Das Haus Nordherringen, das nach seinen früheren Besitzern auch Torksburg oder Torcksburg genannt wird, war eine mittelalterliche Befestigungsanlage (Wasserburg) in Herringen. Die Reste des Gebäudes wurden im 19. Jahrhundert abgebrochen, der Bauplatz später mit dem Datteln-Hamm-Kanal überbaut. Vermutlich von dem Hause stammende Baureste des 16. Jahrhunderts wurden in der katholischen Kirche von 1771/75, der Nachfolgerin der alten Burgkapelle, eingemauert.
Lage Der ehemalige Burgsitz Nordherringen lehnte sich im Norden an die Lippe an, während ihm im Osten der Herringer Bach Deckung bot. Vor der Lipperegulierung (1855–1895) konnte man jenseits der Nordherringer Lippebrücke (Richtung Münsterland), über die der Weg vom Wittekindsblock nach Nordherringen führt, in den Wiesen beiderseits der Wegböschung Vertiefungen, Rinnen und Aufwerfungen erkennen. Dort befanden sich die Reste der Fundamente der Torcksburg. Die Lippe war damals die nördliche Sicherung des Hauses; seit ihrer Regulierung befindet sich hier nur noch ein toter Seitenarm. Im Süden speiste der Herringer Bach eine fast 300 m lange Gräfte, die aus dem Burrgelände eine weiträumige Insel machte. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Reste der Burg dann mit dem Datteln-Hamm-Kanal überbaut.
Im Mittelalter verlief die Lippe anders. Noch 1570 hieß es: Item wahr, das solicher Markischer Heuser mehr als des Torcken Sitz zu Hering in Vorzeiten gleichfalls uf jener seiten der Lippe gelegen, und aber durch zugefalne Veränderung oder Veranlassung des alten Rinnsals (südlich der Lippe) befinden werden.STAM Kl-M Landstände 250, S. 70. Zu jener Zeit ging es um die Grenzziehung Münster – Mark. Eine wohl aus dem gleichen Anlass gefertigte Lippekarte zeigt dat Torkeschen Huiß, ähnlich wie das benachbarte Haus Stockum, auf einer Insel im Lippestrom.STAM Reg.-Bez. Arnsberg, Kartenlg. 1313
Die Wasserburg (damals Wasserburg Heringen mit nur einem „r“) und der Ort, an dem sie lag, wurden auch Torks Platz genannt. Die Burganlage soll gegenüber dem Haus Laake gelegen haben.
Geschichte
Gründung Die Bedeutung des Hauses Nordherringen für den Ausbau der märkischen Landeshoheit ist umstritten und nach wie vor nicht abschließend untersucht. Einige Forscher vertreten die Ansicht, dass das Haus, ähnlich wie Heidemühlen, Haaren und Nienbrügge, bereits um 1187 als Brückenkopf gegen das feindliche Münsterland befestigt worden sein soll.Vor allem L. Bänfer mit Bezug auf Flume. Das Haus zur Mark WZ 86 (1929). Vgl. Heimat am Hellweg Kalender 1957, S. 36. Tatsächlich soll Flume diese These gar nicht aufgestellt haben. Andere Forscher halten es für wahrscheinlich, dass Haus Nordherringen das märkische Gegenstück zur Anfang des 13. Jahrhunderts zerstörten Homburg war, die sich nur einen halben Kilometer lippeabwärts befand. Die Homburg diente den Grafen von Berg zur Sicherung ihrer Besitztümer gegen die Ansprüche Münsters und zur Sicherung der Lippegrenze nach Norden, Haus Nordherringen hätte demnach diese Rolle für die Grafen von der Mark übernommen. Unbestritten ist wohl, dass es den Grafen von der Mark nicht gleichgültig sein konnte, wer an der Grenze zum Bistum Münster saß. Zur kritischen Zeit des Ausbaus Nordherringens wurde das Lehen nur mit Gefolgsleuten besetzt, die als unbedingt grafentreu bekannt waren. Ob es eine planvolle, frühe Burggründung an dieser Stelle gegeben hat, ist trotzdem nicht erwiesen. Urkundlich erwähnt wird das Haus erstmals zwischen 1312 und 1327 im Zusammenhang mit der Gründung einer Kapelle.KPH A: 1 (Regestenabschriften des 17. Jahrhunderts). Der damalige Besitzer, Hermann Volenspit, bezeichnete die Kapelle im Jahre 1383 als „belegen in myne hove“. Obwohl das Gut damals bereits Befestigungen besaß, um sich in Notzeiten auf die Lippeinsel zurückziehen zu können, hatte es in diesem Jahr also noch den Charakter eines Oberhofes.
