Heinrich Zillich (Pseudonym: Lutz Tilleweid; * 23. Mai 1898 in Brenndorf bei Kronstadt, Österreich-Ungarn; † 22. Mai 1988 in Starnberg) war ein deutscher Schriftsteller und Vertriebenenfunktionär.

Leben Bis 1945 mini|136px|rechts|„Lustige Geschichten aus Siebenbürgen“ (1940) mini|rechts|Unterschrift Geboren als Sohn des gleichnamigen siebenbürgischen Zuckerfabrikanten und Fabrikdirektors und Emilie Zillich, geborene Teutsch, machte Heinrich Zillich 1916 am Kronstädter Honterus-Gymnasium sein Abitur. Am Ersten Weltkrieg (1914–1918) nahm er ab 1916 als Tiroler Kaiserjäger in der Armee Österreich-Ungarns teil. 1919 war er nach dem Anschluss Siebenbürgens an Rumänien als rumänischer Leutnant an den Kämpfen gegen das kommunistisch regierte Ungarn beteiligt. Von 1920 an besuchte er in Berlin die Handelsschule (1922 Abschluss als Diplom-Kaufmann) und absolvierte dann ein Studium der Staatswissenschaften an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin, nach welchem er 1924 zum Dr. rer. pol. promoviert wurde.siehe Unbelehrbar, starr und abweisend (Brief Zillich an Holzträger, 13. Januar 1980); Wer ist wer? XVI (1969/70), Bd. 1, S. 1492; Zillich, Heinrich. In: Polunbi Datenbank Schrift und Bild 1900-1960. Oldenburg o. J.

Er war Gründer und von 1924 bis 1939 Herausgeber der monatlich in Kronstadt erscheinenden Zeitschrift Klingsor, des bedeutendsten deutschsprachigen Kulturperiodikums in Südosteuropa. Thomas Mann begrüßte das Erscheinen der Zeitschrift als „ins Leben wirkende kulturelle Institution“,zit. nach Georg Maurer, Gerhard Wolf (Hrsg.): Dichtung ist deine Welt. Halle (Saale) 1973, S. 324; siehe auch Abschied von Heinrich Zillich. In: Neue Kronstädter Zeitung, 1. Juli 1988, S. 5. Josef Weinheber veröffentlichte darin seine ersten Arbeiten ebenso wie einige deutschsprachige jüdische Autoren aus der Bukowina. Trotz dieses oberflächlichen „Pluralismus“ wurde die Hauptaufgabe der Zeitschrift unter Zillichs Leitung die nationalistische, später offen nationalsozialistische „Volkstumsarbeit“, die sich bei dem evangelischen Zillich mit einem tiefsitzenden Antisemitismus verband. So schrieb Zillich 1932 an den jüdischen Autor Alfred Margul-Sperber vom Judentum als einer „zersetzenden Keimzelle“: „Nicht das Anderssein der Juden fordert heraus, sondern die bestimmte Art dieser Verschiedenheit, die unmittelbar gegen den seelischen Kern besonders der Deutschen gerichtet ist. […] Die Unfähigkeit der Juden sich innerlich anzupassen, schafft bei Völkern, die noch kulturschaffend sind, die aus Mangel an einer endgültigen Form noch eine geistige Zukunft vor sich haben, den Judenhass. […] Es wird nur dann besser werden, wenn wieder die starke schöpferische Persönlichkeit in Deutschland bestimmt und das Judentum […] entwaffnet.“ Dieser in Vorurteilen und Chauvinismus verhaftete Judenhass zeigte sich auch in der Beschreibung, die Zillich von einem Fest mit jüdischen Teilnehmern lieferte, bei dem er zu Gast war: „Die Juden können meist nicht trinken. Die Sinnlichkeit wird übertrieben.“ Als „Positives“ bleibt ihm nur in Erinnerung: „Es gab ganz hübsche Luderchen dort.“Zillich an Margul-Sperber, 8. Mai 1932, zit. nach William Totok: Heinrich Zillich und die Topographie der Verdrängung. In: Hjs, 1/1993, S. 57–72.

