Heinrich Georg Peter „Heinz“ Dürmayer (* 10. April 1905 in Atzgersdorf bei Wien, Österreich-Ungarn; † 22. September 2000 in Wien) war ein österreichischer Jurist, Kommunist und Antifaschist. In der Zwischenkriegszeit leistete er Widerstand gegen den Austrofaschismus und kämpfte in den Internationalen Brigaden. Während des Zweiten Weltkrieges wurde er an den NS-Staat ausgeliefert und war in Konzentrationslagern inhaftiert, wo er als Funktionshäftling im Lagerwiderstand wirkte. Nach Kriegsende war er bis 1947 als leitender Polizeibeamter insbesondere mit der Verfolgung von NS-Kriegsverbrechen befasst. Anschließend war er als Rechtsanwalt und Rechtsberater für die KPÖ tätig. Dürmayer engagierte sich darüber hinaus in NS-Opferverbänden und trat als Zeuge in NS-Prozessen auf.

Leben Studium, politische Betätigung und Widerstand gegen den Austrofaschismus Heinrich Dürmayer war der Sohn des Schlossermeisters Peter Dürmayer (1880–1959) und dessen Ehefrau Karoline, geborene Maliwanek (1880–1938), die später beide Mitglied der NSDAP wurden. Er studierte nach dem Abschluss seiner Schullaufbahn an der Universität Wien Rechtswissenschaften und wurde 1930 zum Dr. jur. promoviert.Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933, Band 1: Politik, Wirtschaft, Öffentliches Leben, München 1980, S. 140. Während des Studiums trat er dem Corps Marchia Wien, einer schlagenden Studentenverbindung, bei. Diese Verbindung galt als paritätisch-liberal und nahm auch jüdische Studenten als Mitglieder auf.Martin Haidinger: Wo sind die linken Tugenden geblieben?. Gastkommentar in: Wiener Zeitung, Ausgabe vom 30. Jänner 2008 (abgerufen am 15. November 2013) Anschließend war er als Anwalt tätig. Als Angehöriger der SDAP und des Republikanischen Schutzbundes beteiligte er sich an den Februarkämpfen 1934, wurde kurzfristig festgenommen und Ende 1934 Mitglied der KPÖ. Dürmayer war 1935/36 17 Monate lang wegen kommunistischer Betätigung im Wiener Landesgericht und im Anhaltelager Wöllersdorf inhaftiert. Seine Haftentlassung war mit der Auflage verbunden, Österreich zu verlassen.Edgar Schütz: Österreichische JournalistInnen und PublizistInnen im Spanischen Bürgerkrieg 1936 - 1939, Berlin-Münster-Wien-Zürich-London 2016, S. 370 f. Er wurde 1937 ausgebürgert und erst 1945 wieder österreichischer Staatsbürger.

Interbrigadist, Internierung und Gestapohaft Nach Aufenthalten in Paris und London kämpfte Dürmayer ab Januar 1937 im Spanischen Bürgerkrieg in den Internationalen Brigaden aufseiten der Republik gegen die Errichtung einer Diktatur unter Franco.Dürmayer, Heinrich Dr. auf www.doew.at Dort war er zunächst Maschinengewehrschütze im Bataillon Tschapajew. Zuletzt bekleidete er als Major den Posten eines Politkommissars bei der 35. Division der Interbrigaden. Während seiner Zeit bei den Internationalen Brigaden betätigte er sich publizistisch und verfasste unter anderem Berichte für Frontzeitungen.

Seine erste Ehefrau Renée Dürmayer (1907–1978), geborene Renate Lelewer, war ihm aus England im Februar 1937 nach Spanien gefolgt. Sie arbeitete als Pharmazeutin in der Zentralapotheke der Internationalen Brigaden in Albacete.Renée Lugschitz: Spanienkämpferinnen; Ausländische Frauen im Spanischen Bürgerkrieg 1936-1939. LIT Verlag 2012, ISBN 978-3-643-50404-3, S. 49.Dürmayer, Renée, Mag. auf https://www.doew.at

Nach der Niederlage der Republikaner floh er nach Frankreich, wo er im Februar 1939 in französische Internierungshaft geriet und in den Lagern Saint-Cyprien, Gurs und Le Vernet festgehalten wurde. Nach der Niederlage Frankreichs im Zweiten Weltkrieg wurde er am 4. September 1940 an das „Großdeutsche Reich“ ausgeliefert, von der Gestapo in Wien verhört und erkennungsdienstlich erfasst. Nach einem Jahr Untersuchungshaft in Wien wurde er im Januar 1942 erneut der Gestapo in Wien überstellt.

Häftling in den Konzentrationslagern Flossenbürg, Auschwitz und Mauthausen Mitte März 1942 wurde Dürmayer von dort in das KZ Flossenbürg verbracht. Dort war er neun Monate im Steinbruch eingesetzt. Im KZ Flossenbürg gehörte er dem bedingt organisierten Lagerwiderstand um Karl Fugger an.Hans-Peter Klausch: Widerstand in Flossenbürg: Zum antifaschistischen Widerstandskampf der deutschen, österreichischen und sowjetischen Kommunisten im Konzentrationslager Flossenbürg 1940-1945, Oldenburg 1990, S. 28 f und 89.

Von Flossenbürg wurde Dürmayer im Januar 1944 in das KZ Auschwitz überstellt und war dort anfangs bei der Häftlingslageraufsicht, danach in der Häftlingsschreibstube und später als Kapo der SS-Bekleidungskammer eingesetzt. Von September 1944 bis zur kriegsbedingten Räumung des Lagerkomplexes im Januar 1945 war er Lagerältester des Stammlagers.Raphael Gross, Werner Renz (Hrsg.): Der Frankfurter Auschwitz-Prozess (1963–1965). Kommentierte Quellenedition, Wissenschaftliche Reihe des Fritz Bauer Instituts, Band 1, Campus, Frankfurt 2013, ISBN 978-3-593-39960-7, S. 409. In dieser Funktion hatte er zwangsläufig engen Kontakt mit der Lagerprominenz und auch der Lager-SS. Er war führendes Mitglied des internationalen Lagerwiderstandes. Im Stammlager gehörte er der Kampfgruppe Auschwitz an und nutzte seine Position als Funktionshäftling auch effizient für diese Organisation.Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz. Ullstein, Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1980, ISBN 3-548-33014-2, S. 286 f. Seine spätere jüdische Ehefrau Janka (auch Judith), Blockälteste in Auschwitz, wird von Bruno Baum ebenfalls als im Lagerwiderstand aktiv benannt.Bruno Baum: Widerstand in Auschwitz. Berlin 1949, S. 25; 1962, S. 80. Baum widmet ihm einen eigenen zusammenfassenden Abschnitt: 1949, S. 52 f., 1962: S. 103 f. Hermann Langbein, ebenso wie Dürmayer politischer Häftling in Auschwitz, hielt diesem dennoch vor, dass er zu engen Kontakt mit den sogenannten kriminellen Häftlingen sowie der SS gepflegt und sich somit von anderen Häftlingen entfremdet hätte. Während der Räumung des KZ Auschwitz im Januar 1945 soll Dürmayer, laut Langbein, mit anderer Lagerprominenz das Lager im Auto des Schutzhaftlagerführers Franz Hößler verlassen haben, was Dürmayer allerdings vehement in Abrede stellte.Zentrales Parteiarchiv der KPÖ, Brief von Heinrich Dürmayer an den Europa-Verlag betreffend "Menschen in Auschwitz" von Hermann Langbein, 14. November 1972.

Von Wodzisław Śląski gelangte Dürmayer mit einem Transport am 25. Januar 1945 in das KZ Mauthausen.Der Auschwitzprozess - Zeuge Heinrich Dürmayer auf www.auschwitz-prozess-frankfurt.de Im KZ Mauthausen hatte er als Präsident des Internationalen Komitees erneut eine führende Position im Lagerwiderstand inne.Ulrich Herbert, Karin Orth, Christoph Dieckmann: Die nationalsozialistischen Konzentrationslager: Entwicklung und Struktur. Wallstein-Verlag, Göttingen 1998. ISBN 3-89244-289-4, S. 211. Nach dem bis zum 3. Mai 1945 erfolgten Abzug der Lager-SS aus dem Stammlager des KZ Mauthausen übernahm das Internationale Lagerkomitee die Lagerleitung. Die Hauptaufgabe des Komitees nach dem Abzug der Lager-SS bestand darin, die Versorgung der Häftlinge mit Nahrung zu gewährleisten.Florian Freund, Bertrand Perz: Mauthausen - Stammlager. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 4: Flossenbürg, Mauthausen, Ravensbrück. C.H. Beck, München 2006, ISBN 3-406-52964-X, S. 328. Im Stammlager des KZ Mauthausen wurde Dürmayer offiziell noch am 4. Mai 1945 – einen Tag vor der Befreiung des Lagers – letzter Lagerältester.Florian Freund, Bertrand Perz: Mauthausen – Stammlager. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 4, München 2006, S. 332.

