mini|Auguste Raffet: Kampf um die Crête-à-Pierrot (4.–24. März 1802) Als Haitianische Revolution werden der Sklavenaufstand in der französischen Kolonie Saint-Domingue von 1791 und die nachfolgenden Ereignisse bezeichnet. Sie führte am 1. Januar 1804 zur Umwandlung der Kolonie in den Staat Haiti – den ersten unabhängigen Staat in Lateinamerika und den ersten, der durch ehemalige Sklaven geformt wurde.
Vorgeschichte (1659–1803) mini|Hispaniola um 1723
Die indigene Bevölkerung Hispaniolas setzte sich bis ins 15. Jahrhundert vor allem aus Angehörigen der Ciboney und der Arawak zusammen. Die Bevölkerungsmehrheit bildeten im Westen die zu den Arawak zählenden Taíno.
Nachdem 1492 Christoph Kolumbus die Insel für Spanien entdeckt hatte, wurde die indigene Bevölkerung innerhalb weniger Jahrzehnte durch eingeschleppte Krankheiten und schwerste Zwangsarbeit fast vollständig ausgerottet.Haiti. In: Encyclopaedia Britannica 2013. Ultimate edition. 2012, ISBN 978-3-8032-6629-3 (online), abgerufen am 15. April 2021. Das indigene Volk, das bei der Ankunft der Europäer geschätzt 250.000 bis 400.000 Menschen zählte, wurde nahezu ausgelöscht. Es wurde versklavt, in Kämpfen niedergemetzelt und von eingeschleppten Krankheiten dahingerafft. Bereits ab 1503 setzten die spanischen Kolonisten daher auch Sklaven aus Afrika in den Erzminen und auf den Plantagen der Insel ein.
Im späten 17. Jahrhundert wurde die Insel vor allem durch Sklaven aus Westafrika wiederbevölkert, die vor allem zur Produktion von Zucker eingesetzt wurden. 1697 trat Spanien im Frieden von Rijswijk das westliche Drittel der Insel an Frankreich ab.Walter Adolphe Roberts: The French in the West Indies. Bobbs-Merrill, Indianapolis 1942, S. 125. In Saint-Domingue waren 1791 nahezu eine halbe Million aus Afrika importierte Sklaven auf ca. 1000 Plantagen beschäftigt.
Demographie mini|hochkant|Sklaven bei der Arbeit in einer Plantagenanlage zur Zuckerrohrproduktion Die größte Menschengruppe, die zahlenmäßig die anderen im Verhältnis zehn zu eins übertraf, bestand überwiegend aus in Afrika geborenen Sklaven. Aufgrund der hohen Sterblichkeitsrate unter den Sklaven mussten die Plantagenbesitzer ständig neue Sklaven importieren. Dies führte dazu, dass ihre Kultur hauptsächlich afrikanischen Einflüssen unterlag und eine Abgrenzung zu den anderen Bevölkerungsgruppen auf der Insel entstand. Auf vielen Plantagen gab es große Konzentrationen von Sklaven aus einer bestimmten Region Afrikas. Dies führte dazu, dass es diesen Gruppen leichter fiel, Elemente ihrer Kultur, Religion und Sprache zu bewahren. Dies führte zur Trennung von neuen Sklaven aus Afrika und den in der Kolonie geborenen Sklaven, den sogenannten Kreolen. Letztere verfügten bereits über Verwandtschaftsnetzwerke und hatten oft prestigeträchtigere Rollen auf den Plantagen sowie bessere Chancen auf Freilassung.Laurent Dubois, Avengers of the New World: The Story of the Haitian Revolution. (Cambridge, Massachusetts: The Belknap Press of Harvard University Press 2004). Die Mehrheit der Sklaven waren Yoruba aus dem heutigen Nigeria, Fon aus dem heutigen Benin und Kongo aus dem Königreich Kongo, das sich über den heutigen Norden Angolas und den westlichen Kongo erstreckte.
