mini|Abteikirche Saint-Gilles, Portalfassade Die ehemalige Abteikirche Saint-Gilles liegt inmitten der gleichnamigen Ortschaft Saint-Gilles am nördlichen Rand der Camargue im Département Gard, Frankreich. Sie trägt auch die Bezeichnung Abteikirche St. Ägidius in Saint-Gilles oder Abteikirche des Hl. Ägidius in Saint-Gilles.

Bekannt ist die ehemalige Abteikirche besonders durch ihre reich und kunstvoll gestaltete Fassade mit drei Portalen. Weitere Sehenswürdigkeiten sind die steinerne Spindeltreppe Vis de St-Gilles (Schraube von St-Gilles) und die Krypta, mit dem Grab ihres Patrons, des heiligen Ägidius.

St-Gilles gehörte einst zu den vier großen Wallfahrtszielen der Christenheit. Bis heute bildet sie eine bedeutende Etappe auf der Via Tolosana, einem der vier französischen Hauptabschnitte des Jakobswegs nach Santiago de Compostela.

Seit 1998 ist die Kirche als zum Jakobsweg in Frankreich gehörig ausgezeichnet und damit UNESCO-Welterbe.

Geschichte mini|Rekonstruktion Fassadenaufriss der Kirche Die Ursprünge des Klosters gehen auf eine Legende zurück, nach der sich der um 640 geborene heilige Ägidius (frz. Saint-Gilles), ein reicher Kaufmann aus Athen, an dieser Stelle in die Einsamkeit zurückgezogen haben soll, um fern dem Weltgetriebe ein Leben in Armut und Entsagung zu führen. Er soll sich von der Milch einer Hirschkuh ernährt haben und jahrelang in der Diözese von Nîmes als Einsiedler in einer Höhle an der Mündung der Rhone in das Mittelmeer gelebt haben.

680 gründete Ägidius die Abtei von Saint-Gilles, der er bis zu seinem Tode als Abt vorstand – der König ließ für ihn die Klostergebäude errichten. Ihm wurden zu seinen Lebzeiten etliche Wunder zugeschrieben. Nicht lange nach seinem Tod, wahrscheinlich um 720, strebte eine zunehmende Pilgerschar zum Grab des Eremiten. Im 9. Jahrhundert wurde das Kloster unmittelbar dem Papst unterstellt und kam etwa zweihundert Jahre später im 11. Jahrhundert in die Obhut des Benediktinerordens von Cluny, der mittlerweile zu Weltrang aufgestiegen war. In der sprunghaft angewachsenen Bedeutung des Pilgerwesens nahm das Kloster schon bald eine Schlüsselstellung ein.

Über Umfang und Aussehen des Klosters vor dem Bau der Anlage des 12. Jahrhunderts gibt es einen Passus in den Analecta Bollandiana. Dort wird eine Kirchenfamilie beschrieben, bestehend aus einer „ecclesia major“, die drei Krypten besaß, einer „Petruskirche“, deren Chor 80 Mönche fassen konnte und eine ausgedehnte Vorhallenanlage besaß, sowie einer „Marienkirche“. Über ihre genaue Lage und Architektur gibt es allerdings keine konkrete Aussage. Eine archäologische Grabung, die im Sommer 2004 veranlasst wurde, lässt aber drauf schließen, dass die Anlage auf demselben Gelände gestanden hat, auf dem sich heute die Überreste der Abtei des 12. Jahrhunderts befinden. Unmittelbar vor der Westfassade wurden neben Resten abgebrochener Bauten eine große Ansammlung menschlicher Gebeine und ein frühchristliches Grab freigelegt. Dass dort schon in vorromanischer Zeit Begräbnisse stattfanden, ist ein klares Indiz für eine sakrale Nutzung des Geländes.Heike Hansen: Die Westfassade von Saint-Gilles-du-Gard. (Dissertation Stuttgart 2007), Seite 14/15.

St. Gilles war nicht nur Ziel einer regen Wallfahrt, sondern wurde ein Sammelpunkt für Jakobspilger, die vom östlichen Südfrankreich und Italien aus die Via Tolosana, einen der vier Hauptwege der Jakobspilger in Richtung Spanien, eingeschlagen hatten. Gleichermaßen schifften sich in St. Gilles, welches seit dem 11. Jahrhundert einen Seehafen besaß und durch einen Kanal an den Arm des Petit Rhone und darüber an das Mittelmeer angeschlossen war, alle aus Nordfrankreich kommenden Pilger ein, um dann Kurs auf Rom zu nehmen. So entwickelte sich St. Gilles zu einem wichtigen Wallfahrtszentrum in Südfrankreich mit großer wirtschaftlicher Bedeutung. Die Stadt soll im 13. Jahrhundert 40.000 Einwohner gezählt haben, heute sind es etwa 13.500.Thorsten Droste: Die Provence. DuMont Kunst-Reiseführer 1986, Seite 206.

