mini|hochkant|Faksimile der ersten Seite Als Unsterbliche Geliebte wird die Adressatin eines berühmt gewordenen Briefes bezeichnet, den Ludwig van Beethoven am 6./7. Juli 1812 in Teplitz schrieb. Ihre Identität ist in der Fachwelt bis heute umstritten. Der Brief gelangte aus dem Nachlass des Komponisten in den Besitz seines Sekretärs Anton Schindler. Nach dessen Tod erbte ihn dessen Schwester Marie Egloff geb. Schindler. Später kam er in den Besitz des Fabrikanten August Nowotny, der in Altrohlau bei Karlsbad eine Porzellanfabrik betrieb.Vgl. Ludwig Nohl, Inventarium des Beethoven’schen Nachlasses soweit sich derselbe in dem Nachlass des am 16. Januar d. J. zu Bockenheim bei Frankfurt a/M. verstorbenen Professors Anton Schindler vorgefunden hat und zur Zeit in den Händen der Frau Marie Egloff geb. Schindler in Mannheim befindet. (Jetziger Besitzer dieser Sammlung Herr NOWOTNY Altrohlau und Carlsbad.) Aufgenommen im Juni 1864 in Mannheim durch Ludwig Nohl aus München, Karlsbad 1864, Nr. 6 Nowotny übergab seine Sammlung schließlich 1880 der heutigen Berliner Staatsbibliothek. Der Brief wird dort unter der Signatur Mus. ep. autogr. Beethoven 127 aufbewahrt. Der Text ist mit Bleistift geschrieben und besteht aus drei Teilen.Der Brief wurde bei Goldschmidt (1977), S. 19f. erstmals in der originalen Schreibweise veröffentlicht, inkl. der von Beethoven gestrichenen Stellen; ebenso bei Brandenburg (1996), Nr. 582

Äußere Anhaltspunkte mini|Teplitz, Pension Zur goldenen Sonne, wo Beethoven am 6./7. Juli 1812 wohnte. Wahrscheinlich schrieb er hier den Brief an die Unsterbliche Geliebte, Foto (2014) Datierung und Ortsangaben für den Absender und die Empfängerin Beethoven hat den Brief nicht vollständig datiert, es fehlt die Jahreszahl sowie eine Ortsangabe. Aus diesen Gründen gestaltete sich die Ermittlung der Adressatin lange Zeit äußerst schwierig. Anhaltspunkte boten lediglich Beethovens Angabe „Montags am 6ten Juli“ und seine Bemerkung „als Badender muß ich schlafen gehn“, nach der er sich in einem Kurort aufhielt. In den folgenden in Frage kommenden Jahren fiel der 6. Juli auf einen Montag: 1795, 1801, 1807, 1812 und 1818. Daneben erwähnt Beethoven, dass er den Brief mit der Postkutsche nach „K.“ befördern lassen wollte.Die meisten Autoren schlossen daraus, dass Beethoven daher die Adressatin möglicherweise auch dort – in Karlsbad – vermutete. Er erwartete die Ankunft des Briefes zwei Tage später. Da Karlsbad in einem Tag von Teplitz leicht zu erreichen war, kann die Adressatin auch in einem Ort (Franzensbad?) gewesen sein, der zwei Tage von Teplitz entfernt liegt. Aufgrund seiner Bemerkungen über den Postverkehr nach dort schloss Max Unger, dass Beethoven sich im böhmischen Kurort Teplitz aufhielt und der Brief über Karlsbad befördert werden sollte.Unger (1911), S. 21–25 Damit lag die Vermutung nahe, dass der Brief im Juli 1812 entstand, als Beethoven tatsächlich zur Kur in Teplitz weilte. Der „schreckliche, grundloße Landweg“, den Beethoven in seinem Brief erwähnt und der nach seinen Angaben nicht nur bei ihm auf einem Waldweg, sondern auch bei „Esterhazi … auf dem anderen gewöhnlichen Wege hierhin“ zur Folge hatte, dass das Fahrzeug mit Bruch steckenblieb, brachte Unger darauf, das Wetter von Anfang Juli 1812 heranzuziehen. Dabei entdeckte er, dass Goethe, der sich zur selben Zeit in Karlsbad aufhielt, in seinem Tagebuch fast ausschließlich Regenwetter notiert hatte.Unger (1911), S. 20f.; Goldschmidt (1977), S. 47–51 Damit wurde die Datierung auf das Jahr 1812 durch weitere Indizien gestützt. Endgültige Gewissheit brachte in den 1950er Jahren eine Wasserzeichenanalyse des Briefpapiers durch Joseph Schmidt-Görg, die ergab, dass Beethoven Papier derselben Sorte noch für einige andere Briefe im Sommer 1812 benutzte – aber weder davor noch danach.