Eine kleinere Gruppe bildeten freie Menschen mit dunkler Hautfarbe, sogenannte „gens de couleur libres“, die in der Regel gemischter Abstammung waren (manchmal auch als „Mulatten“Das Wort beruht auf einer unwissenschaftlichen rassistischen Einteilung und gilt heute als diskriminierend und kolonialistisch. Besonders infolge einer Assoziation mit Maultier wird die Bezeichnung Mulatte heute abgelehnt, da der vermeintliche Vergleich mit einem Tier als erniedrigend empfunden wird. bezeichnet) und sowohl afrikanische als auch französische Vorfahren hatten. Diese „gens de couleur“ waren in der Regel gebildet und konnten lesen und schreiben, und die Männer dienten oft in der Armee oder als Verwalter auf Plantagen. Viele waren Kinder weißer Plantagenbesitzer und versklavter Mütter oder freier Frauen mit dunkler Hautfarbe. Andere hatten sich ihre Freiheit von ihren Besitzern durch den Verkauf ihrer eigenen Erzeugnisse oder künstlerischen Werke erkauft. Sie erhielten oft eine Schulbildung oder eine handwerkliche Ausbildung und erbten manchmal Freiheit oder Eigentum von ihren Vätern. Einige „gens de couleur“ besaßen und bewirtschafteten ihre eigenen Plantagen und wurden selbst zu Sklavenhaltern.
Die kleinste Gruppe bildeten weiße Kolonisten, auch „les blancs“ (deutsch: Die Weißen) genannt. Diese Gruppe wurde im Allgemeinen unterteilt in die Plantagenbesitzer und eine untere Schicht von Weißen. Man sprach auch von den „grands blancs“ und den „petits blancs“. Erstere bildeten die Oberschicht. Sie waren die Plantagenbesitzer, Großexporteure und besetzten die führenden Ämter der Kolonialbürokratie. An der Spitze der Verwaltung stand der Gouverneur als Repräsentant des französischen Königs. Die „petits blancs“ arbeiteten oft als Plantagenverwalter und -aufseher, sowie als Tagelöhner, Handwerker und Ladenbesitzer in den Städten.
Bis 1776 wurden insgesamt 800.000 Sklaven in Afrika gefangen und in die Region deportiert. Viele starben schon beim Transport über den Atlantik oder begingen Suizid. Andere starben an Überarbeitung, Unterernährung, an Krankheiten oder durch Bestrafung der Plantagenbesitzer. Auf Saint Domingue starb in den ersten drei bis acht Jahren die Hälfte der Sklaven, weshalb immer wieder neue Sklaven nach Saint Domingue verschleppt werden mussten. Es waren jeweils etwa zwei Drittel der Sklaven in Afrika geboren, die anderen auf Saint Domingue.
1789 lebten etwa 600.000 Menschen auf Saint Domingue. Die schwarzen Sklaven machten 90 Prozent dieser Bevölkerung aus. Dazu kamen etwa 40.000 Weiße.
Eine wirtschaftlich produktive, politisch aber entrechtete Schicht freier Bürger in der kolonialen Gesellschaft bildeten die ca. 30.000 gens de couleur libres die zwischenden den weißen Franzosen und den schwarzen Sklaven standen. Viele von ihnen eine gute Bildung und gelangten zu Reichtum, zogen aber gerade deswegen den Neid und den Hass der „petits blancs“ auf sich. Ausdruck dieser Abneigung waren soziale Restriktionen gegen die freien gens de couleur und ihr völliger Ausschluss vom politischen Leben der Kolonie.
Die Benachteiligung und Unterdrückung des überwiegenden Teils der Bevölkerung führte zu Spannungen zwischen den sozialen Schichten. So kam es schon vor 1790 häufig zu Sklavenrevolten, die aber immer niedergeschlagen wurden. Die Spannungen erreichten eine neue Dimension im Zuge der Französischen Revolution. Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 wurde auch in den fernen Kolonien Frankreichs bekannt und war mit der Benachteiligung einzelner Gesellschaftsschichten und dem System der Sklaverei auf Saint Domingue unvereinbar. Vor allem die freien gens de couleur sahen hier ihre Chance auf politische Beteiligung.
