Der Shifta-Krieg war ein Konflikt in der nordöstlichen Region Kenias, in dem Teile der lokalen Somali-Bevölkerung für den Anschluss des Gebietes an ein Groß-Somalia kämpften. Er begann nach der Unabhängigkeit Kenias von Großbritannien 1963. Die Bezeichnung „Shifta-Krieg“ wurde von der kenianischen Regierung geprägt, nach dem Somali-Wort shifta für „Bandit“.

Zur Aufstandsbekämpfung siedelten die General Service Units der kenianischen Armee und Polizeisiehe :en:General Service Unit Zivilisten in von der Regierung kontrollierte Dörfer um und töteten zudem Vieh der Somali-Hirten in großer Zahl. Der eigentliche Krieg endete 1967, als Somalias Präsident Abdirashid Ali Shermarke ein Waffenstillstandsabkommen mit Kenia unterzeichnete. Unorganisierte Banditenaktivitäten, teilweise verbunden mit sezessionistischer Agitation, dauerten jedoch noch in den folgenden Jahrzehnten an, der Ausnahmezustand in Nordostkenia dauerte bis 1991. Der Konflikt und die Aufstandsbekämpfungsmaßnahmen des Staates brachten erhebliche Veränderungen des traditionellen Lebens in der Region mit sich und trugen zum Übergang von Nomadentum zu einem oft prekären Leben in Sesshaftigkeit bei.

Hintergrund und Vorgeschichte Im 19. Jahrhundert drangen Somali von den Clans der Darod sowie Hawiya von Osten her in das heutige Nordostkenia vor. Dabei drängten sie die vorhandene Orma- und Borana-Oromo-Bevölkerung weitgehend nach Westen ab. Die britische Kolonialmacht Britisch-Ostafrikas sah diese Expansion der als feindlich und kriegerisch geltenden Somali als Bedrohung und beendete sie etwa an der Wende zum 20. Jahrhundert.Catherine Besteman: Unraveling Somalia – Race, Violence, and the Legacy of Slavery, University of Pennsylvania Press 1999, ISBN 978-0-8122-1688-2: S. 57f.

Von 1926 bis 1934 schlossen die britischen Kolonialbehörden den großmehrheitlich von ethnischen Somali bewohnten Northern Frontier District (Nördlicher Grenzdistrikt, NFD) Britisch-Ostafrikas, bestehend aus der heutigen kenianischen Countys Garissa, Isiolo, Mandera, Marsabit und WajirBoniface Ongeri und Victor Obure: , in: business.highbeam.com, 9. Dezember 2004, ab, sodass Ein- und Ausreise nur mit entsprechenden Pässen möglich war.Nene Mburu: "Contemporary Banditry in the Horn of Africa: Causes, History and Political Implications" (PDF, 118 KB; 121 kB), in Nordic Journal of African Studies 8(2): 89–107 (1999) (S. 99)

Trotz dieser Einschränkungen der Bewegungsfreiheit bot die traditionelle, meist nomadisch betriebene Viehzucht in dieser ariden Region eine gute Lebensgrundlage, und den Nicht-Somali – die eine kleine Minderheit der Bevölkerung ausmachtenAfrica Watch Committee: Kenya: Taking Liberties, Yale University Press 1991 (S. 269)Women's Rights Project: The Human Rights Watch Global Report on Women's Human Rights, Yale University Press 1995 (S. 121)Francis Vallat: First report on succession of states in respect of treaties: International Law Commission twenty-sixth session 6 May-26 July 1974, United Nations 1974 (p.20) – ging es wirtschaftlich relativ gut. Der Anthropologe Paul Baxter schrieb 1953:

„Die Boran und Sakuye waren wohlgenährt und gut gekleidet, und obwohl das Hirtenleben immer körperlich anstrengend ist, führten die Menschen ein würdiges und zufriedenstellendes Leben... Sie hatten eindeutig einige Jahre wirtschaftlicher Prosperität hinter sich. Der Distriktkommissar kommentierte 1940 in seinem Übergabebericht: ‚Die Ewaso-Boran sind durch Wohlstand und angenehmes Leben zu einem müßigen und feigen Haufen degeneriert‘...“Paul T.W. Baxter, 1993, The 'New' East African Pastoralist: An Overview, in: John Markakis (Hrsg.), Conflict and the Decline of Pastoralism in the Horn of Africa, London:MacMillan, pp. 145–146, zit. in Alex de Waal, 1997, Famine Crimes: Politics & the Disaster Relief Industry in Africa, African Issues series, African Rights & the International African Institute, ISBN 0-253-21158-1 (S. 39) the Boran and the Sakuye were well-nourished and well-clothed and, though a pastoral life is always physically demanding, people led dignified and satisfying life... They had clearly been prospering for some years. In 1940, the District Commissioner commented in his Handing Over Report: "The Ewaso Boran have degenerated through wealth and soft living into an idle and cowardly set"...

