mini|Nachbildung der königlichen Sanphet-Thronhalle im Palast von Ayutthaya mini|Historische Karte der Hauptstadt Ayutthaya (17. Jahrhundert) Das Königreich Ayutthaya (Thai: ) war ein Königreich der Thai, das von 1351 bis 1767 existierte. Sein Zentrum lag im zentralthailändischen Becken des Chao-Phraya-Flusses. Es wurde in Europa als Juthia, JudiaJohn Anderson: English Intercourse with Siam in the Seventeenth Century. Kegan Paul, Trench, Trübner & Co., London 1890, S. 18. oder Siam bekannt.
König Ramathibodi I. (auch: U Thong) gründete am 4. März 1351 Ayutthaya als Hauptstadt seines neuen Königreiches. In den folgenden vier Jahrhunderten vergrößerte es sein Einflussgebiet. Es hatte keine fest definierten Grenzen, sondern einen von der Hauptstadt nach außen hin immer lockerer werdenden Einflussbereich, der sich im Laufe der Zeit mehrmals ausdehnte und wieder zusammenzog. Der Übergang zu benachbarten Reichen war fließend, Randgebiete sandten teilweise nur unregelmäßig Tribut, waren zeitweise von mehreren Reichen gleichzeitig abhängig oder machten sich vorübergehend unabhängig (Mandala-Modell).
Ayutthaya trieb Handel mit Nationen wie China, Vietnam (Annam), Indien, Japan und Persien, später auch mit Portugal, Spanien, Holland und Frankreich. Letztere durften ihre Handelsniederlassungen vor den Toren der Stadt eröffnen. Der Hof von König Narai (1656–1688) hatte Beziehungen zu dem von König Ludwig XIV., dessen Diplomaten die Stadt in Größe und Wohlstand mit Paris verglichen. Die Hauptstadt Ayutthaya soll um 1700 eine Million Einwohner gehabt haben.Barend Jan Terwiel: Thailand’s Political History. From the Fall of Ayutthaya in 1767 to Recent Times. River Books, Bangkok 2005, S. 12.
Zur Zeit seiner größten Ausdehnung – während der Herrschaft König Naresuans um 1600 – reichte sein Einflussgebiet von den im Nordwesten gelegenen Shan-Staaten bis hinunter zur Mündung des Irrawaddy im heutigen Myanmar, von Lan Na über Yunnan (Südchina), Lan Xang (Laos) und Kambodscha bis zu den nord-malaiischen Sultanaten.Thongchai Winichakul: Siam Mapped – A History of the Geo-body of a Nation. University of Hawaii Press 1994. Nachdruck bei Silkworm Books, Chiang Mai 1998, ISBN 974-7100-56-8, Karte 17 („Figure 17“) Im April 1767 wurde Ayutthaya von den Truppen des birmanischen Königs von Ava völlig vernichtet.
Geographie der Hauptstadt Ayutthaya mini|Übersichtskarte der Hauptstadt Das Gebiet der Südostasiatischen Halbinsel wird von mehreren Bergketten beherrscht, die in Nord-Süd-Richtung verlaufen. Die großen Flüsse verlaufen daher parallel zu ihnen nach Süden und bildeten das alluviale Tiefland, in dem im Laufe der Geschichte viele Königreiche entstanden und wieder vergingen. Im bergigen Norden des heutigen Thailand fließen die Flüsse Mae Nam Ping, Mae Nam Wang, Mae Nam Yom und Mae Nam Nan zuerst nahezu parallel zueinander, bis sie sich im Tiefland zum Mae Nam Chao Phraya (Chao-Phraya-Fluss) vereinigen.
Ayutthaya liegt im Zentrum des Tieflandes am Zusammenfluss von Chao Phraya und zwei weiteren Flüssen, dem Mae Nam Lop Buri und dem Mae Nam Pa Sak, die zusammen eine große Schleife bilden. Der Lop Buri mündete zunächst im Nordwesten in den Chao Phraya, das letzte Stück nördlich der Insel wird heute Khlong Khu Mueang (Stadtgraben) genannt. Im Laufe des 14. Jahrhunderts wurde im Nordosten ein Kanal gegraben, der den alten Lop Buri-Fluss mit dem breiteren Pa Sak verband, so dass Ayutthaya nun wie eine Insel von allen Seiten von schiffbaren Gewässern umgeben war.
