Marcomagus ist ein römerzeitlicher Siedlungsbezirk an der Römerstraße Trier–Köln. Er ist im Itinerarium Antonini als „Marcomago Vicus“ und auf der Tabula Peutingeriana als „Marcomagus“ verzeichnet.

Der Eifelort Marmagen im Kreis Euskirchen leitet seinen Namen von diesem römischen Vicus ab. Die heutige Ortslage von Marmagen weist aber keine nennenswerten römischen Siedlungsspuren auf. Marmagen geht daher wohl auf eine oft vorkommende Namensübertragung in merowingischer Zeit, d. h. im 6. oder 7. Jahrhundert, oder danach zurück.

Marcomagus ist zwischen Marmagen und Nettersheim an der Urft anzunehmen. Der ursprüngliche Straßenvicus entwickelte sich in der römischen Kaiserzeit zu einem umfangreichen Siedlungsbezirk mit Tempelanlagen, Werk- und Fabrikationsplätzen und einem dementsprechenden dichten Netz von Wegen und Straßen. Eine hohe Funddichte römischer Spuren belegt eine kulturelle und wirtschaftliche Blütezeit. In der Nähe von Marcomagus beginnt in der Flur „Grüner Pütz“ die römische Eifelwasserleitung, der sogenannte Römerkanal, der Eifelwasser in die Colonia Claudia Ara Agrippinensium, das römische Köln, leitete.

Seit 2009 wird in der Gemarkung Nettersheim an der Urft ein römischer Vicus archäologisch untersucht, und am 18. Mai 2014 wurde im Bereich des Vicus ein Archäologischer Landschaftspark eröffnet, in dem sich die teilrekonstruierte Görresburg befindet und im Bereich „Auf der Alten Gasse“ einige Streifenhäuser sowie am „Steinrütsch“ das Kleinkastell angedeutet sind. 300px|rechts|Die Provinz Germania auf der Tabula Peutingeriana (Kopie des 17. Jahrhunderts)

Forschungsgeschichtlicher Überblick mini| Eifelkarte von Alexandre von Wiltheim (1604–1695) mini|Quellfassung der Eifelwasserleitung nach Köln am „Grünen Pütz“ bei Nettersheim mini|Römerstraße im Hang des Urfttales bei Nettersheim mit deutlicher Spurrille im Fels unten links mini|„Görresburg“ am nördlichen Ende des Vicus mini|Abguss eines von der „Görresburg“ stammenden Matronensteins für die Matronae Aufaniae. Gestiftet wurde der Weihestein von dem Straßenpolizisten Marcus Aurelius Agripinus. Insbesondere für die Marmagener Ortsgeschichte ist es wichtig, wann der Vicus „Marcomagus“ an der Römerstraße Trier–Köln, deren Bau Voraussetzung für die Entstehung des Vicus war, gegründet wurde; auch die Frage, wo er lag, ist schon sehr alt:

Marcomagus in der alten Literatur Der römische Historiker Tacitus verweist indirekt auf die Römerstraße nach Trier im 41. Kapitel des 1. Buches seiner AnnalenP. Cornelius Tacitus: Annalen. Lateinisch-Deutsch. Herausgegeben von Erich Heller. Mit einer Einführung von Manfred Fuhrmann (= Sammlung Tusculum). 3. Auflage. Düsseldorf und Zürich 1997., in dem er über die Meuterei der Legionen im Jahr 14 n. Chr. schreibt.

In den Gesta TreverorumEmil Zenz (Hrsg.): Die Taten der Trierer. Band 1, Von den Anfängen bis zum Jahre 1124. Paulinus Verlag, Trier 1955. des 12. Jahrhunderts wird berichtet, dass zur Zeit des heiligen Maternus die Trierer einen unterirdischen Kanal durch den Bedagau bis Köln erbaut hätten, um ihre Kölner Freunde auf diese Weise mit Wein zu versorgen. Im Volksmund erhielt das Bauwerk den Beinamen Teufelskanal.

In der geographisch-historischen Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts, so bei Aegidius Gelenius, Christoph Brouwer und Johann Friedrich SchannatEiflia illustrata, Handschrift von 1739, Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Depositum Stadt Köln, Band 5. stellen Marcomagus bzw. Marmagen, die Römerstraße Trier–Köln, die in dieser Zeit noch in Teilen als Verkehrsweg benutzt wird, und der Römerkanal eine ungeschiedene Einheit dar.

Der berüchtigte Marmagener Meilenstein Ein Streit über das Alter der Römerstraße und somit auch des an ihr gelegenen Marcomagus – ausgetragen in den Schriften des Vereins der Altertumsfreunde Bonn – entzündet sich an dem sogenannten Marmagener Meilenstein.

