mini|Burg-Waldeck-Festival 1968 Die Burg-Waldeck-Festivals (1964–1969) im Hunsrück waren die ersten Freiluft-Musikfestivals in Deutschland und bildeten einen entscheidenden Abschnitt in der deutschen Folkgeschichte. Sie waren beeinflusst vom französischen Chanson und der amerikanischen Folk- und Protestlieder-Szene. Sie setzten das engagierte und kritische Lied als Gegenpol zum damals gängigen Schlager. Zudem waren sie Karriere-Startpunkt einiger bedeutender Musiker und Liedermacher wie beispielsweise Franz Josef Degenhardt, Reinhard Mey, Dieter Süverkrüp, Hannes Wader und Walter Mossmann. Als 1969 nicht Folklore, sondern Rockmusik und revolutionär-politische Debatten überwogen, war das Ende der Festival-Reihe gekommen.

Entstehungsgeschichte Auf dem Gelände der Burgruine Waldeck haben zwei unterschiedliche Gruppierungen Besitz und Heimrecht: der konservative Jugendbund Nerother Wandervogel und die eher progressive Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck (ABW). 1963 gab es innerhalb dieser Arbeitsgemeinschaft einen „Studentischen Arbeitskreis“, den einige Studenten und Gruppenführer aus der Bündischen Jugend, unter anderem aus der Jungenschaft, gegründet hatten und der sich mit aktuellen kulturellen Fragen auseinandersetzte. „Der Gedanke an Waldeck als einer Werkstatt“ oder, wie die charismatischen Sänger Hein und Oss Kröher es nannten, eines „Bauhauses der Folklore“ war zu jener Zeit virulent.Holger Böning beim „Pfingstgespräch 2008“ auf Burg Waldeck Aus der Idee, hier eine Art musische Bauhütte zu etablieren, in der Sänger und Musikanten, aber auch Autoren und Wissenschaftler zusammentreffen sollten, entwickelte sich der Plan zu einem Festival, zu dem man Liederfreunde aus Europa einladen wollte. Die ABW gab dazu ihre Zustimmung, die Finanzierung sollte der Arbeitskreis selbst übernehmen. Zu dem Kreis, der die Festivals initiierte und viele Helfer begeistern konnte, gehörten der spätere Kunstpädagoge und Kulturhistoriker Diethart Kerbs, der die Veranstaltungen ideologisch prägte, Jürgen Kahle (Lehrer an der Odenwaldschule),Jens Brachmann: Tatort Odenwaldschule. Das Tätersystem und die diskursive Praxis der Aufarbeitung von Vorkommnissen sexualisierter Gewalt. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2019, ISBN 978-3781522992; zu Jürgen Kahle hier das Kapitel „Der Haupttäter Jürgen K.“, S. 96–122. Kahle war Hauptorganisator der ersten vier Waldeck Festivals 1964–67; von 1968 bis 1992 war er Lehrer der Odenwaldschule; er gilt als einer der vier „Haupttäter“ der sexualisierten Gewalt an dieser Schule und organisierte als Lehrer mehrere Wochenendfahrten seiner Wohngruppe in die „Wiesbadener Hütte“ auf dem Gelände der Burg Waldeck. der die Organisation leitete, Rolf Gekeler, der für das Programm verantwortlich war und ab 1966 das Magazin song herausgab, sowie der Sänger Peter Rohland, der viele Künstler kannte und einlud.

Schwierigkeiten und Widerstände Gelände mini|Blick vom Burg-Waldeck-Gelände auf das Baybachtal (1968) Das Gelände bei der Burg Waldeck war 1963/64 für ein Festival wenig geeignet. Es war sehr einsam im Hunsrück oberhalb des Baybachtals gelegen und hatte keinen befestigten Zufahrtsweg. Es hatte keinen für ein Festival ausreichenden Stromanschluss und nur primitive sanitäre Einrichtungen. Eine Bühne war nicht vorhanden und für ein großes Festzelt fehlten die finanziellen Mittel. Zudem lag der Platz auch noch in der Einflugschneise des US-Flugplatzes Hahn, und es gab wenig Parkplätze und Unterkunftsmöglichkeiten. Die meisten Schwierigkeiten wurden später durch die große Hilfsbereitschaft vieler begeisterter freiwilliger Mitarbeiter aus ganz Deutschland gemeistert. Als sich dann 1968 fast 6000 Besucher auf dem Gelände befanden, war die dafür nicht ausreichende Infrastruktur restlos überfordert.

