mini|Die Risshō Ankokuron, eingestuft als einer der Nationalschätze Japans und aufbewahrt im Hokekyō-ji, Chiba, Japan Unter Nichiren-Buddhismus (jap. , Nichiren-kei shoshūha) versteht man die verschiedenen Schulen des Buddhismus, die sich auf den Mönch und Gelehrten Nichiren (1222–1282) berufen, der im Japan des 13. Jahrhunderts lebte. Diese Schulen bilden einen Teil der sog. Hokke-shū (Lotos-Schule).
Kern der Lehre Nichirens mini|hochkant|Nisshō Gohonzon, Original Nichiren-Gohonzon von November 1280. Auch als Denpō Gohonzon bezeichnet, wurde dieser von Nichiren für seinen Schüler Nisshō eingeschrieben und ihm gewidmet. Der Gohonzon befindet sich im von Nisshō gegründeten Tempel Kyō'ō zan Myōhōkke-ji, Mishima City, Shizuoka Präfektur, Japan. Er ist nicht identisch mit dem sog. Shutei Gohonzon der Nichiren Shū, stammt aber aus demselben Jahr. Für Nichiren stand das Lotos-Sutra, auf das sich auch heute noch alle Nichiren-Schulen berufen, im Mittelpunkt der buddhistischen Lehre und Ausübung. Laut Nichiren offenbarte Shakyamuni-Buddha in diesem Sutra die Tatsache, dass allen Menschen die Buddhanatur innewohnt und eine Erleuchtung in der gegenwärtigen Existenz möglich sei. Dies stand im Gegensatz zur weit verbreiteten Lehre des Amida-Buddhismus, der durch die Fokussierung auf eine Wiedergeburt im „reinen Land“ eher auf das Jenseits orientiert war. Weitere Schwerpunkte setzte Nichiren mit dem Rezitieren des Mantras Namu Myōhō Renge Kyō (Verehrung dem Sutra der Lotusblüte des wunderbaren Dharma).Stone, Jacqueline, I. "Chanting the August Title of the Lotus Sutra: Daimoku Practices in Classical and Medieval Japan". In: Payne, Richard, K. (ed.); Re-Visioning Kamakura Buddhism, University of Hawaii Press, Honolulu 1998, S. 117. ISBN 0-8248-2078-9 Gohonzon mini|Der Shutei Gohonzon (oder Rinmetsudōji Gohonzon) von dem Kopien an die Anhänger der Nichiren Shū vergeben werden. Es handelt sich hierbei um den von Nichiren selbst eingeschriebenen Gohonzon von März 1280. Das Original soll an Nichirens Sterbebett im Haus der Familie Ikegami (heute Ikegami Honmon-ji) aufgestellt gewesen sein und wird in Kamakura, im Chōkōzan Myōhōn-ji aufbewahrt. Der Moji-mandala Gohonzon oder Mandala Gohonzon (), ist in vielen Schulen des Nichiren-Buddhismus wie der Nichiren-shū ein zentrales Objekt der Verehrung. In der Nichiren Shoshu und Soka Gakkai ist er das einzige Objekt der Verehrung.
Im Nichiren-Buddhismus stellt der Gohonzon als Mandala einen der drei Verehrungsbereiche (auch „Die drei großen geheimen Dharmas“ genannt) seiner Lehre dar. Die anderen beiden sind das Daimoku bzw. Odaimoku „Namu Myōhō Renge Kyō“ (ein Mantra) und der Ort (Kaidan), an dem der Gohonzon eingeschreint ist bzw. wo Namu Myōhō Renge Kyō rezitiert wird. Einige Nichiren-Schulen (bspw. die Nichiren-Shōshū) sehen einen zentralen Tempel als Kaidan an, einige auch das Land Japan als ganzes.
Der Nichiren-Gohonzon ist meist ein kalligrafisches Mandala, in dessen Zentrum Namu Myōhō Renge Kyō geschrieben steht, umgeben von Buddhas, Gottheiten, Dämonen und Geistern, welche als Repräsentationen des eigenen Lebens stehen und somit in ihrer Gesamtheit die Buddhaschaft an sich darstellen. Zudem symbolisiert die Anordnung der einzelnen Elemente auf dem Gohonzon die sog. „Zeremonie in der Luft“. Der Gohonzon kann aber, je nach Schule, auch mit Hilfe von Statuen dargestellt werden. In dieser metaphorischen Zeremonie verkündet Shakyamuni Buddha das Lotos-Sutra, dessen Richtigkeit von den dargestellten Wesen bestätigt wird. Der Gläubige soll sich also als Teilnehmer dieser Zeremonie sehen. In den verschiedenen Nichiren-Schulen bestehen jedoch unterschiedliche Auffassungen, welche Rolle dem Gläubigen als Teilnehmer an dieser metaphorischen Zeremonie zuerkannt werden soll.
