mini|472px|Sensordatenfusion im Überblick Als Sensordatenfusion wird allgemein die Verknüpfung der Ausgabedaten mehrerer Sensoren bezeichnet. Ziel ist fast immer die Gewinnung von Informationen besserer Qualität. Die Bedeutung von „bessere Qualität“ hängt dabei immer von der Applikation ab: So können beispielsweise die Daten zweier Radaranlagen zur Erfassung eines größeren Detektionsbereiches zusammengefasst (fusioniert) werden. Eine andere Anwendung der Sensordatenfusion besteht beispielsweise in der Fusion von Kamera- und Radardaten, um Objekte zu klassifizieren und die Detektionsleistung des Sensorsystems zu erhöhen.

Die Informationsfusion umfasst auch Methoden, andere Informationsquellen als Sensoren zu verknüpfen mit dem Ziel, neues und präziseres Wissen über Messwerte und Ereignisse zu gewinnen.

Die Multi-Sensor-Datenfusion (engl. multi-sensor data fusion, kurz oft auch nur Data Fusion genannt) bezeichnet die Zusammenführung und Aufbereitung von bruchstückhaften und teilweise widersprüchlichen Sensordaten in ein homogenes, für den Menschen verständliches Gesamtbild der aktuellen Situation.

Geschichte Die theoretischen Ursprünge gehen auf das Ende der sechziger Jahre zurück. Allerdings wurden diese mathematischen Prinzipien erst später auf die Technik übertragen – zunächst im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI). In dieser Disziplin wurde oftmals die Biologie, insbesondere das menschliche Gehirn, als Vorbild zur Modellierung technischer Systeme herangezogen. Berücksichtigt man die Leistungsfähigkeit des Gehirns bei der Fusion von Daten aus den unterschiedlichen Sinnesorganen, so ist es nicht verwunderlich, dass die ersten Ansätze gerade aus der KI stammen.

Ziele und Potentiale der Sensordatenfusion Bei der Auswahl von Sensoren für eine Anwendung stehen neben den Kosten vor allem Vollständigkeit, Widerspruchsfreiheit, Genauigkeit und Sicherheit der erfassten Daten im Vordergrund. Die Nutzung mehrerer Sensoren inklusive einer geschickten Verknüpfung der Ausgabedaten macht das Erreichen dieser Ziele zumindest potentiell wahrscheinlicher als die Verwendung nur eines Sensors:

Die Zuverlässigkeit des Gesamtsystems wird durch die Verwendung mehrerer Sensoren in der Regel erhöht. Es ist zum einen leichter, den Ausfall eines Sensors zu erkennen und zum anderen wird die Kompensation des Ausfalls möglich. Ein ausgefallener Sensor bedeutet also noch nicht zwangsweise den kompletten Ausfall des Gesamtsystems. Bei Verwendung mehrerer Sensoren – vor allem, wenn sie nach unterschiedlichen Messprinzipien arbeiten – erhöht sich auch die Detektionswahrscheinlichkeit. Das heißt, Phänomene werden vom Gesamtsystem auch dann erkannt, wenn einzelne Sensoren aufgrund von Umweltbedingungen in ihrer Wahrnehmung eingeschränkt oder „blind“ sind. Ein wichtiges Ziel bei der Verknüpfung von Daten mehrerer Sensoren ist die Erhöhung der Genauigkeit. Voraussetzung ist, dass die Messfehler der Sensoren nicht korreliert sind, gewissen Wahrscheinlichkeitsdichtefunktionen genügen müssen (z. B. Normalverteilung) oder vom System anders identifizierbar und quantisierbar sein müssen. Häufig werden hier Kalman-Filter verwendet und die erreichte finale Genauigkeit kann nach den Regeln der Fehlerfortpflanzung ermittelt werden. Die Sichtbereiche von Sensoren sind üblicherweise beschränkt, die Verwendung mehrerer Sensoren vergrößert den Sichtbereich des Gesamtsystems entsprechend. Die Auflösung von Mehrdeutigkeiten ist bei der Verwendung mehrerer Sensoren einfacher. Zusätzliche Sensoren liefern oft zusätzliche Informationen und erweitern so das Wissen des Gesamtsystems. Mehrere Sensoren, die dasselbe Phänomen im selben Sichtbereich erfassen, erhöhen effektiv die Messrate. Sensordatenfusion kann auch zur Kostenreduktion verwendet werden. In diesem Fall ersetzen mehrere, in Summe günstigere Sensoren einen besonders teuren Sensor.

