|} Die Bahnstrecke Waldheim–Rochlitz war eine rund 21 km lange eingleisige Nebenbahn in Sachsen. Sie verlief von Waldheim über Hartha und Geringswalde nach Rochlitz. Die 1893 eröffnete Strecke wurde 1998 stillgelegt. Während ihrer Betriebszeit diente sie vorwiegend der Versorgung der regionalen Industrie- und Handelsbetriebe sowie dem lokalen Personenverkehr.
Geschichte Vorgeschichte Schon in den 1870er Jahren gab es Bestrebungen zum Bahnbau zwischen Waldheim und Rochlitz. 1871 wurde die erste Eingabe an den Sächsischen Landtag gerichtet. Das Vorhaben wurde aber von der Ersten Kammer abgelehnt. Starkes Interesse an einer Bahnverbindung hatten besonders die Städte Geringswalde und Hartha, die sich davon Vorteile für ihre wirtschaftliche Entwicklung versprachen. Jedoch wurde auch die 1872 gestellte Petition, die von Geringswalde, Hartha, Rochlitz und Waldheim unterstützt wurde, abschlägig beschieden. Auch in der Folgezeit konnten keine Fortschritte bei den Bemühungen erzielt werden.Steffen Kluttig: Eisenbahnhistorie im Muldenland – Der Eisenbahnknoten Rochlitz und seine Sandbahnen, S. 25 f.
Immerhin genehmigte man 1882 erste Voruntersuchungen zur Rentabilität der Strecke. Am 16. April 1883 wurde das Bauvorhaben erneut abgelehnt. Mit der Eingabe vom 12. November 1883 waren die anliegenden Ortschaften bereit, die für den Bahnbau benötigten Grundstücke auf eigene Kosten aufzukaufen. Im Dezember 1883 wurde der Geringswalder Bürgermeister selbst bei Ministerien und Eisenbahndeputationen in Dresden vorstellig. Am 7. November 1887 wendeten sich daraufhin die Städte Geringswalde, Hartha, Rochlitz und Waldheim mit einer Petition an die Zweite Kammer, in der sie sich über die schleppende Entwicklung beschwerten.Steffen Kluttig: Eisenbahnhistorie im Muldenland – Der Eisenbahnknoten Rochlitz und seine Sandbahnen, S. 26 f.
Schließlich wurden 1888/89 erste Vorarbeiten für eine Sekundärbahn genehmigt, die noch 1889 begannen. Der eigentliche Bahnbau wurde am 13. März 1890 von der Zweiten Kammer des Sächsischen Landtags erlaubt, die Einwilligung der Ersten Kammer erfolgte kurz darauf. Die genaue Streckenführung war aber noch nicht festgelegt, besonders die Lage des Bahnhofs Hartha war strittig. Ein stadtnaher Bahnhof hätte die Strecke um rund einen Kilometer verlängert sowie zwei weitere Brücken erfordert, eine südlichere Streckenführung dagegen eine größere Entfernung zum Zentrum bedeutet. Trotz des ausdrücklichen Wunsches von Harthas Nachbargemeinden, die Strecke nördlich der Stadt zu führen, setzten sich die Unterstützer der südlichen Variante durch. Damit wurde der Geringswalder Bahnhof ebenfalls südlich der Stadt angelegt. Für den weiteren Streckenverlauf nach Rochlitz standen Varianten durch das Auenbachtal oder das Aubachtal zur Wahl, die größere Zahl der anzubindenden Gemeinden und die zu erwartenden Neigungsverhältnisse gaben den Ausschlag zugunsten der letzteren.
Bau und Eröffnung der Strecke
Die Bauarbeiten begannen am 1. April 1891. Sowohl in Waldheim als auch in Rochlitz wurden Baubüros eingerichtet, die für den Bahnbau zuständig waren. Vorerst beschränkte sich deren Tätigkeit auf Vermessungen, Grundstücksaufkauf, Bereitstellung von Materialien und Anwerbung von Arbeitskräften. Am 27. Oktober 1891 erfolgte der erste Spatenstich an der Brücke über die Zwickauer Mulde, dem größten Ingenieurbauwerk der Strecke. Umfangreichere Arbeiten fanden aber erst ab Juni 1892 statt. In Döhlen musste ein Teil des Hausberges abgetragen werden, um Platz für Bahn und Straße zu schaffen. Mit dem abgetragenen Gestein wurde das Gelände an der Haltestelle aufgefüllt. Im August 1892 begannen die Arbeiten in Hartha und in Geringswalde, wo zur Planierung des Bahnhofsgeländes 96000 m³ Erdreich bewegt werden mussten. Im November 1892 wurden die Arbeiten in Waldheim aufgenommen. Dort bestanden nach der Erweiterung des Bahnhofs und Abtragung des Hanges an seiner Nordwestseite im Jahr 1888 günstige Voraussetzungen für den Bau.