Bis zum heutigen Tage existieren noch einige von Nichiren selbst gefertigte Gohonzon. Je nach Nichiren-Schule werden den Gläubigen Kopien davon übergeben, oder es werden von Priestern Kopiervorlagen angefertigt, auf denen Abschriften für die Gläubigen beruhen. Somit stellt der Gohonzon für den Gläubigen des Nichiren-Buddhismus das religiöse Objekt oder den Fokus der Verehrung dar. Den meisten Nichiren-Schulen ist jedoch gemein, dass nicht das Objekt an sich, sondern das, was es darstellen soll, verehrt wird.
Kritik am Staat und etablierten buddhistischen Schulen Nichiren, der schon zu Lebzeiten eine durchaus umstrittene Figur war und die Beziehungen zwischen den damals vorherrschenden buddhistischen Schulen und dem Staat kritisierte, wurde in der Folgezeit zur Leitfigur einer Vielzahl buddhistischer Schulen in Japan. Seine Kritik richtete sich vor allem gegen den Zen-Buddhismus, Nembutsu sowie gegen die Schulen des Shingon- und Ritsu-Buddhismus, die sich bei Hofe sowie beim Volk im Japan des 13. Jahrhunderts großer Beliebtheit erfreuten.
Nichiren, der selbst ein Priester des Tendai-Buddhismus war, sah die Gründe für die missliche Lage Japans (Kriege mit den Mongolen, Hungersnöte und Naturkatastrophen hatten das Land geschwächt) darin, dass die Regierung den oben genannten buddhistischen Lehren folgte. Diese buddhistischen Schulen wichen seiner Meinung nach von der ursprünglichen Lehre des Mahayana-Buddhismus ab. Auch gegen den zunehmenden Einfluss esoterischer Lehren im Tendai-Buddhismus setzte er sich zur Wehr. Für diese Kritik, die er in zahlreichen Schriften wie zum Beispiel der Risshō Ankoku Ron (, übersetzt: „Über die Befriedung des Landes durch die Errichtung des wahren (richtigen) Gesetzes“)Rissho Ankoku Ron: formulierte, wurde er mehrmals in die Verbannung geschickt. Seine Hinrichtung wurde der Legende nach durch das Auftauchen eines Kometen verhindert, der bewirkte, dass der Scharfrichter vor Schreck das Schwert fallen ließ und die anwesenden Soldaten das Weite suchten.
Entwicklung des Nichiren-Buddhismus Nichiren-Schulen als solche formierten sich erst nach Nichirens Tod, da er selbst zwar nachweislich keine eigene Schule begründete, jedoch sechs seiner engsten Schüler und Priester damit betraut hatte, seine Lehren weiterzugeben. Dies waren: Nisshō, Nichirō, Nikkō, Nikō, Nichiji, und Nitchō. Von diesen machte sich Nichiji nach dem Tod Nichirens auf, um die Lehren Nichirens auf dem asiatischen Festland zu verbreiten. Von diesem Unterfangen kehrte er jedoch nie zurück.
In den Folgejahren formierten sich folgende Schulen: die Minobu-Schule des Nikō die Fuji-Schule des Nikkō die Hama-Schule des Nisshō die Ikegami-Schule des Nichirō die Nakayama-Schule des Toki Jonin (Stiefvater des Nitchō).
Bereits im 14. Jahrhundert gab es erste Spaltungen innerhalb des Nichiren-Buddhismus. Hierbei unterscheidet man zwischen der Itchi-Linie und Shoretsu-Linie:Ryuei Michael McCormick: (PDF; 293 kB) auf: nichiren-shu.org
Die Itchi-Linie vereinigt die Mehrzahl der traditionellen Nichiren Schulen, unter anderem auch die spätere Nichiren-shū. Schulen dieser Linie verehren das gesamte Lotos-Sutra, also sowohl den sogenannten essentiellen als auch theoretischen Teil. Eine große Bedeutung wird jedoch dem zweiten, elften und sechzehnten Kapitel des Lotos-Sutras eingeräumt. Die Shoretsu-Linie hingegen, zu der ein großer Teil der Nikkō -Tempel, also auch die Nichiren-shōshū und die aus ihr hervorgegangene Sōka Gakkai zählen, unterstreichen die Überlegenheit des essentiellen Teils des Lotos Sutras über den theoretischen Teil. In den Traditionen dieser Schulen wird somit fast ausschließlich aus dem zweiten und sechzehnten Kapitel rezitiert.