In Siebenbürgen unterstützte Zillich die Nationalsozialistische Selbsthilfebewegung der Deutschen in Rumänien (NSDR) und – nach deren Verbot 1933 – die Nachfolgeorganisation Nationale Erneuerungsbewegung der Deutschen in Rumänien (NEDR), von der sich Zillich eine „Belebung unseres nationalen und sozialen Gefühls“ versprach: „Unser ganzes Volk ist durch diese Kämpfe für die deutsche weltanschauliche Wiedergeburt gewonnen worden. Die Jugend hat daraus unzählige Antriebe zur völkischen Arbeit entnommen, vor allem den Arbeitsdienst.“Zillich 1936, zitiert nach Klaus Popa: Zillichs politischer Standort in den 1930er Jahren. (1998). Website der Hjs.

Ab 1936 lebte Zillich, der seit den 1920er Jahren Novellen und Gedichte veröffentlicht hatte und seit den 1930er Jahren als freier Schriftsteller lebte, in Starnberg am Starnberger See. Für Werner Bergengruen, der Zillich seit den frühen 1930er Jahren kannte, war er damals „ein kaltschnäuziger Streber, ein Konjunkturist, der sich schließlich mit Haut und Haaren dem Nationalsozialismus verschrieben hat.“zitiert nach Frank-Lothar Kroll u. a. (Hrsg.): Werner Bergengruen. Schriftstellerexistenz in der Diktatur. München 2005, S. 151. Mit dem Entwicklungsroman Zwischen Grenzen und Zeiten (1936) gelang ihm sein literarischer Durchbruch. 1937 erhielt er für sein Werk zahlreiche Ehrungen und wurde während der 7. Berliner Dichterwoche von Adolf Hitler empfangen.Weder Mythisierung noch pauschale Verurteilung. In: Dossier Heinrich Zillich (1898–1988) (siehe Weblinks). 1939 pries ihn Zillich in einem Gedicht als „Retter des Reichs und des Volks“: „Gütiges Auge, blau, und erzene Schwerthand, dunkle Stimme du und der Kinder getreuester Vater,“ „sieh, es stehen geschart über die Erdteile hin, Weib und Mann in den Flammen der Seele heilig vereint,“ „eine endlose Kette, aufbruchumrauscht vor dem Morgen, den deine Schultern allein aus den Klüften der Not über die Grate gehoben.“Heinrich Zillich: Den Deutschen von Gott gesandt … In: Dem Führer. Gedichte für Adolf Hitler. Stuttgart/Berlin 1939, zit. nach Hans Holzträger: Erinnerungslücken und Verschweigen. In: Hjs, 6. Jg., 1/1994, S. 30–38.

Bis 1945 erreichten Zillichs Bücher eine Gesamtauflage von etwa 1,5 Millionen Exemplaren.s. Fragwürdige Ehrung. In: Antifaschistische Nachrichten, 14/1998. In den späten 1930er und 1940er Jahren gehörte er zu den „Spitzenautoren“ der NS-Kulturzeitschrift Das Innere Reich. In seinen Zeitschriftenveröffentlichungen präsentierte sich Zillich in dieser Zeit als der „gänzlich unbeschwerte und von keinen erkennbaren Zweifeln geplagte Nationalsozialist“.Zitate: Horst Denkler: Janusköpfig. Zur ideologischen Physiognomie der Zeitschrift „Das innere Reich“ (1934–1944). In: Ders., Karl Prümm (Hrsg.): Die deutsche Literatur im Dritten Reich. Stuttgart 1976, S. 399 u. 401. 1940 erhielt der bis dahin noch rumänische Staatsbürger als „Volksdeutscher“ die deutsche Staatsangehörigkeit.s. Klaus Popa: Heinrich Zillich als Konjunkturritter. Website Transylvania. Am 4. Februar 1941 beantragte er die Aufnahme in die NSDAP und wurde zum 1. April desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 8.798.865).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/50401334Abb. der NSDAP-Mitgliedskarte Zillichs. In: Dossier Heinrich Zillich (1898–1988). Teil II (siehe Weblinks). Er war 1943 kurzzeitig (neben Personen wie Hans Friedrich Blunck, Hans Carossa, Wilhelm Pinder und Heinrich von Srbik) als Kandidat für die Präsidentschaft der Deutschen Akademie, der Vorläuferin des Goethe-Instituts, im Gespräch.(Akademie zur Wissenschaftlichen Erforschung und Pflege des Deutschtums), s. Aktenbestand Bundesarchiv, R 55 177; siehe auch Deutsche Akademie, 1925-1945. In: Historisches Lexikon Bayerns. Als Kriegsteilnehmer und Offizier der Wehrmacht war er im Zweiten Weltkrieg (1939–1945) dann unter anderem Herausgeber der Feldpostausgaben deutscher Dichtung. Zillich stand 1944 in der Gottbegnadeten-Liste des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda.Zillich, Heinrich. In: Theodor Kellenter: Die Gottbegnadeten: Hitlers Liste unersetzbarer Künstler. Arndt, Kiel 2020, ISBN 978-3-88741-290-6, S. 95–96.

