mini|Michael Laitman, 2007
Michael Laitman (, ; * 31. August 1946 in Witebsk, Weißrussische Sozialistische Sowjetrepublik) ist ein israelischer Kabbalist, Autor und Gründer der Organisation Bnei Baruch (auch Kabbala La'am, „Kabbala für das Volk“), die die Lehre der Kabbalisten Yehuda Ashlag und Baruch Ashlag in einer universalistischen, an ein jüdisches wie nichtjüdisches Massenpublikum gerichteten Form verbreitet.
Laitman kam als biomedizinischer Kybernetiker aus der Sowjetunion nach Israel und wurde ab 1979 Schüler und persönlicher Assistent Baruch Ashlags. Nach dessen Tod gründete er 1991 Bnei Baruch. Durch den systematischen Einsatz von Internet, Radio und Fernsehen entwickelte sich die zunächst kleine Studiengruppe zu einer international tätigen Bewegung mit Studiengruppen in mehr als 100 Ländern. 2004 wurde er am Institut für Philosophie der Russischen Akademie der Wissenschaften promoviert. Von seinen Anhängern wird er als Rav bezeichnet; er ist jedoch kein ordinierter Rabbiner und übt keine rabbinischen Funktionen aus.
Laitmans Lehre wird in der Religionswissenschaft als „pragmatische Kabbala“ eingeordnet. Sie ist in Israel Gegenstand anhaltender Kontroversen.
Leben
Herkunft und Ausbildung in der Sowjetunion Laitman wurde 1946 im weißrussischen Witebsk geboren. Er studierte biomedizinische Kybernetik und arbeitete anschließend in sowjetischen Forschungseinrichtungen, unter anderem im Bereich der Blutforschung in Leningrad; ein dort begonnenes Promotionsvorhaben schloss er nicht ab. Nach eigenen Angaben schloss er das Studium 1971 mit einem Grad in medizinischer Biokybernetik ab und spezialisierte sich auf die „elektromagnetische Regulation der Blutversorgung von Herz und Gehirn“.
Sein Antrag auf Ausreise nach Israel wurde zunächst abgelehnt; er lebte rund zwei Jahre als Refusenik in Litauen. 1974 konnte er nach Israel emigrieren.
Hinwendung zur Kabbala Ab 1976 suchte Laitman nach eigener Darstellung Antworten auf seine Sinnfragen zunächst im religiösen Judentum. Er hielt sich im chabadnahen Kfar Chabad auf, wo er erstmals von der Kabbala hörte, und studierte kurzzeitig – nach Angaben Introvignes rund zwei Monate sowie in zwei Privatstunden – im Umfeld von Philip Berg, dem Leiter des Kabbalah Centre; dessen New Age-nahe Ausrichtung habe ihn nicht überzeugt.
Am 2. August 1979 wurde er Schüler von Baruch Ashlag (genannt Rabash), dem ältesten Sohn Yehuda Ashlags, der damals nur wenige Schüler in Bnei Berak unterrichtete. Bis zu Ashlags Tod im September 1991 blieb Laitman in dessen unmittelbarem Umfeld und wirkte als sein persönlicher Assistent. Diese zwölf Jahre hat er später in einem eigenen Buch dargestellt.
Gründung und Ausbau von Bnei Baruch Nach dem Tod Baruch Ashlags zersplitterte dessen Schülerkreis. Laitmans Anspruch, Nachfolger Ashlags zu sein, wurde nach Darstellung Introvignes von dessen Witwe Feiga sowie von Teilen der älteren Schülerschaft gestützt, von anderen Gruppen jedoch bestritten. 1991 gründete Laitman in seiner Wohnung in Bnei Berak die Studiengruppe Bnei Baruch („Söhne Baruchs“).
Den Durchbruch brachte ab 1997 die Verbreitung über das Internet und über Radiosendungen. 2001 verlegte die Bewegung ihren Sitz von Bnei Berak in das säkularere Petach Tikwa. 2007 begann die Ausstrahlung eigener Fernsehsendungen, 2008 übernahm Bnei Baruch mit dem israelischen Kanal 66 einen eigenen Fernsehkanal. Seit 2014 residiert die Organisation in einem eigenen Gebäude in Petach Tikwa.
Laitman hält seither – abgesehen von Reisen – täglich Unterricht, üblicherweise in den frühen Morgenstunden ab 3 Uhr, der live gestreamt und simultan in mehrere Sprachen übersetzt wird.