Die Insel Über die Insel verliefen Kanäle (Khlong) und Straßen in einem Schachbrettmuster. Es gab eine breite, mit Bäumen bestandene Prachtstraße, Thanon Pa Thong (Straße des Goldenen Waldes) genannt, die vor dem Königspalast (Wang Luang) begann und in gerader Linie von Nord nach Süd bis zur südlichen Stadtmauer verlief. Hier paradierte der König mit seinen Landtruppen. Eine weitere Straße begann südwestlich des Palastes und führte in östlicher Richtung vorbei am Wat Mahathat bis zum Marktviertel, wo Holzkohle verkauft (Pa Than – ) wurde und Schmiede ihre Betriebe (Pa Lek – ) hatten. Kleine Geschäfte säumten die zahlreichen Nebenstraßen.
mini|Nachbau einer Zugbrücke im modernen Bangkok In regelmäßigen Abständen rund um die Insel gab es Fähranleger. Es gab insgesamt 20 „Wasser-Tore“ (Pratu-Nam – ), durch die Lieferanten mit ihren Booten durch Tunnel unter der Stadtmauer in die Stadt fahren konnten. Die Tunnel konnten bei Gefahr geschlossen werden. Das Kanalsystem innerhalb der Stadtmauern diente der Bewässerung und war der Haupttransportweg. Die meisten Wohnbezirke der Stadt lagen entlang der Kanäle, nicht an den Straßen. Die Barke des Königs lag in einem Kanal an den Gärten hinter dem Palast. Er war der größte und längste Nord-Süd-Kanal, Khlong Tho () genannt. Bei der größten Barkenprozession fuhr jedes Jahr im November der König mit seiner goldenen Barke und zahlreichen goldenen Begleitbooten zur Kathin-Zeremonie. Diese Veranstaltung wird noch heute unter dem Namen Königliche Barkenprozession zu besonderen Anlässen abgehalten.
Die Länge aller Kanäle innerhalb der Stadt betrug etwa 56 km, es gab fünf Kanäle in Nord-Süd-Richtung und 15 Hauptkanäle in Ost-West-Richtung. Von den 28 Brücken, die die Kanäle kreuzten, waren die meisten aus Ziegelsteinen hergestellte Bogenbrücken, eine war wahrscheinlich eine nach holländischem Vorbild konstruierte Zugbrücke.Sumet Jumsai: The Reconstruction of the City Plan of Ayudhya. In: Tej Bunnag, Michael Smithies (Hrsg.): In Memoriam Phya Anuman Rajadhon, The Siam Society, Bangkok 1970 (oh, ISBN)
Befestigung mini|Der Phet-Wachturm im Südosten der Insel Anfangs war Ayutthaya von einem Erdwall umgeben, der fast parallel zur umgebenden Wasserstraße verlief. Als während der ersten Kriege mit Birma Kanonen aufkamen, wurde der Erdwall abgetragen und eine neue Stadtmauer wurde näher am Ufer errichtet. Sie hatte eine Länge von etwa zwölf Kilometern und bestand aus Ziegelsteinen, die den birmanischen Kanonen standhalten konnten. 17 Wachtürme wurden in regelmäßigen Abständen entlang der Mauer erbaut, der königliche Palast hatte sieben Türme. Zusätzlich gab es etwa 75 bewachte Stadttore.
Wenn eine feindliche Armee anrückte, wurden die Schleusen in der Stadtmauer geschlossen. Die Hauptstadt lag nur knapp oberhalb des Hochwasserpegels. Stieg nach den Monsun-Regenfällen der Wasserstand der Flüsse an, wurde das gesamte Umland überflutet, und Ayutthaya lag wie eine Insel in einem See. Keine Belagerungsarmee konnte diesen Bedingungen über längere Zeit trotzen.
Geschichte
Politische Situation um 1350 In der Mitte des 14. Jahrhunderts war das Gebiet des heutigen Thailand in mehrere Königreiche, Fürstentümer und Stadtstaaten unterteilt. Das 13. Jahrhundert war ein „Jahrhundert der Tai“ gewesen: Dieses vermutlich aus Norden eingewanderte Volk, dessen Anwesenheit im heutigen Zentralthailand spätestens im 12. Jahrhundert belegt ist, hatte in dieser Zeit eine Vielzahl zunächst kleinräumiger Fürstentümer oder Stadtstaaten (Müang) gegründet und damit ältere Staatswesen der Mon (wie Dvaravati im heutigen Zentral- und Hariphunchai in Nordthailand) abgelöst, vielerorts auch die Oberherrschaft des im Niedergang begriffenen Khmer-Reichs von Angkor abgeschüttelt.David K. Wyatt: Thailand. A Short History. 2. Auflage, Silkworm Press, Chiang Mai 2004, S. 30 ff. 1238 gilt als Gründungsjahr des zwischen Nord- und Zentralthailand gelegenen Königreichs Sukhothai, 1292 als das von Chiang Mai, der neuen Hauptstadt des nordthailändischen Königreichs Lan Na.
Im zentralthailändischen Becken des Mae Nam Chao Phraya (Chao-Phraya-Fluss), rund 50 Kilometer nördlich des späteren Ayutthaya, lag Lavo (das heutige Lop Buri), eine alte Gründung der Mon, das im 11. Jahrhundert als eines der wichtigsten Zentren im Khmer-Reich diente, aber auch eine gewisse Unabhängigkeit wahrte. Mitte des 13. Jahrhunderts sagte es sich dann endgültig von Angkor los und näherte sich bald darauf dem Thai-Reich von Sukhothai an. Etwa in gleicher Entfernung nach Westen lag Suphannaphum (das heutige Suphan Buri), welches eine Vorrangstellung unter den Thai-Müang der westlichen Chao-Phraya-Ebene hatte. Weitere lokale Fürstentümer der Thai, die zum Teil voneinander abhängig waren, lagen auch im Osten und im Süden bis hinunter nach Nakhon Si Thammarat auf der Malaiischen Halbinsel.Wyatt: Thailand. 2004, S. 52–53.
Einige Historiker vertreten – gestützt auf entsprechende Hinweise in den Chroniken – die These, dass es bereits ab dem 12. oder 13. Jahrhundert ganz in der Nähe des späteren Ayutthaya eine Stadt namens Ayodhya gegeben habe, die die zweite Hauptstadt des Königreichs Lavo gewesen sei. Jedenfalls ist in der Chronik des Nordens aus dem nordthailändischen Lan Na bereits für die Zeit vor 1351 von einem Königreich Ayodhya die Rede, das mit dem Königreich Lavo identisch zu sein scheint; außerdem wurden im Umland von Ayutthaya Ruinen gefunden, die auf die Zeit vor der Ayutthaya-Periode datiert werden. Beim gemeinhin angenommenen Gründungsdatum 1351 hätte es sich demnach nicht um eine völlige Neugründung, sondern bloß um eine Wiedergründung (möglicherweise nach einer vorübergehenden Aufgabe wegen einer Epidemie) bzw. eine geringfügige Verlagerung einer Vorgängerstadt gehandelt. Das Königreich Ayutthaya wäre demnach im Prinzip eine Fortsetzung des Königreichs Lavo.Derick Garnier: Ayutthaya. Venice of the East. River Books, Bangkok 2004, S. 39–40.Nidda Hongvivat, Pornniti Virayasiri, Phaitun Thinphong: Ayutthaya, the former Thai capital. Muang Boran, Bangkok 1980, S. 14.Varunyupha Snidvongs: Essays in Thai History. Institute of Southeast Asian Studies, Singapur 1991, S. 53–54, 119.
Gründung Ayutthaya wurde nach den Königlichen Chroniken von Ayutthaya „im Jahr 712 des Chula-Kalenders, ein Jahr des Tigers, am Freitag, dem 6. Tag des zunehmenden Mondes im 5. Monat, um drei Nalika und neun Bat nach Tagesanbruch“ Cushman: Royal Chronicles, S. 10, also am 4. März 1351 A.D. kurz nach neun Uhr morgens, von einem charismatischen Führer namens U Thong gegründet. Der Hauptstadt seines neuen Königreiches gab er den Namen „Krung Deva Dvāravatī Śrī Ayudhyā“ (oder Krung Thep Thawarawadi Si Ayutthaya, ‚Stadt der Devas, welche Tore besitzt, die Unbesiegbare‘), nach dem früheren buddhistischen Staatsgebilde DvaravatiGeorge Cœdès: The Indianized States of South-East Asia. University of Hawaii Press, Honolulu 1968, S. 76. und der Hauptstadt Ayodhya des Prinzen Rama im indischen Epos Ramayana.Promsak Jermsawatdi: Thai Art with Indian Influences. 1979, S. 92. Sich selbst nannte er anschließend „Ramathibodi“, auch dies ein Hinweis auf Rama, der nach hinduistischer Vorstellung ein Avatar des Gottes Vishnu ist.
In seiner 19-jährigen Herrschaft versuchte Ramathibodi zunächst, die umgebenden Thai-Fürstentümer (Müang) von Suphannaphum (heute Suphan Buri) und Nakhon Pathom im Westen sowie Lavo (heute Lop Buri) im Nordosten unter seiner Führung zu vereinen. Dazu holte er Verwaltungs- und Militärexperten aus „West-Siam“ (aus den heutigen Provinzen Suphan Buri, Ratchaburi und Petchaburi) an seinen Hof; dazu von der Khmer sprechenden Elite in „Ost-Siam“ (den heutigen Provinzen Lop Buri und Nakhon Nayok) Chronisten, Astrologen, Schreiber und Rechtsgelehrte. Südlich seiner Hauptstadt siedelten bereits seit langer Zeit chinesische und indische Händler.David K. Wyatt: Ayutthaya and its Neighbors, 1351. In: Siam in Mind. Silkworm Books, Chiang Mai 2002, ISBN 974-7551-72-1