Methoden In den letzten Jahren haben sich einige systematische Fusionsansätze herauskristallisiert, von denen an dieser Stelle die wichtigsten kurz erörtert werden sollen. Dafür sei zunächst das Fusionsproblem als Parameterschätzmodell formuliert. Von einer Quelle wird ein Parameter emittiert, der eine Realisierung der Zufallsgröße darstellt. Bei der Zielgröße kann es sich um eine Messgröße handeln, aber auch um latente Konstrukte, die keinen Anspruch auf physikalische Realität haben müssen. Im letzteren Fall kann die Größe im platonischen Sinne als eine Idealisierung der Sensordaten verstanden werden, bei der gewünschte oder bekannte Eigenschaften der Zielgröße selbst berücksichtigt werden. Mit Hilfe mehrerer Sensoren werden die Daten erfasst, welche ebenfalls als Realisierungen eines Zufallsprozesses aufzufassen sind. Die Messung entspricht einer Abbildung , die sich mathematisch mittels der bedingten Wahrscheinlichkeitsverteilung (WV) von beschreiben lässt. Im Folgenden sei angenommen, dass es sich bei und um kontinuierliche Größen handelt, die WV anhand einer Wahrscheinlichkeitsdichtefunktion beschrieben wird.

Klassische Statistik Der klassischen Statistik liegt eine empirische, frequentistische Interpretation von Wahrscheinlichkeiten zugrunde, bei der zwar die Sensordaten als Zufallsgrößen angesehen werden, nicht jedoch die Messgröße selbst. Die Schätzung von anhand der Sensordaten stützt sich auf die sogenannte Wahrscheinlichkeitsdichtefunktion , die dafür als Funktion von aufgefasst und maximiert wird:

Der zugehörige Wert heißt Maximum-Likelihood- oder ML-Schätzwert.

Bayessche Statistik In der Bayesschen Statistik wird auch die Messgröße als Realisierung einer Zufallsgröße aufgefasst, weshalb die a priori Wahrscheinlichkeitsdichtefunktion zur Bestimmung der a posteriori Wahrscheinlichkeitsdichtefunktion herangezogen wird:

Durch Maximierung dieser Gleichung erhält man die Maximum a posteriori (MAP) Lösung für den zu schätzenden Parameter :

Diese Vorgehensweise hat den wesentlichen Vorteil, dass sie die Angabe der WV für den zu schätzenden Parameter bei gegebenen Messdaten zulässt, wohingegen die Klassische Vorgehensweise lediglich die Angabe der WV für die Sensordaten bei gegebenem Parameterwert erlaubt.

Dempster-Shafer-Evidenztheorie Die Evidenztheorie wird oftmals als eine Erweiterung der Wahrscheinlichkeitstheorie oder als eine Verallgemeinerung der Bayesschen Statistik betrachtet. Sie basiert auf zwei nichtadditiven Maßen – dem Grad des Dafürhaltens (englisch: degree of belief) und der Plausibilität – und bietet die Möglichkeit, Ungewissheit detaillierter auszudrücken. In praktischen Aufgabenstellungen ist es jedoch nicht immer möglich, das verfügbare Wissen über die relevanten Größen derart differenziert darzustellen und somit die theoretischen Möglichkeiten dieses Ansatzes voll auszuschöpfen.

Fuzzy-Logik Die Fuzzy-Logik basiert auf der Verallgemeinerung des Mengenbegriffes mit dem Ziel, eine unscharfe Wissensrepräsentation zu erlangen. Dies erfolgt anhand einer sogenannten Zugehörigkeitsfunktion, die jedem Element einen Grad der Zugehörigkeit zu einer Menge zuordnet. Aufgrund der Willkür bei der Wahl dieser Funktion stellt die Fuzzy-Mengentheorie eine sehr subjektive Methode dar, die sich daher besonders zur Repräsentation von menschlichem Wissen eignet. In der Informationsfusion werden Fuzzy-Methoden eingesetzt, um Ungewissheit und Vagheit im Zusammenhang mit den Sensordaten zu handhaben.