Zunächst war geplant, die Strecke innerhalb eines Jahres fertigzustellen, da nur zwei größere Kunstbauten erforderlich waren. Der für den 1. Juli 1893 geplante Fertigstellungstermin konnte jedoch nicht gehalten werden, so wurden Gleise erst ab August 1893 verlegt. Zwar wurde kurz darauf für den September 1893 ein Fahrplan veröffentlicht, aber fertig wurde die Strecke schließlich erst im November. Die erste Lokomotive traf am 6. Oktober 1893 in Hartha ein. Nach zweimaliger Verschiebung wurde die Strecke mit sechsmonatiger Verzögerung unter großer Anteilnahme der Bevölkerung am 6. Dezember 1893 mit einem Sonderzug feierlich eröffnet.Steffen Kluttig: Eisenbahnhistorie im Muldenland – Der Eisenbahnknoten Rochlitz und seine Sandbahnen, S. 27 ff. Zuvor wurde die Postkutschenverbindung zwischen Geringswalde und Rochlitz eingestellt.Steffen Kluttig: Eisenbahnhistorie im Muldenland – Der Eisenbahnknoten Rochlitz und seine Sandbahnen, S. 11 Mit der Eröffnung erhielt die Strecke ein in Sachsen übliches Kürzel für eine Eisenbahnstrecke, für die Bahnstrecke Waldheim–Rochlitz lautete es WR.
Betrieb Kursbuchstrecke Zeitraum 459 1914 145n 1939 170f 1941, 1941/42 170b 1944 433 1977, 1981/82 528 1997
mini|Güterzug mit sächsischer V V auf der Klosterbachbrücke Die Bahnstrecke diente vorwiegend lokalen Bedürfnissen. Der erste Fahrplan sah vier Zugpaare täglich vor. 1914 verkehrten auf der Kursbuchstrecke 459 werktags acht Züge Richtung Waldheim und sechs Richtung Rochlitz, die für die 21 km lange Strecke etwa 60 bis 70 Minuten brauchten. Hinzu kam ein weiterer Zug von Waldheim bis Geringswalde.Hendschels Telegraph – Mai 1914 auf www.deutsches-kursbuch.de (abgerufen am 8. April 2013) Kurzzeitig verkehrten auch an einzelnen Wochentagen durchgehende „Theaterzüge“ nach und von Döbeln. Eine FotografieErich Preuß, Reiner Preuß: Sächsische Staatseisenbahnen. Transpress 1991 belegt den Einsatz der sächsischen Baureihe V V. Nach dem Ersten Weltkrieg sanken die Transportleistungen, zeitweilig fand sogar sonntags kein Personenzugverkehr mehr statt. Zu weiteren Verkehrsstörungen kam es beim Eisenbahnerstreik im Februar 1922. Erst Ende der 1920er Jahre stabilisierten sich die Verkehrsleistungen wieder. Zu dieser Zeit wurde die generelle Fahrplangestaltung als ungenügend empfunden. So wünschte man sich durchgehende Züge von Waldheim bis Narsdorf und bessere Anschlüsse, auch das eingesetzte Wagenmaterial wurde als nicht mehr zeitgemäß angesehen. Die Fahrzeit von durchschnittlich 60 bis 70 Minuten bei reinen Personenzügen hatte sich zu dieser Zeit nicht verändert, auch die Anzahl der Züge (werktags 8 Züge in beide Richtungen, dazu ein weiterer nur von Waldheim bis Geringswalde).Steffen Kluttig: Eisenbahnhistorie im Muldenland – Der Eisenbahnknoten Rochlitz und seine Sandbahnen, S. 38 ff.
Am 26. September 1940 wurde die Brücke über die Straße von Arras nach Milkau mit Hilfe eines Eisenbahndrehkrans ausgetauscht. Den Zweiten Weltkrieg überstand die Strecke unbeschädigt, Brückensprengungen – wie sie bei anderen Strecken der Umgebung oftmals stattfanden – wurden nicht durchgeführt.
