Elisabeth „Elly“ Maldaque (* 5. November 1893 in Erlangen; † 20. Juli 1930 in Regensburg) war eine deutsche Lehrerin. Da sie sich für kommunistische und freidenkerische Ideen interessierte, wurde ihr, nach Denunziation durch „Hakenkreuzler“, fristlos gekündigt. Kurz darauf ließ die Stadt Regensburg sie in eine Nervenheilanstalt einweisen, wo sie nach wenigen Tagen verstarb. Der Fall erregte deutschlandweit Aufsehen. Zahlreiche Künstler stellten das Schicksal Elly Maldaques in ihren Werken dar, als einer der ersten Ödön von Horváth („Die Lehrerin von Regensburg“).
Leben Kindheit Elly Maldaque wurde am 5. November 1893 in Erlangen geboren. Ihre Mutter hieß Karoline, geborene Ofenhitzer (* 1870), ihr Vater Wilhelm (* 1859) war von Beruf Waffenmeister. Über ihre Kindheit ist bisher wenig bekannt. Es gibt ein Zeugnis ihres Vaters, der sie mit „melancholischen Hemmungen“ behaftet beschreibt und folgenden Satz Elly Maldaques überliefert: „Ich möchte auch so gerne lustig sein und lachen können, aber es liegt beständig ein Druck auf mir.“Schreiben des Vaters Wilhelm Maldaque vom 14. Juli 1930 an das Bayerische Ministerium für Unterricht und Kultus, zitiert nach Jürgen Schröder: Horváths Lehrerin von Regensburg. S. 224. Der Druck ging wohl vom Vater selbst aus, der als Kinderschreck und religiöser Fanatiker beschrieben wird. Er war Anhänger der Adventisten und galt nach Aussage einer Zeitzeugin als „komischer Kauz“ mit einem „religiösen Fimmel“, ganz „außer der Reihe“Jürgen Schröder: Horváths Lehrerin von Regensburg. S. 86 und stand politisch „weit rechts“.Jürgen Schröder: Horváths Lehrerin von Regensburg. S. 88 Auch seine Frau und sein Sohn müssen schwer unter dem Regiment des Vaters gelitten haben. Elly Maldaque schreibt am 12. November 1928 in ihr Tagebuch: „(…) ich habe erst vor 4 Wochen geweint, als ich daran dachte meine Mutter u. meinen Bruder zu rächen für ein verbittertes Leben.“
Zu der Zeit des Tagebucheintrags waren Mutter und Bruder schon tot. An ihrer Mutter Karoline, einer „stillen Hausfrau“, muss sie sehr gehangen haben. Ihr Tod im Jahre 1927 war der Grund, warum Maldaque im Alter von 34 Jahren ein Tagebuch begann. Sie notiert am 20. Mai 1927: „Daß sie nicht mehr um mein Leben wissen und fragen kann – ist unfaßlich, daß sie nicht mehr erleben darf, wenns mir noch einmal gut gehen sollte – ist bitterer Schmerz.“ Ihr Bruder Wilhelm fiel am 18. Juli 1916 mit 21 Jahren als Infanterieleutnant in Flandern.
Ausbildung zur Lehrerin 1911 siedelte die Familie nach Regensburg über. Im selben Jahr begann Elly Maldaque im Erlanger Seminar eine Ausbildung zur Volksschullehrerin. Sie lernte dort Irene Neubauer (* 1894) kennen, die später eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielen sollte. Elly Maldaques Abschlusszeugnis 1913 enthielt nur Noten von gut bis sehr gut. Es wurde ihr eine „gute Qualifikation“Jürgen Schröder: Horváths Lehrerin von Regensburg. S. 79. bescheinigt.
Nach ihrer Ausbildung war sie an verschiedenen Orten im Schuldienst tätig. Schließlich trat sie am 1. September 1920 eine Stelle an der evangelischen Von-der-Tann-Schule in Regensburg an. Sie war die erste evangelische Lehrerin Regensburgs.
Bis ca. 1922 litt sie an nervösen Erschöpfungszuständen und andauernder Schlaflosigkeit und musste sich mehrmals beurlauben lassen. Grund könnte ein während des Erlanger Seminars beginnender Prozess des Umdenkens gewesen sein: „Im ersten und zweiten Seminar damals – mit 18-19 Jhr. – da war das erste furchtbare Krümmen der geknechteten Seele.“ (Tagebuch 20. Mai 1927). Doch seit 1922 verrichtete sie ohne Unterbrechung ihren Dienst. Entgegen den tendenziösen Behauptungen ihres Vaters, der ihre Pensionsansprüche retten wollte und sie daher als geistig nicht voll zurechnungsfähig hinzustellen versuchte, beschrieben Zeitungen und Zeitzeugen sie als gesunde, sportliche und „heitere“ Frau (Rektor Hirschmann in der BeerdigungsredeBeerdigung Elly Maldaque. In: Regensburger Neueste Nachrichten. 24. Juli 1930, zitiert nach Jürgen Schröder: Horváths Lehrerin von Regensburg. S. 311.).