Promotion 2004 wurde Laitman am Institut für Philosophie der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau mit der Arbeit Die Kabbala als Form irrationalen Bewusstseins zum Kandidaten der philosophischen Wissenschaften promoviert (Fachrichtung 09.00.13 – Philosophie und Geschichte der Religion, philosophische Anthropologie, Philosophie der Kultur). Die Arbeit entstand unter der Betreuung von Ljudmila P. Bujewa; als Gutachter wirkten der Kulturphilosoph Wadim M. Rosin und L. S. Makaron mit, federführende Einrichtung war die Moskauer Staatliche Pädagogische Universität. Auf diesen Grad bezieht sich die Bezeichnung „Dr. Laitman“.
Öffentliches Wirken
World Wisdom Council Nach eigenen Angaben wurde Laitman 2005 in den World Wisdom Council berufen, ein 2004 vom Club of Budapest in Zusammenarbeit mit der World Commission on Global Consciousness and Spirituality einberufenes Gremium unter dem Vorsitz des Systemphilosophen Ervin László. Im November 2005 nahm er am Forum Creating a New Civilization der Goi Peace Foundation in Tokio teil, bei dem er nach eigener Schilderung auch mit Michail Gorbatschow zusammentraf. Weitere Veranstaltungen mit dem World Wisdom Council führten ihn nach eigenen Angaben nach Arosa, Düsseldorf und zum Universal Forum of Cultures 2007 in Monterrey, das mit Unterstützung der UNESCO ausgerichtet wurde. Mit Ervin László verbindet ihn eine langjährige Zusammenarbeit, aus der 2011 der gemeinsam verfasste, in Moskau erschienene Band Der Turm zu Babel. Das letzte Stockwerk hervorging.
Kontakte zu UNESCO und Vereinten Nationen Als Präsident des von ihm gegründeten Ashlag Research Institute suchte Laitman ab etwa 2010 den Kontakt zu internationalen Bildungsorganisationen. Nach eigenen Angaben stellte er im März 2011 in Paris der damaligen UNESCO-Generaldirektorin Irina Bokowa gemeinsam mit einer Delegation ein Konzept einer „globalen und integralen Bildung“ vor; im Anschluss sei die Delegation zur Präsentation des UNESCO-Berichts Education for All Global Monitoring Report eingeladen worden. Aktivitäten in diesem Zusammenhang nennt er außerdem für Moskau und New York.
Medienauftritte Laitman tritt seit den 1990er Jahren regelmäßig in Rundfunk und Fernsehen auf; seit 2008 verfügt die von ihm gegründete Organisation mit dem israelischen Kanal 66 über einen eigenen Fernsehsender. Im November 2014 führte der US-amerikanische Journalist Larry King in Los Angeles ein längeres Interview mit Laitman, das 2016 veröffentlicht wurde. Themen waren unter anderem das Selbstverständnis der Kabbala als Methode statt als Glaubenslehre, der Antisemitismus sowie Fragen nach Gottesvorstellung und Tod. Nach Kings Tod im Januar 2021 veröffentlichte Laitman einen persönlichen Rückblick auf diese Begegnung.
Lehre
Kabbala als „Methode“ Laitman versteht die Kabbala nicht als Religion, sondern als eine Erfahrungswissenschaft beziehungsweise „Methode“ zur Veränderung der menschlichen Wahrnehmung. Religiöse Riten kennt Bnei Baruch nach eigener Darstellung nicht; zentrale Praxis ist das gemeinsame Studium.
Universalismus und Geschichtsbild Anders als Teile der Ashlag-Nachfolge vertritt Laitman die Auffassung, die Kabbala solle allen Menschen einschließlich Nichtjuden zugänglich gemacht werden. Er greift dabei auf eine Deutung Yehuda Ashlags zurück: Dieser liest in seinem Sulam-Kommentar zum Sohar die Bezeichnung „Israel“ als Jaschar El („geradewegs zu Gott“) und versteht darunter den Zustand eines Menschen, der sich dem Schöpfer zuwendet. Laitman überträgt diese Lesart auf die Menschheit insgesamt; die Bezeichnung „Jude“ führt er auf Jichud („Einheit“) zurück. Beide Begriffe bezeichnen für ihn eine geistige Haltung und keine ethnische Zugehörigkeit. Abraham gilt ihm als Babylonier, der die Methode der Verbindung angesichts eines erstmaligen Ausbruchs des Egoismus in Babylon entdeckt habe. Der Historiker A. S. Tscherepanow hat diese Geschichtsdeutung untersucht und ihr einen mystischen Zugang zur Interpretation der Vergangenheit attestiert.
