mini|hochkant=1.4|Die früheste Ansicht Nikolskoes nach Bau von Kirche und Freischule (Aquarell, Johann Heinrich Hintze, April 1837)

Nikolskoe (: Никольское/Nikolskoje, gelegentlich auch falsch als Nikolskö ausgesprochen) ist eine Ortslage im Berliner Ortsteil Wannsee des Bezirks Steglitz-Zehlendorf. Sie liegt an der unteren Havel im Düppeler Forst nördlich der Königstraße zwischen dem Park Klein-Glienicke und der Pfaueninsel. Nikolskoe ist ein Ensemble aus vier – sämtlich denkmalgeschützten – baulichen Anlagen: dem namensgebenden Blockhaus mit Nebengebäude, der evangelischen Kirche St. Peter und Paul auf Nikolskoe, der ehemaligen königlichen Freischule und dem Friedhof der Pfaueninsel. Der umgebende Wald ist ein eingetragenes Gartendenkmal.

Der Ort war die Dependance der Pfaueninsel, die seit Ende des 18. Jahrhunderts neben Paretz der Lieblings-Sommersitz König Friedrich Wilhelms III. war. Seit dem 1. Januar 1991 sind Nikolskoe und der umgebende Wald zwischen dem Forsthaus/Gasthaus Moorlake und der Pfaueninsel-Fährstelle Teil des UNESCO-Welterbes „Schlösser und Gärten von Potsdam und Berlin“ und seit 1992 Bestandteil des EU-Vogelschutzgebiets Westlicher Düppeler Forst.

Blockhaus Nikolskoe mini|Das Blockhaus, 1832 (kolorierter Stahlstich nach W. Loeillot)

Im Jahr 1817 hatte die älteste Tochter Friedrich Wilhelms III., Charlotte von Preußen, den drittältesten Zarensohn Großfürst Nikolai geheiratet. Dies war die für die Hohenzollern bedeutendste dynastische Verbindung der Kindergeneration des Königs. Bei einem Besuch in Pawlowsk hatte der König 1818 von der Begeisterung seiner Tochter für ein von Carlo Rossi erbautes „Russisches Haus“ erfahren und sich entsprechende Baupläne mitgeben lassen.

Im Jahr 1819 ließ er nahe der Pfaueninsel ein entsprechendes russisches Blockhaus zu Ehren der Tochter und seines Schwiegersohns erbauen, das er diesem mit der Namensgebung (Nikolskoe = dem Nikolai gehörig) gewissermaßen schenkte. Vor dem Bau der Kolonie Alexandrowka bei Potsdam war Nikolskoe das wichtigste Zeugnis der Russlandverehrung in Preußen.

Der Bau erfolgte 1819/1820 durch Soldaten des Garde-Pionier-Bataillons unter Leitung des Hauptmanns Adolf Snethlage nach modifizierten Plänen Rossis. Es handelt sich – im Gegensatz zur Alexandrowka – um ein regelrechtes Blockhaus, also einen aus massiven Rundhölzern konstruierten Bau.

mini|links|Blockhaus Nikolskoe als Gaststätte(Bildpostkarte um 1900)

Das Innere enthielt im Obergeschoss ein königliches „Theezimmer“ als bedeutendste Räumlichkeit. Sonst lagen im Inneren Dienstwohnungen, unten für die Matrosen der Schiffe an der Pfaueninsel und oben für den Aufseher, den Leibkutscher Iwan Bockow. Der Bau als künstliches Bauernhaus steht in der Tradition des späten 18. Jahrhunderts, bei der für eine zivilisatorisch hochstehende Gesellschaft das scheinbar ursprüngliche und natürliche Landleben als spielerische Gegenwelt gefeiert wurde, wie Marie-Antoinette es mit ihrem „Hameau“ (Weiler) bei Versailles-Trianon exemplarisch gezeigt hatte.

mini|hochkant|Das Blockhaus als Ausflugslokal heute

Der Bau war für die Berliner, die an Öffnungstagen zu Tausenden auf die Pfaueninsel strömten, als „Russisches Haus“ eine bekannte Sehenswürdigkeit. Zum Vorreiter der Gaststättenlandschaft der Umgebung wurde es durch Bockow, der sich über das Schankverbot des Königs hinwegsetzte und in hartem russischem Akzent die damals sprichwörtlichen „beleckten“ und „unbeleckten“ Brote feilbot. (Weiteres siehe Hauptartikel Blockhaus Nikolskoe)

Nach dem Tod König Friedrich Wilhelms III. im Jahr 1840 wurde die Pfaueninsel nur noch gelegentlich von der königlichen Familie genutzt und blieb – trotz der Verlegung der Menagerie nach Berlin 1844 – weiterhin ein Ausflugsziel der Berliner. Das Blockhaus entwickelte sich nun zu einer professionellen Ausflugsgaststätte, die so erfolgreich wurde, dass sie nach dem Mauerbau zum touristischen Pflichtprogramm West-Berlins avancierte.