Obgleich die verschiedenen Nichiren-Tempel noch immer im losen Verbund Kontakt zueinander hielten, zwang die Debatte um die Itchi- und Shoretsu-Frage die Gelehrten des Nichiren-Buddhismus dazu Stellung zu beziehen.Daniel B. Montgomery: Fire in the Lotos. S. 175–176.
Während des 14. und 15. Jahrhunderts wuchs die Anhängerschaft des Nichiren-Buddhismus beständig. In Japan konvertierten ganze Ortschaften zum Nichiren-Buddhismus und in Kyōto waren lediglich die Tempel des Zen zahlreicher als diejenigen der Nichiren-Buddhisten. Auch wenn es sich dabei um voneinander unabhängige Nichiren-Tempel handelte, so traf man sich doch in einem Gremium, um gemeinsame Probleme zu lösen.Daniel B. Montgomery: Fire in the Lotos. S. 160. Basierend auf den Lehren Nichirens blieb die Beziehung zwischen Nichiren-Anhängern und dem Staat sowie zu anderen buddhistischen Schulen, die die Gunst des Staates auf ihrer Seite hatten, problematisch. Es waren vor allem die Anhänger der Fuju-Fuse, die diesen Aspekt der Lehren Nichirens zu einem elementaren Bestandteil ihrer Ausübung machten. Aus diesem Grund hielten sie ihre Andachten meist im Verborgenen ab und die Verfolgung der Fuju-Fuse Anhängerschaft gipfelte in der Exekution und Verbannung einiger ihrer Mitglieder im Jahre 1668.
Die Mehrzahl der „offiziellen“ Nichiren-Tempel wurde während der Edo-Zeit jedoch in ein Registrierungssystem gezwungen, mit Hilfe dessen auch die Ausbreitung des Christentums eingedämmt werden sollte. auf: philtar.ac.ukTamamuro Fumio, "Local Society and the Temple-Parishioner Relationship within the Bakufu’s Governance Structure", Japanese Journal of Religious Studies 28/3-4 (2001), S. 261. (PDF; 219 kB) In diesem Danka-System waren buddhistische Tempel somit nicht nur ein Ort des Lernens und der religiösen Ausübung, sondern auch eng in ein offizielles Verwaltungssystem eingebunden. Zum einen engte dieses System auch jede Missionierungstätigkeit der verschiedenen buddhistischen Schulen ein, zum anderen erhielten die Tempel dadurch jedoch auch ein ständiges Einkommen.
Während der Meiji-Restauration verstärkten einige Kräfte im Land, die Haibutsu-kishaku-Bewegung, ihre Bemühungen den Buddhismus aus Japan komplett zu verbannen. Buddhistische Tempel – und damit auch die Tempel des Nichiren-Buddhismus – waren nun gezwungen, sich auf Begräbniszeremonien und auf Zeremonien zum Gedenken an die Verstorbenen zu konzentrieren. Unterstützt wurde von staatlicher Seite hingegen die Entwicklung und Förderung des sogenannten Staats-Shinto (siehe auch Shinbutsu-Bunri und Shinbutsu-Shūgō). Erst gegen Ende der Meiji-Zeit wurde diese repressive Politik gelockert.
Obschon viele traditionelle Schulen des Nichiren-Buddhismus als Gründungsjahr sich auf das Gründungsdatum ihres jeweiligen Haupttempels beziehen (Nichiren-shū auf das Jahr 1281, Nichiren-Shōshū auf das Jahr 1288 und Kempon Hokke-shū auf das Jahr 1384), formierten sie sich doch als offizielle buddhistische Schulen erst ab dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Eine weitere Welle von „Fusionen“ folgte in den 1950er Jahren.
Interessant ist hierbei die Spaltung hinsichtlich der Itchi- und Shoretsu-Frage. Dies ist einer der Gründe für die deutliche Trennung in Nichiren-shū und Nichiren-Shōshū. Ein weiterer Grund liegt in angeblichen Nachfolgestreitigkeiten nach Nichirens Tod. Im Jahre 1488 entdeckte der Taiseki-ji-Priester Nikkyō Dokumente, welche beweisen sollten, dass Nichiren vor seinem Tod seinen Schüler Nikkō als seinen alleinigen Nachfolger bestimmt habe oder aber ihm eine Sonderfunktion unter den Schülern Nichirens zugebilligt wurde. Die entdeckten Originale gelten als verschollen, doch wird behauptet, dass sich „echte“ Abschriften im Besitz des Taiseki-ji befinden. Andere Nichiren-Schulen erachten diese Dokumente als Fälschungen.Daniel B. Montgomery: Fire in the Lotos. S. 169.