mini|Ludwig Tieck. Nach einem Gemälde von Joseph Karl Stieler aus dem Jahr 1838 Vittoria Accorombona ist der Titel eines 1840im Verlag Josef Max und Komp, Breslau publizierten historischen Romans mit Zeitbezügen von Ludwig Tieck. Erzählt wird in Anlehnung an historische Quellen der Auf- und Abstieg der Familie Accorombona zur Renaissance-Zeit. Im Mittelpunkt steht die Geschichte der gebildeten und um Unabhängigkeit bemühten Patriziertochter Vittoria, die aus Familieninteressen durch zwei Heiraten in die höchste Gesellschaft Roms aufsteigt, in Machtkämpfe einbezogen und schließlich, wie ihre zwei Ehemänner, ermordet wird.

Inhalt Ausgangssituation Vittorias Vater ist der angesehene bürgerlicher Rechtsgelehrte und Richter Federigo Accorombona (III. Buch, 4. Kap.), ihre Mutter Julia stammt aus der alten Aristokratenfamilie Agubio. Nach dem Tod ihres Mannes übernimmt Donna Julia die Familienführung. Kardinal Farnese unterstützt sie in einem sich über Jahre hinziehenden Vermögensprozess, dessen Gewinn ihren Lebensstandard sichern würde, und beim Aufbau der Karriere ihrer Kinder. Zu Beginn des Romans, 1575, ist ihr dies bei ihrem als Gelehrter und feiner Weltmann beliebten ältesten Sohn Ottavio bereits gelungen: unter Farnese ist er zum Abt ernannt worden. Dagegen macht Marcello, der zweitälteste Sohn, der Mutter Sorgen, weil er mit dem als Bandit verdächtigten Ambrosio Umgang hat. Ihre Hoffnungen ruhen weniger auf dem kindlichen, sensiblen Flaminio, dem jüngsten Sohn, als vielmehr auf ihrer schönen an Kunst, Poesie und der Natur interessierten 16-jährigen Tochter Vittoria, die sie mit einem einflussreichen reichen Mann verheiraten möchte. Sommeridylle in Tivoli (Erstes Buch) Das erste Buch spielt 1575 in Tivoli, wo die Familie sich während der warmen Jahreszeit in ihrem Landhaus aufhält und dort Gelehrte und Künstler als Gäste empfängt, u. a. die Dichter Cesare Caporale und Torquato Tasso. Mit ihnen besichtigen sie die berühmten Gartenanlagen der benachbarten Villa d’Este und diskutieren über die künstlerisch veredelte (Tasso) oder durch die Gestaltung verfälschte Natur (Vittoria). Als Gesellschaftsspiel veranstaltet man „kleine poetische Akademien“ und schreibt improvisiert Gedichte über ein Thema, z. B. „die Gewalt der Liebe“.

Vittoria hat sich mit dem armen Theologie-Studenten Camillo Matthei angefreundet, der bei seinem Onkel, Priester Vincenz, seine Sommerferien verbringt. Bei einer Wanderung zu den Wasserfällen stürzt Vittoria in einen Gebirgsbach, Camillo rettet sie aus einem Strudel und verletzt sich dabei (I, 1). Donna Accorombona ist ihm verpflichtet, bezahlt die Arztkosten und bietet dem jungen Mann ihre Unterstützung bei seiner Ausbildung zum Priester und beim Aufbau seiner Karriere an, möchte ihn aber, im Gegensatz zu Vittorias Vorschlag, nicht in ihre Familie einbinden. Sie merkt, dass sich Vittoria und Camillo ineinander verliebt haben, und fürchtet, der Jüngling werde als Retter Ansprüche auf Vittoria erheben, die sie wegen ihrer Dankbarkeit in Schwierigkeiten bringen könnte. Deshalb warnt sie ihre Tochter vor einer Beziehung zu einem armen Mann aus einer anderen Gesellschaftsschicht, die tragisch enden werde (I, 2). In einer stabilen Ehe müsse der Mann finanziell und standesgemäß der Frau überlegen sein. Vittoria lehnt diese Vorstellung ab, sie hat eine schlechte Meinung von den vornehmen Männern, die ihre Frauen bevormunden, und möchte lieber ledig bleiben oder sogar sterben, als einen ungeliebten Mann zu heiraten, der ihren Vorstellungen von Freiheit und Moral nicht entspricht. Ihr gefällt es, dass Camillo das Angebot ihrer Mutter ablehnt, weil er sich nicht für ein geistliches Amt eigne (I, 3).