Kommunismus und Freidenker Pfingsten 1926 traf Elly Maldaque in Straßburg, als sie zu einer Tante nach Paris reiste, auf ihre Seminarkollegin Irene Neubauer, die in Weimar als Berufsschullehrerin arbeitete. Durch den Gedankenaustausch mit Irene Neubauer löste Elly Maldaque sich von der Gedankenwelt ihres Vaters:
Bis dahin hatte sie nach Darstellung ihres Vaters der deutschnationalen Richtung angehangen: „Nachdem sie sich zuerst leidenschaftlich für die Deutsch-nationale Partei eingesetzt hatte, geriet sie in ihrem krankhaften Suchen nach Wahrheit, durch intensives (für ihre geistigen und seelischen Kräfte viel zu schwieriges) Studium politischer und belletristischer russischer Literatur in eine ihr bis dahin gänzlich fremde Ideenwelt.“Schreiben des Vaters Wilhelm Maldaque vom 14. Juli 1930 an das Bayerische Ministerium für Unterricht und Kultus, zitiert nach Jürgen Schröder: Horváths Lehrerin von Regensburg. S. 226. Mehr und mehr wandte sie sich dem Kommunismus zu. Jedoch ist sie nie Parteimitglied geworden. Für sie hieß Kommunismus vor allem, zu einem liebevollen und selbstlosen Menschen zu werden: „Gut werden – das ist u. bleibt das einzige u. Letzte (…) Der Weisheit letzter Schluß ist die milde u. die unversiegbare Liebe.“ (Tagebuch, 13. September 1927)
Über die praktische Seite ihres Kommunismus gibt ihr Vater Auskunft: „Daß das herrschende Elend von ihr als niederdrückend empfunden wurde und daß sie sich verantwortlich fühlte, so viel an ihr lag zu helfen, geht daraus hervor, daß sie in die Wohnungen der Armen ging und mit Rat und Tat beizustehen versuchte, wobei sie weit über die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit ging.“ Häufig organisierte sie auch Wochenendausflüge für ihre Schulkinder.
Nachdem ihr siebzigjähriger Vater wieder geheiratet hatte – eine 25 Jahre jüngere und, wie berichtet wird, bigotte FrauJürgen Schröder: Horváths Lehrerin von Regensburg. S. 85 –, zog Elly Maldaque aus dem elterlichen Haus, Weissenburgstr. 27, in die Orleansstr. 4. „(…) in der neuen Wohnung, auch äußerlich frei von allen Ketten“, schrieb sie in ihr Tagebuch. Sie besuchte häufiger Arbeiter-, Freidenker- und KPD-Versammlungen und engagierte sich verstärkt im sozialen Bereich.
Überwachung Regensburg war zu der Zeit eine Hochburg der Bayerischen Volkspartei (BVP). Auch die Landesregierung hatte die BVP inne. Kommunisten und Sympathisanten wurden systematisch überwacht. Im Herbst 1929 begann die Bespitzelung Elly Maldaques. Die Berliner Weltbühne schrieb darüber in ihrer Ausgabe vom 12. August 1930: „Gegenüber dem Hause Elly Maldaques in Regensburg wurden nach der Erklärung eines Kriminalpolizisten zwei Hakenkreuzler zur Beobachtung einquartiert.“Peter Nord: Die Tragödie der Lehrerin Maldaque. In: Die Weltbühne. 26. Jg. (1930), Nr. 33, S. 230–232, zitiert nach Jürgen Schröder: Horváths Lehrerin von Regensburg. S. 320.
Der erste so entstandene Bericht der Polizeidirektion Regensburg vom 11. November 1929 wurde an Kreisregierung, Staatsministerium des Inneren und an die Polizeidirektion München geschickt. Er lautete: „Seit einigen Wochen betätigt sich bei der KPD-Ortsgruppe eine Lehrerin von hier, die nach den Angaben des Mitteilers einen französisch klingenden Namen besitzt, 36 Jahre alt u. an der hies. Von-der-Tann-Schule tätig ist. Nach sonstigen Anhaltspunkten noch zu schließen, kommt hier die ledige Volksschullehrerin Elisabeth Maldaque (…) in Frage. Sie beteiligt sich auch an den von Reichstagabg. Meyer veranstalteten Parteikursen und soll nach einer neuerlichen vertraulichen Mitteilung auch an der Revolutionsfeier teilgenommen haben, bei der sie am Klavier spielte.“Jürgen Schröder: Horváths Lehrerin von Regensburg. S. 200.
