mini|Tamara-Tal, Nordalbanien
Das Dinarische Gebirge (auch als Dinarische Alpen oder Dinariden bezeichnet) gehört zu der geologisch jüngeren alpidischen Orogenese in Südosteuropa und ist ein Teilabschnitt des den Mittelmeerraum umspannenden Deckengebirges. Es erstreckt sich über 600 Kilometer entlang des Ostufers der Adria von den Julischen Alpen in Nordost-Italien und Slowenien über Nordwest-Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Südwest-Serbien und Montenegro bis nach Nordalbanien, wo es im Querriegel des Prokletije (Albanische Alpen) abschließt.
Das großteils verkarstete Gebirge zeigt alle Typformen des außertropischen Karstformenschatzes. Aufgrund starker (neo-)tektonischer Aktivität der adriatischen Mikroplatte verfügt es wegen seiner treppenartig angeordneten Relieffolge und tektonisch angelegter Groß-Poljen – der sogenannten Poljentreppe – über eines der komplexesten Karstreliefs der Erde.Derek Clifford Ford: Jovan Cvijić and the founding of karst geomorphology. In: Environmental Geology, Vol. 51 (2007), Heft 5, S. 675–684. , hier S. 683 (Springer: PDF). Aus den in den dinarischen Ländern gebräuchlichen regionalen Landschafts- und Relief-Toponymen wurde ein Großteil der geologischen und geomorphologischen Begriffe zur Karstterminologie entlehnt.
Zusammenfassung mini|Space-Shuttle-Aufnahme der Dinariden vom 23. März 1997
Durch seine bedeutende Ausdehnung von mehr als 600 Kilometern bilden die Dinariden das dominante Gebirge Südosteuropas und sind zugleich Klima-, Kultur- und Landschaftsgrenze zwischen Mittelmeerraum und Binnenland. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg konnte die ausgeprägte Barrierewirkung des Gebirges in der Kommunikation zwischen den europäischen Groß-Landschaften der Donauebene und dem Mittelmeer vermindert werden: Verkehrsprojekte erforderten in diesem verkehrsfeindlichen Raum, der überwiegend durch sohlenlose Kerben wasserreicher Karstflüsse canyonartig zerteilt ist, einen beispiellosen technischen Aufwand.
Der Bauplan des Gebirgssystems ist verhältnismäßig einfach. Mehr oder minder geradlinig in nordwest-südöstlicher Richtung verlaufende Reliefbestandteile spiegeln seine Struktur wider. Die Höhenverhältnisse allerdings weichen beträchtlich voneinander ab: in innere und äußere Dinariden unterschieden, grenzen die abweisend und steil aufragenden, geologisch jüngeren und stark verkarsteten Äußeren Dinariden (Küstenketten des Velebit 1757 m in Kroatien, Orjen 1894 m in Montenegro) an die schmale Küste der Ostadria zwischen Triest und der Bojanamündung; an diese schließen im Südosten die alpine Hochzone der Dinariden mit Höhen über 2500 m an (Jezerca mit 2694 m im Prokletije in Nordalbanien, Bobotov Kuk mit 2522 m im Durmitor in Montenegro). Nach Osten flacht sich das Gebirge in den mittelgebirgsartigen niedrigeren Inneren Dinariden allmählich zur pannonischen Tiefebene im Bosnisch-Westserbischen Erzgebirge ab (Golija 1833 m, Vranica 2112 m). Das dadurch resultierende ausgesprochen asymmetrische Querprofil beeinflusst wesentlich die Klimaverhältnisse. Angesichts des bastionartigen Anstiegs in unmittelbarer Adrianähe kann sich mediterraner Einfluss nur in einem verhältnismäßig schmalen küstenparallelen Randbereich durchsetzen, und auch dort nur in abgeschwächter (submediterraner) Form und beschränkt auf hohe Niederschläge: Meist werden Beträge zwischen 1500 und 2500 mm gemessen, im Extremfall fast 5000 mm – der höchste in Europa registrierte Niederschlagswert.
Durch einförmige wasserlose Plateauflächen und einen aus dem überwiegenden Aufbau aus mesozoischen Kalken bedingten ausgeprägten Karstcharakter sind nur wenige gangbare Pässe und Quertäler ausgebildet. Hier und insbesondere am Gebirgsrand haben sich die größeren Städte gebildet. In den inneren Hochbecken der Karst-Poljen liegen vereinzelte Siedlungen, in denen Viehwirtschaft, in den baumlosen Hochgebirgen Almwirtschaft betrieben wird. Auf Grund seiner zentralen Lage bewirkt der dinarische Gebirgsblock eine räumliche Isolierung der um ihn gruppierten Aktivlandschaften (Pannonische Niederung und Adriaküste).