Um 1980 verkehrten im Personenverkehr montags bis freitags drei lokbespannte Zugpaare zwischen Waldheim und Rochlitz mit einer Fahrzeit von etwa 40 min, an Wochenenden zwei lokbespannte Zugpaare und zwei von und nach Altenburg durchgebundene Zugpaare als Triebwagen. Der morgendliche Personenzug von Waldheim nach Rochlitz lief werktags weiter bis Narsdorf. Dazu kam montags bis sonnabends ein GmP-Zugpaar zwischen Geringswalde und Rochlitz, in dessen Fahrplanlage sonntags reine Güterzüge fuhren.Kursbuch der Deutschen Reichsbahn, Winterfahrplan 1977/78 und Winterfahrplan 1981/82 Typische Triebfahrzeuge waren zu dieser Zeit die Baureihen 110, 106 und 171/172 der DR, gelegentlich kam auch die Baureihe 118 (sechsachsig) zum Einsatz.
Die Strecke wurde ab 1987 auf dem Abschnitt Waldheim–Döhlen für eine Achslast von 21 Tonnen ausgebaut, was insbesondere die Erneuerung fast aller Brücken auf diesem Abschnitt erforderte. Die Brücke über den Klosterbach in Geringswalde wurde damals nur durch eine voll tragfähige Behelfsbrücke ersetzt, der Einbau einer dauerhaften Konstruktion unterblieb. Ebenso wenig wurde die Brücke über die Zwickauer Mulde zwischen Döhlen und Rochlitz erneuert. Hintergrund der Ausbaumaßnahmen war der Bau eines zentralen Heizkraftwerks für die Stadt Rochlitz in Döhlen, das mit Braunkohle aus dem Lausitzer Braunkohlerevier versorgt werden sollte. So war die Strecke im Sommer 1988 für mehrere Monate durch Bauarbeiten gesperrt. Dabei waren auch Eisenbahnpioniere und Bausoldaten der Nationalen Volksarmee beteiligt. Allerdings wurde das Heizkraftwerk bedingt durch die Wende 1989/90 nicht fertiggestellt.Steffen Kluttig: Eisenbahnhistorie im Muldenland – Der Eisenbahnknoten Rochlitz und seine Sandbahnen, S. 70Steffen Kluttig: Eisenbahnhistorie im Muldenland – Der Eisenbahnknoten Rochlitz und seine Sandbahnen, S. 80 ff.
Nach der Wende im Osten Deutschlands 1989 verlor die Strecke recht rasch ihre Bedeutung im Personen- und Güterverkehr. Wegen zunehmenden Verschleißes der Gleisanlagen stieg die Fahrzeit für die Gesamtstrecke auf etwa eine Stunde. Zum Tag der Sachsen 1995 in der Region Rochlitz verkehrten noch Sonderzüge, die zum Teil über Waldheim bis Riesa durchgebunden wurden. Zeitweilig wurde auch ein Durchlauf von Nahverkehrszuggarnituren von Chemnitz über Waldheim, Rochlitz und Narsdorf wieder nach Chemnitz (oder umgekehrt) eingerichtet. Jedoch wurde wegen der stark zurückgegangenen Nutzung der Reiseverkehr am 1. Juni 1997 eingestellt, der Güterverkehr bereits am 1. Januar 1996.
Am 2. Juni 1998 wurde die Stilllegung durch das Eisenbahnbundesamt genehmigt. Juristisch vollzogen wurde sie am 15. August 1998.eba.bund.de:
Ende des Jahres 2011 erklärte sich die Deutsche Bahn bereit, die Bahnstrecke zu verkaufen, um einen Bahntrassenradweg zu ermöglichen. Die anliegenden Kommunen kauften die entsprechenden Streckenabschnitte, die auf ihrem Gebiet liegen.Freie Presse – Waldheim: Stadt beteiligt sich an Radweg nach Rochlitz Im Frühjahr 2012 wurde mit dem Abbau der Gleis- und Signalanlagen begonnen.
Streckenbeschreibung Verlauf mini|Bahnbrücke bei Arras (2016) mini|Bahnbrücke in Döhlen (2016) Die Strecke begann im Bahnhof Waldheim, nach Süden zweigte hier die heute ebenfalls stillgelegte Bahnstrecke Waldheim–Kriebethal ab, während die Bahnstrecke Riesa–Chemnitz noch in Betrieb ist. Die Strecke nach Rochlitz fädelt im nördlichen Bahnhofskopf aus und verlässt die Hauptstrecke in einer langen Kurve in nordwestlicher Richtung. Nach Unterquerung der Ortsumgehung Waldheim (Waldstraße) führt die Bahn vorbei an Richzenhain, bevor der zuletzt durch Halbschranken gesicherte Bahnübergang der Straße zwischen Waldheim und Hartha gequert wird. Etwa 50 m neben der Straße führt die Strecke weiter bis Hartha, an der Bahnhofseinfahrt wurde nochmals ein mit Schranken gesicherter Bahnübergang gequert.