Das nach dem Ersten Weltkrieg in Staatsbesitz übergegangene Blockhaus wurde 1984 durch einen Brandanschlag zerstört, wobei ein Toter zu beklagen war. Dach und Giebel waren vollständig verbrannt. Ab 1985 wurde das Haus originalgetreu wiederaufgebaut und dient seither wieder als Gaststätte.

Evangelische Kirche St. Peter und Paul mini|Die Kirche St. Peter und Paul auf Nikolskoe (Lithografie von Xaver Sandmann um 1850)

Der Überlieferung zufolge wünschte sich des Königs Tochter Charlotte (seit 1825: Zarin Alexandra Feodorowna) anlässlich eines Besuchs 1819 Glockenklang oberhalb der Pfaueninsel. Da die Bewohner der Insel weder Kirche noch Schule in ihrer Nähe besaßen, ließ der König per Kabinettsorder vom 22. Mai 1832 den Bedarf an solchen Bauten für die Insel und Klein-Glienicke ermitteln, damit die Bauten auf Staatskosten erfolgen konnten.

In der Folge wurde zur Legitimierung eines Kirchbaus mitten im Wald ein Kirchspiel aus der Pfaueninsel und den Dörfern Klein Glienicke und Sacrow geplant. Für die Orte lag die geplante Kirche etwa auf halber Wegstrecke. Geplant war es, Stolpe in dieses Kirchspiel einzubeziehen, das noch eine eigene, wenn auch stark erneuerungsbedürftige Kirche besaß. Klein-Glienicke war in der Potsdamer Nikolaigemeinde eingepfarrt, Sacrows Kirche war 1822 wegen Baufälligkeit abgerissen worden und das Dorf nach Fahrland eingepfarrt worden. Beide Dörfer hatten großes Interesse an einem näher gelegenen Gotteshaus. Doch der Sacrower Patronatsherr, der Bankier Magnus, verhinderte die Einbeziehung seines Dorfes.

mini|Erste Lageskizze zu den Bauten bei/auf Nikolskoe, Gustav Kloeber nach Lenné 1832/1833

Am 19. Juni 1837 wurde Nikolskoe eigenständige Pfarrgemeinde für die Bewohner der Pfaueninsel, von Klein-Glienicke und Stolpe. Die Gemeinde erhielt den Namen Parochie Kleinglienicke. Sie besaß neben der neuen Kirche die alte baufällige Kirche in Stolpe und neben dem neuen Nikolskoer Friedhof auch die beiden alten Dorfkirchhöfe.

Ab 1833 erfolgten erste Planungen, die aber nur fragmentarisch überliefert sind. Die wesentlichen Entwürfe lieferte Friedrich August Stüler, aus denen der König einen Entwurf mit nur einem Turm wählte (es gab offenbar Alternativpläne mit fünf Kuppeln). Der Kronprinz entwarf seiner Neigung entsprechend eine vielgestaltige Baugruppe mit Schul- und Pfarrhaus. Dies wurde aber nach Auseinandersetzung mit der Gemeinde verworfen.

Für den Bauplatz hatte Stüler zu bedenken gegeben, er möge nicht zu nahe am Blockhaus stehen, um die Kirche in ihrer Monumentalität nicht zu beeinträchtigen und sie solle nicht auf der Höhe stehen, sondern etwas darunter positioniert werden, damit sie in der Fernsicht ganz vom Laubgrün umfangen sei. Der König legte dann von einem Boot aus (unter Hilfe von Fahnenträgern auf der Höhe) höchstpersönlich den Bauplatz fest.

Bauplanung mini|links|Skizzen des Kronprinzen Friedrich Wilhelm IV. mini|hochkant|Erster Entwurf zum Kirchbau von Albert Dietrich Schadow, 1833

Der Kirchenentwurf orientierte sich im Wesentlichen an Schinkels Vorbild-Entwurf zu einer protestantischen „Normalkirche“ mit Turm (1827), also einem rechteckigen Saalbau mit halbrunder Apsis. Der Kronprinz und Schinkel lieferten Gedankenskizzen zu dem riegelartigen Eingangsbau mit Turm.

Das Innere ist der einzig unverändert erhaltene Kirchenraum der Schinkelzeit auf Berliner Gebiet. Obwohl nicht von Schinkel entworfen, ist sie denkmalpflegerisch von großer Bedeutung. Sie vermittelt den Raumeindruck, den die zahlreichen Kirchenneubauten Schinkels (beispielsweise Nazarethkirche, St. Paul, St. Johannis, St. Elisabeth) vor der Kriegszerstörung hatten.