Ein verkehrsfeindlicher Reliefcharakter als physisches Haupthindernis zur Verkehrserschließung ist durch streckenweise schluchtartige, sohlenlose Kerben der Flusstäler sowie der quer zu Verkehrsrichtung angeordneten Gebirgsketten nahezu allgegenwärtig. In der Scheitelzone müssen über 1000 Meter hohe Pässe und Hochkarstverebnungen erklommen werden. Diese Gebirgsübergänge sind aufgrund der überwiegend auf die kalte Jahreszeit konzentrierte Niederschlagstätigkeit durch enorme Schneehöhen schwierig befahrbare Verkehrsadern. Eine bis weit ins Frühjahr hineinreichende Schneebedeckung im Winterhalbjahr bewirkt oft eine langanhaltende Behinderung oder Unterbrechung des Verkehrs.
Die höchsten Pässe über 700 Meter sind während dieser Zeit zumeist blockiert; nur zwei Übergänge, die Pforte von Postojna (609 Meter) und der Kaldrmapass (666 Meter), sind in der Regel ständig passierbar und beschränken sich auf den Nordwesten. Zu einer Abschwächung des trennenden Charakters des Dinarischen Gebirges ist es erst in jüngerer Zeit gekommen (1965–1976). Die eigentlichen Brückenschläge über das Dinarische Gebirge wurden durch die seit 1965 verwirklichten, großräumig konzipierten Verkehrsprojekte im sozialistischen Jugoslawien vollzogen. Die transversale Erschließung durch die in seiner ganzen Breite durchmessenden neuen Eisenbahnstrecken Sarajevo–Ploče und Belgrad–Bar sowie sechs relativ moderne Straßenbauten konnten zum Abbau der Sperrwirkung des Dinarische Gebirges bedingt beitragen. Heute ist das Gebirge für Wanderer auf der Via dinarica zugänglich.
Wortherkunft Benannt sind sie nach dem Gebirgszug Dinara im Mittelabschnitt in Südkroatien und Bosnien.
Lage mini|Das Prokletije in Montenegro und Nordalbanien riegelt die Dinariden gegen die Albaniden im Südosten ab
Die Dinariden bilden den zentralen Teil der westlichen Balkanhalbinsel. Sie grenzen im Nordwesten an die Südostalpen, im Südosten an die Albaniden. Die konventionelle Abgrenzung gegen die Alpen wird am Adelsberger Sattel gezogen.
Aus geologischer Sicht gehören auch die Südalpen wie die Julischen Alpen zum dinarischen Bogen, da alle Gebirge, die südlich der Störungslinie Gailtal – Eisenkappel, die der sogenannten alpin-dinarischen Narbe folgen, was fast die ganzen Südalpen betrifft, zu einem System gehören. Sie werden der klassischen geografischen Tradition und terminologisch zu den Alpen geordnet. Der Begriff „Alpen“ ist im allgemeingeographischen Sinne als geologisch-tektonischer Begriff hier jedoch nicht mehr stimmig.
Sie bilden nicht nur das ausgedehnteste, sondern durch Unzugänglichkeit und Schroffheit auch das unwegsamste Gebirge der Balkanhalbinsel. Charakteristisch sind zahlreiche Durchbruchstäler in Form von unzugänglichen Canyons, denen bedeutende Quertäler fehlen. Da diese Steiltäler nur begrenzte Möglichkeiten zur Kommunikationsdurchdringung boten, stellte das Dinarische Gebirge eine wirkungsvolle geographische Barriere zwischen den mediterranen und balkanischen Kulturregionen dar.
Der Gebirgszug erstreckt sich keilförmig, in NNW–SSO streichender Richtung zwischen 46°–42° N auf 700 km Länge. Die Breite nimmt dabei von 50 km im Nordwesten auf maximal 350 km im Südosten zu. Im Nordwesten, beim Krainer Schneeberg (Notranjski Snežnik, 1795 m) und Gorski Kotar (Veliki Risnjak 1535 m) hat er nur Mittelgebirgscharakter. Mit der Zunahme der Mächtigkeit des Gebirges von Nordwest nach Südosten gewinnt er bedeutend an Höhe und kulminiert im Plateau-Hochland des Durmitor und den Hochgebirgslandschaften im „Scharnier“ der Prokletije (Nordalbanische Alpen).
Die dem Gebirge vorgelagerte schmale kroatische Küste mit den küstenparallelen kroatischen Inseln (Krk, Brač, Hvar usw.) ist durch den postpleistozänen eustatischen Meeresspiegelanstieg und Ingression als Canale-Küste, das überflutete Flusstal der Bucht von Kotor an der Montenegrinischen Küste als Rias-Küste ausgebildet.
Durch starke neotektonische Aktivität aus der Rotation der adriatischen Platte treten insbesondere hier starke Erdbeben gehäuft auf.
Klima mini|links|Hochgebirgslandschaft Nordalbaniens im Prokletijemini|hochkant|Klimadiagramm der meteorologischen Station Crkvice, dem regenreichsten Ort in Europa
Die Dinariden teilen sich klimaökologisch in zwei Varianten, den mediterran beeinflussten Küstengebirgen und den kontinental beeinflussten zentralen Ketten. Vom regionalen geographischen Aspekt (als regionaler tellurischer Wirkung) sind die Adria, und die NW-SO streichenden hohen Gebirgsketten wirksame Komponenten für die mesoskalige Luft-Zirkulation. Durch die Barriere der litoralen Dinariden als effektiver Klimascheide zwischen dem mediterranen Küstensaum und dem gemäßigt kontinentalen inländischen Bereichen wird eine wirksame ökologische Zweiteilung geschaffen, doch ist die pluviometrische Verteilung mit mediterranen Winterregen küstenparallel noch 90–130 km weit ins Landesinnere messbar. Eine mikroklimatische Differenzierung erfolgt noch durch Beckenlandschaften und das stark gekammerte Relief. Insbesondere sind hygrische und ventilatorische Bedingungen dadurch modifiziert und winterliche Kaltluftseen bilden sich in den zahlreichen Poljen und größeren Becken.
Besondere Bedingungen herrschen wegen des direkten mediterranen Einflusses in den südöstlichen litoralen Dinariden. Hier ist der Untertyp eines speziellen submediterran-oromediterran-perhumid-südadriatischen Variante auf einen engen litoralen Bereich vom Velebit, Orjen, Lovćen und Rumija beschränkt. Grundsätzlich ist bei dieser Variante des (oro)mediterranen Klimas die sehr hohe jährliche Niederschlagsmenge, die zwischen 4500 und 6500 mm/a liegt und damit zu den höchsten Niederschlagssummen in Europa führt (meteorologische Station Crkvice in Montenegro).
Da Niederschläge auch im Sommer nicht selten sind, bleibt die Trockenperiode, die für das mediterrane Klima charakteristisch ist, hier aus und wird von einer Halbtrockenzeit geprägt. Die mittleren Jahrestemperaturen variieren zwischen 5 und 7 °C, und die mittleren Januartemperaturen liegen um −2 °C. Nur die höchsten Teile der küstenländischen Dinariden sind durch eine kurze Frostperiode (ein bis drei Monate) gekennzeichnet.
Geologie und Tektonik mini|Durch die gegen den Uhrzeigersinn verlaufende Rotationsbewegung der Adriatischen Mikroplatte erfolgt eine tektonische Hebung der Dinariden, die überwiegend aus jurassischen und kretazischen Sedimenten der ehemaligen Tethys aufgebaut sind mini|Geologie und Tektonik der Südostdinariden in Montenegro
Geologische Großeinheiten mini|An der montenegrinischen Küste ist das überflutete Karst-Trockental der Bucht von Kotor über 1000 m in die Hochkarstzone eingeschnitten. Im Orjengebirge ist trotz des Extremkarstes eine Wolkenwaldstufe mit dichten Tannen-Buchenwäldern sowie subalpinen Schlangenhaut-Kiefernwäldern auf Standorten des Glaziokarstes ausgebildet. Selbst das vereinzelte Auftreten des an die Wasserversorgung anspruchsvollen Griechischem Ahorns wird in glazialen Karen durch Schneeretension ermöglicht
Das Zentrum des Dinarischen Gebirges zwischen dem Becken des Adriatischen Meeres zur Pannonischen Ebene oder Donautiefebene wird zwar strukturell von der einförmigen und äußerst mächtigen Karbonatplattform der äußeren Dinariden, als der Hochkarstzone, oder auch als Hochdinariden bezeichnet, bestimmt, doch ist die geologische Struktur in den nordöstlichen inneren Dinariden im Mittelbosnisch-Westserbischen Raum von komplexen geologischen Verhältnissen geprägt und die strukturelle Grenze zum Rhodopenmassiv im hochkomplexen Morava-Vardar-Graben entsprechend kompliziert.
Randadriatisch grenzen die Dinariden zum Mittelmeer in der schmalen Südadriatisch-Ionischen Zone sowie an die Donautiefebene im komplexen, neogenen verfüllten pannonischen Basin (Tiefebene).