Neuronale Netze Eine weitere Methode zur Fusion von Information sind die künstlichen Neuronalen Netze (KNN). Diese können auf durch Software simulierten Verarbeitungseinheiten basieren, die zu einem Netzwerk verschaltet werden, oder in Hardware realisiert sein, um bestimmte Aufgaben zu lösen. Ihr Einsatz ist besonders vorteilhaft, wenn es schwer oder nicht möglich ist, einen Algorithmus zur Kombination der Sensordaten zu spezifizieren. In solchen Fällen wird dem neuronalen Netz in einer Trainingsphase mit Hilfe von Testdaten das gewünschte Verhalten beigebracht. Nachteilig an neuronalen Netzen sind die mangelnden Möglichkeiten zur Einbindung von a priori Wissen über die an der Fusion beteiligten Größen.

Nachteile und Probleme der Sensordatenfusion

Neben den genannten Vorteilen existieren aber auch Probleme, die die Verwendung mehrerer Sensoren und Verknüpfung ihrer Ausgabedaten mit sich bringen können:

Höhere Datenraten belasten die Kommunikationssysteme. Die Komplexität der Kommunikation steigt an, ebenso wie der Zeitbedarf für die Übertragung und die Verarbeitung. Die Komplexität des Gesamtsystems steigt an. Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit von Fehlern bei Spezifikation und Implementierung des Systems. Die Integration der Sensoren (zum Beispiel in ein Fahrzeug) wird mit steigender Anzahl immer schwieriger. Dies liegt am Platzbedarf, an der begrenzten Anzahl der für die Messung günstigen Einbauorte und der notwendigen Kommunikations- und Versorgungseinrichtungen. Falls nicht mehrere, günstige Sensoren einen teuren Sensor ersetzen sollen, steigen die Kosten. Da die Messungen der einzelnen Sensoren typischerweise zu unterschiedlichen Zeitpunkten stattfindet und auch die Abtastzeit oft unterschiedlich ist, ergibt sich die Notwendigkeit der Synchronisation der Daten. Dies führt zu zusätzlichen Aufwänden in Software und Hardware (zum Beispiel Echtzeit-fähige Bussysteme).

Unterscheidungskriterien Ansätze zur Sensordatenfusion lassen sich nach unterschiedlichen Kriterien unterscheiden:

Funktionalität Brooks und Iyengar (1997) unterscheiden vier Arten der Sensordatenfusion hinsichtlich ihrer Funktion:

Eine komplementäre Fusion hat das Ziel, die Vollständigkeit der Daten zu erhöhen. Unabhängige Sensoren betrachten hierfür unterschiedliche Sichtbereiche und Phänomene oder messen zu unterschiedlichen Zeiten. Bei der konkurrierenden Fusion erfassen Sensoren gleichzeitig denselben Sichtbereich und liefern Daten gleicher Art. Die (oft gewichtete) Verknüpfung solcher, „konkurrierender“ Daten kann die Genauigkeit des Gesamtsystems erhöhen. Reale Sensoren erbringen die gewünschten Informationen oft nicht allein. So ergibt sich beispielsweise die benötigte Information erst aus dem Zusammensetzen der verschiedenen Ausgabedaten. Eine solche Fusion wird als kooperative Fusion bezeichnet. Ein Spezialfall ist die unabhängige Fusion. Streng genommen liegt keine echte Sensordatenfusion vor, weil hier Daten unterschiedlicher Sensoren nicht verknüpft, aber in einem gemeinsamen System verarbeitet werden.

In realen Systemen kommen typischerweise Mischformen bzw. die Kombination verschiedener Fusionstypen zum Einsatz (manchmal auch als hybride Fusion bezeichnet).

Ebenen der Sensordatenfusion Hall & Llinas (1997) unterscheiden drei Ebenen der Sensordatenfusion: Bei der data fusion werden die rohen Sensordaten vor weiteren Signalverarbeitungsschritten miteinander verschmolzen. Beispiel: Geräuschunterdrückung mit Hilfe von Beamforming. Bei der feature fusion erfolgt vor der Verschmelzung eine Extraktion eindeutiger Merkmale. Die neu kombinierten Merkmalsvektoren werden im Anschluss weiterverarbeitet. Beispiel: Audiovisuelle Spracherkennung. Hierbei werden akustische und visuelle Merkmalsvektoren kombiniert, um durch die Kombination von Sprachlauten und Lippenbewegungen auch in lauten Umgebungen oder bei gestörten Kanälen akzeptable Erkennraten zu erzielen. Bei der decision fusion erfolgt die Zusammenführung erst nachdem alle Signalverarbeitungs- und Mustererkennungsschritte durchgeführt wurden.

Fusionsarchitektur Nach Klein (1999) lassen sich Fusionsansätze nach folgenden Architekturtypen unterscheiden: