Das Knoblauchhaus war der frühere Hauptwohnsitz der Berliner Kaufmannsfamilie Knoblauch. Das Gebäude befindet sich in der zum Nikolaiviertel gehörenden Poststraße 23. Es wurde zwischen 1759 und 1761 errichtet und blieb für 170 Jahre im Besitz der Familie Knoblauch. Im Jahr 1929 verkaufte die Familie das Haus an die Stadt Berlin. Den Zweiten Weltkrieg überstand es als eines der wenigen Berliner Bürgerhäuser des 18. Jahrhunderts weitgehend unbeschadet. Seit 1989 ist in dem Haus eine Außenstelle des Märkischen Museums bzw. seit 1995 der Stiftung Berliner Stadtmuseum untergebracht. Im ersten und zweiten Obergeschoss zeigt eine Dauerausstellung neben der bürgerlichen Wohnkultur des Biedermeiers die Geschichte der Familie Knoblauch.

Die Familie Knoblauch

Familiengeschichte bis zum Bau des Hauses mini|links|Werkstatt eines Drahtziehers bzw. Nadlers, um 1770

Der Name des Hauses geht auf die Berliner Kaufmannsfamilie Knoblauch zurück. Deren Ursprünge lassen sich lückenhaft bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen. Die Familie hatte ihren ursprünglichen Sitz in den oberungarischen Städten Kaschau und Pressburg. Michael Knoblauch, das früheste bekannte Mitglied der Familie, muss bereits Ende des 14. Jahrhunderts das hohe Amt eines Stadtrates von Kaschau bekleidet haben. Ein vorläufiger wirtschaftlicher „Durchbruch“ gelang Johann Heinrich Knoblauch im 17. Jahrhundert. Mit seiner Tätigkeit als Drahtzieher brachte er es in Pressburg zu großem Wohlstand. Die Zugehörigkeit zur evangelischen Minderheit setzte die Familie jedoch politisch zunehmend unter Druck, denn nach dem gescheiterten protestantischen Aufstand unter Fürst Franz II. Rákóczi trieben die Habsburger die Rekatholisierung in Ungarn entschieden voran. Johann Heinrich Knoblauch entschloss sich zur Flucht. Der Glaubensflüchtling ließ sich in Heegermühle nieder, wo er in einem Messingwerk angestellt wurde.Azra Charbonnier: Carl Heinrich Eduard Knoblauch. 1801–1865. Architekt des Bürgertums, Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2007, S. 11. Die Niederlassung der Familie in Berlin sollte erst unter dem Enkel erfolgen: Zunächst, im Jahr 1738, wurde Johann Christian Knoblauch (1723–1790) Lehrling bei dem Nadlermeister Anmerkung: Der Nadler war ein Handwerksberuf, der sich auf die Bearbeitung von Drähten spezialisiert hatte. Er stellte Näh- und Stecknadeln, aber auch Haken, Ösen, Stifte, Schnallen, Kämme, Siebe, Käfige und Fenstergitter her, vgl. hierzu Herbert Aagard, Nadler, in: Reinhold Reith (Hrsg.), Lexikon des alten Handwerks Vom späten Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert, München 1991, S. 172–176, hier S. 172. Göricke. Während der Lehre eignete er sich Fähigkeiten bei der Herstellung und dem Verkauf von Karabinerhaken, Ösen, Ketten und Kokardendrähten an. Auf diese Erzeugnisse war die preußische Armee Friedrichs II. angewiesen. Nach dem Erwerb des Berliner Bürgerrechts 1750 machte sich Johann Christian Knoblauch als Nadlermeister selbstständig. Der Bedarf des preußischen Heeres verschaffte ihm eine stetige Einnahmequelle. Mitten im Siebenjährigen Krieg folgte 1759 der Kauf eines Grundstücks, auf dem sich heute das Knoblauchhaus befindet.Azra Charbonnier: Carl Heinrich Eduard Knoblauch. 1801–1865. Architekt des Bürgertums, Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2007, S. 11. und Kurator Jan Mende: Das Knoblauchhaus Berlin: Alltag im Biedermeier, Verlag M, Berlin 2013, S. 33–35.

