mini|Flagge Jugoslawiens in Mostar, 2009 Jugo-Nostalgie, Jugonostalgie bzw. Jugoslawien-Nostalgie (serbokroatisch, slowenisch und mazedonisch: jugonostalgija, ) bezeichnet unterschiedliche gesellschaftliche Phänomene, die positive Aspekte des sozialistischen Jugoslawiens erinnernd aufgreifen, teilweise idealisieren sowie sentimental verklären. Dies bezieht sich auf ideologische, wirtschaftlich-soziale oder kulturelle Aspekte. Teilweise wird unter der Bezeichnung eine spezifische Tito-Nostalgie und -Verehrung („Titostalgie“) verstanden, die auch kommerziell geprägt sein kann. Jugo-Nostalgie wird sowohl bei Menschen gesehen, die das sozialistische Jugoslawien selbst erlebt haben, als auch bei solchen, die es nur mittelbar kennen. NZZ Cafebabel Ein vergleichbar gelagertes Phänomen ist die Ostalgie, bei der die frühere DDR das Objekt positiver bzw. auch zum Teil verklärender Erinnerung ist.
Zu den Hintergründen und Ursachen gibt es unterschiedliche Annahmen. Ein häufig genannter Grund für das Aufkommen jugonostalgischer Gefühle ist die Tatsache, dass zahlreiche Menschen mit dem plötzlichen Verlust ihrer über Jahrzehnte aufgebauten und gepflegten jugoslawischen Identität nicht fertig wurden, sich entwurzelt sowie heimatlos fühlen und sich mit den neuen politischen Gegebenheiten nicht identifizieren können.Jugoslawien und Tito bleiben en vogue Als Folge der Jugo-Nostalgie-Welle entstand der Begriff Jugosphäre für das einstige Staatsgebiet.Gespräche beim Leichenschmaus
Die gesellschaftliche Bewertung der „Jugo-Nostalgie“ ist sowohl innerhalb der Nachfolgestaaten Jugoslawiens wie auch außerhalb umstritten.Radio Slobodna Evropa: Jugonostalgija i strah od JugoslavijeHrvatski jugonostalgičari u stroj! Perom i toljagom: Životna djela Josipa Broza Tita
Wortherkunft Die erste Verwendung des Begriffs Jugonostalgija wird der kroatischen Schriftstellerin Dubravka Ugrešić zugeschrieben, die ihn 1995 in ihrem Essay Konfiskacija pamćenja (Konfiszierung des Gedächtnisses) verwendete.Jugobolje i jugobolnici – Jugoslaveni danas i ovdje Ein Mensch der die Jugo-Nostalgie lebt, wird als jugonostalgičar/jugonostalgičarka (Jugonostalgiker/Jugonostalgikerin) bezeichnet.
Verbreitung und Perzeption
Verbreitung Nach einer Umfrage der kroatischen Niederlassung des Ipsos-Instituts im Jahr 2011 bedauern nur 5 % der Bürger Kosovos und 18 % der Bürger Kroatiens den Zerfall Jugoslawiens. In den übrigen Nachfolgestaaten ist dieser Prozentsatz erheblich höher: 45,3 % in Mazedonien, 63,1 % in Montenegro, 68,2 % in Bosnien-Herzegowina und 70,9 % in Serbien. Als „Jugoslawen“ bezeichneten sich 2 % der Bewohner Kosovos und 2,8 % der Befragten in Kroatien, aber 28,1 % der Bewohner Montenegros und 31,8 % der Bewohner Serbiens.Sven Milekic: Rise of Yugo-Nostalgia ‘Reflects Contemporary Problems’. Balkan Insight, 24. März 2017
Gemäß einer Gallup-Studie aus dem Jahr 2017 empfanden 81 % der Serben, 77 % der Bosniaken und 65 % der Mazedonier, dass der Zerfall Jugoslawiens ihrem Land geschadet habe. Nur 4 % der Serben, 6 % der Bosniaken und 15 % der Montenegriner glaubten, dass der Zerfall Jugoslawiens Vorteile für ihr Land habe. Die Kroaten betrachteten zu 55 % den Zerfall Jugoslawiens als einen Vorteil für das Land und zu 23 % als negativ, in Slowenien sahen dies 41 % als Vorteil und 45 % sehen dies als negativ an. In Kosovo sehen 75 % den Vorteil und 10 % bereuen den Staatszerfall.Elizabeth Keating, Zacc Ritter: Many in Balkans Still See More Harm From Yugoslavia Breakup. Gallup News, 18. Mai 2017
Positive Wahrnehmung Im positiven Sinne bedeutet Jugo-Nostalgie ein Gefühl der Nostalgie, der Wehmut nach dem Alten, das die positiven Aspekte des sozialistischen Jugoslawien idealisiert und in den Vordergrund stellt.