Während des Besuchs des Dichters Cesare Caporale, mit dem sich die Frauen über Vittorias Albträume, die Prophezeiungen in Sagen und Märchen und die unsterbliche göttliche Kraft der Seele unterhalten, taucht Marcello in der Nacht bei ihnen auf. Er ist nach der Festnahme Ambrosios und seiner Bande auf der Flucht, ebenso Camillo (I, 3). Zuvor hat er im Streit mit der Mutter die Außenseiter als freie Menschen verteidigt, die sich mit dem korrupten Staat überworfen haben, wie viele andere tugendhaften Leute, darunter angesehene Grafen.

Bald darauf, erreicht Julia die Nachricht von der Verhaftung Marcellos und sie bricht den Landaufenthalt ab, um in Rom Kardinal Farnese um die Rettung ihres Sohnes vor einer Hinrichtung oder einer Galeerenstrafe zu bitten. Vittoria fühlt sich in Tivoli wohl und fürchtet ihre Rückkehr in die undurchsichtig-intrigante Gesellschaft. Familienstrategien (Zweites Buch) Donna Julias Gespräche mit ihrem Gönner Farnese bringen nicht den erhofften Erfolg, denn es gibt Hindernisse für eine Entlassung Marcellos aus der Haft: Graf Giovanni Pepoli fordert mit Unterstützung der einflussreichen Fürstin Margaretas von Parma das strenge Verhör der Verhafteten, um den Aufenthaltsort seines Verwandten Velluti herauszufinden, der von Ambrosios Bande entführt worden ist, um Lösegeld zu erpressen (II, 2 und 5). Der Kardinal versucht, die Situation für seine persönlichen Interessen auszunutzen, zumal auch der Vermögensprozess Julias wenig erfolgreich verläuft. Er macht ihr das Angebot, wenn Vittoria seine Geliebte würde, der Familie eines seiner Schlösser zu schenken, Marcello aus der Haft zu befreien und ihm und seinen Brüdern zu angesehenen und einträglichen Positionen zu verhelfen (II, 3). Er erinnert die von ihm enttäuschte Julia daran, dass ehemalige Mätressen in die höchsten Kreise aufgestiegen sind oder sogar, wie Lucretia Borgia, Herzoginnen wurden.

Julia bespricht mit ihrer Tochter die Lage: Ohne männlichen Schutz könne sie die Familie nicht retten. Vittoria hat kürzlich den gewalttätigen, hartnäckig um sie werbenden Grafen Ludovico (Luigi) Orsini zurückgewiesen und ist über Farneses Vorschlag empört: „[S]olange meine Seele mein eigen ist, ruht auch mein Schicksal in meiner Hand. […] Welch Wesen kann zu uns treten und sagen: Du sollst mir gehorchen! Solange ich noch ein Glied regen kann, werde ich mich nicht vor Menschen, auch nicht vor Tod und Schicksal demütigen.“Ludwig Tieck: Vittoria Accorombona. In: Ludwig Tieck, Werke in vier Bänden. Band 4: Romane. Herausgegeben und mit Nachwort und Anmerkungen versehen von Marianne Thalmann. Winkler-Verlag, München 1966, S. 611.

Vittorias Befürchtungen vor ihrer Rückkehr nach Rom haben sich somit bewahrheitet, aber durch die Werbung des jungen Francesco Peretti finden die Accorombona einen Ausweg aus ihrem Dilemma. Kurz zuvor hat sich Vittoria, die gewohnt ist, mit Dichtern zu diskutieren und sich poetisch mit ihnen zu messen, über ihn noch wegen seiner mangelnden Bildung und seiner schwachen, unausgereiften Persönlichkeit lustig gemacht. Nachdem Francesco von seinem reichen, einflussreichen Vormund und Oheim Kardinal Montalto, der sich eine Stabilisierung seines labilen Pflegesohnes wünscht, die Einwilligung zu einer Ehe mit Vittoria erhalten hat, drängt ihre Mutter sie zur Heirat, zumal der Kardinal Chancen hat, Papst zu werden, und bereit ist, das Paar großzügig zu finanzieren, ihnen juristischen Beistand für ihren Prozess zu besorgen und sich für die Freilassung Marcellos einzusetzen (II, 5). Dessen Situation hat sich verbessert, seit Graf Pepolis durch ein privates Arrangement mit den Entführern, welches 10 Jahre später zu seiner Ermordung in Bologna führen wird (V, 5), die Freilassung Vellutis erreicht hat (II, 6).