Doch mehr als das gelegentliche Klavierspielen vermochte die Regensburger Polizei auch nach wiederholter Nachfrage des Bayerischen Staatsministeriums nicht zu berichten. Darüber hinaus wurde Elly Maldaque von Oberstadtschulrat Dr. A. Freudenberger, der zufällig von ihren Besuchen bei kommunistischen Veranstaltungen und ihrer dortigen Klavierbegleitung gehört hatte, freundschaftlich ermahnt. Elly Maldaque schränkte daraufhin ihre Besuche ein. Aus einem internen Schreiben der Oberpfälzischen Kreisregierung vom 23. Dezember 1929: „Zufolge neuerlicher Mitteilung des Vorstandes der Polizeidirektion Regensburg konnte über die kommunistische Betätigung der Lehrerin E. Maldaque inzwischen nichts Weiteres festgestellt werden. Sie ist offensichtlich äußerst vorsichtig.“
Am 21. März 1930 fand ein Prozess gegen den kommunistischen Stadtrat Konrad Fuß wegen Gotteslästerung statt. Er soll bei dem Begräbnis eines Genossen „Pfaff“ und „Schmarrn“ gesagt sowie aus der Internationalen die Verse zitiert haben: „Es rettet uns kein höheres Wesen“. Er wurde in zweiter Instanz freigesprochen. Vor Verhandlungsbeginn unterhielt sich Irene Neubauer, die zu der Zeit bei Elly Maldaque zu Besuch war, mit dem Angeklagten „in auffallender Weise“,Jürgen Schröder: Horváths Lehrerin von Regensburg. S. 202. wie der Polizeibericht meldete. Aus dem Zuschauerraum heraus wurde Irene Neubauer verhaftet und auf der Polizeidirektion vernommen. Anschließend durchsuchte die Polizei Elly Maldaques Wohnung.
Bei der Hausdurchsuchung wurde jedoch „nichts gefunden“, wodurch „eine strafbare Handlung nicht nachgewiesen werden konnte“, doch stieß die Polizei auf Elly Maldaques Tagebuch: „In der Anlage befindet sich sodann ein Auszug aus einem Tagebuch der Maldaque, der ohne ihr Wissen gefertigt wurde und der bemerkenswerten Aufschluß über ihre politische Einstellung gibt.“Schreiben der Polizeidirektion Regensburg an das Präsidium der Regierung der Oberpfalz, 25. März 1930, zitiert nach Jürgen Schröder: Horváths Lehrerin von Regensburg. S. 202–203.
Die Polizei gab allerdings eine manipulierte Version weiter, die den Eindruck erweckte, Elly Maldaque agitiere im Unterricht für die kommunistische Idee. Insbesondere zwei Aussagen wurden aus dem Zusammenhang gerissen und neu zusammengestellt: ein schwärmerisches Bekenntnis zum Kommunismus: „Nun bin ich auf Tod und Leben dem Kommunismus verschworen.“ und: „Meine Schulkinder waren meine Versuchskaninchen.“ (Tagebuch 14. Juli 1929). Doch die letzte Passage lautete im Zusammenhang: „Mit diesen Worten kehrte ich zurück u. versuchte dann zum 1. Male in meinem Leben – das, was andere immer konnten – selbstlose Kleinarbeit zu tun – einfach sich zu geben in Geduld im Kleinen. Meine Schulkinder waren die Versuchskaninchen.“ Erst zwei Tagebuchseiten weiter folgt das im Polizeibericht vorausgestellte Bekenntnis zum Kommunismus. Elly Maldaque reichte ihr Tagebuch am 5. Juli 1930 bei der Regierung ein, um die Manipulation zu widerlegen.
Der Polizei-Obersekretär, der die Verhaftung von Irene Neubauer und die Wohnungsdurchsuchung bei Elly Maldaque ausgeführt hatte, wurde später Leiter der Regensburger Gestapo.
Kündigung Am 2. Mai erreicht das Schulreferat der Regierung folgendes Schreiben: „Aus der Vorlage der Polizeidirektion Rgbg. vom 25. III. 30 geht mit Bestimmtheit hervor, daß die Volksschullehrerin Elisabeth Maldaque in Regensburg Angehörige der KPD und Anhängerin der Freidenker-Bewegung ist.“Schreiben des Regierungsdirektors H. vom Referat 2 an das Referat 10 der Kreisregierung, zitiert nach Jürgen Schröder: Horváths Lehrerin von Regensburg. S. 207.
Am 21. Juni 1930 verfügt der Staatsminister für Unterricht und Kultus Franz Goldenberger (BVP) die sofortige Lösung des Dienstverhältnisses. Aus dem Entlassungsschreiben vom 27. Juni 1930: „Die Regierung hat die Ueberzeugung gewonnen, daß Sie Ihrer geistigen Einstellung nach der Bewegung des Kommunismus und Freidenkertums zugehören und auch wirkendes Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands sind.“Jürgen Schröder: Horváths Lehrerin von Regensburg. S. 208.