Der Zunderschwamm (Fomes fomentarius) ist eine Pilzart aus der Familie der Stielporlingsverwandten (Polyporaceae). Er befällt geschwächte Laubbäume, vor allem Buchen (Fagus) und Birken (Betula), und bildet an den Stämmen dicke, invers konsolenförmige Fruchtkörper. Die mehrjährigen Gebilde können im Durchmesser bis zu 40 cm erreichen. Die krustige Oberseite ist hellgrau oder blass bräunlich gefärbt und fein zoniert. Die Röhren auf der Unterseite haben eine braune Farbe und sind oft mehrfach geschichtet.
Der Name des Zunderschwammes entstand aus der früheren Verwendung als Zunder. Baumpilze werden aufgrund ihrer Eigenschaft, Wasser zu binden, zudem als Schwämme bezeichnet. Außerdem wurden aus ihm bis ins 19. Jahrhundert blutstillende sowie desinfizierende Wundauflagen hergestellt. Ferner kamen alkoholische Flüssigextrakte u. a. bei Blasenleiden, Magenverstimmungen und Menstruationsbeschwerden zum Einsatz.
In Rumänien wird heute noch die Trama zu einem lederartigen Material verarbeitet, aus dem für den Touristenmarkt kunstvolle Hüte, Taschen und Ähnliches gefertigt werden. Ansonsten hat der Zunderschwamm wirtschaftlich weitestgehend keine Bedeutung mehr.
Merkmale
Makroskopische Merkmale Der Zunderschwamm bildet mehrjährige, konsolenförmige Fruchtkörper, die bis zu 30 Jahre alt werden können. Sie erreichen eine Breite von 10 bis 40 cm, in Ausnahmefällen auch bis 60 cm Breite und bis 20 cm Dicke und Höhe. An Birken ist er jedoch meist deutlich kleiner. Mit zunehmendem Alter und bei Verbrauch des besiedelten Substrates wird der jährliche Zuwachs geringer, so dass relativ hohe, hutförmige Fruchtkörper entstehen. Eine ähnliche Beobachtung lässt sich bei Fruchtkörpern mit zunehmender Höhe am Substrat machen.
Die Fruchtkörper sind oberseits hell- bis dunkelgrau, ältere Fruchtkörper können fast schwarz werden. Junge, noch nicht überwinterte Fruchtkörper sind wie die Zuwachszone älterer Exemplare gelb bis rostbraun gefärbt. Die Oberfläche der Fruchtkörper ist konzentrisch rillig bis gefurcht und mit einer harten Kruste bedeckt.
Die oft leicht nach innen gewölbte Unterseite des Zunderschwammes besteht aus einer glatten, grau- bis ockerbraunen Porenschicht. Die Poren sind dickwandig und rundlich; in einem Abschnitt von einem Millimeter befinden sich zwei bis vier Poren. Auf Druck verfärben sie sich leicht braun. Die Röhren sind in Schichten angeordnet. Diese Zonen entsprechen – wie auch die Wachstumszonen der Oberfläche – den Wachstumsschüben des Pilzes. Da mehrere solche Schübe pro Jahr auftreten können (oft zwei pro Jahr), kann aus der Zahl der Schichten nicht auf das Alter des Fruchtkörpers geschlossen werden.
Im Innern des Pilzes befindet sich das weiche Pilzgeflecht des Myzelialkerns. Dieser wird von einer verhältnismäßig dünnen Tramaschicht umgeben, die sich außerdem über den gesamten Bereich unter der Kruste erstreckt. Die Trama färbt sich mit Kaliumhydroxid schwarz. Wie andere baumbewohnende Pilzarten zeigt auch der Zunderschwamm den Geotropismus, das heißt, neu zuwachsende Fruchtschichten werden mit der Unterseite zum Erdboden ausgerichtet. Bildet ein Fruchtkörper nach dem Umstürzen des Wirtsbaumes neue Fruchtschichten, werden diese um etwa 90° gegenüber den schon vorhandenen ausgebildet.
Mikroskopische Merkmale Der Zunderschwamm besitzt eine aus drei Formen bestehendes Hyphensystem (trimitisch), bestehend aus generativen Hyphen, Skeletthyphen und Bindehyphen. Erstere sind zylindrisch, dünnwandig und hyalin; die Septen (Trennwände der Hyphen) besitzen Schnallen. Die Binde- und Skeletthyphen sind hingegen dickwandig und gelb- bis hellgoldbraun gefärbt. Die Bindehyphen sind verzweigt und Skeletthyphen nicht oder kaum vorhanden. Es existieren keine Zystiden.
Die Basidien haben eine keulige Form sowie eine Schnalle an der Basis. Sie sind hyalin und besitzen vier Sporen. Diese sind zylindrisch bis lang ellipsoid geformt und 15–22 × 4,4–7 µm groß. Sie sind hyalin, inamyloid und besitzen eine glatte Oberfläche. Das Sporenpulver ist weiß.