Vermutetes Treffen in Prag Darüber hinaus ergibt sich aus dem Brief, dass Beethoven die Geliebte offenbar kurz zuvor getroffen hatte, höchstwahrscheinlich in Prag, wo er – von Wien kommend – vom 1. bis 3. Juli einen Zwischenaufenthalt in dem am Graben gelegenen Hotel Schwarzes Roß einlegte, ehe er am 4. Juli nach Teplitz weiterreiste. In Prag war er unter anderem für den Abend des 3. Juli mit Karl August Varnhagen von Ense verabredet – ein Treffen, zu dem es jedoch nicht kam, denn am 14. Juli schrieb Beethoven Varnhagen von Teplitz: „es war mir leid lieber V. den lezten Abend in Prag nicht mit ihnen zubringen zu können, ich fand es selbst für unanständig, allein ein Umstand, den ich nicht vorher sehn konnte, hielt mich davon ab“.Brandenburg (1996), Nr. 583 (für den Brief verwendete Beethoven dasselbe Briefpapier wie für den Brief an die „Unsterblichen Geliebte“). Es wird allgemein angenommen, dass es die offenbar unvorhergesehene Begegnung mit der „Unsterblichen Geliebten“ war, die das Treffen mit Varnhagen verhinderte.

Beethovens Teplitzer Wohnungen Beethoven wohnte in Teplitz zunächst im Haus Zur goldenen Sonne am Badeplatz Nr. 72, Ecke Schlossplatz. Am 7. Juli bezog er ein Zimmer im Haus Zur Eiche in der Langen Gasse Nr. 62, der Hauptstraße von Teplitz. Der Umzug ist auch durch Beethovens Brief belegt, in dem er zu Beginn schreibt: „erst bis morgen ist meine Wohnung sicher bestimmt“.

Die Karlsbader Kurlisten und polizeilichen Meldeprotokolle

Es wird allgemein angenommen, dass Beethoven den Brief an die „Unsterbliche Geliebte“ nach „K.“, d. h. Karlsbad senden wollte, so dass die dortigen Kurlisten und Meldeprotokolle als wichtige Quelle für die Ermittlung der Adressatin gelten. Sie werden heute im Státní okresní archiv (Staatlichen Kreisarchiv) von Karlovy Vary verwahrt. Zum streng reglementierten Prozedere der Anmeldung heißt es in einem Karlsbader Reiseführer von 1812:

Es war demnach kaum möglich, sich inkognito in Karlsbad aufzuhalten. Selbst wer nur kurz in der Stadt verweilte, musste zwar keine Kurtaxe entrichten, aber in jedem Fall seinen Reisepass bis zur Abreise bei der Polizei hinterlegen. Aufgrund einer Vermutung des tschechischen Forschers Bohumil Plevka hatte Harry Goldschmidt noch geglaubt, dass „Kurzaufenthalte nicht registriert wurden“,Goldschmidt (1977), S. 54 konnte dies aber nicht belegen. Der zitierte Reiseführer, den Plevka und Goldschmidt nicht kannten, lässt eher vermuten, dass die polizeilichen Vorschriften keine Ausnahmen dieser Art zuließen. Das vereinfacht heutige Nachforschungen, denn es spricht alles dafür, dass der Name der Unbekannten in den damaligen polizeilichen Meldeprotokollen zu finden ist. 1812 war es der Karlsbader Polizei-Oberkommissär Adalbert Grass, der über die Gäste und Vorkommnisse der Stadt wachte. Grass berichtete seinen Vorgesetzten auch über das Wohltätigkeitskonzert, das Beethoven – der um den 27. Juli von Teplitz nach Karlsbad reiste – am 6. August in Karlsbad gab.Mirko Očadlík, Několik dokumentů o Beethovenovu koncertním vystoupení v Karlových Varech v roce 1812, in: Miscellanea musicologica, Jg. 14 (1960), S. 37–44 (Originale der Briefe in Prag, Národní archiv)

Die Relevanz der polizeilichen Quellen wurde erst relativ spät erkannt. Erstmals genutzt wurden sie in den 1960er Jahren von dem New Yorker Forscher George Marek, anschließend 1972 von dem ebenfalls in New York lebenden Beethoven-Spezialisten Maynard Solomon.

Einige Forscher halten es für denkbar, dass der Brief über Karlsbad hinaus in einen weiter entfernten Ort befördert werden sollte, womöglich nach Franzensbad.Vgl. die Bemerkung in dem Brief "Montags – Donnerstags – die einzigen Täge wo die Post von hier nach K. geht" und dann "ich weine wenn ich denke daß du erst wahrscheinlich Sonnabends die erste Nachricht von mir erhältst", was angesichts der Tatsache, dass die Post nur 1 Tag nach Karlsbad brauchte, impliziert, dass der Brief an einen Ort 2 Tage von Teplitz (Franzensbad?) adressiert war.