Johann Friedrich Schannat berichtet auf den ersten Seiten der Eiflia illustrata von 1739, dass der Graf von Manderfeld-Blankenheim in seinem Museum auf Burg Blankenheim einen römischen Meilenstein beherberge, den er im Jahre 1590 im „Busch Morall“ bei Marcomagus gefunden habe. Eine frühere Nachricht von diesem Meilenstein ist im 4. Kapitel des 3. Buches des Werkes Luciliburgensia sive Luxemburgum Romanum von 1680 des luxemburgischen Gelehrten und Archäologen Alexander von Wiltheim (1604–1684) zu finden, in dem er die Römerstraße Trier-Köln beschreibt. Die von Schannat und Wiltheim überlieferte Inschrift des Meilensteines ist aber nicht übereinstimmend.

Schannat vermerkt auch, dass dieser Meilenstein verloren gegangen sei, nachdem die Grafen von Manderfeld-Blankenheim ihren Blankenheimer Besitz verlassen mussten. Die von ihm erwähnte Ortsbezeichnung „Busch Morall“ findet sich in der Tranchotkarte und bezeichnet einen bewaldeten Bergrücken u. a. in der Gemarkung Nettersheim östlich der Urft. Der in der Tranchotkarte „Mürell Busch“ genannte bewaldete Bergrücken heißt heute „Der Mürel“.

Da in der überlieferten Inschrift des Steines der römische Statthalter Marcus Vipsanius Agrippa erwähnt worden sein soll, der 12 v. Chr. gestorben ist, begründen Schannat und in der Folge viele andere Eifelhistoriker damit die Annahme, dass die Römerstraße Köln-Trier schon vor Christus gebaut worden sei, und folgern daraus, dass der Vicus „Marcomagus“ mehr als 2000 Jahre alt ist.

Der Mechernicher Bergbeamte Bernhard Clemens August Eick und andere Altertumsforscherz. B. weisen darauf hin, dass in der Inschrift des Meilensteines die Colonia Claudia Ara Agrippinensium, das römische Köln, erwähnt wird, wohin die Entfernung mit 39.000 Passus angegeben ist. Da aber die Colonia Claudia Ara Agrippinensium erst 50 ausgerufen worden sei, so ihre Argumentation, könne dieser Stein nicht aus vorchristlicher Zeit stammen. Nach Eick stammt der Meilenstein aus dem Jahre 226 n. Chr. und hat keine Inschrift, die Marcus Vipsanius Agrippa nennt.

Bodenprospektion des 19. Jahrhunderts Erst im 19. Jahrhundert, ausgelöst durch die französische und preußische Kartenaufnahme der Rheinlande 1800–1828, rückt die Frage in den Mittelpunkt, wo geographisch genau Marcomagus anzusiedeln sei. Friedrich Wilhelm Schmidt und Bernhard Clemens August Eick machen sich anhand der alten Beschreibungen in die Eifel auf und treffen auf Überreste der römischen Wasserleitung mehrere Kilometer entfernt vom Dorf Marmagen im Urfttal; Eick untersuchte den Beginn der Eifelwasserleitung in einer Flur namens „Grüner Pütz“.

Auch der preußische General von Veith erkundete in den 1880er Jahren die Römerstraße Trier–Köln.Von Veith: Die Römerstraße von Trier nach Köln. In: Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande, Heft LXXXIX, Bonn 1885, S. 1–27. Der Kustos des Provinzialmuseums Bonn, Joseph Hagen, fasste 1923 und 1931 die damaligen Erkenntnisse zu diesem römischen Verkehrsweg im 8. Band der Erläuterungen zum Geschichtlichen Atlas der Reinlande zusammen, wobei auch die Forschungen von F. W. Schmidt und C. von Veith berücksichtigt wurden.Klaus Grewe: Die Agrippastraße zwischen Köln und Trier. In: Jürgen Kunow (Hrsg.): Erlebnisraum Römerstraße Köln-Trier. Erftstadt-Kolloquium 2007. (= Materialien zur Bodendenkmalpflege im Rheinland. Heft 18). Eine Veröffentlichung des Landschaftsverbandes Rheinland Rheinisches Amt für Bodendenkmalpflege. 2007, ISBN 978-3-9806426-9-9, S. 32.

Hagen findet in Übereinstimmung mit seinen Vorgängern einen weitgehend einheitlichen Verlauf der römischen Fernstraße von Trier bis Icorigium. Bei dem nachfolgenden Streckenabschnitt über den Nettersheimer Rücken und durch das Urfttal forderten die naturlandschaftlichen Bedingungen schon von den Römern Kompromisse in Bezug auf die gradlinige Streckenführung ihrer Fernstraße. So tritt im Bereich von Marcomagus ein unübersichtliches Bild von Zweigen, Nebenzweigen und Kreuzungen der Römerstraße zu Tage. Da Hagen und seine Vorgänger aber weder eine Zeitstellung noch eine Klassifizierung der Straßenfunde vornehmen, vielmehr von gleichzeitigen und gleichrangigen Straßenzügen ausgehen, so konkurrieren ihre Erkenntnisse um den vermeintlich authentischen Streckenverlauf erheblich.