Artabgrenzung mini|Schabt man wenige kleine Partikel von der Kruste des Zunderschwammes ab und versetzt diese mit Alkalilauge, färbt sich die Lösung charakteristisch blutrot
Der Zunderschwamm kann mit Arten der Gattung Lackporlinge verwechselt werden. Diese besitzen jedoch oft eine kräftig braun gefärbte Hutoberseite; die Poren färben sich auf Druck dunkelbraun. Ein sicheres Unterscheidungsmerkmal sind die warzigen Sporen gegenüber den glatten beim Zunderschwamm. Auch Feuerschwämme, insbesondere der Gemeine Feuerschwamm, können ihm ähnlich sehen. Sie unterscheiden sich durch ihre feste, holzartige Konsistenz mit nicht eindrückbarer Hutkruste. Darüber hinaus besteht eine Ähnlichkeit mit dem Rotrandigen Baumschwamm, der allerdings meist an Nadelholz zu finden ist und eine hellere Trama und nicht verfärbende Poren aufweist.Ewald Gerhardt: BLV Handbuch Pilze. BLV, München 2006, ISBN 3-8354-0053-3, S. 462. (für den gesamten Absatz)
Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist die für den Zunderschwamm charakteristische blutrote Färbung der Kruste mit Alkalilauge, ausgelöst durch Deprotonierung des Hauptfarbstoffes Fomentariol. Durch diese Farbreaktion kann der Zunderschwamm von anderen, äußerlich ähnlichen Porlingen, beispielsweise dem Gemeinen Feuerschwamm, unterschieden werden.Jan-Markus Teuscher, Neue experimentelle Designs zum Thema Naturstoffe im Chemieunterricht: Chemie mit Pilzen, Dissertation, Friedrich-Schiller-Universität Jena, 2011 (online).
Kryptische Arten Nach genetischen Daten ist die weit verbreitete Art Zunderschwamm vermutlich in mehrere kryptische Arten aufzusplitten. Ursula Peintner und Kollegen stellten fest, dass sich die Zunderschwämme des Mittelmeerraums genetisch von den nördlicher verbreiteten unterscheiden. Sie stellten für die südliche Linie eine eigene Art auf, die nach einem alten, vorher synonymisierten Namen Fomes inzengae (Ces. & De Not.) Cooke genannt wurde.Ursula Peintner, Regina Kuhnert-Finkernagel, Viana Wille, Franco Biasioli, Anton Shiryaev Claudia Perini (2019): How to resolve cryptic species of polypores: an example in Fomes. IMA Fungus 10, article 17. doi:10.1186/s43008-019-0016-4 (open access) Beide Arten sind genetisch klar geschieden, aber nach morphologischen Merkmalen nicht sicher unterscheidbar.Michal Tomšovský, Sirapitcha Kaeochulsri, Tomáš Kudláček, László Benedek Dálya (2023): Ecological, morphological and phylogenetic survey of Fomes fomentarius and F. inzengae (Agaricomycetes, Polyporaceae) co‑occurring in the same geographic area in Central Europe. Mycological Progress 22: article 79. doi:10.1007/s11557-023-01928-y Beide Arten kommen in Tschechien in derselben Region vor (sympatrisch), wobei aber Fomes fomentarius s.str. eher die kühlen Hochlagen und Fomes inzengae das wärmere Tiefland bevorzugt. Da die neue Art inzwischen auch in Belgien nachgewiesen wurde,Salvatore Pirronitto, Felix Teng, Cécile Verheyen, Vincent Gaucet, Jean-Marc Henin, Benoit Jourez, Sophie Schmitz, Anne Chandelier (2024): Characterization of Fomes fomentarius s.s. and F. inzengae in Belgian Beech Forests. Forests 15, 221. doi:10.3390/f15020221 ist mit ihr überall in Mitteleuropa zu rechnen. Sie ist auch in Österreich in den niederen Lagen im Osten häufig. Studien in den USAMeghan A. McCormick, Larry F. Grand, Justin B. Post, Marc A. Cubeta (2013): Phylogenetic and phenotypic characterization of Fomes fasciatus and Fomes fomentarius in the United States, Mycologia 105 (6): 1524-1534. doi:10.3852/12-336 zeigten die enge Verwandtschaft der europäischen, asiatischen und nordamerikanischen Zunderschwämme, lieferten aber auch Hinweise auf drei genetisch unterscheidbare Linien. Die Autoren halten weitere Untersuchungen vor einer möglichen Aufsplittung für erforderlich.
Ökologie mini|Zahlreiche Fruchtkörper des Zunderschwamms besiedeln einen toten, teils noch stehenden Buchenstamm.