Nach 1945 Zillich leugnete in den Nachkriegsjahren jede Affinität zum Nationalsozialismus. Seine Reden und journalistischen Veröffentlichungen zeigten aber keinen inhaltlichen Bruch zu seinen Äußerungen vor 1945: 1950 propagierte Zillich erneut die Aufgabe des deutschen Volkes als „des Abendlandes Hüter“.Münchner Merkur, 30. November 1950, zitiert nach: Hans Sakowicz, Alf Mentzer: Literatur in Nazi-Deutschland. Hamburg/Wien 2002, S. 418. Über Hitler schrieb Zillich 1968, dass er ein „Genie“ gewesen sei, „aber kein Rechtsgefühl hatte und zuletzt krankhaft maßlos war. Es ist aber nicht allein seine Schuld, daß Europa bis heute nicht zur Ruhe und zu jener rechten Geschlossenheit kommt, die es zur Weltmacht erhöhen könnte.“In: Südostdeutsche Vierteljahresblätter. 3, 1968, S. 157. Schuld am Niedergang Deutschlands seien vielmehr, so Zillich 1975, die alliierte Umerziehung nach Kriegsende und eine seitdem regierende „Intellektuellen-Clique“, zu denen Zillich unter anderem Heinrich Böll und Günter Grass zählte. „Ihre Sinnesart half mit, daß wir zum geburtenärmsten Land wurden, daß die Abtreibung erleichtert, also die Vernichtung ungeborener Kinder geduldet ist, daß Mütter und Ehefrauen hinter das berufstätige Weib gestellt werden. Die Liebe verkrüppelten sie zum sexuellen Sport.“Zitate n. William Totok: Heinrich Zillich und die Topographie der Verdrängung. In: Hjs, 1/1993, S. 57–72.

Den Holocaust versuchte Zillich zu relativieren („Die Basler Nachrichten schrieben einmal, es seien nur etwa 300 000 Getötete gewesen“). Auch wenn seine Meinung zur „Judenfrage“ sich nicht geändert hatte, hielt er sich in diesem Punkt öffentlich zurück: „Die Judenfrage ernsthaft zu betrachten und zu suchen, wodurch sie entstand und warum kein Volk die Juden mag, ist heute gefährlich, was unsere Freiheit nicht gerade bestätigt. Wer bemüht ist, hier die Wahrheit aufzudecken, kommt bald in Satans Küche.“Zitate aus: Unbelehrbar, starr und abweisend (Brief Zillich an Holzträger, 13. Januar 1980); auch zit. in: Hans Holzträger: Erinnerungslücken und Verschweigen. In: Hjs, 6. Jg., 1/1994, S. 30–38. Dagegen lobte er die gegen Israel kämpfenden Palästinenser: „Die palästinensischen Terroristen wollen ihre verlorene Heimat zurückerobern; sie sind Patrioten“.Zitate n. William Totok: Heinrich Zillich und die Topographie der Verdrängung. In: Hjs, 1/1993, S. 57–72.