Verlangen, Korrektur, Verbindung Aufbauend auf Yehuda Ashlag unterscheidet Laitman fünf Stufen des menschlichen Verlangens – körperliche Bedürfnisse, Reichtum, Macht und Ansehen, Wissen und schließlich das spirituelle Verlangen. Erst mit dem massenhaften Auftreten der fünften Stufe sei die Zeit für eine allgemeine Verbreitung der Kabbala gekommen. Kernbegriffe seiner Lehre sind Korrektur (der Übergang vom Egoismus zum Altruismus) und Verbindung: Der Mensch könne den Egoismus nicht beseitigen, sich aber „oberhalb“ seiner mit anderen verbinden; in dieser Verbindung werde die „obere Kraft“ erfahrbar.
Organisation und Verbreitung Bnei Baruch wird in Israel als gemeinnütziger Verein Bnei Baruch – Kabbala La'am geführt. Introvigne nennt für die Mitte der 2010er Jahre rund 100 hauptamtliche Mitarbeiter in Petach Tikwa, Studiengruppen in etwa 107 Ländern sowie etwa 50.000 regelmäßige Teilnehmer in Israel und rund 150.000 weltweit; die häufig genannte Zahl von zwei Millionen beziehe sich auf Website-Besucher. Ein jährlicher Kongress in Israel versammelt mehrere Tausend Teilnehmer.
Zur Infrastruktur gehören die Portale kabbalah.info und kabbalahmedia.info, der Fernsehkanal Kanal 66, die Produktionsfirma ARI Productions sowie der Verlag Laitman Kabbalah Publishers. 2011 entstand mit Arvut („gegenseitige Bürgschaft“) ein sozialer Aktivismuszweig; bei den Kommunalwahlen 2013 in Petach Tikwa erhielt die von Studenten gegründete Liste Beyachad die meisten Stimmen und stellte vier Mandatsträger im Stadtrat.
Rezeption
Religionswissenschaftliche Einordnung Der italienische Religionssoziologe Massimo Introvigne ordnet Bnei Baruch als Hauptvertreter einer „pragmatischen“ Kabbala-Auslegung ein, die er von akademischen, religiös-orthodoxen und okkultistisch-esoterischen Lesarten unterscheidet. Die israelische Auseinandersetzung um Laitman sei wesentlich ein Konflikt um die Deutungshoheit über die Kabbala. Boaz Huss verweist darauf, dass die praxisorientierte, diesseitsbezogene Kabbala Laitmans sich grundlegend von den Rekonstruktionen Gershom Scholems und Moshe Idels unterscheide, was einen Teil der akademischen Ablehnung erkläre. Jody Myers untersucht Laitman vergleichend mit anderen Lehrern, die Kabbala an Nichtjuden vermitteln, und hebt den messianischen Grundzug dieser Strömungen hervor. Der israelische Religionswissenschaftler Tomer Persico verortet Bnei Baruch im Kontext der israelischen Neo-Kabbala. Jonatan Meir hat die Auseinandersetzungen um die Ashlag-Nachfolge und die Verbreitung esoterischer Literatur philologisch aufgearbeitet. Im russischsprachigen Raum liegt mit einem Aufsatz A. S. Tscherepanows im Bulletin der Staatlichen Universität Tomsk eine eigene Auseinandersetzung mit Laitmans Geschichtsbild vor.
Kritik Kritik an Laitman und Bnei Baruch kommt aus drei Richtungen. Akademische Kabbala-Forscher in der Tradition Scholems halten die Auslegung für philologisch nicht haltbar und werfen ihr vor, widersprüchliche Quellen zu einem kohärenten System zu vereinfachen. Orthodoxe Kreise beanstanden die Weitergabe kabbalistischer Inhalte an Nichtjuden und an nicht entsprechend vorgebildete Personen. Vertreter der israelischen Anti-Sekten-Bewegung erheben Sektenvorwürfe; die Tageszeitung Haaretz veröffentlichte 2012 eine Recherche zu Finanzierung und Studienpraxis, der die Organisation in einer Stellungnahme widersprach. Massimo Introvigne, der die Gruppe über mehrere Jahre in verschiedenen Ländern untersucht hat, hält die meisten dieser Vorwürfe für Übernahmen aus dem Standardrepertoire der Anti-Sekten-Bewegung und weist sie im Einzelnen zurück; er verweist unter anderem darauf, dass Unterrichtsmaterialien und Lektionen kostenlos zugänglich sind. Marianna Ruah-Midbar und Adam Klin-Oron weisen darauf hin, dass in Israel ultraorthodoxe und dezidiert säkulare Akteure in der Anti-Sekten-Bewegung zusammenwirken, weshalb sich religiös und säkular motivierte Kritik dort schwer trennen lasse.
Wirkung im deutschsprachigen Raum