Das mittelalterliche Nordherringen war nicht besonders groß. Beiderseits der Lünener Straße, des alten Lippehellwegs, sind für das Spätmittelalter eine Reihe von Kotten bezeugt, die später der Hovesaat des Gutes einverleibt wurden. Über den Deutzer Lehnshof Brand heißt es 1686: Einige ansehnliche Stücker wären alieniret (entfremdet) worden.HAK Deutz Akten 33 1705 wird vom Böckhof gesagt: Ist wüst und in die Torckse Hovesaat einbezogen.STAM KI–M Landstände 117. Das adelige Gut Nordherringen kann also auf Herringer Gebiet nur wenige Landstücke in unmittelbarer Nähe der ritterlichen Behausung besessen haben. Allerdings hatten seine Besitzer das Markenrichteramt in den Bockumer Marken Dornheide, Hölterbrede, Lausbach, Nierfeld und Wellinghaus, einem Weide- und Waldgebiet von 336 Morgen Größe, inne. Sie beanspruchten auch das Recht auf Fischerei im Lausbach.
Die von Heringen Zunächst hatten die von Heringen das Haus Nordherringen inne. Über diese Familie ist heute so gut wie nichts mehr bekannt.
Die Volenspits Die nächsten Inhaber Nordherringens stammten aus der Familie Volenspit. Es ist fraglich, ob bereits Dietrich Volenspit Nordherringen zum Lehen hatte oder erst sein Sohn Pultian. Letzterer drängte seine Söhne Gottfried und Dietrich zur Stiftung einer Kapelle auf dem Anwesen, die diese 1312 dann auch durchführten. Die Hofesländereien scheinen für die Volenspits vollkommen ausreichend gewesen zu sein. Ihr Dienst im Gefolge der Grafen von der Mark nahm sie so in Anspruch, dass sie ihrem Herringer Sitz nur gelegentlich Besuche abstatten konnten.
Im Besitz der Volenspits nahm das Haus Nordherringen nur eine untergeordnete Rolle ein. Die Familie knüpfe überall Lehensverbindungen an, kaufte auf, heiratete ein und verteilte sich auf das ganze Amt Hamm. Die wichtigsten Niederlassungen des Hauses Volenspit lagen in Lünen östlich Unna (Volenspit gt. Dolberg), zur Vorhelm (Volenspit gt. Vette) und auf Heidemühlen in der Gemeinde Uentrop. Vermutlich beerbten sie auch die Edelherren von Dolberg. Aus ihren umfangreichen Erwerbungen schufen sie sich, wie selbstständige Landesherren, einen eigenen Lehnsverband. Da Nordherringen für die Volenspits keine große Bedeutung hatte, ist selbst Gottfried, Erbherr des Gutes und Mitbegründer der Kapelle, nur einmal im Zusammenhang mit dem Kirchspiel Herringen urkundlich erwähnt. Das Deutzer Lehnsregister notierte um 1350: Herr Gottfried von Volenspeyt hat die Güter zu Merschen, die er von Wilhelm Merschen gekauft hat (Bauerschaft Merschhoven, Ksp. Bockum) zu Mannlehn erhalten. Ferner die Pipelbroke genannten Güter, gelegen im Kirchspiel Boycheym (Bockum), die er von Friedrich gt. Kotmann gekauft hat.
Zwischen 1361 und 1385 ging es mit den Volenspits auf Nordherringen zu Ende. Gottfrieds ältester Sohn Dietrich tauschte 1361 mit dem Edlen Balduin von Steinfurt das Eigentumsrecht der Steinfurter Zehnten in den Kirchenspielen Ahlen und Sendenhorst gegen ein Allod zu Herringen. Vorübergehend wurde das Haus tom Bezege (auf dem Beisey, Nordherringen; Näheres ist nicht bekannt) Steinfurter Lehen.
