Leseinitiativen sind Aktionen oder Projekte, die der Leseförderung überwiegend von Kindern dienen und die von Vereinen, Stiftungen und anderen Trägern zumeist in ehrenamtlicher Arbeit realisiert werden. In nicht wenigen Fällen ist auch der Träger selbst eine Leseinitiative, wie zum Beispiel Stiftung Lesen.
Beispiele Deutschland Eine der traditionsreichsten Leseinitiativen ist der seit 1959 vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels veranstaltete Vorlesewettbewerb. Deutschlandweit ermitteln Schüler der 6. Klassen jedes Jahr in mehreren Stufen die besten Vorleser – ausgehend von den Klassen über die Klassenstufen bis hinauf zur Landes- und Bundesebene.
Die am breitesten aufgestellte Leseinitiative im deutschsprachigen Raum ist die seit 1988 bestehende Stiftung Lesen. Sie berücksichtigt alle Alters- und Bevölkerungsgruppen sowie sämtliche Medien. Dennoch gilt ihr Hauptaugenmerk dem Buch und der Leseförderung von Kindern, ersichtlich an den drei größten Projekten, von denen jedes mit einem Publikum von rund einer Million den Rang einer eigenständigen Leseinitiative für sich beanspruchen kann: der Bundesweite Vorlesetag am dritten Freitag im November jeden Jahres, die Aktion „Ich schenk dir eine Geschichte“ am 23. April, dem Welttag des Buches, und die auf frühkindliche Bildung ausgerichtete Kampagne „Lesestart 1-2-3“, die seit 2011 zusammen mit dem Bundesbildungsministerium umgesetzt wird.
Die Stiftung Lesen sorgt auf vielfältige Weise dafür, dass neue Leseinitiativen entstehen und bereits bestehende gestärkt werden. Zu diesem Zweck stellt sie auf drei Online-Portalen Fachkräften und Laien ein breites Angebot zur freien Verfügung: von Infos und Tipps über Downloadmaterialien bis hin zu digitalen Qualifizierungsmaßnahmen. Mit dem Deutschen Lesepreis, den die Stiftung Lesen 2013 gemeinsam mit der Commerzbank-Stiftung ins Leben rief, werden jährlich je drei Gewinner in sechs Kategorien für herausragende Leseförderung ausgezeichnet und auf diesem Wege popularisiert. Die Tatsache, dass für diese sechs Preise des Jahres 2026 rund 400 Bewerbungen eingingen, vermittelt eine ungefähre Vorstellung von der Zahl der Initiativen, die in Deutschland allein auf dem Feld der Leseförderung ehrenamtlich tätig sind.
Die Initialzündung für eine Gründungswelle von Leseinitiativen in den Nullerjahren war der „PISA-Schock“ im Jahr 2001, der deutschen Schülern im weltweiten Vergleich in allen drei gemessenen Kompetenzbereichen – darunter im Lesen – unterdurchschnittliche Leistungen bescheinigte. Eine der Kernforderungen, die die Beratungsfirma McKinsey seinerzeit daraus ableitete, war die nach einer „wesentlich stärkeren Förderung der frühkindlichen Bildung und des Grundschulbereiches“. An sie knüpften mehrere Leseinitiativen an, wie beispielsweise die der Lesementoren und der Vorlesepaten (beide oft verkürzt als „Lesepaten“ bezeichnet), die seither – auf unterschiedliche Weise und einander ergänzend – zur Realisierung dieser Forderung beitragen.
Vorlesepaten haben vornehmlich genau die Altersgruppe im Visier, deren Förderung McKinsey herausstellte: Kinder zwischen drei und zehn Jahren. Um feste Patenschaften mit relativ stabilen Kleingruppen bemüht, suchen die Vorlesepaten die Kinder vor allem dort auf, wo sie sich tagsüber regelmäßig in Gemeinschaft aufhalten: in Kitas, Grundschulen und Horten. Die Lesefreude steht obenan bei der Entscheidung, was vorgelesen wird und wie. Je intensiver die Patenschaft, je anregender der Text und seine Präsentation, je lebendiger der Gedankenaustausch mit den Kindern, umso größer die Chance, dass davon auch ihr Sprachvermögen profitiert – und somit ihre Lesekompetenz.
Für einen Teil der Altersgruppe hat die Lesekompetenz allerdings Priorität: für Grundschüler, die mit dem Lesenlernen schon begonnen haben, sich damit aber schwertun. Um ihr Problem nicht zu verschleppen, sondern frühzeitig gezielt anzugehen, setzt ein Lesementor genau hier an: als eine von außen kommende Person, die sich nur diesem einen Schüler und nur dem Lesenlernen widmet, und das – so die Empfehlung des Bundesverbands – mindestens ein Jahr lang einmal pro Woche für eine „Einzellesestunde“ (ca. 30–45 Minuten). Im Unterschied zum Vorlesepaten liest der Lesementor nur gelegentlich vor oder gemeinsam mit dem Schüler; zumeist lässt er (vor)lesen, korrigiert behutsam, bespricht das Gelesene, baut den Schüler auf und lässt ihn so Lesekompetenz erwerben und im Idealfall Lesefreude erleben.
Führten die Bemühungen, die der „PISA-Schock“ ausgelöst hatte, zunächst zu einem anderthalb Jahrzehnte währenden Anstieg der Leseleistungen deutscher Schüler, kehrte sich der Trend ab 2015 deutlich um und fiel in der Hälfte der Zeit auf einen „historischen Tiefstand“. Laut IGLU (2021) und PISA (2022) blieb jeder Vierte unter den Mindeststandards und galt als „leistungsschwach“. Der nationale Bildungsbericht 2026 konstatiert, dass sich an diesem Befund nichts geändert hat. Die Politik reagiert bisher widersprüchlich. Einerseits das an McKinsey erinnernde Eingeständnis durch Bildungsministerin Karin Prien persönlich („Der Bericht zeigt, wie stark frühe Entwicklungs- und Bildungschancen den weiteren Bildungsweg prägen“), andererseits die Ankündigung ihres Ministeriums, ausgerechnet die Förderung von „Lesestart 1-2-3“ Ende des Jahres 2026 auslaufen zu lassen. Das stößt auf Unverständnis, setzt doch die Initiative ihr Angebot zur Leseförderung so früh an wie keine andere und nutzt dafür vorhandene Infrastrukturen: zuerst von Kinderarztpraxen, da an ihnen kaum ein Kleinkind vorbeikommt, und anschließend von Bibliotheken, da dies ihre Chancen erhöht, auch von eher bildungsfernen Eltern bereitwilliger aufgesucht und weitergenutzt zu werden.
Fußnoten
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