Transkription des Briefes Die Transkription des Briefes wird nachfolgend wiedergegeben:

Seite 1 am 6ten Juli

Morgends. –

Mein Engel, mein alles, mein Ich.

– nur einige Worte heute, und zwar mit Bleystift – (mit deinem) erst bis morgen ist meine Wohnung sicher bestimt, welcher Nichtswürdiger Zeitverderb in d.g. – warum dieser tiefe Gram, wo die Notwendigkeit spricht – Kann unsre Liebe anders bestehn als durch Aufopferungen, durch nicht alles verlangen, kannst du es ändern, daß du nicht ganz mein, ich nicht ganz dein bin – Ach Gott

Seite 2 blick in die schöne Natur und beruhige dein Gemüth über das müßende – die Liebe fordert alles und ganz mit Recht, so ist es mir mit dir, dir mit mir – nur vergißt du so leicht, daß ich für mich und für dich leben muß, wären wir ganz vereinigt, du würdest dieses schmerzliche eben so wenig als ich empfinden – meine Reise war schrecklich, ich kam erst Morgens 4 uhr gestern hier an.

da es an Pferde mangelte, wählte die Post eine andre Reiseroute, aber welch

Seite 3 schrecklicher Weg, auf der vorlezten Station warnte man mich bey nacht zu fahren, machte mich einen Wald fürchten, aber das Reizte mich nur – und ich hatte Unrecht, der Wagen muste bey dem schrecklichen Wege brechen, grundloß, bloßer

Landweg. [gestrichen: und die] ohne 2 solche Postillione, wie ich hatte, wäre ich liegen geblieben Unterwegs.

Esterhazi hatte auf dem andern gewöhnlichen Wege hierhin dasselbe schicksaal mit 8 Pferden, was ich mit vier. – jedoch hatte ich zum Theil wieder Vergnügen,

Seite 4 wie imer, wenn ich was glücklich überstehe. – nun geschwind zum innern vom außern, wir werden unß wohl bald sehn, auch heute kann ich dir meine Bemerkungen nicht mittheilen, welche ich während dieser einigen Tage über mein Leben machte – wären unsre Herzen imer dicht an einander, ich machte wohl keine d.g. die Brust ist voll dir viel zu sagen – Ach – Es gibt Momente, wo ich finde daß die sprache noch gar nichts ist – erheitre dich – bleibe mein Treuer einziger schaz, mein alles, wie ich dir das übrige müßen die Götter schicken, was für unß seyn muß und seyn soll. –

dein treuer Ludwig. –

Seite 5 Abends Montags am 6ten Juli –

Du leidest du mein theuerstes Wesen – eben jezt nehme ich wahr daß die Briefe in aller Frühe aufgegeben werden müßen.

Montags – Donnerstags – die einzigen Täge wo die Post von hier nach K. geht – du leidest – Ach, wo ich bin, bist du mit mir, mit mir und dir rede ich mache daß ich mit dir leben kann, welches Leben!!!! so!!!!

ohne dich – Verfolgt von der Güte der Menschen hier und da, die ich meyne – eben so wenig verdienen zu wollen, als sie zu verdienen –

Demuth des Menschen gegen den Menschen – sie schmerzt mich – und wenn ich mich

Seite 6 im Zusamenhang des Universums betrachte, was bin ich und was ist der – den man den Größten nennt – und doch – ist wieder hierin das Göttliche des Menschen – ich weine wenn ich denke daß du erst wahrscheinlich Sonnabends die erste Nachricht von mir erhältst – wie du mich auch liebst – stärker liebe ich dich doch – doch nie verberge dich vor mini|Faksimile der siebten Seite mit Beethovens Formulierung «Unsterbliche Geliebte»

Seite 7 mir – gute Nacht – als Badender muß ich schlafen gehn – [gestrichen: o geh mit, geh mit – ] Ach gott – so nah! so weit! ist es nicht ein wahres Himels-Gebäude unsre Liebe – aber auch so fest, wie die Veste des Himels. –

guten Morgen am 7ten Juli – schon im Bette drängen sich die Ideen zu dir meine Unsterbliche Geliebte, hier und da freudig, dann wieder traurig, vom Schicksaale abwartend, ob es unß erhört – leben kann ich entweder nur ganz mit dir oder gar nicht,

Seite 8 ja ich habe beschlossen in der Ferne so lange herum zu irren, bis ich in deine Arme fliegen kann, und mich ganz heymathlich bey dir nennen kann, meine Seele von dir umgeben in’s Reich der Geister schicken kann – ja leider muß es seyn – du wirst dich fassen um so mehr,