Familiengeschichte ab dem Bau des Hauses mini|Knoblauchhaus und Umgebung

Die Lage des Grundstückes im vornehmen Nikolaiviertel bezeugte den sozialen Aufstieg der Familie. In direkter Nachbarschaft standen die Häuser von Höflingen, Beamten und Händlern. Diesem Umfeld entsprechend ließ Johann Christian Knoblauch das Vorgängergebäude, ein Fachwerkhaus, abtragen. An dessen Stelle errichtete er das heute noch bestehende dreigeschossige Gebäude.Azra Charbonnier: Carl Heinrich Eduard Knoblauch. 1801–1865. Architekt des Bürgertums, Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2007, S. 11. Um 1780 stieg Johann Christian Knoblauch in das vom preußischen König geförderte Textilgewerbe ein. Im Erdgeschoss des Knoblauchhauses eröffnete er einen Laden für Seiden- und Tuchwaren. Der älteste Sohn Christian Ludwig Knoblauch wurde zu den in Europa führenden Textilmanufakturen geschickt, von wo aus er Wissen über die aktuellen französischen Modetrends sammeln sollte. Die Tochter heiratete in die einflussreiche Seidenhändlerfamilie Keibel ein. Der zweitälteste Sohn Carl Friedrich Knoblauch befasste sich auf seiner mehrjährigen Reise mit der Herstellung von Seidenbändern, dem zukünftig bedeutendsten Wirtschaftszweig der Familie. Im Jahr 1790 starb das Familienoberhaupt Johann Christian Knoblauch. Damit ging das Knoblauchhaus in den Besitz von Carl Friedrich Knoblauch (1765–1813) über, denn der ältere Bruder Christian Ludwig Knoblauch schuf eine eigenständige Seitenlinie der Familie mit Sitz in Frankfurt am Main.Azra Charbonnier: Carl Heinrich Eduard Knoblauch. 1801–1865. Architekt des Bürgertums, Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2007, S. 12. und Kurator Jan Mende: Das Knoblauchhaus Berlin: Alltag im Biedermeier, Verlag M, Berlin 2013, S. 35.

mini|hochkant=1.5|Heinrich Abel Seyffert: Acht Porträts der Familie Knoblauch und Keibel, 1816–1821, Pastellmalerei, Wohnzimmer des Knoblauchhauses. Anordnung der PorträtfigurenEmilie Henriette Knoblauch, geb. Keibel Sophie Henriette Keibel, geb. Knoblauch Carl Gottlieb Keibel Wilhelmine Henriette Franz, geb. KeibelJohanna Auguste Knoblauch, geb. Keibel Johann Georg Knoblauch Auguste Keibel Carl Heinrich Wilhelm Keibel

Carl Friedrich Knoblauch konnte den wirtschaftlichen Erfolg der Familie fortführen. Ihm gehörten eine Seidenbandmanufaktur am Mühlendamm, die er 1789 gegründet hatte, und eine Seidenbandhandlung im Knoblauchhaus. Er war auch im Verlagswesen tätig, d. h., er stellte Berliner Webern von ihm aufgekaufte Stoffe zur Verfügung. Im Gegenzug erhielt er deren Fertigprodukte und verkaufte diese weiter, beispielsweise auf der Leipziger oder Frankfurter Messe. Zum kleineren Teil importierte er Seidenbänder aus Frankreich und der Schweiz. Im Jahr 1806 ließ er die Barockfassade des Knoblauchhauses mit einem Rankenfries am Obergeschoss klassizistisch umgestalten. Politisch positionierte sich Carl Friedrich Knoblauch im Gegensatz zu seinem Sohn Carl Friedrich Wilhelm (1793–1859) napoleonfreundlich. Dies trug zu Spannungen innerhalb der Familie bei. Nach dem Ende von Napoleons Russlandfeldzug im Jahr 1813 kümmerte sich Knoblauch um die Einquartierung und Verpflegung der Soldaten. Vermutlich infizierte er sich hierbei mit Typhus und verstarb daran kurze Zeit später.Azra Charbonnier: Carl Heinrich Eduard Knoblauch. 1801–1865. Architekt des Bürgertums, Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2007, S. 12–13. Kurator Jan Mende: Das Knoblauchhaus Berlin: Alltag im Biedermeier, Verlag M, Berlin 2013, S. 37.

