mini|Das Ermelerhaus am Märkischen Ufer 10, 2009

Das Ermelerhaus in der Breiten Straße 11 war eines der wenigen erhalten gebliebenen Patrizierhäuser Alt-Berlins im historischen Stadtteil Alt-Cölln. Das unter Denkmalschutz stehende Gebäude wurde 1966/1967 abgetragen. Auf dem Grundstück Märkisches Ufer Nr. 10 im historischen Stadtviertel Neukölln am Wasser entstand 1968/1969 sein gleichnamiger, denkmalgeschützter Neubau unter Verwendung von charakteristischen Bauelementen.

Wohn- und Geschäftshaus bis 1914 mini|Das Ermelerhaus in der Breiten Straße um 1912 mini|Grundriss des Ermelerhauses, 1948 anhand alter Lichtpausen neugezeichnet mini|hochkant|Querschnitt durch das Vorderhaus mini|hochkant|Querschnitt durch die Seitenflügel mini|hochkant|Das bis auf das abgenommene Relief über der Tordurchfahrt restaurierte Ermelerhaus in der Breiten Straße im Jahr 1964, zwei Jahre vor seinem Abriss mini|Der Saal im ersten Stockwerk um 1912 mini|hochkant|Treppenhaus mit Illusionsmalerei, 1932 mini|hochkant|Rosenzimmer als Gaststättenraum 1969; die Wandgemälde von Damms Schloss Dammsmühle sind nicht mehr vorhanden

Das dreigeschossige Haus wurde seit den 1720er Jahren von seinen Besitzern mehrmals umgebaut, wobei es Ausmalungen und eine nahezu kreisrunde, frei geschwungene hölzerne Treppe erhalten hatte.Zur Bau- und Besitzgeschichte siehe Wolfgang Stengel: Führer durch das Ermeler-Haus. Breite Straße 11, Zweigstelle des Märkischen Museums. 5., erweiterte Auflage. Herausgegeben von der Museumsleitung (hier zitiert als „Stengel“), Berlin 1937, S. 1–3, dort auch der Hinweis auf die Holztreppe des Michael Hirn von 1724 Peter Ludwig Damm, ein Heereslieferant Friedrich II., der das Haus 1760 erwarb, stattete es im Stil des Rokoko aus.Zur Beschreibung des Hauses siehe R. Borrmann: Die Bau- und Kunstdenkmäler von Berlin. Mit einer geschichtlichen Einleitung von P. Clauswitz. Gebrüder Mann, Berlin 1982 (Faksimile-Nachdruck der Ausgabe Springer, Berlin 1893), S. 419 Seit dieser Zeit prägten das Treppenhaus eine illusionistische Ausmalung und ein schmiedeeisernes, vergoldetes Treppengeländer. Von den Ecknischen her beleuchteten es laternentragende Putti, die im Deckengemälde in den Himmel fortschwebten. Die drei Flügel des Gebäudes waren im ersten Obergeschoss enfiladiert. Der dreifenstrige Festsaal enthielt Wandgemälde mit Landschaftsdarstellungen der römischen Antike, geschaffen vom Berliner Veduten- und Theatermaler Carl Friedrich Fechhelm, ein allegorisches Deckengemälde nach Art des Johann Christoph Frisch und einen stuckmarmornen Kamin. Auch die sieben anderen Wohnräume, von denen jeweils zwei in den Seitenflügeln um den Hof lagen, waren mit Boiserien reich ausgestattet und mit Supraporten Fechhelms versehen. Im Rosenzimmer, das als rosenbewachsene Laube gestaltet war, zeigten zwei große Wandbilder den Landsitz des Besitzers, das Schloss Dammsmühle.Grundrisse aller Geschosse für das Jahr 1939 bei Andreas Bernhard: Das Ermelerhaus – Ein verlorenes kulturhistorisches Museum. In: Generaldirektor des Stadtmuseums Berlin Reiner Güntzer (Hrsg.): Jahrbuch Stiftung Stadtmuseum Berlin, Bd. VIII 2002. Henschel Verlag, Berlin 2003, ISBN 3-89487-467-8, S. 143–181, hier S. 152.

Der folgende Eigentümer, der Tabakfabrikant Neumann, ließ in den Jahren nach 1804 lediglich die Fassade im Stil des Klassizismus umgestalten. Der Hauptfries unterhalb der Fenster im zweiten Obergeschoss und ein schmaler oberhalb dieser Fenster zeigten Ranken, Rosetten, Masken und Palmetten. Den einachsigen Mittelrisalit betonte ein Relief aus Zinkguss über dem Portal, das den Tabakhandel thematisierte. Bekrönt wurde er durch Zinkgussstatuen des Merkurs und der Iustitia, flankiert von Kratervasen.