Als sie am 26. Juni 1960 Britisch-Somaliland in die Unabhängigkeit entließ und dieses sich mit Italienisch-Somaliland zu Somalia verband, erklärte die britische Regierung, dass alle von Somali bewohnten Gebiete unter einer Verwaltung vereinigt werden sollten. Bei der Auflösung der britischen Kolonialgebiete in Ostafrika wurde der NFD jedoch Kenia zugeschlagen, obwohl das Gebiet größtenteils von Somali bewohnt ist und einer Volksbefragung zufolge eine große Mehrheit der Bevölkerung den Anschluss an Somalia wünschte.David D. Laitin: Politics, Language, and Thought: The Somali Experience, University Of Chicago Press 1977 (S. 75)Women's Rights Project: The Human Rights Watch Global Report on Women's Human Rights, Yale University Press 1995, S. 121Francis Vallat: First report on succession of states in respect of treaties: International Law Commission twenty-sixth session 6 May-26 July 1974, United Nations 1974, (S. 20) Die Selbstbestimmung der Somali sollte durch das föderalistische System sichergestellt werden, das die Briten für die Verfassung Kenias vorschlugen. Kenia nahm jedoch bald nach seiner Unabhängigkeit 1963 ein zentralistisches System an.Countrystudies.us: Somalia: Pan-Somalism Vertreter Somalias sahen dies als absichtliche Täuschung der Somali durch Großbritannien:

„Es war klar, dass die britische Regierung in den letzten 18 Monaten nicht nur die Regierung Somalias vorsätzlich irregeführt hat, sondern auch in täuschender Weise die Bewohner der North Eastern Province ermutigt hat zu glauben, ihr Selbstbestimmungsrecht könnte von der britischen Regierung auf friedlichem und legalem Wege gewährt werden.“Maj. Tom Wanambisi: The Somali Dispute: Kenya Beware, für das Marine Corps Command and Staff College, 6. April 1984 (auf globalsecurity.org)It was evident that the British Government has not only deliberately misled the Somalia Government during the course of the last eighteen months, but has also deceitfully encouraged the people of North Eastern Province to believe that their right to self-determination could be granted by the British Government through peaceful and legal means.

Unter Führung der Northern Province People's Progressive Party (NPPPP) setzten sich die Somali im NFD für eine Vereinigung mit Somalia ein.Bruce Baker: Escape from Domination in Africa: Political Disengagement & Its Consequences, Africa World Press 2003 (S. 83) Die kenianische Regierung reagierte darauf verschiedentlich mit repressiven Maßnahmen:

„Somalische Führungspersönlichkeiten wurden routinemäßig in Präventivhaft genommen, wo sie noch bis Ende der 1970er Jahre verblieben. Die North Eastern Province war (zusammen mit weiteren Gebieten Kenias) als scheduled area nicht für die Öffentlichkeit zugänglich (für alle Auswärtigen, auch Parlamentarier, gesperrt, angeblich um die nomadischen Einwohner zu schützen), und Nachrichten aus der Region waren sehr schwer zu bekommen. Es gab jedoch eine Reihe von Berichten, in denen den Kenianern vorgeworfen wurde, ganze Dörfer somalischer Bürger abzuschlachten und große ‚geschützte Dörfer‘ zu errichten – in Tat und Wahrheit Konzentrationslager. Die Regierung weigerte sich, die ethnisch-irredentistischen Motive der Somali anzuerkennen, und verwies in offiziellen Erklärungen immer auf das shifta- (Banditen-)Problem in dem Gebiet.“Rhoda E. Howard: Human Rights in Commonwealth Africa, Rowman & Littlefield Publishers, Inc. 1986 (S. 95)Somali leaders were routinely placed in preventive detention, where they remained well into the late 1970s. The North Eastern Province was closed to general access (along with other parts of Kenya) as a "scheduled" area (ostensibly closed to all outsiders, including members of parliament, as a means of protecting the nomadic inhabitants), and news from it was very difficult to obtain. A number of reports, however, accused the Kenyans of mass slaughters of entire villages of Somali citizens and of setting up large "protected villages" -- in effect concentration camps. The government refused to acknowledge the ethnically based irredentist motives of the Somalis, making constant reference in official statements to the shifta (bandit) problem in the area.