Kapelle zu Nordherringen Gottfried und Dietrich Volenspit, Pultians Söhne, erklärten sich 1312 „uff bitterlick anhalden Pulciani militis ires Vaders“ zur Stiftung und zum Bau einer Kapelle auf dem Gut Nordherringen bereit und überstellten das Haus Afhuppe im Kirchspiel Methler zur Ausstattung. 1319 gab Hermann Zuadland, Pastor von Herringen, seine Zustimmung. 1322 stifteten die Volenspits die Kapelle, die daraufhin von Weihbischof Hermann geweiht wurde. Unter der Bedingung, dass die Herringer Pfarrkirche keinen Schaden dadurch habe und dass die Burgbewohner Taufe, Abendmahl und letzte Ölung in der Mutterkirche zu Herringen empfangen sollten, gab im Jahre 1327 der Abt von Deutz seine Zustimmung. Im gleichen Jahr traf auch die Einwilligung des Dortmunder Archidiakons ein. Daraufhin konnte Erzbischof Heinrich von Köln bekanntgeben, in Herringen befinde sich eine Kapelle, mit Renten begünstigt und mit einem Priester versehen.Deutzer Lehnsregister
Ein Teil der Volenspitschen Güter ging zwischen 1370 und 1385 an die Kapelle, so dass es das Haus Nordherringen unter den Volenspits zu keiner nennenswerten Grundherrschaft brachte. Die wenigen dem Hause eigenen Kötter wohnten südlich des Gutes sowie auf oder in der Nähe des Beiseys. Zwischen 1370 und 1388 erfuhr die Kapelle eine unerwartete Bereicherung. Lambert Volenspit, Rektor der Kapelle, kaufte diese von seinen Verwandten; namentlich waren dies Godeke, Dietrich und seine Tochter Grete sowie der durch seine Frau Gertrud mit den Volenspits verschwägerte Hermann von Herringen. 1383 versah Herr Goscath van Hetvelde die Kapelle. Lambert Volenspit hatte die Pfarrei Heessen übernommen, fuhr aber fort, die Familienstiftung zu begünstigen.
Die großzügigen Zuwendungen erweckten die Aufmerksamkeit der märkischen Behörden. Dem Grafen konnte der Besitzzuwachs kirchlicher Einrichtungen nicht gleichgültig sein. Als Eigentum der Toten Hand ging er seiner Besteuerung verloren und minderte die Staatseinnahmen. Vor diesem Hintergrund spielte sich wohl auch der Zwischenfall ab, den Hermann Vollenspit 1386 zu Protokoll gab: Mit Furcht und Zwang sei er durch des Grafen Engelbert III. von der Mark Amtleute und Diener angehalten worden, zu der Kirche in Herringen zu gehen, Gottesdienste zu hören und die Sakramente zu empfangen. Obwohl er und syne Vurellern Inhaber des Huises Northerringen, und all syn Hussgesinde je und all tydt toe vurg, Capellen gangen, Goetsdienst t hoeren, dabye t syn und dat Sacrament des Altars in derselben to empfangen. Wie der Streit ausging, ist nicht bekannt. Es ist aber auch möglich, dass der Herringer Pfarrer den amtlichen Eingriff veranlasst hatte, da ihm durch die Schenkungen die kirchlichen Abgaben verloren gingen.
Grundstücke und Kotten wurden später, vermutlich im Dreißigjährigen Krieg, dem Hause Nordherringen zugeschlagen. Die Torcks entschädigten die Kapelle durch anderweitige Leistungen. 1385 endeten die Zuwendungen der Volenspits an ihre Hauskapelle. Von nun an wurden die Smelings Besitzer der Herrschaft auf Nordherringen.
In der Burgkapelle feierten die Franziskaner aus Hamm von 1672 bis 1775 die Messe für die katholisch gebliebenen Bewohner Herringens. In der Herringer Geschichte heißt es dazu: Die wenigen verbliebenen Katholiken des alten Kirchspiels hatten nach der Reformation nur noch die 1332 errichtete Burgkapelle der Torksburg, in der sie Gottesdienste feiern konnten. Betreut wurden sie seit 1672 von den Franziskanerpatern aus dem Kloster St. Agnes. Als die Burgkapelle mehr und mehr verfiel und auch der Burgherr evangelisch wurde, musste eine neue Kirche gebaut werden.
Die Smelings Die Familiengeschichte der Smelings lässt sich nur über einen Zeitraum von 150 Jahren verfolgen. Ihre Herkunft ist unbekannt. Im Raum Hamm ist von ihnen erstmals im Jahre 1340 die Rede. In Heeren-Werve begütert, heiratete Johann Smeling vermutlich um 1390 auf Nordherringen ein. Graf Adolf III. von der Mark belehnte ihn 1392 zu Mannlehn mit dem huys to Naerheringe. Ungefähr zeitgleich ließ sich Hermann Smeling (wahrscheinlich Johanns Bruder) im südlichen Münsterland nieder. Die Volmarsteiner unterbelehnten ihn 1397 mit dem Höfesverband Blasum in der Bauerschaft Stockum. Der Abt zu Deutz gab ihm 1401 den Bockumer Hof Pipelbrock zu Lehen.
Johann Smeling starb vor 1396. Seine Söhne Johann und Dietrich ließen sich 1426 und 1428 je zur Hälfte mit dem Hof Blasum belehnen. Dietrich verzichtete 1429 zu Gunsten seines Bruders, so dass Johann 1435 das ganze Lehen erhielt.