Im Jahr 1824 erwarb der Tabakfabrikant Wilhelm Ferdinand Ermeler (1784–1866) das Haus (Werbeslogan: Wo kommt der beste Tabak her? Merk auf, mein Freund, von Ermeler).Zu Ermeler und seiner Familie und der Bedeutung des Hauses siehe Marlies Ebert: Die Geschichte der Familie und Tabakfirma Ermeler. Bürgerliches und unternehmerisches Leben und Wirken im Berlin des 19. Jahrhunderts. In: Generaldirektor des Stadtmuseums Berlin Reiner Güntzer (Hrsg.): Jahrbuch Stiftung Stadtmuseum Berlin, Bd. VIII 2002. Henschel Verlag, Berlin 2003, ISBN 3-89487-467-8, S. 105–142, zu den Gästeabenden S. 120–125, zum späteren polyglotten Salon (s. u.) S. 124 f. Der erfolgreiche Unternehmer war ein typischer Vertreter des vielseitig gebildeten und aufstrebenden Berliner Bürgertums. Das Ermelerhaus wurde durch wöchentliche öffentliche Abende am Mittwoch und geschlossene am Sonntag in den nächsten Jahrzehnten zu einem Treffpunkt der Berliner Gesellschaft. Bis ins hohe Alter erschienen im Kreis von Künstlern, Gelehrten und Kaufleuten regelmäßig der Bildhauer Rauch, der Bischof Neander, der Musikkritiker Rellstab, wie auch der Gouverneur von Berlin, der „Alte Wrangel“ und die Politiker Auerswald und Itzenplitz. Seit den 1860er Jahren führte zudem Ermelers Schwiegertochter Anna Elisabeth (gest. 1891) einen in Berlin einzigartigen „polyglotten Salon“ im Hause.

Bis auf die Anbringung einer Balustrade auf dem Dach, zweier auf Holz gemalter Landkarten in der Durchfahrt, die die Handelsbeziehungen der Firma und das frühe deutsche Eisenbahnnetz zeigten, und von Umbauten im Erdgeschoss zur Einrichtung von Ladengeschäften, verzichteten Ermeler und seine Nachfahren auf Veränderungen am Haus und wandten beträchtliche Mittel zu seiner Erhaltung und einer Restaurierung in den Jahren 1868–1872 auf. Es überstand daher im 19. Jahrhundert die für Berlin typischen Abriss- und Modernisierungswellen.Zur Geschichte bis 1967 siehe Erika Schachinger: Alte Wohnhäuser in Berlin. Ein Rundgang durch die Innenstadt. Verlag Bruno Hessling, Berlin 1969 (hier zitiert als „Schachinger“), S. 28–30

Bibliothek bis 1931 und Zweigstelle des Märkischen Museums von 1932 bis 1945 Wilhelm Ermelers Sohn Karl Albert (1816–1872) und dessen Sohn Richard (1845–1907) hatten die Tradition des offenen Hauses fortgeführt. Die Erben Richard Ermelers verkauften die Firma 1909 an die Badische Tabakmanufaktur. Das Ermelerhaus war bereits eine Sehenswürdigkeit, als es die Familie 1914 für eine Million Goldmark an die Stadt Berlin mit der Auflage, die Rokoko-Räume bis 1965 unverändert zu erhalten, verkaufte.Siehe Kurt Pomplun: Das Ermelerhaus – ein Abgesang. In: Ders.: Berliner Häuser. Geschichte und Geschichten. Bruno Hessling Verlag, Berlin 1971 (hier zitiert als „Pomplun“), S. 27–30, hier S. 29 Unter den Bedingungen des Ersten Weltkriegs nahm es provisorisch die Magistratsbibliothek auf.

Berlins neuer Oberbürgermeisters Heinrich Sahm erfüllte bei seinem Amtsantritt 1931 den lang gehegten Wunsch des Direktors des Märkischen Museums, Walter Stengel, das Ermelerhaus mitsamt den ausgedehnten Fabrikgebäuden im hinteren Grundstücksteil als Zweigstelle und Ausstellungsgebäude zu übernehmen. Stengel vertrat in seiner Museumsarbeit seit 1925 das neuartige Konzept des Museums als Erkundungsposten für die städtische Gegenwart.Zu Stengels Aktivitäten siehe Kurt Winkler: Walter Stengel (1882–1960) – Eine biographische Skizze. In: Reiner Güntzer (Hrsg.): Jahrbuch Stiftung Stadtmuseum Berlin, Band III, 1997. Henschel, Berlin 1999, S. 186–210, zur Konzeption allgemein S. 192 f., zum Ermelerhaus S. 195 Das Ermelerhaus eröffnete im Oktober 1932 mit einer Gemäldeausstellung, in der Werke von Käthe Kollwitz und Ernst Barlach und ab März 1933 die Kunstsammlung Alfred Cassirers gezeigt wurden.Zur Sammlung Cassirer siehe: Sabine Beneke: Ausklang einer Epoche. Die Sammlung Alfred Cassirer. In: Andrea Pophanken, Felix Billeter (Hrsg.): Die Moderne und ihre Sammler. Französische Kunst in deutschem Privatbesitz vom Kaiserreich zur Weimarer Republik. Akademie Verlag, Berlin 2001 (folgend zitiert als „Beneke“), S. 327–345 Eine ständige Ausstellung stellte die Berliner Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts bevorzugt durch Zeugnisse aus der unmittelbaren Umgebung des Hauses in der Breiten Straße dar. Die Entwicklung bis zur Gegenwart präsentierten speziell gestaltete Räume, die Stengel dem Historismus, dem Jugendstil und dem Bauhaus widmete. Die Fabrikräume zeigten ab 1935 die Welt des Kindes und die Welt der Hausfrau.