Die romanische Kirche Saint-Gilles wurde im 12. Jahrhundert errichtet. Begonnen wurde das Bauwerk 1116 und fand seinen Abschluss in der Portalfassade, einer monumentalen Schauwand.Thorsten Droste: Die Provence. DuMont Kunst-Reiseführer 1986, Seite 207. Nach den Inschriften eines gewissen „Petrus Brunus“ unter den Standbildern des Matthäus und des Bartholomäus wird sie auf die letzten Jahrzehnte des 12. Jahrhunderts datiert. In jüngerer Zeit ist durch genaue stilkritische Vergleiche der Zeitraum der Entstehung der Fassade auf die Jahre zwischen 1125 und 1150 eingegrenzt worden.Thorsten Droste: Die Provence. DuMont Kunst-Reiseführer 1986, Seite 225. Damit partizipierte die Abtei am Höhepunkt der Jakobspilgerschaft in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts.

Auch die Grafen von Toulouse trugen als die weltlichen Landesherren zum Aufstieg von St. Gilles bei. Raimund IV. von Toulouse (* 1041/1042; † 1105), der sich Raimund von St. Gilles nannte, vermutlich auch dort geboren wurde, dem das Land um das Kloster von St. Gilles gehörte, wählte diesen Ort zum Ausgangspunkt für den ersten Kreuzzug und wurde zu dessen führender Gestalt. Kloster und Graf waren sich allerdings nicht immer freundlich gesinnt. Für einen tätlichen Übergriff auf die Abtei musste Raimund IV. nach den Maßgaben der Synode von Clermont Buße tun.

Noch zügiger als sein Aufstieg folgte der Niedergang von St. Gilles. 1208 wurde der päpstliche Legat Pierre de Castelnau in der Stadt ermordet. Daraufhin rief Innozenz III. unverzüglich zum Kreuzzug gegen die Katharer, die man auch Albigenser nannte, nach ihrer Hochburg Albi. Auch die Unterwerfung Raimunds VI., der Mitwisser an diesem Attentat gewesen sein soll, konnte die Folgen nicht abwenden. Durch die Streitigkeiten zwischen Frankreich und England nach der Mitte des 12. Jahrhunderts gingen die Pilgerbewegungen nach Spanien zurück und die Kriege des 13./14. Jahrhunderts ließen sie gänzlich zusammenbrechen. Auch der Albigenserkrieg ließ die Pilgerströme abschwellen und mit ihnen versiegten die vorher reichlich sprudelnden Geldquellen. Das Kloster unterstellte sich 1226 dem Schutz des französischen Königs.

In den Hugenottenkriegen wurden im Jahre 1562 Abtei und Kirche verwüstet, in Brand gesteckt und die Mönche, soweit noch lebend, in den Brunnen der Krypta geworfen und ertränkt.

1622 erfolgte der Abriss des Campanile. Dabei blieben lediglich die Krypta, die Wände, Pfeilervorlagen und Pfeiler des Langhauses, die Spindeltreppe in der Nordseite des einstigen Chors und große Teile der Fassade erhalten.

mini|hochkant=1.2|St. Gilles, Lithographie Westfassade, Dauzats 1833, mit Mitteltreppe und verschlossenen Seitenportalen

Während der Französischen Revolution wurde auch die restliche Fassade weitgehend abgetragen und später aus erhaltenen Bruchstücken neu aufgebaut. Daher entspricht der heutige Zustand der Fassade in vielen Teilen nicht seinem ursprünglichen, womit sich auch der unterschiedliche Erhaltungszustand erklärt.

Die heutige Kirche ist im 17. Jahrhundert auf der alten Krypta in neugotischem Stil neu errichtet worden. Hinter ihrer Ostseite sieht man noch Fundamente und Säulenbasen von dem romanischen Bau, dieser wies nach dem Vorbild von Cluny, dem Urbild der Pilgerkirche, einen Chorumgang mit Kapellenkranz auf. In der Nordwand findet sich noch ein höherer Rest des alten Bauwerks, die berühmte Spindeltreppe zum Glockenturm, die Vis de St. Gilles.

Seit 1840 gaben der Architekt Charles-Auguste Questel mit dem Archäologen Le Normand und dem Ingenieur Anacréon Delmas den Überresten der Kirche ihr heutiges Aussehen. Zwischen 1842 und 1845 reinigte er die Chorruinen und verwandelte sie in ein Museum. Des Weiteren räumte er die Krypta auf und stellte die Fassade wieder her.