Beteiligte Nicht alle aus der ABW waren begeistert von der Idee des Studentischen Arbeitskreises, weil dessen Vorhaben nicht ihrem alten Waldeck-Bild entsprach und man Angst vor den finanziellen Risiken hatte. Gegner der Veranstaltungen war vor allem der konservative Burgnachbar Nerother Wandervogel, an dessen Spitze Karl Oelbermann stand. „König Oelb“, wie Der Spiegel ihn in einem Bericht über die Streitigkeiten titulierte, und seinem der ABW ideologisch entgegengesetzten Jugendbund missfiel die Anwesenheit von Linken, von Menschen mit langen Haaren und der „Mode-Erscheinung Blue Jeans“. Es gab bis 1969 zahlreiche Zwischenfälle, bei denen Versorgungsleitungen und Rundfunkkabel durchschnitten und Autoreifen zerstochen wurden, eine Holzbühne abbrannte und der vom Bildhauer Eberhard Fiebig gestaltete Bühnenbau zerstört und sein Sockel in die Luft gesprengt wurde. Trotz Fahndung der Kriminalpolizei und Untersuchungen von Sprengstoffexperten des Bundeskriminalamtes konnten keine Täter ausfindig gemacht werden. Als während der letzten beiden Festivals in den Hunsrückdörfern Wände mit linken Symbolen bemalt wurden und „Gammler, Hippies und Revoluzzer“ beträchtliche Flurschäden durch Müll und wild parkende Autos verursachten, waren die Festivalbesucher der einheimischen Bevölkerung nicht mehr willkommen.Quellen zu „Widerstände“: Jürgen Kahle: „Von den Schwierigkeiten, ein Festival zu machen“. In: Die Burg Waldeck Festivals 1964–1969.

Die Festivals mini|hochkant|Dieter Süverkrüp

Erstes Festival: „Chanson Folklore International – Junge Europäer singen“ (15.–21. Mai 1964) Zum ersten Festival kamen rund 400 Besucher zur Waldeck. In der Eröffnungsrede hieß es: „Wir fanden, dass eine bestimmte Art von Musik, für die wir eine ganz besondere Vorliebe haben, in Deutschland längst noch nicht genug beachtet und gepflegt wird. Wir meinen das Chanson, das Lied, den Bänkel-Song, die unverkitschte Volksmusik. Wir haben uns gefragt, warum wir in unseren Breiten keinen Georges Brassens oder Yves Montand, keinen Pete Seeger und keine Joan Baez haben.“Diethart Kerbs am 16. Mai 1964. In: Bericht über das erste internationale Chanson- und Folklore-Festival zu Pfingsten auf Burg Waldeck im Hunsrück. Archiv der Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck Die Sänger fanden ein sehr aufgeschlossenes Publikum, es gab zahlreiche Vorträge, Gespräche und Studiokonzerte. Reinhard Mey sang Lieder von Fritz Graßhoff und französische Chansons, Franz Josef Degenhardt hatte seinen ersten öffentlichen Auftritt,Diethart Kerbs: Rückblick nach 40 Jahren. Burg Waldeck und die Folgen. In: Michael Kleff: Die Burg Waldeck Festivals 1964–1969. Chansons Folklore International. Hambergen 2008. Michaela Weiss trug israelische Lieder vor und das aus Schweden angereiste Duo Hai & Topsy sang internationale Folklore. Es gab amerikanische Folksongs, zum Beispiel von Carol Culbertson, von Fasia Jansen vorgetragene Lieder gegen die Atombombe und satirische Songs von Dieter Süverkrüp. Besondere Aufmerksamkeit fanden die in dieser Zeit kaum bekannten jiddischen Lieder, die Peter Rohland sang. Da mehrere deutsche Rundfunksender (SWF, SDR und WDR) vor Ort waren und Musiksendungen produzierten, wurde das Festival schnell bundesweit bekannt. mini|Hein & Oss (2006)

Zweites Festival: „Chanson Folklore International“ (26. Mai – 1. Juni 1965) Das zweite Festival hatte bereits etwa 2000 Besucher. Im vierstündigen Eröffnungskonzert, in dem jeder Künstler zwei Lieder vortrug, wurden meist neu geschaffene Lieder gesungen. Zum ersten Mal waren Colin Wilkie & Shirley Hart dabei, ebenso John Pearse aus England. Das Publikum entdeckte die von einer eindringlichen Bildersprache geprägten Chansons von Walter Mossmann, hörte jiddische Lieder der Niederländerin Lin Jaldati und Folksongs des kanadischen Sängers Perry Friedman. Zu den vielen, die beim 64er Festival dabei waren, kamen neue Künstler dazu, zum Beispiel Eva Vargas, Schobert und Black, Walter Hedemann und Susanne Tremper. Das Festival war zeitweise verregnet; viele trieb es deshalb in eine Jurte, in der unentwegt diskutiert und gesungen wurde; die pfälzischen Sänger Hein und Oss Kröher hatten dieses mongolische Feuerzelt als Kommunikationspunkt für Künstler und Publikum errichtet. Diesmal war auch das ZDF mit Fernsehaufnahmen dabei. Es war ein sehr harmonisches Festival, in dem die Schwerpunkte bei Liedern aus anderen Ländern, bei Chansons, Bänkelliedern, Balladen, Protestliedern bis hin zu Minneliedern von Walther von der Vogelweide lagen. mini|hochkant|Hanns Dieter Hüsch