Alles geschieht, wie von Julia gewünscht, und Vittoria stimmt gezwungenermaßen der Ehe zu, doch dem Familienfreund Caporale bekennt sie (II, 4): „[I]ch sehe mit jedem Tage mehr ein, dass dasjenige, was ich mir so nennen wollte, nur ein albernes Kindermärchen ist […] Ich werde eingespannt, wie der Ackerstier, in das Joch der alltäglichen Gewöhnlichkeit, so ziehe ich denn nun auch die Furchen der hergebrachten und regelrechten Langeweile, wie die übrigen Menschen. […] Ob ich so oder so verkauft werde, wenn ich dann doch einmal verhandelt werden soll, kommt doch wohl auf eins hinaus. Wer versteht denn von euch […] die Hoheit, den reinen Adel einer echten Jungfrau? […] Weggeworfen bin ich, vernichtet, es hat so sein müssen, ich erlebe meine sogenannte Bestimmung, das heißt in meiner Sprache: die Nichtswürdigkeit. […] Ich habe in dieses kalte eklige Schlangengewinde [des Lebens], in dieses Durcheinander des widrigen Ungeziefers erst jetzt den wahren, richtigen Blick hineinwerfen können. […] leidend, still, verschlossen nahm ich daran teil und genoss den Glanz der Welt […] schaudert, welche Schlacke sich jetzt aus meiner niederträchtigen Seele herausgewälzt hat.“Ludwig Tieck: Vittoria Accorombona. In: Ludwig Tieck, Werke in vier Bänden. Band 4: Romane. Herausgegeben und mit Nachwort und Anmerkungen versehen von Marianne Thalmann. Winkler-Verlag, München 1966, S. 621 ff.

Ein Parallelfall zu dem Vittorias, der ihre Geschichte begleitet, ist in gewisser Weise die Rolle Tassos als Hofdichter in Ferrara, die der Humanist und Dichter Speron Sperone in seiner Kritik am eitlen Kunstbetrieb als Beispiel anführt: Mäzene und ihre Frauen werben sich berühmte Dichter, Musiker und Maler gegenseitig ab, um sich mit ihnen zu schmücken, so lange ihre Laune es will (II, 2). In ihrem literarischen Zirkel verteidigt Vittoria den unglücklichen Dichter: „Man möchte weinen […] wenn in unserem armen Vaterlande der Genius, fast wie ein Hofhund, an den Ketten fürstlicher Gnade gefangen liegt. Ein Spielwerk der Launen, ein Putz für die Hochmut ohne wahre Achtung, und noch weniger Liebe: wie das Talent nicht erkannt und dennoch in Knechtespflicht gehalten wird, dann zufällig aufgeopfert, oft dem gemeinsten Interesse sogar geschlachtet.“Ludwig Tieck: Vittoria Accorombona. In: Ludwig Tieck, Werke in vier Bänden. Band 4: Romane. Herausgegeben und mit Nachwort und Anmerkungen versehen von Marianne Thalmann. Winkler-Verlag, München 1966, S. 649.

Am Tag der Eheschließung begegnet der Hochzeitszug Camillo, der mit anderen zur Galeerenstrafe Verurteilten zum Hafen geführt wird und die Braut verflucht (II, 6): „Marcello neben dir mit Edelsteinen und ich in Ketten! […] Ja, der Himmel, alle Heiligen verfluchen diese sündliche Ehe!“Ludwig Tieck: Vittoria Accorombona. In: Ludwig Tieck, Werke in vier Bänden. Band 4: Romane. Herausgegeben und mit Nachwort und Anmerkungen versehen von Marianne Thalmann. Winkler-Verlag, München 1966, S. 640.

Vittorias Ehe mit Francesco Peretti (Drittes Buch) Vittorias Ehe funktioniert, wie sie es im Trennungsgespräch mit ihrem Mann formuliert (III, 4), nur wenige Tage, dann kehrt Francesco wieder zu seiner lockeren Lebensführung mit Prostituierten zurück, aber äußerlich führen die beiden einen großzügigen Haushalt und scheinen zufrieden zu leben. Der literarische Salon, poetische Akademie genannt, ist beliebter Treffpunkt von Kunstliebhabern der Oberschicht und Dichtern, die ihre Werke vortragen (III, 1). Vittoria selbst ist als Poetin anerkannt und gilt, obwohl sie nicht publiziert, über die Stadtgrenzen hinaus als großes Talent. Ihr tragisches Märchen „Der schwarzbraune Bräutigam“, in dem ein Jüngling durch ihm sein Glück missgönnende dämonische „Scheußliche“ in den Tod getrieben wird, kontrastiert mit den eher heiteren und unterhaltsamen Anekdoten ihrer Gäste.