Carl Friedrich Wilhelm Knoblauch, der das Haus und das Seidenbandunternehmen übernahm, tat sich vor allem als Lokalpolitiker hervor. Er vertrat einen konservativen Liberalismus und wirkte unter anderem an einer Überarbeitung der Steinschen Städteordnung von 1808 mit. Knoblauch gehörte der Berliner Stadtverordnetenversammlung und seit 1824 dem Kurmärkischen Landtag an. Sein politisches Engagement brachte ihn in Kontakt mit Persönlichkeiten wie dem Freiherr vom Stein, Peter Beuth und Wilhelm von Humboldt. Die beiden letztgenannten nahmen Knoblauch 1826 in den Vorstand ihres „Vereines der Kunstfreunde“ auf. Damit erhielt die Familie Knoblauch Zugang zu der geistigen, technischen und künstlerischen Elite Preußens. Das Knoblauchhaus entwickelte sich zum Treffpunkt geselliger Zusammenkünfte, an denen Karl Friedrich Schinkel, Christian Friedrich Tieck, Christian Daniel Rauch, Johann Gottfried Schadow, Friedrich Schleiermacher und Carl Joseph Begas teilnahmen.Bärbel Holtz, Dieter Weigert: Frei und einig! Porträts aus der Revolution von 1848, Haude & Spener, Berlin 1998, S. 52. Kurator Jan Mende: Das Knoblauchhaus Berlin: Alltag im Biedermeier, Verlag M, Berlin 2013, S. 43–44 und 46–47. Eine wichtige Quelle für das Leben im Knoblauchhaus stellen Abschriften von den Briefen und über 100 Tagebüchern Carl Friedrich Wilhelm Knoblauchs dar. Die Originalschriften verbrannten zwar größtenteils während des Zweiten Weltkriegs im Familienarchiv, doch blieben dank der Zeitschrift des Vereins für die Geschichte Berlins einzelne in den 1930er Jahren von Richard Knoblauch abgeschriebene Passagen erhalten.Azra Charbonnier: Carl Heinrich Eduard Knoblauch. 1801–1865. Architekt des Bürgertums, Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2007, unter Anmerkungen auf S. 230. und Richard Knoblauch: 175 Jahre Knoblauchsches Haus. Aus Tagebüchern und Akten des Familienarchivs, in: Zeitschrift des Vereins für die Geschichte Berlins, 54 (1937), S. 46–49.

Eduard Knoblauch (1801–1865), der Bruder von Carl Friedrich Wilhelm Knoblauch, gilt als der „bekannteste Vertreter der Familie“ (Jan Mende).Jan Mende: Das Knoblauchhaus Berlin: Alltag im Biedermeier, Verlag M, Berlin 2013, S. 52. Der Schinkelschüler betätigte sich vor allem auf dem Feld des Privatarchitekten. Als solcher stand er im Gegensatz zu seinem Lehrmeister Schinkel nicht im Dienst des Staates, sondern arbeitete überwiegend für die Aristokratie und vor allem das Berliner Bürgertum. Diese beiden Auftragsgruppen ließen dem Architekten in der Regel mehr Freiheiten bei der Gestaltung als die staatliche Führung.Annette Bossmann: Eduard Knoblauch In Drei Architekten in Berlin, Eduard Knoblauch (1801–1865), Gustav Knoblauch (1833–1916), Arnold Knoblauch (1879–1963) (Katalog zur Sonderausstellung im Museum Knoblauchhaus), Berlin 1993, S. 8–23, hier: S. 14. Besonders innovativ wirkte Knoblauch im Wohnungsbau, wo er neben ästhetischen Ansprüchen auch auf Licht- und Hygieneverhältnisse achtete.Azra Charbonnier: Carl Heinrich Eduard Knoblauch. 1801–1865. Architekt des Bürgertums, Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2007, S. 105. Sein Hauptwerk ist allerdings die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße. Wie sein Bruder wurde er im Knoblauchhaus geboren. Seinen Wohnsitz bezog Eduard Knoblauch allerdings in der Kronenstraße 28 und ab 1847 in der Oranienstraße 101/102. Sein Sohn Gustav und Enkel Arnold wurden ebenfalls Architekten. Jan Mende: Das Knoblauchhaus Berlin: Alltag im Biedermeier, Verlag M, Berlin 2013, S. 52 und 56–58.

Baugeschichte des Hauses

18. Jahrhundert