Drittes Festival: „Chanson Folklore International“ (26. Mai – 5. Juni 1966) Über Pfingsten fand das dritte Festival statt, bei dem sich der Schwerpunkt langsam zum politischen Lied hin zu verlagern begann. Klaus Budzinski schrieb in der Zeit dazu, es „singen „Engagierte“ und „Folkloristen“ nebeneinander, und wenn man Glück hat, entdeckt man im intellektuellen Protest die Poesie und in der Folklore die Aneignung durch ein spezifisches Temperament“.Die Zeit vom 10. Juni 1966 Vor den Festkonzerten an den Pfingsttagen fand bereits ein Arbeitstreffen statt, im Anschluss eine „Folksong-Woche“ mit Workshops, unter anderem über Gitarrentechniken und altdeutsche Lautenlieder. In diesem Jahr traten zum ersten Mal der Liedermacher Hannes Wader, dessen Sängerkarriere hier begann, und der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch auf. In der Vorberichtserstattung hatte der Rheinische Merkur mit dem Titel „Gammler auf Burg Waldeck – Nihilistische Pfingstfeier“ für den Zulauf mancher Neugieriger gesorgt, die mit den oft hochkarätigen Beiträgen wenig anfangen konnten, und was den Ansager des ersten Konzerts zu der mit Heiterkeit aufgenommenen Begrüßung verleitete: „Liebe Gammler, liebe Nihilisten, liebe Atheisten“. Im Programm gab es unter anderem ein improvisiertes Hootenanny-Konzert mit den angloamerikanischen Musikern, unter ihnen die Banjo-Spielerin Hedy West aus Georgia, die auch in den nächsten beiden Jahren zur Waldeck kam. Neben vielen Künstlern der vorherigen Konzerte sangen 1966 zahlreiche neue Interpreten, zum Beispiel Ulrich Freise & Fredrik Vahle, der Belgier Julos Beaucarne oder der italienische Liedermacher Fausto Amodei. Es gab vielfältige Presseberichte über dieses Festival, angefangen von der Trendzeitschrift twen bis hin zur Tiefdruckbeilage „Bilder und Zeiten“ der FAZ.Wo einst der Wandervogel sang. In: twen, 1966, Nr. 8; Bernhard Frank: Ja, wo sind die Lieder, die alten Lieder? Folksinger auf Burg Waldeck. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11. Juni 1966. mini|Schnuckenack Reinhard Quintett (1972)

Viertes Festival: „Das engagierte Lied“ (24.–28. Mai 1967) Ostermärsche und Vietnamkrieg hatten bei Künstlern und jungen Menschen eine politische Sensibilisierung hervorgerufen, die dazu führte, dass die Mitwirkenden aufgefordert wurden, sich mit ihren Texten und Liedern und in den Referaten und Arbeitskreisen mit dem Festivalthema „Das engagierte Lied“ auseinanderzusetzen, was zur Folge hatte, dass mehr und gegensätzlicher als in den Vorjahren diskutiert wurde. Walter Mossmann trug die „Ballade vom Wehrdienstverweigerer M.“ vor, und der Dichter Erich Fried war gekommen und las seine politischen Gedichte und Lieder. Pfingstsonntag trat in einer Veranstaltung der Pole Aleksander Kulisiewicz auf, der im KZ Sachsenhausen inhaftiert war, dort Liederabende organisiert und viele Lagerlieder geschrieben hatte. Zum ersten Mal war die französische Schauspielerin und Sängerin Magali Noël auf der Waldeck, ebenso das Schnuckenack Reinhardt Quintett, das mit dem Jazz deutscher Sinti die musikalische Vielfalt des Festivals bereicherte. Wie in den vorherigen Jahren waren Franz Josef Degenhardt, Hanns Dieter Hüsch, Walter Hedemann, Schobert und Black und viele andere Künstler am Festival beteiligt. Ivan Rebroff sang mit dem „Balalaika Ensemble Troika“. Veranstalter und Besucher litten unter Sabotageakten, unter anderem durch zerschnittene Kabel, Zerstörung des Notstromaggregats des Roten Kreuzes und zeitweiliger Unterbrechung der Wasserzufuhr.

Fünftes Festival: „Lied ’68“ (12.–17. Juni 1968) mini|hochkant|Odetta (aufgenommen auf dem Burg-Waldeck-Festival 1968) mini|1968 spielten sich auf der Bühne chaotische Szenen ab