Der Besitzer der damaligen Kneipp’schen Kuranstalt in Nettersheim Paul Meller ließ am „Steinrütsch“ 1895 ein Viereck mit 10 m Seitenlänge ausheben und fand römische Sandsteinblöcke und anderes Baumaterial von Gebäuden, die durch Brand zerstört worden sein müssen; in der Asche befanden sich auch Münzen und sonstige Gegenstände.

Neuere Forschungsansätze In den neueren ForschungenHeinz-Günter Horn (Hrsg.): Die Römer in Nordrhein-Westfalen. Stuttgart 1987. ist das erkenntnisleitende Interesse nicht mehr allein von territorialstrategischen Aspekten bestimmt. Die praktischen Lebensverhältnisse im römischen Rheinland stehen im Mittelpunkt der Forschung, und die dreihundertjährige siedlungsgeschichtliche Entwicklung des ursprünglich römischen Straßenpostens „Marcomagus“ zu einem kulturell und wirtschaftlich ausgedehnten Siedlungsbezirk rückt in den Blickpunkt.

Bezogen auf die Infrastruktur müssen damit bei den Römerstraßen neben der eigentlichen Fernstraße Trier–Köln als via militaria (Heerstraße) die via vicinalis (Provinzstraße oder Landstraße), und vor allem die via privata, die Privatstraße, in Betracht gezogen werden, die als Verbindungsstraße zwischen römischen Gutshöfen oder als Wirtschaftsweg zu Ackerterrassen und Pingenfeldern diente.

Neue und zugleich unerwartete Erkenntnisse brachte die luftarchäologische Prospektion der Nettersheim-Marmagener Hochfläche in den 1980er Jahren durch Gunter AmtmannGunter Amtmann auf http://www.wingarden.de/wing/luftprosp/fernstrasse/01.html: Auf Luftbildern lässt sich hier die Römerstraße Trier–Köln erkennen, da sie sich farblich als heller Streifen von den übrigen Ackerflächen abhebt.Klaus Grewe: Die Agrippastraße zwischen Köln und Trier. In: Jürgen Kunow (Hrsg.): Erlebnisraum Römerstraße Köln-Trier. Erftstadt-Kolloquium 2007. (= Materialien zur Bodendenkmalpflege im Rheinland. Heft 18). Eine Veröffentlichung des Landschaftsverbandes Rheinland Rheinisches Amt für Bodendenkmalpflege. 2007, ISBN 978-3-9806426-9-9, S. 33. Seit 1994 unternimmt das Rheinische Amt für Bodendenkmalpflege neue Bodenuntersuchungen zum nordrhein-westfälischen Streckenabschnitt der Römerstraße Trier-Köln.

Ausgrabungen im Bereich des Vicus Folgende Ausgrabungen wurden bisher im Bereich des Vicus durchgeführt: Die „Görresburg“ wurde im Jahre 1909 von Joseph Hagen und Hans Lehner ausgegraben. 1965 erfolgte der Versuch einer Ausgrabung am „Steinrütsch“ durch Walter Sage, die aber bedingt durch Wassereinbrüche nur Teilergebnisse brachte. Seit Herbst 1975 wurden in der Gemeinde Nettersheim in vier römischen Denkmalbezirken bekannte Befunde gesichert und teilweise teilrekonstruiert; dazu gehörten auch der „Steinrütsch“ und die „Görresburg“. 2009 begannen die archäologischen Untersuchungen des gesamten Vicus durch das Archäologischen Institut der Universität Köln; die Ausgrabungen umfassen den „Steinrütsch“, die „Görresburg“ und auch den Bereich „Auf der Alten Gasse“.

Die archäologischen Untersuchungen des Vicus seit 2009 mini|Blick auf den „Steinrütsch“ mit dem angedeuteten Kleinkastell und auf den Bereich „Auf der Alten Gasse“. Zwischen beiden Bereichen befinden sich die Urft und die Bahntrasse. Seit 2009 wird das Gebiet vom „Steinrütsch“ bis zur Görresburg vom Archäologischen Institut der Universität Köln untersucht. Man erforscht hierbei einen römischen Vicus, der sich von der „Görresburg“ () bis zum „Steinrütsch“ () in der Urftaue erstreckte.Heinz Günter Horn: Agrippastraße Köln-Trier. Teilstrecke Nettersheim. Von Serpentinen, Tempeln und Wachstationen. 1. Auflage. J.P. Bachem Verlag, Köln 2011, S. 39–40. Er hatte eine überregionale Bedeutung.Mariola Hepa, Michelle Forrest und Savatore Ortisi: Neue Untersuchungen im vicus von Nettersheim. In: Jürgen Kunow (Hrsg.): Archäologie im Rheinland 2009. S. 91.