Es handelt sich um einen hellroten Sichtziegelbau unter flachem Zink-Satteldach, der dem Gelände entsprechend in Nord-Süd-Richtung errichtet wurde. Die Eingangsseite besitzt einen Riegelbau mit Schallarkaden für Glocken und einem oktogonalen Turm, dessen Zwiebelkuppel einen stilistisch „russischen“ Akzent setzen sollte, diese akzentsetzende Funktion hatte die Form des hölzernen Eingangsbaldachins.

Ausführung und Einweihung Die Ausführung des Baus wurde Albert Dietrich Schadow übertragen, der ihn 1834 begann. Die Planungen aber zogen sich in den Details noch bis 1836 hin.

Der Bau und die umgebenden Anlagen wurden termingerecht zum 1. August 1837 fertiggestellt. Der König bestimmte für die Einweihung den Sonntag am 13. August 1837, dabei richtete sich der Termin nach des Königs Reiseplan, der Rückkehr von der Kur in Teplitz. Der König beauftragte Superintendent Daniel Amadeus Neander, der seit 1830 den Ehrentitel „Bischof“ trug, an diesem Tag die Weihe vorzunehmen, was wiederum einen hohen Stellenwert ausdrücken sollte.

Zum ersten Pfarrer der Gemeinde wurde Julius Fintelmann – Spross der alteingesessenen Gärtnerfamilie, die auf der Pfaueninsel umfängliche Spuren hinterlassen hat – bestimmt, der bereits zum 31. März 1837 das neue Pfarrhaus im Dorf Klein-Glienicke bezog.

Ausstattung der Kirche mini|hochkant|St. Peter und Paul von der Havel aus

Die liturgische Ausstattung der Kirche ist noch einheitlich aus der Bauzeit erhalten. Auf dem hölzernen Altartisch stehen ein Alabaster-Kruzifix und zwei Leuchterengel, davor der schlichte Taufstein. Die beiden großen Kandelaber seitlich des Altars stammen aus der Gruft Prinz Carls unter der Kirche, wie der Christuskopf-Tondo nach Thorvaldsen. Die vier Silberleuchter sind die Stiftung einer ostpreußischen Flüchtlingsfamilie des Jahres 1945.

Die ungewöhnlich scheinende Höhe der Kanzel erklärt sich durch die nicht besonders ausgezeichnete Loge der Königsfamilie auf der Empore. An der Kanzel befinden sich zwei Mosaiktondi mit den Bildnissen der Titelheiligen. Diese Mosaikbilder waren ein Geschenk von Papst Clemens XIII. an Friedrich den Großen und hingen in der Bildergalerie Sanssouci, bevor Friedrich Wilhelm III. sie der neuen Kirche überwies. Das dritte Bild schuf der Lehrer und Küster Fischer in den 1850er Jahren. Es handelt sich um einen Christuskopf nach Guido Reni.

Eine der spätesten Ausstattungen erfuhr die Kirche 1884 durch eine testamentarische Verfügung der Prinzessin Marie. Sie hatte zwei Kopien von Statuetten des Nürnberger Sebaldusgrabes in Auftrag gegeben. Es handelte sich um die Figuren von St. Peter und St. Paul in der Form, die Peter Kaufmann 1821 nach dem Sebaldusgrab für die Schranken von Schinkels Berliner Dom modelliert hatte. Sie befinden sich heute in zwei Nischen am Altar.

Glocken und Glockenspiel Die Kirche erhielt zur Einweihung zwei Glocken, sie waren ja der eigentliche Anlass für den Bau der Kirche im Wald und hingen in den Außenachsen der Loggien. Während die linke Glocke erhalten ist, wurde die rechte Opfer der Buntmetallsammlung für den Ersten Weltkrieg. 1966 wurden zwei größere Bronzeglocken gegossen. Dahinter stand der Gedanke, gewissermaßen über die Berliner Mauer hinweg akustisch in Verbindung zu stehen.

Das berühmte Glockenspiel der Potsdamer Garnisonkirche, neben dem Berliner Parochialturmglockenspiel einzige Carillon im Berliner Raum, war wie das Berliner im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. In St. Peter und Paul erwachte der Gedanke, das Glockenspiel wenigstens als Tonkonserve erklingen zu lassen. Alfred Braun besorgte eine entsprechende Aufnahme und so wurde mittels einer seinerzeit modernen Lautsprecheranlage Melodien wie Üb’ immer Treu und Redlichkeit über die Havellandschaft geschallt.

Diese Tonbandaufnahme wurde schon damals als nicht angemessen empfunden. Doch ließ das 1965 eingeholte Angebot über ein modernes Glockenspiel mit Kosten von über 100.000 Mark (kaufkraftbereinigt in heutiger Währung: rund  Euro) eine Realisierung als unmöglich erscheinen. Die Tonbandaufnahme wurde daher – technisch nachgerüstet – weitere zwei Jahrzehnte gespielt.