Der Zunderschwamm ist ein Schwächeparasit und Saprobiont an Laubhölzern, sehr selten auch an Nadelbäumen. Hauptsubstrat des Zunderschwammes in Mitteleuropa ist die Rotbuche, daneben werden Birken und Pappeln besiedelt, er kann aber auch an anderen Laubgehölzen vorkommen. In Europa gibt es eine Süd-Nord-Verteilung des Hauptsubstrates, im Süden des Kontinentes wird Fagus als Hauptwirt gefunden, im Norden Birkenarten, diese Substratgrenze fällt in Deutschland in etwa mit dem Nordrand der Mittelgebirge zusammen. Fruchtkörper werden in allen Phasen der Holzzersetzung des Pilzes gebildet.
Der Zunderschwamm ist ein typischer Bewohner älterer Bestände. Bevorzugte Waldarten sind Buchen-, Tannen-Buchen- und buchenreiche Hainbuchen-Eichen-Wälder. Auch in Mooren, Heiden und alten Birkenbeständen ist er zu finden. Weniger häufig ist der Pilz dagegen an beschatteten Hängen und Erlen-Auwäldern.
Der Zunderschwamm dringt in seine Wirtsbäume über Ast- und Stammwunden ein und verursacht im Kernholz eine intensive Weißfäule, die den befallenen Baum häufig in mehreren Metern Höhe abbrechen lässt. Der Zunderschwamm kann am abgestorbenen Substrat noch längere Zeit als Saprobiont weiterleben.
Verbreitung Der Zunderschwamm ist neben Indien und Pakistan vor allem holarktisch verbreitet, wo er meridional bis boreal vorkommt. In Asien, Nordamerika und Europa ist der Pilz weit verbreitet. Außerdem ist er in Nordafrika und auf den Kanarischen Inseln anzutreffen. In Europa ist der Zunderschwamm überall zu finden.
Über die Häufigkeit und die Gefährdung des Zunderschwammes gehen die Ansichten in der Literatur auseinander, während Krieglsteiner ihn in die Gefährdungsgruppe G 3 (noch häufig, aber mit starker Rückgangstendenz) einordnet, wird er in anderen Publikationen als gemein beschrieben. Als Grund für den Rückgang wird von Krieglsteiner vor allem die starke forstwirtschaftliche Verjüngung der Wälder gesehen. Hinzu kommen die Abnahme alter und kranker Laubbäume, die aufgrund ihres schwachen Zustandes entfernt werden, sowie das Umforsten in Nadelholzbestände, das Absenken des Grundwassers, eine Intensivierung der Landwirtschaft und die Urbanisierung. In Süddeutschland ist er in unbewirtschafteten Wäldern der häufigste Pilz, in intensiv bewirtschafteten Waldgebieten fehlt er hingegen ganz.
Bedeutung Allgemeines Der Zunderschwamm als einer der wichtigsten und häufigsten Weißfäuleerreger an Buchen ist von forstwirtschaftlicher Bedeutung. Durch den vom Pilz eingeleiteten Holzzersetzungsprozess werden die im Holz enthaltenen Nährstoffe dem natürlichen Kreislauf wieder zugänglich gemacht und es entsteht neuer Mutterboden.
Die Verwendung des Zunderschwamms reicht bereits etwa 10.000 Jahre zurück. Dies wird durch etliche Funde aus Steinzeitsiedlungen belegt. Bereits Ötzi, der Gletschermann, der 1991 in den Ötztaler Alpen gefunden wurde und dessen Alter auf mehr als 5000 Jahre datiert wird, trug schon Zunderschwamm auf seinen Wanderungen bei sich.
In den oberdeutschen Mundarten trägt der Zunderschwamm den Namen Huadersau (auch Hudersau oder Hodernsau).Vgl. Ivana Sieberová und Ludoš Smolík: Čepice z choroše. Mützen aus Zunderschwamm. In: Günter Bauernfeind, Bärbel Kleindorfer-Marx, Ivana Sieberová und Ludoš Smolík (Hrsg.): Made in Cham. Made in Klatovy. Bayerisch-böhmische Produktgeschichten. Bavorsko-české dějiny výrobků. Furth im Wald (Landkreis Cham) 2015, ISBN 978-3-931210-09-0
Abgeschlagene und kugelförmig zugeschnitzte Zunderschwämme dienten Kindern als Puck oder Ball für Gassenspiele mit Füßen oder Stöcken. Für den Bayerischen Wald und den Böhmerwald ist ein Spiel unter dem Namen Huadersautreiben belegt.Zum Huadersau-Spiel siehe das Lemma „Huadersau“ in Niederbayern-Wiki und die Erzählung „Huadersautreiben“ von Martin Ortmeier, 2008 in der Zeitschrift Landstrich Nr. 24, S. 21–27.