Der Konflikt (1963–1967) Es kam zu Scharmützeln zwischen der kenianischen Armee und den Aufständischen der Northern Frontier District Liberation Movement (NFDLM), die von Somalia unterstützt wurden. Daraufhin schloss Kenia unter Jomo Kenyatta 1964 ein Verteidigungsabkommen (Mutual Defense Agreement) mit Äthiopien unter Haile Selassie, welches ebenfalls mit somalischen Gebietsansprüchen (auf Ogaden) konfrontiert war. Die beiden Länder wollten so gemeinsam auf den somalischen Irredentismus reagieren.John Kamau, East African Standard: How Kenya Averted War With Somalia, 18. Januar 2004 (auf somalilandtimes.net) Das Abkommen hatte indes wenig praktische Auswirkungen, da beide Länder die Waffenlieferungen aus Somalia an somalische Rebellen in ihrem Gebiet nicht aufhalten konnten.

Die Regierung verhängte einen Ausnahmezustand über das Gebiet. Dieser erlaubte es den Sicherheitskräften, Personen für bis zu 56 Tage ohne Prozess in Haft zu nehmen, den Besitz von Gemeinschaften zu beschlagnahmen, denen „Banditentum“ vorgeworfen wurden, und die Versammlungs- und Bewegungsfreiheit zu beschränken. Entlang der Grenze zu Somalia wurde eine „verbotene Zone“ errichtet, und für unerlaubtes Tragen von Feuerwaffen wurde die Todesstrafe zwingend vorgeschrieben (mandatory). Es wurden auch „Sondergerichte“ errichtet, die keine Rechtssicherheit boten. Der Nordosten wurde zum Special District erklärt und unterstand nahezu unbeschränkter Kontrolle der Regierung, einschließlich der Möglichkeit, ganze Stämme zu verhaften und umzusiedeln und jegliches Land zu beschlagnahmen.de Waal 1997 (S. 40) Um die Öffentlichkeit nicht zu beunruhigen, wurde indes die Voice of Kenya angewiesen, den Konflikt nicht als „Grenzstreit“ zu bezeichnen, und ein Komitee der Regierung entschied, die Rebellen „Shiftas“ zu nennen, um sie als gewöhnliche Kriminelle darzustellen und den politischen Charakter des Konflikts in den Hintergrund zu rücken.

In Wirklichkeit sah die kenianische Regierung die Rebellen und dazu die wachsende Stärke des somalischen Militärs als ernsthafte Bedrohung. Zum Zeitpunkt seiner Unabhängigkeit 1960 hatte Somalia über eine schwache Armee von gerade 5000 Mann verfügt. 1963 bat es jedoch die Sowjetunion um Unterstützung, die mit einem Kredit von 32 Mio. US-Dollar auch gewährt wurde. Bis 1969 waren 800 somalische Offiziere in der Sowjetunion ausgebildet worden, die Armee war gut ausgerüstet und auf 23.000 Soldaten angewachsen. Zur Befürchtung eines offenen Krieges gegen Somalia kam der vermehrte Einsatz von Landminen durch die Rebellen in Kenia hinzu. In einem Brief vom 29. Juli 1966 warnte der Permanente Verteidigungssekretär Danson Mlamba den für Propaganda zuständigen Permanenten Sekretär für Information und Rundfunk Peter Gachathi vor:

„...zunehmenden Verlusten von Arme und Polizei... und der jüngste Vorfall, über den wir Stillschweigen wahren und bei dem ein Land Rover der Polizei von einer Landmine in die Luft gesprengt wurde, das Fahrzeug ruiniert und zwei Offiziere getötet wurden, ist eine sehr ernstzunehmende Entwicklung.“mounting casualties to the army and police... and the last incident, which we are keeping quiet about, when a police Land Rover was blown up by a mine which killed two officers and wrecked the vehicle is a very serious development.