Am 16. Mai 1945, kurz nach der Befreiung des KZ-Mauthausen, verlas Dürmayer für das internationale Komitee namens aller ehemaligen politischen Mauthausenhäftlinge den sogenannten „Mauthausen-Schwur“.Mauthausen-Schwur - im Wortlaut bei: Landesverband Oberösterreich der AntifaschistInnen, WiderstandskämpferInnen und Opfer des Faschismus (KZ-Verband/VdA OÖ)

Nach Kriegsende Leiter der Staatspolizei in Wien mini|Dürmayer (links sitzend) vernimmt im September 1945 als Leiter der Staatspolizei Wien den von zwei Polizisten bewachten Grabner

Nach der Befreiung wurde Dürmayer noch im Mai 1945 umgehend von dem Staatssekretär für Inneres der Provisorischen Regierung Renner, dem KPÖ-Führungsmitglied Franz Honner, mit dem Aufbau und der Leitung einer neuen und unbelasteten Staatspolizei beauftragt.Werner Sabitzer: 60 Jahre nach Kriegsende - Schwieriger Neubeginn. In: Öffentliche Sicherheit - Das Magazin des Innenministeriums, Mai/Juni 2005, S. 73–75 (pdf; 213 kB) Als Leiter der Staatspolizei – formal Staatspolizeiliches Büro der Bundespolizeidirektion Wien – unterstand ihm auch die Abteilung zur Ermittlung von Kriegsverbrechern.Winfried R. Garscha: Die Rolle der Sicherheitsexekutive bei der Entnazifizierung: Aktenbestände und Bestandslücken. In: Walter Schuster, Wolfgang Weber (Hrsg.): Entnazifizierung im regionalen Vergleich: der Versuch einer Bilanz (= Historisches Jahrbuch der Stadt Linz 2002). Archiv der Stadt Linz, Linz 2004, ISBN 3-900388-55-5, S. 551 ff. In dieser Funktion konnte Dürmayer, dessen Abteilung hauptsächlich aus Kommunisten und sogenannten Unbelasteten bestand, im August 1945 den ehemaligen Leiter der Politischen Abteilung in Auschwitz Maximilian Grabner bei der Feldarbeit verhaften. Er unterzog Grabner Anfang September 1945 einem polizeilichen Verhör, welches auch in der Wochenschau vorgeführt wurde. Zudem gelang ihm auch die Festnahme von Siegfried Seidl, dem ehemaligen Kommandanten des Ghettos Theresienstadt.Kurt Hacker: Im Dienste der Öffentlichkeit. In: Franz Danimann; Hugo Pepper (Hrsg.): Österreich im April ’45, Europaverlag, Wien, München, Zürich, 1985, S. 173–176. Abgedruckt in: auschwitz information, 67. Ausgabe, Jänner 2005, Universität Linz, Institut für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Johannes Kepler Dürmayer ließ nach seinem Dienstantritt etliche Anhalte- beziehungsweise Arbeitslager für ehemalige Nationalsozialisten einrichten, die neben alliierten Internierungslagern bestanden.Austria. Ministerrat, Peter Mähner, Walter Mentzel: Protokolle des Ministerrates der Zweiten Republik: 17. Juli 1946 bis 19. November 1946, Verlag Österreich, 2005, S. 57. Er wurde 1946 zum Oberpolizeirat befördert. Personenverzeichnis von KPÖ-Angehörigen in der Wiener Polizei auf www.klahrgesellschaft.at