Jugo-Nostalgie kann beschrieben werden als Wehmut nach: wirtschaftlicher Sicherheit, der Ideologie des Titoismus, „Brüderlichkeit und Einigkeit“ (bratstvo i jedinstvo), als alle Völker Jugoslawiens friedlich zusammenlebten, „Internationalismus“, der Blockfreiheit, Geschichte, Traditionen sowie der Lebensweise zu Zeiten Jugoslawiens mini|Tito-T-Shirts in Kumrovec im Jahr 2012
Negative Wahrnehmung Während der Jugoslawienkriege und danach wurde das abwertende Etikett des „Jugo-Nostalgikers“ von Unterstützern, Regierungsmitgliedern und Medien einiger Nachfolgestaaten dazu verwendet, von Kritik abzulenken und Kritiker als Verräter oder Staatsfeinde zu diskreditieren.Dubravka Ugrešić: The Culture of Lies: Antipolitical Essays. Pennsylvania State University Press, 1998, S. 231Iva Pauker: Reconciliation and Popular Culture: A Promising Development In Former Yugoslavia? Pathways to Reconciliation and Global Human Rights Conference, Sarajevo, 16.–19. August 2005
Niedergang des Jugoslawismus In den 1970er Jahren entwickelte sich in Jugoslawien im Vergleich zu den anderen realsozialistischen Staaten ein relativer Wohlstand. In diesem Jahrzehnt kam es in der Folge der als Kroatischer Frühling bezeichneten Bewegung in der Sozialistischen Republik Kroatien zur Verfassungsänderung von 1974. Mit dieser Verfassung wurde der föderale Aufbau Jugoslawiens ausgebaut und den Teilrepubliken weitgehende Autonomierechte sowie das Recht jeder Teilrepublik auf den Austritt aus der Jugoslawischen Föderation zugestanden.
Seit dem Zerfall Jugoslawiens verlor auch die Idee des Jugoslawismus an Popularität. Die Bezeichnung Jugoslawien wurde bis 2003 von der Serbisch-Montenegrinischen Föderation fortgeführt. Die Anzahl der Personen, die sich als Jugoslawen betrachteten, wurde immer geringer.
Der Historiker Vjeran Pavlakovic führt die nach Staaten unterschiedliche Intensität der Jugo-Nostalgie auf unterschiedlichen Erfolg bei der Nationsbildung zurück: Kroatien habe seine geostrategischen Ziele und seine staatliche Unabhängigkeit gesichert und sehe sich als Gewinner der Kriege, dasselbe gelte für das Kosovo. In den anderen exjugoslawischen Staaten sei der Nationsbildungsprozess hingegen noch nicht abgeschlossen, die Beziehung zum ehemaligen Jugoslawien sei deshalb eher ein Ausdruck gegenwärtiger Probleme als ein Zeichen für eine „jugoslawistische“ Ideologie.
Tito- und Jugoslawien-Kult mini|Tito-Souvenirs in Kumrovec im Jahr 2012 Am 7. Mai finden alljährlich zum Geburtstag Titos in dessen Geburtsort Kumrovec Feierlichkeiten statt, zu denen mehrere tausend Besucher aus vielen Teilen des ehemaligen Jugoslawien und anderen Nachbarländern kommen. Hierbei treten zahlreiche vor allem ältere Menschen mit Gegenständen der kommunistischen Ikonografie auf.Über 8000 Besucher in Kumrovec Titos Mausoleum Haus der Blumen (Kuća cveća) in Belgrad gilt als eines der frequentierten touristischen Ziele der Stadt. An diesen Feierlichkeiten beteiligen sich insbesondere Verbände ehemaliger Partisanen, ehemalige Mitglieder der kommunistischen Partei Jugoslawiens sowie Antifaschismus-Gruppierungen.Titos Feier in Belgrad Viele einstige „Pioniere“ erinnern sich noch an die Paraden und Festivitäten, welche den Tito-Kult weiter erhalten sollten. Der „blaue Zug“ Titos fährt auch heute noch gelegentlich von Sarajevo nach Belgrad, als Erinnerung an frühere Zeiten.„Jugo-Nostalgie“ – Titos Blauer Zug. Deutsche Welle, Serbien, Juni 2007
Um die ausufernde Verwendung von Titos Namen für Souvenirs und andere Konsumgüter zu begrenzen, haben Nachkommen Titos diesen 2006 in Kroatien für die Dauer von zehn Jahren markenrechtlich schützen lassen.Titos Erben schützen Namen des Partisanen-Marschalls. Mitteldeutsche Zeitung, 15. November 2006
Begriff Jugosphäre mini|Tim Judah prägte den Begriff Jugosphäre. Nach dem Zerfall des Vielvölkerstaates wurde lange Zeit nach einem neuen, unverfänglichen und politisch korrekten Begriff für das ehemalige Jugoslawien gesucht. Es kursieren Begriffe wie region (Die Region), zapadni Balkan (Westbalkan), jugoistočna Evropa (Südosteuropa) und andere. Diese waren jedoch zu schwammig oder ungenau, da sie z. B. Ungarn, Bulgarien und Albanien miteinbezogen, oder aber Länder wie Slowenien ausschlossen.