Die Beschädigungen der Verzierungen der Portalfassade wurden restauriert und dabei die Seitenportale wieder geöffnet. Es entstand dabei eine neue Freitreppe, die die mittlere Treppe durch eine über die ganze Fassade reichende Treppe ersetzte. Einige Häuser des Vorplatzes, die die Sicht auf die Fassade verdeckten, wurden abgebrochen, was den heutigen Platz ermöglichte.Broschüre Die Abtei. Office de Tourisme, S. 11.

Architektur

Fassade mini|zentriert|hochkant=2.5|Zuordnung der Fassadendarstellungen

Weltgericht (fragmentarisch) Anbetung der Heiligen drei Könige Vorbereitung zum Einzug in Jerusalem Einzug in Jerusalem Die Juden bejubeln Christus in Jerusalem Judas nimmt die Silberlinge entgegen Christus vertreibt die Händler aus dem Tempel Auferweckung des Lazarus Fußwaschung Petri Abendmahl Gefangennahme Jesu Soldaten Christus vor Pilatus Geißelung Kreuztragung Kreuzigung Die Jünger in Emmaus Das „Noli me tangere“ Christus in Bethanien Die heiligen Frauen und Salbölhändler Die heiligen Frauen am leeren Grab Christus erscheint den Jüngern Erzengel Michael Matthäus Bartholomäus Thomas Jakobus der Jüngerer Johannes Evangelist Jakobus der Ältere Paulus Apostel Apostel Apostel Apostel Apostel Erzengel Gabriel Kain tötet Abel Das Opfer Kains und Abels David tötet Goliath Der falsche Prophet Bileam Kentaur Quelle:Thorsten Droste, Die Provence, DuMont Kunst-Reiseführer 1986, Seite 208

Die Fassade oder Portalanlage von Saint-Gilles nimmt die gesamte Breite der Westfront der Kirche ein. Neben St. Trophime d’Arles ist sie eine der bedeutendsten in der Provence. Sie wird beidseitig begrenzt durch zwei schlanke im Grundriss quadratische turmartige Pfeilermassive, die gegenüber der Fassadenfront etwa einen Meter vorstehen, mit innenliegenden Spindeltreppen. Das nördliche überragt die Fassade um etwa vier Meter, das südliche ist deutlich höher und enthält eine Glockenstube. Die Türme sind nicht von Helmen, sondern von begehbaren Dachflächen abgedeckt.

Der heutige waagerecht durchgehende Wandabschluss unmittelbar über den obersten Hauptportalarchivolten hat ihr befremdlich fragmentarisches Erscheinungsbild ebenfalls den Zerstörungen der Religionskriege zu verdanken. Nachdem die oberen Wandpartien vermutlich beim Abriss der Gebäude des Langhauses abgegangen waren, erhielt die Westwand diesen geraden Abschluss ohne den baulichen Bezug zu der barocken Giebelwand des Mittelschiffs, die mit einem deutlichen Rücksprung nach Osten völlig isoliert oberhalb der Fassade erscheint. Die neuen Gewölbe der Seitenschiffe werden von der elf Meter hohen Schaufassade völlig verdeckt. Der heutige Betrachter muss sich einen wesentlich monumentaleren oberen Wandabschluss der Fassade als dreigeteilte Giebelwand vorstellen, die den Aufriss der Basilika widerspiegelte (siehe Rekonstruktion des Fassadenaufrisses nach Lassalle 1973). Mit dem aufwändigen Skulpturenprogramm wirkt die niedrige Westwand heute überladen. Der aufgesetzte Glockenturm über dem südlichen Treppenmassiv ist wie der gerade Wandabschluss eine barocke Zufügung. Beide Maßnahmen sind bescheidene Lösungen des Wiederaufbaus ohne ästhetischen Anspruch.Heike Hansen: Die Westfassade von Saint-Gilles-du-Gard. (Dissertation Stuttgart 2007), S. 17.

Die Grobgliederung der heutigen Fassade wird dominiert durch drei große vielfach abgestufte Archivoltenportale, das mittlere ist deutlich umfangreicher als die beiden äußeren. Die Portalöffnungen sind rechteckig, die äußeren mit zweiflügeligen Türen die inneren mit zwei einflügeligen Türen verschlossen, die von pilasterartigen Pfeilern mittig geteilt und seitlich begrenzt werden.

Die Fassade wird in ganzer Breite zwischen den Türmen von einem breiten architravartigen Band überzogen, das sich ohne Unterbrechung über die Portalgewände und unter den Tympana der Portale hinweg erstreckt. Auf ihm wird die Passion Christi szenenreich geschildert, im Gegensatz zu vorausgegangenen thematisch vielfältigeren Schilderungen des Lebens Jesu erstmals als geschlossener Passionszyklus.