Französische Revolution (1789–1799)
mini|Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen. Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte in einer Darstellung von Jean-Jacques Le Barbier Die Französische Revolution stellte die Pflanzer in Saint-Domingue vor die Frage, ob sie in den Generalständen repräsentiert werden sollten. Im Juni 1789 trafen Vertreter der Pflanzer in Frankreich ein. Damals konnten sie die folgende Entwicklung noch nicht abschätzen. Anfänglich war unklar, zu welchem der drei Stände sie gehören würden, sie fanden sich dann aber im dritten Stand ein und nahmen auch am Ballhausschwur teil. Die Frage der Repräsentation Saint-Domingue war damit nicht gelöst. Ein Streitpunkt war die Frage, wie viele Delegierte Saint-Domingue entsenden durfte. Die Pflanzer argumentierten, dass Saint-Domingue sehr reich war und außerdem bevölkerungsreich. Dem wurde entgegengehalten, dass der Großteil der Bevölkerung aus Sklaven bestand. Auch befanden sich in den Generalständen Gegner der Sklaverei. Saint-Domingue wurden am Ende dieses Prozesses sechs Delegierte zugestanden. Hiergegen wandte sich eine Gruppe Pflanzer im Club Massiac und forderte die Autonomie der Kolonie. Im Gefolge der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte veröffentlichte die Société des Amis des Noirs (deutsch: Gesellschaft der Freunde der Schwarzen) Pamphlete, in denen zur Befreiung der Sklaven aufgerufen wurde.Ghachem, M. W. (2003): The “Trap” of Representation: Sovereignty, Slavery and the Road to the Haitian Revolution. In: Historical Reflections / Réflexions Historiques. Band 29(1), 123–144, hier: S. 125–135
Die aus dem dritten Stand hervorgegangene Nationalversammlung entschied, in den Kolonien eine lokale Versammlung der Bürger abzuhalten, ließ allerdings offen, ob freigelassene Sklaven und freie gens de couleur Bürger waren. Die Niederschlagung des im Anschluss hieran erfolgten Aufstandes unter Führung des Kaufmanns und „Quarterons“ Vincent Ogé führte in Frankreich zu einer gegen die Kolonisten gerichteten Stimmung. Die Nationalversammlung entschied daraufhin im Mai 1791, allen freigelassenen Sklaven und freien gens de couleur das Bürgerrecht zu gewähren. Daraufhin verließen die Delegierten der Kolonisten Frankreich unter Protest.Ghachem, M. W. (2003): The “Trap” of Representation: Sovereignty, Slavery and the Road to the Haitian Revolution. In: Historical Reflections / Réflexions Historiques, 29(1), 123–144, hier: S. 135–143
Im Zuge der Französischen Revolution und der damit einhergehenden Verkündung der Menschenrechte begannen auch in Saint-Domingue verschiedene Gruppen gegen die bestehenden diskriminierenden Zustände aufzubegehren. Freie Schwarze verlangten zuerst ihre Gleichberechtigung. Im Mai 1791 wurde ein Gesetz zur Verbesserung der Lebensumstände der Farbigen erlassen, das von den grands blancs (Plantagenbesitzer) weitestgehend ignoriert, von den petits blancs (besitzlose Weiße) aber als Angriff auf ihre Rechte gesehen wurde. Am 21. August 1791 begann der Aufstand der Sklaven, dem bis zum September 1791 4.000 Weiße zum Opfer fielen und bei dem über 1.000 Plantagen niedergebrannt wurden. Am 4. April 1792 erließ die französische Nationalversammlung ein Gesetz, das allen freien Bewohnern der französischen Kolonien die gleichen Rechte zubilligte, unabhängig von ihrer Hautfarbe.
Haitianische Revolution (1791–1804) Beginn der Revolution mini|Kampfgeschehen um 1802
Die Revolution begann damit, dass die besitzenden gens de couleur libres nach politischer Gleichberechtigung verlangten. Einige schlossen sich der 1788 in Frankreich gegründeten Société des Amis des Noirs (deutsch: Gesellschaft der Freunde der Schwarzen) waran und begannen, politisch aktiv zu werden, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Ein im März 1790 erlassener Beschluss der Nationalversammlung, der die politischen Beteiligungsrechte allein am Vorhandensein von Eigentum unabhängig von Herkunft und Hautfarbe festzumachen schien, sollte zur Verbesserung ihrer Position beitragen, wurde aber von den weißen Kolonisten bekämpft und von der Kolonialverwaltung nicht umgesetzt. mini|Vincent Ogé (Porträt, 1789) Vincent Ogé, der die Rechte der freien gens de couleur in Paris vertrat, kehrte im Oktober 1790 nach St. Domingue zurück und plante gemeinsam mit Jean Baptiste Chavannes, Waffengewalt gegen die Plantagenbesitzer anzuwenden. Ogé lehnte dabei die Hilfe der Sklaven aus den Plantagen explizit ab, da freie gens de couleur vielfach selbst Sklaven besaßen und großteils nicht an einer Abschaffung der Sklaverei interessiert waren. Allerdings gab es unter den Oppositionellen auch ausgesprochene Abolitionisten wie Jean-Baptiste Chavannes, die den Kampf um politische Beteiligung der gens de couleur libres mit dem Kampf gegen die Sklaverei verbinden wollten. Es gelang Ogé und Chavannes, eine Truppe von 300 Mann aus freigelassenen Sklaven und freien Afrokariben aufzustellen. Deren Aufstand wurde jedoch schnell niedergeschlagen und die Anführer wurden zum Tode verurteilt und grausam hingerichtet.