In seinem 2009 erschienenen Artikel Entering the Yugosphere für den britischen Economist verwendete Tim Judah den Begriff Jugosphäre (im Original: Yugosphere/serbokroat.: Jugosfera), um das geografische Gebiet des ehemaligen Jugoslawien zu erfassen.Former Yugoslavia patches itself together – Links restored in the former Yugoslavia In der Folge etablierte sich der Begriff relativ rasch und wird von der internationalen Presse häufig verwendet.NZZ: Die Geburt der «Jugosphäre» Für viele Menschen aus dem einstigen Jugoslawien gibt der Begriff treffend die Sehnsucht nach dem alten Heimatland wieder.FAZ: Wachtraum vom Vielvölkerstaat – Eine Reise in die JugosphäreJugoslawien – Erinnerungen an ein untergegangenes Land
2017 nutzte der deutsche Rapper BRACO den Begriff zur Namensgebung seines Albums, welches sich thematisch mit den Balkankriegen der 90er-Jahre und ihren schweren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen auseinandergesetzt hat.Das Album Jugosphäre auf Spotify.
Rezeption in Kultur, Sport und Konsum Im Volksmund gilt das Leksikon YU mitologije gemeinhin als Bibel der Jugonostalgiker.vgl. Jugobolje i jugobolnici – Jugoslaveni danas i ovdje Die BBC beurteilte 2005 die Veröffentlichung dieses Buches als effektiver für die regionale Aussöhnung und Erneuerung des Dialoges, als alle regionalen Politiker gemeinsam erreicht hätten. Die Geschichte des Lexikons geht auf das Jahr 1989 zurück. Bemerkenswert ist dabei, dass Dubravka Ugrešić, der die Einführung des Begriffes jugonostalgija zugesprochen wird, Mitbegründerin der Initiative zur Veröffentlichung eines solchen Lexikons war. Aufgrund des Krieges wurde es jedoch erst am 25. Mai 2004 veröffentlicht. Das Datum wurde symbolisch gewählt, zum ehemaligen Dan Mladosti.Pet decenija zajedničke povijesti jugoslavenskih naroda u SFRJ
Die Dokumentationsreihe Robna kuća – Za nekoga sve, za svakog ponešto (Das Warenhaus – Für jemanden alles, für jeden etwas) befasst sich mit dem populärkulturellen Phänomen der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien. Der Titel suggeriert, dass die Reihe auch für Menschen, die keine reinen Jugonostalgiker sind, inhaltlich von Interesse sein kann, da die geschilderten Ereignisse zu jedermanns Kulturgeschichte gehören.„Robna kuća“ na RTS-u Inhaltlich ist die Sendereihe vergleichbar mit 60xDeutschland, mit dem Unterschied, dass sich Robna kuća lediglich mit Kultur und Sport befasst.HEROJI NAŠE I VAŠE MLADOSTI'ROBNA KUĆA' – Serija o ljepšoj strani Jugoslavije u MAXtv videoteci Ein weiteres Beispiel für jugonostalgische Dokumentationsreihen ist Do you miss YU – SFRJ za početnike (Vermisst Du YU – SFRJ für Anfänger). Der Inhalt der Sendung basiert auf den privaten Erinnerungen 150 einfacher und prominenter Bürger aus der Jugosphäre. Verschiedene Themen werden in Form von unterhaltsamen Einspielern vorgestellt sowie aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und kommentiert. Ausgestrahlt wurde die Reihe von verschiedenen Sendern im ehemaligen Jugoslawien.SFRJ za početnike – 150 običnih i neobičnih, poznatih i nepoznatih ljudi otkriva kako je bilo kad su bili Jugosloveni
Im Jahr 2012 ging ein in Sarajevo ansässiger Fernsehsender namens Jugoslovenska Radio Televizija (JRT) an den Start. Der Name ist bewusst derselbe, den einst die ehemalige JRT trug. Ziel des Senders ist, nach Angaben der Leitung, etwas aus dem alten Jugoslawien zurückzuholen und die regionalen Zentren Sarajevo, Ljubljana, Priština, Belgrad, Zagreb, Podgorica, Skopje und Novi Sad zu verbinden. Die Redaktion besteht aus Volontären aller ehemaliger Teilrepubliken. Die Ausstrahlung erfolgt zunächst via Internet.