Auf persönliche Intervention des preußischen Finanzministers Johannes Popitz nahm das Quergebäude des Ermelerhauses 1934 das klassizistische und von Karl Wilhelm Wach ausgemalte Treppenhaus und Teile der Fassade des Weydingerschen Hauses aus der Unterwasserstraße 5 auf, das dem Neubau der Reichsbank zum Opfer gefallen war. Ein Raum im Seitenflügel erhielt eine Stuckdecke, die Andreas Schlüter 1701 für das Palais Wartenberg geschaffen hatte und die sich nach dessen Abriss im Kunstgewerbemuseum befunden hatte.Schachinger, S. 30

Obwohl das Ermelerhaus in die nationalsozialistische Kulturpolitik eingebunden war, blieb die Ausstellung inhaltlich „von nationalsozialistischem Gedankengut frei“.Bernhard, S. 180 „erscheint“ dies nach Auswertung der Ausstellungskataloge so. Zur „Einbindung“ S. 149 und zur propagandistischen Absicht S. 180 Bereits die Präsentation der Sammlung Cassirer in den Tagen der Machtübernahme der NSDAP mit „altbürgerlichen Urberlinern, Judenschaft und gräflichem Adel“ erschien nach dem Zeugnis Max Sauerlandts „ganz zeitverloren“.Beneke, mit Nachweis, S. 343

Das Ermelerhaus entwickelte sich, wie bereits das Märkische Museum im Berlin der Zwanziger Jahre, zum Publikumsmagneten und sein Besuch gehörte zum Unterrichtsprogramm der Berliner Schulen. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs musste das Ermelerhaus schließen. Seine Sammlungen wurden ausgelagert.

Öffentliches Gebäude von 1945 bis 1967 Im Zweiten Weltkrieg erlitten einige Innenräume und die Fassade des Ermelerhaus Beschädigungen durch Bombensplitter. Unmittelbar bei Kriegsende hatten sich offenbar spontan Dienststellen des Magistrats in seine leeren Rokoko- und Ausstellungsräume eingenistet.Diesen Ausdruck verwendet Stengel bei der Beschreibung des ihn schmerzenden Vorgangs, siehe: Walter Stengel: Chronik des Märkischen Museums der Stadt Berlin. In: Eckart Hennig, Werner Vogel (Hrsg.): Jahrbuch für brandenburgische Landesgeschichte. 30. Band. Landesgeschichtliche Vereinigung für die Mark Brandenburg e. V. (gegr. 1884), Berlin 1979, S. 7–51, hier S. 39 Die ausgelagerte Ausstellung, deren Bestand nur zum Teil den Krieg überstanden hatte, durfte trotz der Bemühungen Stengels nicht in die Räume zurückkehren und das Haus stand dem Märkischen Museum nicht länger zur Verfügung. Stengels Konflikte mit den seit 1948 in Ost-Berlin endgültig tonangebenden SED-Kulturpolitikern resultierten aus deren Ablehnung seines Museumskonzepts, dem die Betonung sozialgeschichtlicher Bezüge im Sinne des Marxismus-Leninismus fehlte.Hierzu Bernhard, S. 150

Nach kurzer Unterbrechung diente das Ermelerhaus erneut als Ratsbibliothek, wie die Magistratsbibliothek seit 1934 hieß, und Stadtarchiv. Zur Aufstellung kamen auch die 1945 geretteten Reste der Friedländischen Bibliothek aus Kunersdorf.Hans-Ulrich Engel, Hans-Joachim Schlott-Kotschote (Hrsg.): Fontane damals und heute. Eine Auswahl aus den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ mit ergänzenden Berichten, der bisher nicht veröffentlichten Einleitung zu einer „Geschichte des Ländchens Friesack“ und einem Verzeichnis der vom Standpunkt der Denkmalspflege bedeutenden Kirchen und Herrenhäuser der ehemaligen Provinz Brandenburg und Berlins nach dem Stand vom 1. April 1958. Verlag für internationalen Kulturaustausch, Berlin-Zehlendorf 1958, S. 85 (zur Bibliothek), S. 50 (zur Aufstellung im Ermelerhaus) Im Erdgeschoss befand sich ein öffentlicher Lesesaal, wo um 1948 „sämtliche Berliner und viele auswärtige und ausländische Zeitungen und Zeitschriften“ auslagen. Die Treppenhäuser konnten besichtigt werden.Siehe Ilse Stremelow: Berlin – geliebte Heimat. Verlag für Technik und Kultur, Berlin 1949, S. 16 f., zum Zeitungslesesaal S. 16, mit Zeichnung des Rokoko-Treppenhauses S. 17