Heinrich Kraut (* 2. September 1893 in Stuttgart; † 23. Juni 1992 in Freiburg im Breisgau) war ein deutscher Chemiker und Ernährungsforscher.

Leben Kraut war der Sohn des gleichnamigen württembergischen Politikers Heinrich von Kraut. Kraut studierte in Tübingen, Stuttgart und München Chemie. Seit dem Wintersemester 1911/12 war er Mitglied der Burschenschaft Germania Tübingen.Willy Nolte (Hrsg.): Burschenschafter-Stammrolle. Verzeichnis der Mitglieder der Deutschen Burschenschaft nach dem Stande vom Sommer-Semester 1934. Berlin 1934, S. 268. Er promovierte 1921 bei Richard Willstätter in München, die Habilitation folgte 1925. Im August 1928 wurde er Leiter der Abteilung Chemie des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Arbeitsphysiologie; diese Abteilung wurde 1956 von der Max-Planck-Gesellschaft in das Institut für Ernährungsphysiologie umgewandelt. Mit Emil Karl Frey erforschte er unter anderemVgl. etwa Emil Karl Frey, Heinrich Kraut: Über einen von der Nieren ausgeschiedenen, die Herztätigkeit anregenden Stoff. In: Hoppe Seylers Zeitschrift für physiologische Chemie. Band 157, 1926, Heft 1–3. die Hormonproduktion der Bauchspeicheldrüse.Heinrich Kraut, Emil Karl Frey, E. Wehrle: Der Nachweis eines Kreislaufhormons in der Pankreasdrüse. In: Zeitschrift für physiologische Chemie. Band 189, 1930, S. 97 ff. Kraut wechselte an die Westfälische Wilhelms-Universität in Münster und wurde dort 1932 außerplanmäßiger Professor.

Zeit des Nationalsozialismus Am 5. Oktober 1937 beantragte er die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 4.913.613).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/23030425 In der Folge widmete er sich der Ernährungsphysiologie und war als Berater des Reichsministeriums für Ernährung und Landwirtschaft tätig.

Für das Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft führte er u. a. die Krautaktion durch. Dieser auch Butterbrotaktion genannte Großversuch wurde an Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen im Gau Westfalen-Nord und Gau Westfalen-Süd durchgeführt.Krautaktion Er berechnete den Nahrungsbedarf für verschiedene Bevölkerungsgruppen, die als Kraut’sche Normen im Zweiten Weltkrieg die Grundlage für die Zuteilung der Rationen waren.Peter Hertel Vor unserer Haustür. Eine Kindheit im NS-Staat - früh erlebt, spät erkundet, S. 132ff, agenda Verlag Münster 2018, ISBN 978-3-89688-596-8 Für seine Arbeiten erhielt er das Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse.

Nachkriegszeit Nach Kriegsende erstellte Kraut Gutachten für die Verteidigung in den Nürnberger Prozessen gegen Flick, Krupp und die I.G. Farben. Dabei gab er am 17. März 1948 eine eidesstattliche Erklärung zur Ernährung im KZ der I.G.-Farben Auschwitz-Monowitz ab, in der er behauptete: „Immerhin genügten die Rationen der Häftlinge an Eiweiß und Fett, um Ernährungsschäden durch Eiweiß- und Fettmangel zu verhindern“.Zitat bei Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, S. 337. Diese Aussage entsprach nicht der Wahrheit, denn die Lebenserwartung im KZ Auschwitz-Monowitz betrug im Normalfall nicht mehr als drei Monate.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Fischer Taschenbuch 2005, S. 337.

Kraut gehörte 1953 zu den Mitbegründern der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) und war von 1956 bis 1958 deren Präsident. 1963 erhielt er das große Bundesverdienstkreuz und die Ehrendoktorwürde der medizinischen Fakultät Münster.

1964 gründete er im Auftrag des Max-Planck-Institutes eine Forschungsstation in Bambuli in Tansania, die heute nach ihm benannt ist. Sie wurde von der Kübel-Stiftung als beispielhaftes Projekt der Entwicklungshilfe ausgezeichnet. Von 1968 bis 1973 war Kraut Präsident der Welthungerhilfe, die 1972 einen „Professor-Kraut-Preis“ stiftete.

In einem Nachruf wird auch eine Ehrendoktorwürde der Universität Beʾer Scheva in Israel erwähnt. „Die Ehrung ist vermutlich in Unkenntnis seiner NSDAP-Mitgliedschaft, seiner Forschungen über Ernährung und Leistung während der NS-Zeit und seine Gutachtertätigkeit im Rahmen der Nürnberger Prozesse erfolgt.“Irene Raehlmann: Arbeitswissenschaft im Nationalsozialismus: eine wissenschaftssoziologische Analyse, VS: Wiesbaden 2005, S. 107.

Literatur Joachim Kühnau: Professor Heinrich Kraut 70 Jahre, in: Zeitschrift für Lebensmitteluntersuchung und -Forschung A, Volume 125 (1963) 103–106, Dietrich Eichholtz: Die „Krautaktion“. Ruhrindustrie, Ernährungswissenschaft und Zwangsarbeit 1944, in: Ulrich Herbert (Hg.): Europa und der „Reichseinsatz“. ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge in Deutschland 1938–1945, Essen 1991, S. 270–294.

Weblinks

Nachlass Bundesarchiv N 1198

Einzelnachweise

Kategorie:Chemiker (20. Jahrhundert) Kategorie:Ernährungswissenschaftler Kategorie:Hochschullehrer (Universität Münster) Kategorie:Burschenschafter (20. Jahrhundert) Kategorie:NSDAP-Mitglied Kategorie:Zeuge in den Nürnberger Prozessen Kategorie:Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes mit Stern Kategorie:Wissenschaftliches Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft Kategorie:Wissenschaftliches Mitglied der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft Kategorie:Ehrendoktor der Universität Münster Kategorie:Ehrendoktor der Ben-Gurion-Universität des Negev Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1893 Kategorie:Gestorben 1992 Kategorie:Mann