegt, die mit Kupferplatten eingedeckt ist. Eine Laterne krönt die Außenkuppel, die an ihrer höchsten Höhe von 36 Metern mit einem Kreuz geschmückt ist.100 Jahre St. Augustinus Nordhorn, 1913–2013. S. 25/26
Am 21. Mai 1913 wurde die vergoldete Kreuzblume auf der Turmspitze angebracht. Am 31. August 1913 wurden die fünf Bronzeglocken geweiht, die am 2. September 1913 zum ersten Mal erklangen.100 Jahre St. Augustinus Nordhorn, 1913–2013. S. 29
Nach einer Bauzeit von rund zwei Jahren konnte die Augustinus-Kirche am 11. September 1913 feierlich geweiht werden.
Architektur mini|links|Inschrift am Portalgiebel der Nordseite Der Grundriss des in seinem Baustil an italienische Rundkirchen erinnernden Gebäudes bildet ein Oktogon (Achteck), das um einen Vorraum mit Haupteingang und den Chorraum mit Altar erweitert ist. Die von acht gemauerten Säulen getragene Kuppel ist 35 Meter hoch und weist einen Durchmesser von 22 Metern auf. Sie stellt eine Besonderheit im norddeutschen Raum dar und prägt das Nordhorner Stadtbild.
Neben dem Hauptaltar verfügte die Kirche über zwei Nebenaltäre, auf der linken Seite der Josephs-Altar und auf der rechten Seite der Marien-Altar, die Gastpriestern zur Verfügung standen.
Der ziegelrote Backsteinbau ist mit Bogenfriesen und Lisenen, zwei Evangelistensymbolen, Allegorien der Kardinaltugenden sowie auf den Giebelecken mit den Figuren des heiligen Augustinus und des heiligen Ludgerus, dem Nebenpatron der Kirche, geschmückt.
Auf der Südseite sind der rechteckige Altarraum sowie die Tabernakel- und die Marien-Kapelle angefügt. Die Portalfront im Norden besteht aus einer Eingangshalle mit repräsentativer Giebelfassade. Die drei Portalbögen setzen sich östlich in einem zweijochigen Bogengang fort, an den sich der Campanile anschließt.
Der Portalgiebel an der Nordseite trägt eine mit Kupferbuchstaben geschriebene lateinische Inschrift aus der Liturgie der Kirchweihe (I Cor 3, 17): TEMPLUM DOMINI SANCTUM EST – DEI STRUCTURA EST DEI AEDIFICATIO EST („Der Tempel des Herrn ist heilig – Ist Gottes Errichtung, ist Gottes Erbauung“).
Turm mini|hochkant|links|Kirchturm Der 42 Meter hohe Kirchturm (Campanile) steht abseits der Kirche und ist durch einen zweigeschossigen Arkadenbau mit Rundbogen mit dem Kirchengebäude verbunden. Am 21. Mai 1913 brachten Arbeiter die vergoldete Kreuzblume auf der Turmspitze an.
Geläut Kirchlein und Notkirche In beiden Vorkirchen gab es nur eine Glocke, der „Kleine Hieronymus“. Diese Glocke wurde 1556 gegossen und wog 46 kg bei einem Durchmesser von rund 42 cm. Die Inschrift lautete: Jeronimus is min Naem. Jan Moor mackten mi MCCCCCLVI. (Jeronimus ist mein Name, Jan Moor machte mich 1556). Die Glocke soll schon im Kloster Frenswegen geläutet haben; wann sie auf die Vechte-Insel kam, ist nicht überliefert. Als 1712 das „Kirchlein“ neben dem Residenzhaus errichtet wurde, befand sich die kleine Glocke im Dachreiter, wo sie noch auf dem Foto von 1893 (siehe oben) erkennbar ist, denn die Glocke blieb auch auf dem Gebäude, nachdem der Gottesdienst in das angrenzende Residenzhaus verlegt und das Kirchlein als Schulgebäude umgewidmet wurde. Mit dem Abriss der alten Gebäude 1911 fand die Glocke bis 1913 ihren Platz im Dachreiter der Notkirche.Hildegard Schulten: Die Glocken von St. Augustinus. S. 4 Die Hieronymus-Glocke wurde 1930Hildegard Schulten: Die Glocken von St. Augustinus. S. 5 oder 1933 an die damalige neu errichtete Barackenkirche St. Marien in der Blumensiedlung gegeben. 1938 wurde ein Riss im Glockenmantel festgestellt. Ihr weiterer Verbleib ist unklar; wahrscheinlich musste die Glocke im Zweiten Weltkrieg als „Metallspende“ abgegeben werden.Hildegard Schulten: Die Glocken von St. Augustinus. S. 5
1913 bis 1917